Panorama der Technoevolution

Prozessebene: Gehirn / Bewusstsein

Die Menschen unterscheiden sich vom Tier durch ihre Zivilisation, durch ihr Wissen um die eigene Sterblichkeit. Wesen, die mit einem selbstreflexiven Gehirn ausgestattet sind, können ihre "Programme" wechseln und auf Umweltveränderungen reagieren. "Ohne sich auf fertige Handlungsprogramme zu stützen, passt nunmehr der Organismus 'auf eigene Faust' entweder sich der veränderten Umwelt (…) oder die Umwelt sich selbst an (der Mensch errichtet die Zivilisation)."

Kurz gefasst ist also die Bewusstseinsfähigkeit die Voraussetzung für alle weitergehenden Prozesse der technischen Gestaltung. Diese wird selbst einer Umformung unterworfen sein. Lem führt in einem Abschnitt die "Neurokybernetik" an, mithilfe derer Bewusstseinszustände erzeugt werden können.

Ein weiterer Aspekt ist die Frage nach Künstlicher Intelligenz, obwohl Lem diesen Begriff in dem Buch erstaunlicherweise vermeidet. "Mit der Entwicklung der Technologie wächst die Komplexität der Regelungsprozesse, so dass man schließlich, um ihrer Herr zu werden, Regler einsetzen muss, die eine größere Mannigfaltigkeit aufweisen als das menschliche Gehirn."

Maschinen sollen nicht nur für die Informationsverarbeitung zuständig sein, sondern auch helfen bei der Lösung von intellektuellen Problemen. Mensch und Maschine bilden folglich ein neuartiges "Erkenntnisgespann". Lem fasst an dieser Stelle einige Fragen zusammen, die auch woanders angesprochen worden sind: Kann der Mensch eine Maschine bauen, die "klüger" ist als er selbst? Wird diese - wenn ihre Konstruktion gelingt - ihren Usern wie eine "Black box" erscheinen, deren Innenleben und Funktionieren unbekannt bleibt? Könnten solche Maschinen die Macht übernehmen?

Dabei handelt es sich um eine Frage, die durch prominente Zeitgenossen wie Stephen Hawking oder Elon Musk gestellt wird. Lem beantwortet sie negativ. Die Vorstellung einer Herrschaft der Maschinen sei eine anthropomorphe Projektion. Zwar werden das installierte System von solchen "Vernunftverstärkern" zunehmend machtvoller werden, aber ein Streben nach Kontrolle des Gemeinwesens sei nicht zu befürchten. Eher müsse man damit rechnen, dass die intelligenten Systeme Eigenschaften einer unverständlichen "Persönlichkeit" zeigten. Weitere Chancen seien in der Entwicklung der Theorie sich selbst organisierender Systeme zu finden, die zu einer adaptiven Selbstprogrammierung fähig seien.

Die Idee der Phantomatik kann diesem Zusammenhang hinzugefügt werden. Das "Eintauchen" in künstlich erschaffene Medienwelten ist in diesem Fall - ob genutzt als Instrument der Wissenschaft oder der Kunst und Unterhaltung -, nicht einer Benutzung äußerlich bleibender Gerätschaften zu verdanken. Der User der phantomatischen Maschine ist über eine direkte Schnittstelle zu seinem Nervensystem mit dieser verbunden, so dass ein interaktives Verhältnis in Echtzeit besteht, die Maschine auf seine Reaktionen wiederum Feedback geben kann.

Lem denkt die Phantomatik noch weiter: Bei der "Teletaxie" wird in das Bewusstsein der User die Informationen einer mobilen Maschine eingespeist, die sich an einem anderen Ort befindet - also etwas, das der mittlerweile in Ansätzen realisierten Telepräsenz bei der Ansteuerung von mobilen Robotern vergleichbar ist. Die "Phantoplikation" wiederum ermöglicht den Zusammenschluss von vielen Gehirnen, allerdings ohne wechselseitige Kommunikation. Die "Cerebromatik" gar soll gleich das Gehirn, seine Bewusstseinstätigkeit verändern, ohne dass Lem allerdings ein Beispiel für diese weitreichende Einflussnahme liefert.

