Paradigmenwechsel in der Evolutionsbiologie

Kritik an der Kritik der Evolutionstheorie

Darwins Evolutionstheorie gehört zu den Ruhmesblättern der modernen Wissenschaft. Die Evolutionstheorie symbolisiert geradezu wissenschaftlichen Fortschritt, die Überwindung einer archaischen, an Religion orientierten Weltauffassung hin zur derjenigen der "aufgeklärten" Moderne. Deshalb frappiert, dass diese Theorie in den letzten Jahren zunehmend ins Blickfeld wissenschaftlicher Kritik gerät; und von wissenschaftlicher Kritik soll im folgenden die Rede sein, nicht von den notorischen, vergleichsweise uninteressanten Anfeindungen des Kreationismus. Die Kritik bezieht sich auf die "Moderne Synthese", also diejenige maßgeblich durch die Evolutionsbiologen Dobzhansky, Mayr und Huxley vorangetriebene Fassung der Evolutionstheorie, die Darwin noch unbekannte Erkenntnisse, etwa aus Genetik, Zoologie, Paläontologie oder Botanik, berücksichtigt.1

Erstaunlich ist der zurückhaltende Gestus, mit dem die Kritik am vorherrschenden Paradigma vorgetragen wird. So ist vorsichtig davon die Rede, dass die konventionelle Auffassung der Evolutionstheorie erweitert werden müsse, etwa in Berücksichtigung von Erkenntnissen der evolutionären Entwicklungsbiologie, bzw. der Epigenetik. Eine direkte Kritik von konventionellen, orthodoxen Auffassungen wird tunlichst vermieden. In diesem Sinne soll etwa, neben Neodarwinismus und Kreationismus, ein "dritter Weg" beschritten werden. Wissenschaft wird auf diese Weise gleich zweimal ein Bärendienst erwiesen. Zum einen wird, zumindest rhetorisch, Kreationismus als gleichrangig mit wissenschaftlichen Theorien eingeschätzt; zum anderen profilieren sich wissenschaftliche Theorien gerade in kritischer Auseinandersetzung mit ihren Widersachern, nicht, indem Kritik im Beschreiten von "dritten Wegen" vermieden wird.

Wissenschaftspolitisch mag diese Form des Widerspruchs am vorherrschenden Paradigma verständlich sein. Sie ist Ausdruck einer bestehenden Dominanz der "Modernen Synthesis", einer vorherrschenden Orthodoxie, welche - mit stets misstrauischem Blick in Richtung Kreationismus - eine kritische Befragung eher unterdrückt, als erleichtert. Auch ist sie Ausdruck eines überzogenen Respekts vor einer Theorie, welche emblematisch für die moderne (Natur-)Wissenschaft steht.

Wir wollen nichtsdestotrotz davon ausgehen, dass es wissenschaftlich fruchtbarer ist, in Auseinandersetzungen mit Theorien Irrwege aufzuzeigen, statt defensiv "dritte Wege" zu beschreiten. Diskutiert werden soll die Notwendigkeit von grundlegenden, radikalen Modifikationen der "Modernen Synthese". Es soll die Notwendigkeit von paradigmatischen Änderungen der Evolutionstheorie, entsprechend des perspektivischen Wechsels zwischen den physikalischen Weltbildern von Newton und Einstein - ein Perspektivenwechsel, der selbst paradigmatisch für das Konzept des Paradigmenwechsels steht -, aufgezeigt werden. Es geht nicht lediglich um kosmetische Reparaturen der Theorie, welche die Rede von "Erweiterungen" rechtfertigen würde, sondern um eine durchaus konfrontative Auseinandersetzung mit vorherrschender evolutionsbiologischer Orthodoxie.

