Panorama der Sinnlosigkeit

Gewalt, Drogen und Geld: "No Country for Old Men" der Coen-Brüder ist ein ungemein böser, ungemein guter Film

"Who are these people?" fragt einmal Sheriff Ed Tom Bell, die von Tommy Lee Jones gespielte Erzähler-Hauptfigur dieses Films. Fassungslosigkeit liegt in seiner Stimme, die Unfähigkeit, die Menschen zu begreifen, mit denen er es hier zu tun hat. Es ist eine universale Erfahrung. Und sie steht im Zentrum dieses Films. Es ist unser eigenes Unvermögen, manche Menschen, manche Gedanken, manche Handlungen zu verstehen. Sie entziehen sich aller Vernunft. "No Country for Old Men" ist ein Film über diese Erfahrung und damit über die Absurdität der Welt und des Lebens. Humorvoll, tragisch, glänzend inszeniert ist dies einer der besten Filme der Coen-Brüder, und definitiv ihr bester seit "Fargo". Völlig zu Recht hat er am Wochenende bei den Oscarverleihungen triumphiert - das "Must see" des Jahres.

Alle Bilder: Universal

Western-Bilder am Anfang: Weite, einsame Panoramen, Wüste, Berge, gelb. Gelb ist alles hier, darüber eine Erzählerstimme, ruhig, warm, vertraut. Es ist die Stimme von Tommy Lee Jones, der hier einen der besten Auftritte seiner Karriere zeigt, und Jones spielt Ed Tom Bell, den Sheriff der Gegend; er berichtet von früheren Zeiten, von der Ausweglosigkeit der Gewalt:

I always liked to hear about the oldtimers. Never missed a chance to do so. You can't help but compare yourself gainst the oldtimers. Can't help but wonder how they would've operated these times. There was this boy I sent to the gas chamber at Huntsville here a while back. My arrest and my testimony. He killed a fourteen-year-old girl. Papers said it was a crime of passion but he told me there wasn't any passion to it. Told me that he'd been planning to kill somebody for about as long as he could remember. Said that if they turned him out he'd do it again. Said he knew he was going to hell. Be there in about fifteen minutes. I don't know what to make of that. I surely don't. The crime you see now, it's hard to even take its measure. It's not that I'm afraid of it. I always knew you had to be willing to die to even do this job - not to be glorious. But I don't want to push my chips forward and go out and meet something I don't understand. To go into something you don't understand you would have to be crazy or become part of it.

"You can't stop, what's coming"

Und er erzählt von einem Monster von Mensch… Gleich sieht man, wie dieser zunächst namenlose Killer mit der Pilzkopffrisur - später erfahren wir: er heißt Anton Chigurh - sein erstes Opfer umbringt. Seine Waffe ist auch neu unter den tausenden Mördern der Kinogeschichte: Es ist eine Apparatur, mit der normalerweise Rinder durch Hochdruck-Pressluft getötet werden. Aber das Prinzip funktioniert auch beim Menschen.

Nochmal Szenenwechsel: Inmitten der gelben Wüste ein Jäger beim Spurenlesen. Er entdeckt die Überreste eines Massakers unter Latino-Drogendealern. Fast alle sind tot, einer von ihnen lebt noch. "Wasser" sagt er, und er hat Angst vor den Wölfen. "Hay no lobos" bekommt er zu hören, mehr nicht. "You start to watch your back." erzählt der Erzähler aus dem Off, und von jetzt an spätestens haben wir das Prinzip dieses Films verstanden und achten selbst besser darauf, was gerade hinter unserem Rücken passiert: Töten und getötet werden, Leichen pflastern den Weg von Anton Chigurh und damit auch dieses Films. Viel Geld ist im Spiel, und weil ein Geldkoffer verschwunden ist, jagt nun Chigurh, der ein eiskalter Rationalist ist und ein pathologischer Soziopath zugleich, Llewelyn Moss (Josh Brolin), den Spurensucher vom Anfang. Lange denkt man, dieser ist der Narr, der Glück hat, und gar nicht weiß, was ihm droht. Aber es geht immer so weiter. "You can't stop, what's coming."

"They died of natural causes. Natural to the matter of work they are in"

Dieser Film ist eine Sensation. "No Country for Old Men" ist nicht nur das interessanteste Comeback des Jahres, und der beste Film der Coen-Brüder seit "Fargo", in mancher Hinsicht ihr bester Film überhaupt, ein ungemein tiefsinniger Film, der grundsätzliche existentielle Fragen mit filmischer Meisterschaft verknüpft. Warum?

Der Film ist witzig. Er ist traurig. Er ist bitter und klug in seinem Fatalismus. Er ist absurd und existentiell in seiner Lakonie. Man weiß nicht, ob man lachen sollte, man muss aber lachen. Etwa über Sätze, wie die des Off-Erzählers Tommy Lee Jones über tote Drogendealer: "They died of natural causes. Natural to the matter of work they are in." Das macht schon klar: Man muss diesen Film im Original sehen. Noch mehr als sonst bedeutet deutsche Synchronisation hier noch nicht einmal den halben Genuss.

