Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes

Bild: PFAMOHW-Wenders

Der dritte Körper des Papstes - Auftrag aus dem Vatikan: Wim Wenders' Film über Papst Franziskus interessiert sich weder für den Mensch noch für das Amt

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Josef Stalin

Dies ist eine Auftragsarbeit, aber eine der komplizierteren Sorte. Hätte Wim Wenders einfach einen Imagefilm für den Vatikan gemacht, wäre die Sache klar, wer hier Herr ist und wer Knecht.

Wenn wir einmal alles das glauben, was Wim Wenders über den Entstehungsprozess seines neuen Films "Franziskus - ein Mann seines Wortes" in Interviews erzählt, dann kam die ursprüngliche Anregung zu dem Film zwar aus dem Vatikan, von der dortigen Kommunikationsabteilung.

Dann hat Wenders, der Mann, der angeblich tiefgläubig ist, der angeblich am Abend der Papstwahl gespannt vor dem Fernseher "hing" und nach Bekanntgabe des Papstnamens "vor dem Fernseher aufgestanden" ist und gesagt hat: "Das gibt’s nicht! Dass sich das einer traut...", und der angeblich in diesem Papst und nur in ihm den Menschen sieht, der Antworten hat auf die wichtigsten Fragen unserer Zeit, dann hat dieser Wim Wenders, der vor der Anfrage der päpstlichen PR-Experten nie daran gedacht hat, einen Film über den Papst zu drehen, aber ziemlich schnell gewusst, was er wollte: "Kein Film über den Papst, sondern einer mit ihm."

Es sei ihm "nicht um die Institution Kirche" gegangen, "sondern darum, dass sich dieser außergewöhnliche und mutige Mann unmittelbar an die Menschen wenden kann, eben in einem Film."

Größenwahn, Naivität oder noch Schlimmeres

Wenn wir das also alles genauso glauben, wie es gesagt wurde, dann muss man Wenders bereits hier erstens reinen Größenwahn vorwerfen, dass er offenbar wirklich annimmt, ein Wendersfilm könnte zum Sprachrohr des Papstes "an die Menschen" werden, und zweitens eine gehörige Portion Naivität oder noch Schlimmeres - denn wie schlicht muss eigentlich einer gestrickt sein, um allen Ernstes anzunehmen, dass man einen Film drehen kann, in dem der Papst sich "unmittelbar" (was das überhaupt heißen soll, lassen wir jetzt mal) "an die Menschen" (an alle 7 Milliarden? an bestimmte? an Wenders-Fans?) "wenden kann", ohne dass das dann auch was mit der Institution zu tun hat, der er vorsteht?

Auch Angela Merkel oder Uli Hoeneß oder Barack Obama oder Vladimir Putin können in einem Dokumentarfilm nie wieder einfach "Mensch" sein. Wenn sie es denn je waren.

Aber es geht weiter in diesem Tenor, und manchmal wüsste man schon gern, ob Wenders eigentlich doch irgendwo am Ende des Tages ein berechnender Zyniker ist, der sein Publikum für blöd verkaufen möchte, oder ob er selber von den Schergen der päpstlichen Kommunikationsabteilung für blöd verkauft wurde.

Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes (17 Bilder)

Bild: PFAMOHW-Wenders

Er habe absolut freie Hand in der Gestaltung und der Endfassung gehabt, behauptet Wenders, einen privilegierten Zugang zu den Vatikan-Archiven, auch die Produktion sei finanziell völlig unabhängig vom Vatikan gewesen - mit anderen Worten, so Wenders "eine Carte blanche".

Vielleicht glaubt er das ja wirklich - zumal Wim Wenders ja offenbar alles Mögliche glaubt, worin ihm selbst manche sonst tief verbundenen Anhänger nicht folgen werden.

Relative Unabhängigkeit für einen relativ Abhängigen

Ganz so kann man das aber natürlich nicht stehen lassen. Der "privilegierte Zugang zu den Vatikan-Archiven" dürfte sich kaum auf das komplette Archiv bezogen haben, eher nicht zum Beispiel auf die Abteilung Inquisition, auf den Opus Dei, bestimmt nicht auf die innerkirchlichen Akten zu Pädophilie, Missbrauch und Vergewaltigungen Schutzbefohlener, auch kaum auf Antisemitismus und das Schweigen zu den Judenmorden in Deutschland nach 1933, auf die Kumpanei mit Mussolinis Faschisten oder auf die politischen Intrigen und Machenschaften innerhalb wie außerhalb des Vatikans während der letzten 100 Jahre.

"Privilegiert" ist übrigens sowieso nicht dasselbe wie "unbeschränkt", auch wenn es so klingt. Gemeint sind vielmehr vor allem die Filmmaterialen der Papstauftritte. Das "Centro Televisivo Vaticano", die Filmabteilung des Heiligen Stuhls, dokumentiert alle Reden und Reisen des Papstes, was für Filmemacher sehr praktisch ist, aber auch bedeutet, dass der Papst auf den Bildern meistens eine gute Figur macht.