1. Die anthropozentrischen Prämissen von Darwins Evolutionstheorie

Bekanntermaßen ist eine der zentralen Ideen Darwins, die der natürlichen Selektion, bzw. der natürlichen Zuchtwahl. Evolution, die Auffassung einer grundsätzlich gegebenen Kontingenz von Lebewesen, wird angelehnt an künstliche Zuchtwahl erklärt, also mit Blick auf ein Geschehen, das Darwin aus sozialen, anthropogenen Verhältnissen, etwa der Landwirtschaft, bestens bekannt war. Die Tatsache, dass Lebewesen (Pflanzen und Tiere) durch "künstliche" Zucht in gerichteter, also vererbbarer Weise verändert werden können, nämlich durch gezielte Beeinflussung von Reproduktionsraten, zeigte Darwin, dass dies auch bezogen auf natürliche (nicht-anthropogene) Verhältnisse der Fall sein könnte2:

Kann das Princip der Auswahl für die Nachzucht, die Zuchtwahl, welche in der Hand des Menschen so viel leistet, in der Natur zur Anwendung kommen? Ich glaube, wir werden sehen, dass ihre Thätigkeit eine äusserst wirksame ist.

Darwin hatte in dieser Sichtweise die Reproduktion restringierende Rolle des Züchters in Bezug auf künstliche Selektionen auf natürliche Verhältnisse übertragen. In Hinsicht auf "natürliche" Zuchtwahl wird diese Funktion vom abstrakten Konzept der "Anpassung" übernommen. Es ist stets das Kriterium der Adaption an Umwelt, das letztlich unter wechselnden, bzw. verschärften Umweltbedingungen entscheidet, ob Lebewesen überleben, sich reproduzieren können. Umweltbedingungen in ihrer Dynamik - "struggle for life": Kampf bzw. Konkurrenz um begrenzte Ressourcen, zumal bei einer überschießenden Anzahl von Nachkommen, Veränderungen in den Umweltverhältnissen, etwa des Klimas - führen, nach Maßgabe von sich dadurch verändernden Reproduktionsraten, zur Anpassung von Organismen an diese Bedingungen. Also zur Abwandlung von Arten, bzw. zur Entstehung von neuen Arten im Sinne eines "survival of the fittest".

Eine weitere, weniger offenkundige anthropozentrische Prämisse von Darwins Entwurf ist, spezifisch mit Blick auf das Konzept der "Zuchtwahl", der Rekurs auf Individuen. Es muss davon ausgegangen werden, dass das Konzept der Individualität ein Artefakt, bzw. eine Konstruktion sozialer Evolution ist. Evolution also, die auf Sprache und Kommunikation basiert und für deren Funktionalität individuelle soziale Adressen (Personen, unterscheidbare Kommunizierende) und etikettierte Objekte benötigt werden. Es ist denn auch soziale Evolution, die ermöglicht, bei "künstlicher" Zuchtwahl Lebewesen abseits von Menschen problemlos Individualität zuzurechnen und folglich auch von individuell zuzurechnender Selektion zu sprechen (etwa im Sinne einer Prämierung von Zuchtbullen).

Allerdings ist äußerst problematisch, davon auszugehen, und zudem als Prämisse für die Konstruktion einer Theorie zu verwenden, dass Individualität von Lebewesen etwas ist, das Evolution fraglos vorausgesetzt werden kann. Dies zeigt ein Blick auf das evolutionäre Geschehen in der Welt der Bakterien (Prokaryoten). Reproduktion erfolgt hier durch Klonung; auch besteht unter Bakterien die Möglichkeit, Gene gewissermaßen direkt ("horizontal"), unabhängig von Reproduktion, auszutauschen.3 Wobei zudem hervorzuheben ist, dass Evolution ausschließlich auf Basis prokaryotischen Lebens den längsten Zeitraum in der Evolutionsgeschichte ausmacht. Lebewesen auf der Basis von Eukaryoten (Zellen mit Zellkern), Multizellularität und sexueller Reproduktion, die für Darwins Evolutionstheorie Referenz sind und Anschauungsmaterial liefern, hatten sich selbst erst evolutionär auszudifferenzieren. Auch unter diesem Blickwinkel ist unplausibel, ein sehr spezifisches Geschehen in später Evolution zum Ausgangspunkt einer Theorie zu machen, die Evolution grundsätzlich und allgemein erklären soll.

