Pandemiegewinnler Amazon

Grafik: TP

Jeff Bezos mehrte sein Vermögen seit Beginn der Corona-Krise um 24 auf jetzt 138,5 Milliarden Dollar

Die meisten Unternehmen erwarten wegen der Coronakrise stark sinkende Einnahmen. Der Weltwährungsfonds rechnet deshalb mit der schlimmsten Rezession seit der Weltwirtschaftskrise in den 1930er JahrenDer Weltwährungsfonds rechnet deshalb mit der schlimmsten Rezession seit der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren - und Länder wie die USA und Deutschland haben bereits gigantische Wirtschaftsrettungspakete verabschiedet (vgl. US-Coronahilfspaket: Aus 1,2 Billionen Dollar wurden im Senat 2).

Aber nicht alle Unternehmen sind gleichermaßen von den düsteren Prognosen betroffen. Manche erwarten sogar steigende Umsätze - etwa Anbieter von Videokonferenzsoftware, die von geschlossenen Schulen, abgesagten Meetings und Rechner- statt Büropräsenz profitieren. Oder Online-Händler und Logistikunternehmen, die das an die Haustür liefern, was man sonst in den jetzt geschlossenen Geschäften kaufen würde.

Zufriedene Kunden

Vor allem der Branchenriese Amazon scheint davon zu profitieren: Seine Aktie legte seit Januar um fast ein Viertel zu. Amazon-Gründer Jeff Bezos wurde dabei dem Bloomberg Billionaires Index nach um 24 Milliarden reicher und verfügt jetzt über ein Vermögen von 138,5 Milliarden Dollar (vgl. Amazon-Aktie auf Rekordhoch - Bezos macht Milliarden in Corona-Krise).

Nach den Ausgangs- und Ladenöffnungsbeschränkungen stiegen die Bestellungen bei Amazon in einigen Ländern so stark, dass das Unternehmen bei Lieferungen priorisieren musste und Lebensmitteln und Hygieneprodukten den Vorzug vor Kleidung, Möbeln und Büchern gab (vgl. Amazon beschränkt Lieferung nicht notwendiger Waren in Frankreich und Italien).

Dass gerade Amazon vom zeitweisen Wegfall der Vor-Ort-Konkurrenz profitiert, dürfte vor allem damit zu tun haben, dass der Online-Händler der mit Abstand bekannteste ist und auch über seine Marketplace-Nutzer fast alles für den privaten und vieles für den geschäftlichen Bedarf anbieten kann. Darüber hinaus liefert er auch relativ schnell und zuverlässig und legt bei Rücksendungen und Rückerstattungen keine großen Hürden in den Weg.

Deshalb ist - vorsichtig formuliert - auch nicht ganz ausgeschlossen, dass manche Verbraucher, die dort jetzt Dinge bestellen, die sie vorher in Geschäften kauften, auch nach dem Ende der Ausgangs- und Ladenöffnungsbeschränkungen mehr als vor der Krise bei Amazon kaufen werden.

Nicht ganz so zufriedene Angestellte

Unter den Amazon-Angestellten ist der Anteil der Zufriedenen möglicherweise nicht ganz so hoch wie unter den Amazon-Kunden. Darauf deuten zumindest einige Entlassungen hin, die der Konzern in letzter Zeit vornahm. In einem Warenlager im New Yorker Bezirk Staten Island feuerte er beispielsweise einen Mitarbeiter, der einen Protestmarsch gegen seiner Ansicht nach zu laxe Sicherheitsvorkehrungen nach einem positiv ausgefallenen Sars-CoV-2-Test an seiner Arbeitsstätte mit organisiert hatte (vgl. "Unmoralisch und unmenschlich": Amazon kündigt Streik-Organisator).

Amazon zufolge wurde der Mann, der statt einer Desinfektion und einer Temperaturkontrolle der Mitarbeiter eine "Tiefenreinigung" mit einer Betriebsstättenschließung und bezahltem Urlaub für alle dort Tätigen forderte, aber nicht deswegen entlassen, sondern weil er durch die Teilnahme am Protestmarsch gegen eine wegen des Kontakts zu einem Infizierten ausgesprochene Quarantäneanordnung verstieß. Und dadurch, so Amazon, habe er andere Mitarbeiter gefährdet. Der Entlassene hält das für vorgeschoben und gibt an, es sei unklar gewesen, ob die Quarantäneanordnung mit sofortiger Wirkung gilt.

In Frankreich erwirkte der Gewerkschaftsverband Union Syndicale Solidaires gestern einen nicht rechtskräftigen aber mit einer Million Euro täglichem Zuwiderhandlungsgeld bewehrten Gerichtsbeschluss, der fordert, dass sich der Konzern bis zum Abschluss einer "Risikobewertung" in allen seinen Warenlagern und auf die Lieferung von Lebensmitteln, Arzneien und Hygieneprodukten beschränkt (vgl. Gericht: Amazon muss in Frankreich bei Corona-Schutz nachbessern). In der Risikobewertung soll festgestellt werden, ob die Behauptung des Gewerkschaftsbundes stimmt, dass Amazon-Mitarbeiter theoretisch geltende Schutzmaßnahmen in der praktischen Arbeitssituation nicht einhalten können (vgl. Coronavirus-Krise: Frankreich kritisiert Amazon für Umgang mit Mitarbeitern).

Amazon dürfte allerdings auch ein gewisses eigenes Interesse daran haben, dass sich die Mitarbeiter des Konzerns nicht bei der Arbeit anstecken. Denn jeder positiv getestete Mitarbeiter sorgt potentiell dafür, dass zahlreiche andere, mit denen er in Kontakt kam, zwei Wochen lang zuhause bleiben müssen und nicht verpacken oder ausliefern können. Und Mitarbeiter sind bei Amazon wegen des gut laufenden Geschäfts gerade knapp: Alleine in den USA schrieb der Konzern seit Beginn der Coronakrise 175.000 neue Arbeitsstellen aus (vgl. Coronavirus: Amazon schreibt 100.000 Stellen aus und Amazon will in Corona-Krise weitere 75.000 Mitarbeiter einstellen). (Peter Mühlbauer)