Panik im Angesicht des maximal Fremden

Von Aliens und anderen transterrestrischen Katastrophen der Zukunft

Die klassische Futurologie wie ihr postmodernes Stiefkind, die Trendforschung, sind in ihren Prognosen bis heute einer Logik kontinuierlicher Entwicklung verpflichtet. Dies ist nicht nur den dort dominierenden quantitativen Methoden geschuldet, die soziale Entwicklung in Form mathematischer Funktionen abzubilden versuchen. Es ist auch Widerhall eines am Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Evolutionismus, nach dessen Leitbild die Entwicklung von Gesellschaften einer linearen ökonomischen oder kulturellen Logik folgt. Unerwartete Einzelereignisse haben - als im doppelten Sinne Unberechenbares - weder in einem solchen Geschichtsverständnis noch in der quantifizierenden Futurologie einen Platz. Entsprechend schwer tun sich die prognostischen Wissenschaften bis heute mit der Berücksichtigung folgenreicher Einzelereignisse. Dieser Bereich wird meist als unwissenschaftlich abgetan und der Science Fiction zur künstlerischen Betrachtung überlassen.

Dass dies nicht so sein muss hat die Geschichtswissenschaft gezeigt: Die Bedeutung von folgenreichen Naturkatastrophen (wie Vulkanausbrüchen und Erdbeben, Überschwemmungen oder Missernten) für die Entwicklung menschlicher Gesellschaften sind, wie die umfangreichen Sammelbänden von Olshausen/Sonnabend1 und Groh/Kempe/Mauelshagen2 zeigen, im letzten Jahrzehnt verstärkt in den Fokus ihres Interesses geraten. Entsprechend der Qualität der wissenschaftlichen Aufarbeitung solcher historischer Naturkatastrophen gestaltet sich auch die Möglichkeit der Prognose der Folgen ähnlicher Ereignisse in der Zukunft.

Auffällig ist allerdings, dass in den genannten Bänden stets nur von ganz irdischen Katastrophen die Rede ist, obwohl seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts etliche Monographien und Sammelbänden erschienen sind, in deren Mittelpunkt mögliche außerirdische Ursachen, namentlich Meteoriten- und Kometen-Impakte, für katastrophale Verläufe der Menschheitsgeschichte diskutiert werden. Neben zahlreichen englischsprachigen Veröffentlichungen3 ist hier insbesondere die vom österreichischen Geologenpaar Alexander und Edith Tollmann4 vorgelegte Studie zum "Sintflut-Impakt" zu nennen, welche den Einschlag eines Kometen auf der Erde vor neuneinhalbtausend Jahren mit verheerenden globalen Auswirkungen postuliert. Unter Historikern sind diese und ähnliche Beiträge gelegentlich mit ironischer Skepsis zur Kenntnis genommen5, meist aber schlicht verschwiegen worden - was damit zusammenhängen könnte, dass praktisch alle entsprechenden Befunde von Astronomen oder Geologen, nicht aber von Historikern stammen. Folge ist auf jeden Fall, dass bis heute aus der Geschichtswissenschaft selbst keine systematischen Untersuchungen über den Einfluss kosmischer Ereignisse auf die Menschheitsgeschichte vorliegen, welche Präzedenzfälle für die Frage nach den Folgen zukünftiger Ereignisse dieser Art liefern könnten. Dies ist umso bedauerlicher als solche Impakt-Ereignisse nach Ansicht vielen Astronomen und Geologen erdgeschichtlich außerordentlich häufig vorkommen6.

Methodisch noch schwieriger ist die Prognose der Folgen von Ereignissen, die zwar vorstellbar und in gewisser Weise auch erwartbar sind, die aber in der (überlieferten) Menschheitsgeschichte aller Wahrscheinlichkeit nach noch nicht stattgefunden haben - und für die es deshalb keine rekonstruierbaren Präzedenzfälle gibt. Mit solchen hypothetischen Ereignissen will ich mich im Folgenden beschäftigen. Einige von ihnen waren in der Vergangenheit Gegenstand kollektiver Ängste und politischen Kalküls. Klassisches Beispiel ist der in der Phase des 'Kalten Krieges' befürchtete umfassende bewaffnete Konflikt zwischen den Supermächten. Die in einer Vielzahl medialer Fiktionen beschworenen globalen Folgen ließen einen mit Atomwaffen ausgetragenen 'Dritten Weltkrieg' wohl zu Recht als eines der einschneidendsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte erscheinen.

Nach dem Ende des kalten Krieges hat das Interesse von Wissenschaft wie Öffentlichkeit sich wieder mehr den nichtmilitärischen Katastrophenszenarien zugewandt, etwa der sog. Bevölkerungsexplosion oder dem heute kaum noch bestrittenen Klimawandel - wiederum eher kontinuierliche Entwicklungen, deren Verläufe sich relativ gut mathematisch modellieren lassen. Daneben stehen aber neuerdings auch Fragen nach möglichen Einzelereignissen wie der Umpolung des Erdmagnetfeldes7 oder den schon erwähnten Impakt-Katastrophen.