In den letzten zehn Jahren drehten die Coens nur Komödien, die überdies zunehmend seichter wurden, und selbst in ihrem großartigen Welterfolg "Fargo" dominierte ironische Distanz über eine oberflächlich brutale, aber doch in erster Linie witzig und gag-orientiert erzählte Geschichte. Nun aber zeigen die Brüder ihr düsterstes Werk seit ihrem Debüt mit "Blood Simple" vor immerhin 23 Jahren - und es ist endlich wieder ein vorbehaltlos guter Coen-Film, die Rückkehr zu alter Stärke und die Rückkehr zu ihren Quellen, dem Film Noir der 40er, 50er Jahre. Zurückzuführen ist das nicht zuletzt auf den Autor der Buchvorlage, Cormac McCarthy ("Blood Meridian", "All die schönen Pferde"), den ausgemachtesten Apokalyptiker der US-Literatur.

Ein Mensch gewordener Todesengel

"No Country for Old Men" ist hochkarätig besetzt, glänzend designed und gefilmt - die Kamera führte Roger Deakins -, spielt in Texas im Jahr 1980 und handelt von den Folgen eines missglückten Drogendeals, einem Serienkiller in Kalifornien und der Apokalypse im Grenzland zwischen den USA und Mexiko. Die Off-Stimme des Erzählers erzählt uns von Morden, Gewalt und Sheriffs. Die Welt ist ein böser Ort, in der ein Mensch gewordener Todesengel (Javier Bardem) Schicksal spielt. Er ist wie ein Geist, wer sich gegen ihn auflehnt, wird sterben. Der Grundton des Films ist Melancholie und Fatalismus.

Offen bleibt, die moralische Frage, wie man mit so einem wie Chigurh am besten verfahren soll? Zähmen kann man ihn nicht. Aus einem Gefängnis wird er ausbrechen. Ihn erschlagen wie ein tollwütiges Tier? Das ist die moralische Frage die der Film aufwirft.

Ein präzise und ohne Manierismen oder Effekthascherei inszeniertes, lakonisches, stoisches Panorama der Sinnlosigkeit, in dem man sich auf nichts verlassen kann, außer dass nicht viele Charaktere das Filmende erleben werden. Mord und Totschlag in der Prärie, menschliche Destruktivität in einem Ausmaß, das man im Rückblick zunächst einmal darüber staunt, wie lange es dauerte, bis man im Publikum merkt, dass man jetzt besser nicht mehr lachen sollte. Alles in allem ein ausgezeichneter Film, dem man allenfalls einen latenten Zynismus vorwerfen könnte - aber Zyniker sind bekanntlich unter der coolen Maske Hochsensible.

Die Beschreibung einer Welt, die sich verändert hat

"No Country for Old Men" erzählt wehmütig, aber ohne Nostalgie vom Wandel der Zeiten. Im Zentrum steht ein alt werdender Mann, ein Sheriff, der durch den gnadenlosen, unmenschlichen Mörder mit einer neuen Art von Bedrohung konfrontiert wird. Man kann den Film so verstehen, dass dieser Sheriff Bell einfach älter wird, und der Film zeigt, wie es einem ergeht, wenn man älter wird, wie sich die Weltsicht wandelt, und wie die Angst, die Einsicht in die Gefährlichkeit der Welt zunimmt. Besser und wohl klüger wäre es, diesen Film auch zu lesen als Analyse eines grundsätzlichen Wandels, als Beschreibung einer Welt, die sich verändert hat und als Aufeinandertreffen von Alt und Neu, von Vergangenheit und Zukunft.

Der Film entwickelt eine fatalistische und darum auch pessimistische Geschichtsphilosophie. Er entfaltet ein Panorama der gegenwärtigen USA zwischen Bodenschätzen, Religion, Politik und Gewalt. Und reicht dabei doch weit über diese Themen hinaus, wird zu einer Beschwörung von Zeit und Raum, moralischen Unsicherheiten und unmoralischen Entscheidungen, der menschlichen Natur und des Schicksals. Vergleichbar ist er darin allenfalls mit Paul Thomas Andersons "There will be Blood", dessen persönliche Regieleistung alles in allem noch größer einzuschätzen ist als die der Coens (weswegen der Regie-Oscar am vergangenen Sonntag an die Falschen ging). Während aber Andersons humorloser "Citizen Kane"-Nachklatsch tief in der US-Kinogeschichte verankert und auf sie bezogen bleibt, bieten die Coens mit diesem Film eine einzigartige Vision, die so noch nicht zu sehen war. "No Country for Old Men" führt das Kino weiter.

"Can’t help but compare yourself against the old times. You have to say, ‘Okay, I’ll be part of this world.' 'But even if today’s outlaws are more.'" Sheriff Ed Tom Bell

(Rüdiger Suchsland)