Lem ist sichtlich beeindruckt von der Komplexität der genetischen Reproduktion. Für manchen zeitgenössischen Leser wird aber gewöhnungsbedürftig sein, mit welchem technischen Interesse in der "Summa" von Eingriffen in den genetischen Code die Rede ist.

Erst wenn wir imstande sein werden, als Schöpfer mit der Natur zu konkurrieren, wenn wir gelernt haben werden, sie zu imitieren, um dadurch all die Begrenzungen zu entdecken, denen sie als Konstrukteur unterliegt, erst dann werden wir das Reich der Freiheit betreten, in dem die Manöver der schöpferischen Strategie unseren Absichten gehorchen.

Stanislaw Lem

Die Evolution habe beispielsweise Millionen Jahre an dem komplexen "Apparat" Spermium gearbeitet. Man könne diesen verbessern und neue Merkmale der Vererbung festlegen. Die mangelnde Regenerationsfähigkeit des Organismus könnte ausgeglichen werden. Lem will zwar keine "synthetische Menschheit" konstruieren, aber erst in der später erschienenen Schrift "Phantastik & Futurologie" hat er zu Recht vor den "Labyrinthen" einer gestalterischen Omnipotenz gewarnt. In der "Summa" benennt er als Zielvorstellung klar die "vollkommene Herrschaft des Menschen über sich selbst". Er betrachtet den Vererbungsprozess nüchtern als informationellen Vorgang, bei dem der genetische Code mit großen Mengen an Informationen operiert.

Lem verleiht dem Thema der Vererbung aber noch eine weitere Dimension, die teilweise an das erinnert, was unter dem Topos Artificial Life diskutiert wird, aber doch darüber hinausweist. Er will Mechanismen der Evolution wie Mutation und Selektion direkt auf die Genese von Informationen aus der Umwelt anwenden. "Es geht darum, Informationen ohne Vermittlung von menschlichen oder elektronischen Gehirnen aus der Natur zu 'extrahieren', um so etwas wie eine 'Informationszucht' bzw. eine 'Evolution der Information' zu schaffen."

Diese bewusst initiierte Züchtung von Informationen soll also ohne Vermittlung von höheren Instanzen wie menschlichen oder künstlichen Gehirnen ablaufen, die zuvor das zu bearbeitende Wissen filtern. Nicht das menschliche Gehirn sei das Modell, sondern das Erbplasma wegen seines Informationsüberflusses. Zweck sei es, aus der Umwelt immer mehr strukturelle Information zu sammeln.

Während aber der Organismus sich selbst und der Evolution, also der eigenen Existenz und der Arterhaltung dienen soll, sollen die 'Gebilde' der Informationszucht uns dienen. Dementsprechend muss das Gesetz der Bioevolution, dem zufolge derjenige überlebt, der am besten an das Milieu angepasst ist, bei unserer Zucht durch das Gesetz abgelöst werden: 'Es überlebt das, was am genauesten das Milieu ausdrückt'.

Stanislaw Lem

In der informationellen Evolution könnte dann die Methode der Vererbung erworbener Merkmale nach Lamarck zur Anwendung kommen. Der Prozess der biologischen Entwicklung werde umgekehrt, die Forscher würden einen sich selbst organisierenden Informationsprozess in Gang setzen als biotechnologische Vision der Automatisierung der Erkenntnisproduktion. Das Ergebnis - die Theorie - sei dann in dem entstandenen künstlichen Organismus dargestellt. Das bleibt vom heutigen Standpunkt abstrakt, ist aber eine interessante Konsequenz seiner Überlegungen.

Lem konzipiert noch eine weitere Anwendung. Es werde möglich sein, die Daten einer zu bauenden Maschine in künstliche Organismen einzuführen, um diese dann wachsen zu lassen. "Man kann sich indessen eine 'Arbeits-Samenzelle' vorstellen, die außer der Information, wie das Objekt aussehen soll und wie sie dabei vorzugehen hat, zusätzlich die Information besitzt, wie sie Materialien aus der Umgebung (zum Beispiel auf einem anderen Planeten) zu dem benötigten Baustoff verarbeiten kann." Es handelt sich um eine "panbiotechnologische Vision", die an Effekte der Nanotechnologie denken lässt, deren molekulare Technik aber noch einige Stufen darunter angesiedelt ist.

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