Das "Centro Televisivo Vaticano" steht übrigens auch sehr deutlich im Abspann des Films, und die "Süddeutsche Zeitung" nennt es "einen der Hauptproduzenten des Films" - ganz so unabhängig klingt das nicht. "Carte blanche" oder nicht: Der Vatikan lieferte jedenfalls einen Großteil des Materials.

Man muss Wenders jetzt auch nicht nachsagen, dass er käuflich sei oder dass er Probleme damit hätte, seine Filme zu finanzieren.

Es geht mehr um den Gestus, mit dem hier einer verschleiert, dass er nur deswegen relative Unabhängigkeit genießt, weil er schon vorher innerlich relativ abhängig war.

Glauben und Religion verdienen keinen gesonderten Respekt

Hier ist nun ein kleiner Exkurs nötig: Glauben und Religion, um das auch mal so deutlich zu formulieren, wie es leider im Augenblick viel zu selten formuliert wird, verdienen keinerlei gesonderten Respekt. Sie verdienen den Respekt, den jede Privatmeinung verdient.

Man darf sie haben, denn es herrscht Meinungs- und Gewissensfreiheit. Schon das öffentliche Aussprechen und zur-Schau-tragen religiöser Überzeugungen wird in vielen Ländern problematisiert und eingeschränkt, weil Religion nämlich das Zeug hat, Konflikte zu schüren und soziale Spannungen zu fördern.

Genau dieser Respekt gegenüber Religion wird aber in Deutschland, wo man immer schon gern öffentliche Bekenntnisse einfordert, von vielen verlangt. Wenders zum Beispiel behauptet jetzt in Interviews gern, das religiöse Bekenntnis sei verpönt, unsere Kultur sei "zunehmend religionsfeindlich". Dabei lieben die Deutschen diesen Regisseur für nichts mehr als für seinen Engels-Deutschland-Kitsch "Der Himmel über Berlin".

Wenders aber verweist auf die USA als leuchtendes Beispiel: "In Amerika ist das ganz anders: Dort hat es eine andere Tradition, dass man mit seinem Glauben nicht hinter dem Berg hält, es ist auf eine andere Art im öffentlichen Bewusstsein. Man steht ganz selbstverständlich dazu, Christ, Jude oder Muslim zu sein."

Schon das ist ein schiefes Bild, denn Juden und erst recht Muslims werden in den USA gar nicht selten angegriffen, doch selbst Katholiken sind für konservative Kreise eine Bedrohung - nicht erst als eingewanderte Latinos, sondern auch als Kennedys.

Erst recht aber wird ein öffentliches Bekenntnis zur Gottlosigkeit und zum Atheismus sozial sanktioniert.

Priester des Zelluloid und Moraltrompeter von Düsseldorf

Nun ist es bestimmt so, dass die schlauen Herren im Vatikan schon wussten, dass sie sich in Wenders einen Gläubigen und willfährigen Vermittler ihrer Absichten ins Boot geholt hatten, einen Priester des Zelluloid.

Wim Wenders war weder Vorkämpfer des Neuen Deutschen Films, als dessen Angehöriger er heute oft genannt wird, noch ist er dem heutigen internationalen Autorenkino jene Galionsfigur, die er ein paar Jahre lang in den 1980ern mal war.

Wim Wenders war vielleicht schon immer der Hermann Hesse unter den deutschen Regisseuren: Nicht so radikal wie Werner Herzog, nicht klug wie Alexander Kluge, nicht so geschmeidig wie Volker Schlöndorff und nicht so genial wie Rainer Werner Fassbinder, sind seine Werke schon zu Lebzeiten gealtert, Wohlfühlwerke für das bildungsbürgerliche Seniorenkino. In der Schamecke des DVD-Regals stauben seine Filme vor sich hin.

Dario Viganò, der PR-Stratege des Papstes, ist nicht nur Theologe, sondern auch Filmexperte. An Wenders lobt er "diesen maßvollen, poetischen und innovativen Blick." Der Film "Franziskus - ein Mann seines Wortes", lobt Viganò in bezeichnender Formulierung, sei "eine aufmerksame Regiearbeit, die sich selbst zurücknimmt".

Der fertige Film legt den Verdacht nahe, dass eine Einflussnahme des Vatikan völlig unnötig war - Wenders meint jedes Wort ernst, das im Film fällt und ist aus tiefstem Herzen davon überzeugt, dass er ein Propagandist dieses Papstes sein möchte oder besser noch: Seines Bildes von diesem Papst.

Aus dem guten Mensch aus Düsseldorf ist der Moraltrompeter von Düsseldorf geworden. Ein Moraltrompeter, der so nebenbei im AfD-Stil billiges Politikerbashing betreibt - "Papst Franziskus ... ist eine Gegenfigur zu fast allen Politikern heute. Ein Mensch, der tatsächlich das Gemeinwohl und nicht nur seine eigenen Interessen ... vertritt."