Panik

Das Begriffswirrwarr um "Kinderpornographie" - Teil 2

Teil 1: Verharmlosung

Während bei den "zerfetzten Kinderleibern" Konsens darüber besteht, dass es sich hier um sexuelle (und körperliche) Gewalt gegenüber Kindern handelt, ist die weitergehende Kinderpornographiedefinition der EU, die sich auch den Regelungen der USA anlehnt, eher geeignet, Panik zu schüren, wenn es um "kinderpornographische Bilder" geht. Denn, wie bereits in Teil 1 beschrieben, lesen sich Sätze wie "10.000 kinderpornographische Bilder auf dem PC gefunden" wie eine Horrormeldung, die vor dem geistigen Auge die eingangs erwähnten "zerfetzten Kinderleiber" entstehen lässt und dementsprechend schnell zu Forderungen, die auch Kastration oder gar Tötung beinhalten, führen (können).

Wer sich die EU-Richtlinie genauer ansieht, der findet jedoch schnell heraus, dass ein solcher Satz auch bedeuten kann, dass nicht eines der 10.000 Bilder tatsächlich ein Kind zeigen muss. So beschreibt die Richtlinie Kinderpornographie wie folgt:

  1. jegliches Material mit Darstellungen eines Kindes, das an realen oder simulierten eindeutig sexuellen Handlungen beteiligt ist, oder
  2. jegliche Darstellung der Geschlechtsorgane eines Kindes für primär sexuelle Zwecke; oder
  3. jegliches Material mit Darstellungen einer Person mit kindlichem Erscheinungsbild, die an realen oder simulierten eindeutig sexuellen Handlungen beteiligt ist oder jegliche Darstellung der Geschlechtsorgane einer Person mit kindlichem Erscheinungsbild für primär sexuelle Zwecke; oder
  4. realistische Darstellung eines Kindes, das an eindeutig sexuellen Handlungen beteiligt ist oder realistische Darstellung der Geschlechtsorgane eines Kindes, unabhängig von der tatsächlichen Anwesenheit des Kindes, für primär sexuelle Zwecke

Wie auch Mogis treffend analysiert, wird somit die Dokumentation sexueller Gewalt gegenüber Kindern auf die selbe Stufe gehoben wie ein Video einer volljährigen Frau, die sich selbst stimuliert oder vorgibt, dies zu tun. Dies, wie auch die "realistische Darstellung..." zeigen die Hilflosigkeit der Strafverfolgung auf, die ob der Unfähigkeit, hier vermeintliche von echten Kindern zu unterscheiden, gleich beide Abbildungen unter Strafe stellt.

Dies hat letztendlich Auswirkungen auf die sexuelle Selbstbestimmung Volljähriger, da sie gegenüber Personen ohne kindlichem Erscheinungsbild diskriminiert werden. Weiterhin führt diese Vermischung einer opferlosen Tat mit einer Tat, die ein Opfer zur Folge hat, dazu, dass in der öffentlichen Wahrnehmung die Kinderpornographie quantitativ zunimmt, während in der kritischen Diskussion immer öfter der Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt und Ausbeutung an Akzeptanz abnimmt da der Eindruck erweckt wird, es handele sich lediglich um ein Randproblem bzw. um einen künstlichen Popanz. Gesetzgeber wie auch Strafverfolgung und Politiker, die diesen Begriffswirrwarr vorantreiben statt auch möglichst eindeutige Begriffe zu setzen, betreiben somit Panikmache und Verharmlosung zugleich und schaffen damit auch den Nährboden für jene, die sexuelle Gewalt und Ausbeutung gegenüber/von Kindern herunterspielen:

Ich habe ehrlich gesagt die Befürchtung, dass, mit dieser Art radikalen Haltung und der damit verbundenen Vermischung von thematisch so unterschiedlichen Begriffen, der gesellschaftliche Konsens zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung ernsthaft beschädigt wird.

(Christian Bahls von Mogis e.V.)

Der Term "primär sexuelle Zwecke", der ebenfalls definiert, ob es sich bei einer Abbildung eines Geschlechtsorganes um Kinderpornographie handelt oder nicht, macht es möglich, dass Bilder je nach ihrem Aufenthaltsort unterschiedlich bewertet werden können. ob etwas zu primär sexuellen Zwecken aufgenommen wurde, lässt sich nur selten eindeutig feststellen, weshalb dann bewertet wird, ob das Bild im "Gesamtzusammenhang" als Kinderpornographie im Sinne der EU zu sehen ist. Dies führt dazu, dass beispielsweise Bilder von Genitalien von Kleinkindern, die auf einem Rechner zu finden sind, bei einem Kindrarzt nicht als Kinderpornographie eingestuft werden (könnten), während sie auf einem anderen Rechner als eben solche angesehen werden (könnten). Hier spielt somit nicht nur das tatsächliche Geschehen, sondern auch das Umfeld sowie die möglicherweise vorliegende Intention eine Rolle, was letztendlich angesichts der schwammigen Definition gerade auch für Eltern zu der Problematik führt, dass selbst die Nacktbilder des Nachwuchses unter Umständen als Kinderpornographie angesehen werden könnten.

Dies führt auch zu einer Veränderung, wenn es darum geht, mit der Sexualität des Nachwuchses umzugehen. So fallen in der Dokumentation der Veränderungen des Nachwuchs oft gerade die sexuellen Veränderungen heraus bzw. werden nicht thematisiert. Während es vom ersten Tag im Kindergarten, den ersten Schritten, dem ersten Töpfchengang usw. oft unzählige Bilder gibt, sind Bilder, die z.B. das erste Nacktbaden in der See zeigen, die erste Erektion etc. eher selten. Hier geht es nicht darum, dass alles photographisch aufgenommen werden soll, aber auch die Entwicklung der Sexualität spielt eine große Rolle, wird jedoch oft genug auch bei den Eltern ausgeklammert. Die Angst davor, dass Bilder des eigenen Nachwuchses plötzlich als Kinderpornographie gelten könnten sowie die Angst vor den Folgen eines solchen Verdachtes macht es für Eltern zunehmend auch schwer, sich ggf. auch nackt und unbefangen den Kindern z.B. im eigenen Garten zu nähern.

Ein weiterer Punkt, der die EU-Definition fragwürdig erscheinen lässt, ist die Miteinbeziehung von Schriften. Hier geht es somit nicht mehr um die Dokumentation sexueller Gewalt, sondern auch um (fiktive) Erzählungen, die Verführung oder Hingezogenheit zum Thema haben, die in sexuellen Handlungen münden. Klassiker wie Judy Blumes "Forever", in denen zwei Jugendliche die ersten sexuellen Erfahrungen machen, wären insofern auch wegen der Altersvorgaben (Kind = Person unter 18 jahren) als kinderpornographisch zu werten.

Dies zeigt erneut, wie schwer es ist, die legale Definition zu verwenden, ohne nicht auch zu verharmlosen, denn nichts anderes wäre die Gleichstellung eines solchen Romanes mit der Dokumentation sexueller Gewalt. Die Verantwortlichen für diesen Begriffswirrwarr forcieren diesen jedoch weiter und entfernen sich damit immer weiter von der Chance, das Thema sachlich zu behandeln.

Kommentare lesen (97 Beiträge)
Anzeige