Wie in solchen Fällen die Abschätzung sozialer Folgen möglich ist, möchte ich exemplarisch anhand einer ganz anderen Art 'kosmischer Katastrophe' beschreiben, dem Zusammentreffen der Menschheit mit außerirdischen Intelligenzen. Auf den ersten Blick wirkt dieses Thema selbst für die futurologische Betrachtungen reichlich obskur, eher der Science Fiction denn dem wissenschaftlichen Denken zugehörig. Auf den zweiten Blick erweist es sich jedoch als recht typischer Fall eines hypothetischen Ereignisses: Der Kontakt ist sowohl wissenschaftlich wie auch lebensweltlich8 vorstellbar, er hat aber - jedenfalls wenn man den Thesen eines Erich von Däniken nicht folgen mag - in der bisherigen Menschheitsgeschichte noch nicht stattgefunden. Und wir wissen auch nicht, ob und wann er stattfinden wird. Der einzige Unterschied zu anderen genannten Einzelereignissen besteht in der von den meisten Experten angenommenen äußerst geringen Wahrscheinlichkeit seines Eintretens in den nächsten Jahrzehnten. Diese mangelnde wissenschaftliche Erwartbarkeit hat jedoch - im Gegensatz zur Frage der konkreten Erwartungen in der Gesellschaft - keinen Einfluss auf die Frage nach der grundsätzlichen Prognostizierbarkeit der Ereignisfolgen.

Mit dem Very Large Array (VLA) operieren zeitweise auch SETI-Forscher. Bild: Dave Finley, AUI, NRAO, NSF

Nun aber zum Exempel selbst: In einem vor einigen Jahren im Online-Magazin Telepolis veröffentlichten Essay9 hatte ich drei Szenarien des Zusammentreffens zwischen Menschen und Außerirdischen beschrieben:

  1. Das Fernkontakt-Szenario, bei dem Radioteleskope oder andere technische Einrichtungen Signale aus den Weiten des Weltalls auffangen, die künstlichen Ursprungs sind.
  2. Das Artefakt-Szenario, bei dem auf der Erde (oder im Rahmen zukünftiger Weltraummissionen irgendwo im Weltraum) materielle Hinterlassenschaften Außerirdischer entdeckt werden.
  3. Das Direktkontakt-Szenario, bei dem ein nichtirdisches Objekt, das offensichtlich von einer Intelligenz oder wenigstens einem klug geschriebenen Programm gesteuert wird, im erdnahen Weltraum auftaucht, in den Erdorbit eintritt oder gar auf der Erde landet.

Panik im Angesicht des maximal Fremden. Von Aliens und anderen

Die beiden letztgenannten Szenarien werden heute von der SETI-Forschung10, die sich (im Gegensatz zum Mainstream der Astrobiologie) der Suche nach intelligentem Leben außerhalb der Erde verschrieben hat, weitgehend ignoriert. Dabei leuchtet deren zentrales Argument - die großen Entfernungen zwischen Planetensystemen und die aus ihnen resultierenden extrem langen Reisezeiten - jedoch nur ein, wenn man eine Reihe anthropozentrischer Vorannahmen macht: menschenähnliche Reisetechnologie und Zeitlichkeit der Reisenden, subjektorientierte Reiseplanung oder auch die 'biologische Qualität' potentieller Besucher. Dies alles wird von den SETI-Forschern fraglos unterstellt, obwohl es alles andere als selbstverständlich oder auch nur wahrscheinlich ist: Aliens könnten die hundertfache Lebenserwartung von Menschen besitzen, sie könnten Generationenraumschiffe benutzen, sie könnten hoch entwickelte Roboter schicken, sie könnten völlig andere Reisetechnologien verwenden usw. Wir wissen es einfach nicht. Und deshalb können wir auch nichts darüber sagen, ob der erste Kontakt im Falle des Falles tatsächlich durch ein Radiosignal oder auf anderem Wege hergestellt würde.

Aus diesem Grunde hatte ich das zweite und das dritte Szenario als durchaus diskussionswürdig angesehen und sogar in den Mittelpunkt meiner Überlegungen gestellt, weil beide, verglichen mit dem Fernkontakt-Szenario, die deutlich massiveren Auswirkungen auf die menschlichen Gesellschaften haben würden. Meine These war und ist hier, dass jede Art eines unmittelbaren Kontakts zwischen der Menschheit und Vertretern einer außerirdischen Zivilisation außerordentlich dramatische kulturelle, religiöse und politische Folgen auf unserem Planeten haben würde - und dass diese in ihrer Gesamtheit umso negativer wären, je näher an der Erde der Kontakt stattfände.

