Prozessebene: Weltgesellschaft

Nach Lem befinden wir uns also noch in der "präregulativen Ära". Der Prozesszusammenhang der technologischen Zivilisation sei planlos, es fehle "an dem Wissen, mit dessen Hilfe sie unter den vielen Möglichkeiten bewusst ihren Kurs wählen könnte, statt sich von den Strömungen zufälliger Entdeckungen treiben zu lassen". Das Tempo der Veränderungen verringere die Chancen einer Vorausschau. Nebeneffekte von technischen Erfindungen seien nicht absehbar.

Zudem käme auf die Gesellschaft eine "Informationslawine" zu, die es paradoxerweise immer schwieriger mache, langfristig sich möglicherweise als wertvoll erweisende Erkenntnisse zu nutzen. "Wenn wir nicht lernen, auch den Fortschritt des Wissens zu regeln, werden die weiteren Etappen unserer Entwicklung immer stärker vom Zufall bestimmt sein." Als Gegenstrategie empfiehlt Lem die Automatisierung der Erkenntnisproduktion in verschiedener Hinsicht.

Maschinen werden Assistenzsysteme sein, aber auch als "Intelligenzverstärker" wirken. Lem stellt eine Art "Information Monitoring" in Aussicht, dass aber nicht der Überwachung und Kontrolle der Gesellschaft durch Konzerne und Staaten dient, sondern dem Wissensmanagement auf gesamtgesellschaftlicher Ebene, damit eben in der stetig anwachsenden Menge an Daten keine nützlichen Informationen verloren gehen, von denen neue evolutionär bedeutsame Wissensschritte ausgehen könnten. Lem hat dabei die Gesellschaft als Ganze im Blick, die er als Objekt der Regelung versteht. Ihm geht es also um eine übergeordnete Informationsverarbeitung, nicht um Data mining zur Analyse von Konsumenten-und Bürgerverhalten.

Zweck dieser denkbaren Technoevolution ist unter anderem, über das System als Ganzes zu informieren. Für viele wird eine solche Sichtweise ungewöhnlich sein - sie entspringt dem vergangenen kybernetischen Zeitgeist -, sie stellt aber auch gesellschaftliche Funktionen und Zwecke in ein neues Verhältnis. Lem geht von einer Utopie aus, in der alle Grundbedürfnisse geregelt sind in dem Sinne, dass sie als materielle Notwendigkeiten verschwunden sind und sich die Gesellschaftsmitglieder nicht mehr um diese kümmern müssen.

"Die grundlegenden Fragen jeder Zivilisation - Ernährung, Bekleidung und Transport, dazu noch Geburtenregelung, Güterverteilung und Schutz von Gesundheit und Besitz - müssen gelöst sein. Sie müssen so unsichtbar werden wie die Luft." Eine solche Basis der allgemeinen Versorgung für höhere Vorgänge der Sozioevolution erst geschaffen zu haben, bezeichnet Lem als noch ausstehende "Reifeprüfung" der Menschheit.

Die Frage nach dem Sinn einer Zivilisation könne besser gestellt werden, wenn auf dem Planeten kein Mangel, keine Not mehr herrschten. Das kann man als ein entscheidendes Kriterium für das zu organisierende „Reich der Freiheit“ werten, wobei Lem diesem den Aspekt allgemeiner Gestaltungs-Potenz hinzugefügt hat.

Die Verhältnisse von Sozio- und Technoevolution abstrahiert Lem dabei von konkreten Gesellschaftsformationen. In einem Abschnitt kommt er darauf zu sprechen, dass solche Intelligenzverstärker Vorteile auf der Ebene einzelner Firmen bringen können, aber er interessiert sich nicht wirklich für solche aus seiner Sicht wohl kurzfristigen Einsatzgebiete. Sein Thema ist die allgemeine Bewältigung der technokulturellen Komplexität, die sich - unter den skizzierten neuen Bedingungen, die allerdings nichts verraten über die vermutlich konflikt- und friktionsreiche Übergangsperiode - immer mehr dem begrenzten menschlichen Verständnis entzieht. Und er sieht überraschende Möglichkeiten:

Die Gesellschaft kann eine plötzliche Systemveränderung vornehmen, sie kann einzelne Tätigkeitsbereiche sprungartig verbessern, wenn sie dort 'kybernetische Administratoren', die mit begrenzten, aber weitreichenden Vollmachten ausgestattet sind, einführt.

Stanislaw Lem

Wie die genau aussehen, wie sie funktionieren, wer die Subjekte ihrer politischen Durchsetzung sein sollen, davon erfährt man auf den Seiten der "Summa" nichts. Das hält Lem nicht davon ab, auch eine Maschine mit dem Titel "planetarer Koordinator" einzuführen, dessen Entscheidung von mit Menschen besetzten Räten überprüft wird. Interessant ist vor allem, dass Lem zumindest der Idee nach der Globalisierung einen weltweiten Organisationsrahmen gibt.

Die Organisation des Organismus auf breiter Basis zu verändern, ist ein weiteres Feld von Zukunftskonzepten, das Lem aufmacht. Eine ganze Reihe von Mängeln wird aufgelistet, die der menschliche Körper aufzuweisen hat. Er könne sich kaum regenerieren. Seine Organe alterten ungleichmäßig. Einzelne Komplikationen bei wichtigen Bestandteilen wie Herz oder Lunge können lebensbedrohlich werden. Die biochemische Unverwechselbarkeit erweise sich als Problem bei Transplantationen.

