Prozessebene: Materie

Das Credo der "Summa" ist, dass die Menschheit lernen werde, alles Existierende selbst zu erzeugen. "Pantokreatik" nennt Lem die Idee von der Erreichung aller künstlichen Ziele. Das ist ein enorm weit gesteckter Anspruch, den einige Leser sicher als Anmaßung empfinden. Aber es sind ernst zu nehmende Gedanken mit diesem Konzept verbunden. Die Natur ist - bei allen genannten Problemen - ein effizienter Baumeister, wobei sie eine enorme Universalität erreicht hat.

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Letzten Endes ist die 'Technologie' der belebten Materie unserer menschlichen Ingenieurstechnologie samt ihrer Grundlage von gesellschaftlich errungenen theoretischen Erkenntnisschätzen bis heute haushoch überlegen.

Stanislaw Lem

Der Vorteil der bewusst gesteuerten Technoevolution allerdings ist, dass sie in der großen Perspektive eine vergleichbare Universalität erreichen kann und mehr. "Wir können die Unterschiede zwischen dem 'Künstlichen' und dem 'Natürlichen' verschwinden lassen, und zwar in der Weise, dass das 'Künstliche' zunächst vom Natürlichen ununterscheidbar wird und es anschließend übertrifft." Zu solchen Zwecken werden in der kosmisch ausgeweiteten technologischen Zivilisation eine breite Palette von Werkzeugen zur Verfügung stehen - von einem "atomaren Synthetisator" bis hin zu einer Maschine zur Steuerung der Energieproduktion einer Sonne.

Lem entwirft als eine weitere grenzwertige spekulative Perspektive die Automatisierung der Manipulation von Umwelt, gegenwärtige KI-Diskussionen um einiges hinter sich lassend. Allgemein unterteilt er Sprachen auf einer Skala: auf der einen Seite der "bewirkende Pol", auf der anderen der "verstehende". "Die natürliche Sprache nimmt auf dieser Skala einen Platz unweit des 'verstehenden' Pols ein, die Sprache des Physikalismus steht irgendwo in der Mitte, und die Sprache der Vererbung liegt direkt am 'bewirkenden' Pol."

Die bewirkende Sprache, die eben bisher Domäne der biologischen Evolution ist, gehe von der molekularen Ebene aus hin zur makroskopischen, indem ein Mensch aufgrund seiner genetischen Bedingtheit sich herausbildet. Demgegenüber entstehe die natürliche Sprache auf der makroskopischen Ebene und gehe in der Praxis der Bezeichnung über sie hinaus in die Richtung von Mikro- und Makrokosmos, da ein entwickeltes menschliches Wesen eine Zeichensprache lernen kann, mit der es entfernte Objekte in Raum und Zeit erfasst. Mit anderen Worten: Ein Ingenieur baut in seinem Kopf ein sprachlich vermitteltes Modell und setzt dieses mithilfe von Werkzeugen in einer Bearbeitung von Naturstoff um. Um diese sprachlichen Umständlichkeiten zu vermeiden und eine weitergehende Genauigkeit zu erreichen, müsse die über die Menschen vermittelte verstehende Sprache – mithilfe von autonomen Informationsmaschinen –, "die bewirkenden Sprachen des nächsten Wurfs" produzieren, die wiederum ihre Erzeuger und deren Grenzen des Verstehens überschreiten werden. So sei eine höhere Stufe der Gestaltungskomplexität, ein größerer sprachlicher Reichtum zu gewinnen, so wie die freibezügliche symbolische Sprache reicher sei als die eingefasste der genetischen Codes.

Insofern gehen diese Überlegungen weiter als seine oben genannte Informationszüchtung. Lem kann also in der Konsequenz als Entdecker einer intentional-erzeugenden Sprache gelten, einer instantan-operativen Generator-Sprache. Um seine bisher unterschätzten Ideen zur "Ingenieurskunst der Sprache" zu erwähnen:

"Wenn es gelingt, unter der Aufsicht von sich selbst organisierenden Gradienten die von endlichen Automaten hervorgebrachten Algorithmen mit den aus den Phänomenen fließenden nichtalgorithmischen Informationsströmen zu kreuzen, wird die bewirkende Sprache aufhören, eine verstehende Sprache zu sein, (…) Die verstehende Sprache wird übrigbleiben als Beobachterin der von den gnostischen Automaten geführten Informationsfeldzüge." Das wäre ein weiterer Abgesang auf die menschliche Verfasstheit. Die komplexe Manipulation der Umwelt wird eins mit ihrer komplexen gedanklichen Durchdringung sein und unmittelbar Effekte erzeugen - als neuartiger "Prozess ohne Subjekt". Der Computer-Code kann als Vorschein dieser Entwicklung gelten.

Die technologische Zivilisation ist extrem anfällig für große Naturkatastrophen. "Gegenüber klimatischen Störungen, Erdbeben und der seltenen, aber realen Gefahr des Herabstürzens großer Meteore ist der Mensch im Grunde genauso hilflos wie in der letzten Eiszeit." Weitere Gefahren sind im interstellaren Bezugssystem auszumachen, spätestens dann, wenn das Sonnensystem wieder in turbulentere Bereiche der eigenen Galaxie eindringt. Insofern wird eine technische Gefahrenabwehr notwendiger Bestandteil dieser Zivilisation werden müssen, in welchem Zeitraum auch immer.

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Lem spekuliert darüber, ob kosmische Zivilisationen eine expansive Entwicklung durchlaufen haben mögen, in deren Verlauf sie eine "immer umfassendere Beherrschung von Materie und Raum" erreicht haben. Der höchste Freiheitsgrad, den eine solche Zivilisation erlangen könne, sei die Selbsterzeugung kosmischer Materie. Sie plane ihre Aktivitäten über Milliarden Jahre und diese könnten unter Umständen die "Evolution des gesamten Weltalls" beinhalten.

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