Die anthropozentrischen Prämissen von Darwins Entwurf mögen diesen vielleicht nicht vorweg disqualifizieren. Die induktive Vorgehensweise Darwins machen seinen Entwurf jedoch äußerst fragwürdig. Es ist als Prämisse einer Theorie nicht überzeugend, von einem sehr spezifischen Sachverhalt sozialer Art - künstliche Zuchtwahl - auszugehen und diesen als Paradigma für ein Geschehen vorauszusetzen, dessen Zeitdauer mittlerweile auf 3.5 Milliarden Jahre taxiert wird. Das evolutionäre Aufkommen von Sprache und Kommunikation fand mutmaßlich erst in der in den letzten 5 Sekunden statt, wird die Zeitdauer der Evolution auf einen Tag projiziert. Erst die evolutionäre Entwicklung von Sprache ermöglicht soziale Evolution und damit die kommunikative Konstruktion von Individualität, die dem Konzept der "künstlichen" Zuchtwahl vorausgesetzt ist. Allerdings muss in diesem Zusammenhang festgehalten werden, dass Darwin weder die zeitlichen Dimensionen klar sein konnten, noch verfügte er über die theoretischen Mittel, um soziale, auf Kommunikation basierende Evolution, von derjenigen im biologischen Sinne zu unterscheiden.4

Ein weiteres Problem des Entwurfs Darwins ist die theoretische Überfrachtung des Konzepts der Anpassung. Von Evolution kann nur die Rede sein, wenn sich Lebewesen - bei aller Unterschiedlichkeit - in einem Kriterium nicht unterscheiden. Sie müssen unterschiedslos lebendig sein. Die evolutionäre Unterschiedlichkeit von Lebewesen kann so gesehen überhaupt erst auf der Basis von Gleichheit, der Lebendigkeit aller Lebewesen, unterschieden werden.

Da Darwin nicht über eine Theorie, oder zumindest Hypothese des Lebendigen verfügte, nimmt das Kriterium der Anpassung in seinem Entwurf eine Doppelrolle ein. Einerseits wird Anpassung als Indikator für Lebendigkeit verstanden und wird insofern als Konstante aufgefasst. Nicht angepasste Lebewesen, bzw. Populationen können nicht, oder zumindest nicht auf Dauer überleben, bzw. sich reproduzieren. Andererseits nimmt das Konzept der Anpassung bei Darwin das einer Variablen ein. Es ist schließlich das Kriterium der Anpassung von Lebewesen, bzw. Populationen an variierende Umwelten, welches den Erhalt, bzw. die Entstehung von neuen Arten erklären soll. Die Paradoxie, dass Anpassung in Darwins Entwurf sowohl als Variable, wie auch als Konstante zu verstehen ist, wird lediglich im Rekurs auf die Dimension der Zeit aufgelöst. Die theoretische Unentschiedenheit betreffend dieses Konzepts kann jedoch zur Willkürlichkeit bei der Konstruktion von evolutionären Erklärungen führen.5

Eine Alternative bei der Konstruktion einer Evolutionstheorie ist, um nicht zuletzt diese theoretische Schwachstelle zu vermeiden, einen Begriff - zumindest im Sinne einer Arbeitshypothese - über die Natur des Lebendigen zu entwickeln. Wird unterschieden, was unterschiedslos für alle Lebewesen Gültigkeit haben muss, können im Rahmen dieses Konzepts Möglichkeiten und Limitationen evolutionärer Unterscheidungen von Lebewesen ausgearbeitet werden. Im Gegensatz zu Darwins methodisch induktiver Vorgehensweise wird derart Erkenntnis deduktiv ermöglicht. So wird die zweifelhafte theoretische Konstruktion vermieden, ein sehr spezifisches Geschehen sozialer Evolution, "künstliche Zuchtwahl", zum Ausgangspunkt einer allgemeinen Theorie der Evolution zu machen. Der Ausgangspunkt vorgeschlagener Deduktion ist hingegen fundamental und kaum anzuzweifeln. Behauptet wird lediglich, dass allen Lebewesen, so unterschiedlich sie evolutionär bedingt auch sein mögen, eines gemein ist: sie sind unterschiedslos lebendig.