Kompromisse in der organischen Entwicklung werden in der biologischen Evolution beibehalten und führen zu weiteren. Frühere Errungenschaften einer Spezies werden vergessen oder sie können nicht verbreitet werden. Als Beispiel dafür nennt Lem den Zahnverlust alter Menschen, während Zähne bei Haien nachwachsen. Der Körper erneuere zwar seine Mikro-"Ersatzteile" - die Zellen -, aber auf der Ebene der Organe käme dieses Prinzip nicht zum Zuge. Der Tod als Sterben des Gesamtorganismus trete ein, wenn somatische Prozesse der "zentralen Kontrolle" entwichen und die "Reserven sämtlicher Kompensationsmechanismen" ausgereizt seien. Die genotypische Evolution sei nur eine "mäßige Steuerungsmethode".

Im Ganzen sieht Lem ein "statistisches Konstruktionsprinzip" am Werk, bei der die Mehrheit einer Art überleben soll. Die Evolution könne keine radikalen Rekonstruktionen leisten, sondern nur geringe Veränderungen.

Nun hat die Evolution die ungeheure Vielfalt der Biosphäre hervorgebracht. Lem interpretiert sie zum einen als unvernünftigen blinden Prozess, der eben verbesserungswürdige Zwischenlösungen auf den Weg gebracht hat.

Noch sei unklar, was bei der Bioevolution zufällige Bedingung und was notwendiges Gesetz eines um sein Gleichgewicht ringenden Systems sei. Die Evolutionsgeschwindigkeit sei gering, wenn Umweltbedingungen über lange Zeit unverändert blieben. Die Technoevolution wiederum verlaufe wesentlich schneller und sie verfüge über eine neuartige Freiheit, denn eine Zelle beispielsweise umfasse zwar einen Informationsgehalt von enzyklopädischem Umfang, aber „kann sie nicht wie ein Ingenieur die Maschine des Lebens, wenn sie nicht richtig funktioniert, 'abstellen', sich ihre wichtigsten Konstruktionsmerkmale noch einmal gründlich durch den Kopf gehen lassen und dann darangehen, sie mit einem Schlage umzubauen.“

Die Menschheit sei aber längst nicht in gleichem Umfang wie die Natur in der Lage, Prozesse der Selbstorganisation in Gang zu setzen. Aber der Mensch werde lernen, sie in allen Belangen zu imitieren und über ihre Lösungen hinauszugehen. Erst dann sei das "Reich der Freiheit" erreicht. In den Abschnitten zu "Der Bereich der Imitologie" beschreibe Lem das Leistungsspektrum der Evolution in bemerkenswerter Prägnanz:

"Auf den 'Einfall', Prozesse von größerer Wahrscheinlichkeit (Zunahme der Entropie, der Desorganisation) mit Prozessen von geringerer Wahrscheinlichkeit (Entstehung lebender Organismen) zu verknüpfen, was eine Zunahme der Organisation und einen Rückgang der Entropie nach sich zog, ist die Natur schon vor Jahrmilliarden gekommen. So schuf sie Hebelarme, chemodynamische und chemoelektrische Maschinen, Transformatoren, welche die Sonnenenergie in chemische Energie umwandelten (die Skelette der Wirbeltiere, ihre Zellen, die photosynthetisierenden Pflanzen), aber auch Pumpen in mechanischer (das Herz) und osmotischer Ausführung (die Nieren), 'fotografische' Apparate (die Sehorgane) usw. Im Bereich der Bioevolution überging sie die Nutzung der Kernenergie, da die Strahlung die genetische Information und die Lebensprozesse zerstört, 'wandte' sie dagegen bei den Sternen 'an'." - Stanislaw Lem

Bei aller Vielfalt seien der Natur aber auch Grenzen gesetzt im Mikro- und Makrokosmos. Lem verfolgt die Idee einer bewusst geplanten und gesteuerten Selbstevolution:

"Vollkommener als das biologische System ist ein solches, das um einen Freiheitsgrad reicher ist – im Hinblick auf das Baumaterial. Ein System, das weder in seiner Form noch in seiner Funktion durch das Material determiniert ist. Das nach Bedarf einen Rezeptor oder Effektor, ein neues Sinnesorgan oder eine neue Gliedmaße oder eine neue Fortbewegungsweise erzeugt." - Stanislaw Lem

Die Ausstattung des Körpers mit technischen Artefakten - Lem benutzt als einer der ersten Autoren den Begriff der Cyborgisierung, der Anfang der Sechziger aufkam - ist nur ein Zwischenschritt dieser Entwicklung. Über die technische Stabilisierung einzelner Körper sei es nur ein kurzer Schritt zur planmäßigen Steuerung der ganzen Gattung, zu deren Ausstattung mit neuen Funktionen und Elementen. Möglich seien auch Baumaterialien oder Energieformen, die im Universum nicht vorkommen.

Die Überschreitung der menschlichen Bedingung schließlich, über die man von einem heutigen Standpunkt keine Aussage machen kann, wird an einer Stelle konsequent zusammengefasst: "Dieses Band des Verständnisses wird erst dann abreißen, wenn der Mensch in tausend oder Millionen Jahren um einer vollkommeneren Konstruktion willen seiner gesamten tierischen Vergangenheit, seinem unvollkommenen, unbeständigen, sterblichen Körper entsagt und sich in ein Wesen verwandelt, das uns dermaßen überlegen ist, dass es uns fremd wird."

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