Hintergrund für diese Einschätzung ist zunächst die psychologische Erkenntnis, dass das individuell empfundene Bedrohungsgefühl mit der räumlichen Nähe einer potentiellen Gefahr (wie nichtmenschlicher Intelligenzen mit völlig unbekannten Motiven und Interessen) ansteigt. Wichtiger aber ist, dass dies in ähnlicher Weise auch die kollektiven Reaktionen betrifft - darauf deuten zumindest die Erfahrungen mit ungeplanten Erstkontakten zwischen menschlichen Kulturen in der Geschichte hin. Deren systematische Untersuchung11 zeigt nämlich, dass beim Kontakt auf dem Territorium einer der beteiligten Kulturen die Rollen von vornherein vereilt waren: Für die 'Entdecker' bewies die Entdeckung fern ihrer eigenen Heimat ihre eigene Überlegenheit - für die 'Entdeckten' entsprechend die Tatsache, auf dem eigenen Territorium mit den Fremden konfrontiert zu werden, ihre Unterlegenheit. Und für die 'Entdeckten' waren die massenpsychologischen Folgen oft genug verheerend12. So erlitten viele Völker Amerikas und Ozeaniens nach Ankunft der Weißen einen kollektiven existenziellen Schock, der ihr religiöses und kulturelles Vorstellungssystem zusammenbrechen ließ. Dies führte schnell zur Desintegration der zentralen ökonomischen und sozialen Systeme; in einigen Fällen kam es auch zum kollektiven Suizid ganzer Bevölkerungsgruppen13.

Wenn wir diese Erfahrungen als historische Parallelen betrachten und den Mensch-Alien-Kontakt in Analogie zu asymmetrischen Begegenungen zwischen den Kulturen auf der Erde konturieren, hieße dies wohl: Zumindest die Erde selbst und der Erdorbit stellen in massenpsychologischer Hinsicht das Territorium der Menschheit dar. Jedes Zusammentreffen in diesem Bereich bedeutete uns: wir sind die 'Entdeckten', die anderen die 'Entdecker'. Und alle Erfahrungen, die wir auf der Erde mit Kulturkontakten dieser Art gemacht haben, sprechen gegen die immer wieder vertretene Idee14, der Menschheit würde nach einer solchen Begegnung mit dem "maximal Fremden15" ein goldenes Zeitalter bevorstehen. Deutlich wahrscheinlicher ist für mich, dass es zu einem diesmal globalen massenpsychologischen Schock kommt, der eine Vielzahl sozialer, religiöser und politischer Institutionen überall auf der Erde zusammenbrechen lässt, wenn tatsächlich einmal außerirdische Raumschiffe in den Erdorbit eintreten oder gar auf der Erde landen.

©Fox

Wir können nicht wissen, wie es in dieser Hinsicht anderen Zivilisationen ergangen ist - für die Menschheit dürfte der 'First contact' ein einschneidendes Ereignis ihrer gemeinsamen Geschichte werden16. Und da die massenpsychologisch 'neutrale Zone' wohl erst weit jenseits der Mondumlaufbahn beginnt, wäre es im Fall des Falles entscheidend, den Erstkontakt 'dort draußen' herzustellen und nicht im Erdorbit oder gar auf der Erdoberfläche. Wer also an die Existenz außerirdischer Zivilisationen und die Möglichkeit eines Kontakts zu ihnen glaubt (wie die SETI-Forscher), sollte sich besser dafür engagieren, dass die Rollen bei einem zukünftigen Direktkontakt nicht ganz so eindeutig verteilt sind, wie sie es heute noch wären. 'Vergrößerung des Küstenstreifens' hieße hier die einzig empfehlenswerte Präventionsstrategie: Forcierung gerade auch der bemannten Raumfahrt mit dem Ziel, weit außerhalb der Erdumlaufbahn dauerhaft präsent zu sein. Damit wäre einem Direktkontakt - wenigstens dem massenpsychologisch entscheidenden ersten Eindruck nach - viel von seiner Asymmetrie genommen. Etwas prägnanter formuliert: Es ist psychologisch gesehen immer besser, Fremde an der Haustür zu empfangen, als von ihnen im Schlafzimmer überrascht zu werden.

Wer aber der Möglichkeit der Konfrontation der Menschheit mit einer außerirdischen Zivilisation, etwa aufgrund seines anthropozentristischen Weltbildes, nichts abgewinnen kann, möge vom Beispiel selbst abstrahieren und sich mit den abstrakten katastrophentechnischen Potenzialen solcher hypothetischen Ereignisse begnügen. Zu ihnen gehören, wie schon mehrfach erwähnt, der Einschlag eines größeren Meteoriten auf der Erde oder das plötzliche Versagen des nordatlantischen Strömungsystems durch den von uns selbst verursachten Klimawandel17; jeweils außerordentlich schwerwiegende Geschehnisse, die große Regionen der Erde in Mitleidenschaft ziehen und eine Vielzahl von Opfern fordern würden. Die prognostisch-wissenschaftliche Auseinandersetzung mit solchen (vorerst noch) hypothetischen Ereignissen scheint mir deshalb wissenschaftlich wie politisch und sozialethisch dringend geboten - seien ihre Ursachen nun irdischen oder auch außerirdischen Ursprungs. (Michael Schetsche)