Paradoxe TheoTechnologien

Virtuelles Paradies oder digitale Hölle?

Über die Verheißungen oder Bedrohungen der neuen Technologien herrscht weiterhin Uneinigkeit. An Büchern des Atlantikers de Kerckhove und des Alteuropäers Kamper zeigt Rudolf Maresch die unüberbrückbare, weil tief in religiöse Eschatologien verankerte Differenz der Standpunkte.

Derrick de Kerckhove, Schriftgeburten. Vom Alphabet zum Computer. Aus dem Französischen von Martina Leeker. Mit einem Nachwort von Friedrich Kittler, München: Wilhelm Fink Verlag 1995, 216 S., 48 Mark

Dietmar Kamper, Bildstörungen. Im Orbit des Imaginären. Schriftenreihe der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, Stuttgart: Cantz Verlag 1994, 103 S., 19.80 DM

Dietmar Kamper, Unmögliche Gegenwart. Zur Theorie der Phantasie, München: Wilhelm Fink Verlag 1995, 196 S., 38 Mark

Medien bestimmen unser Sein. Ohne ihre Techniken wüßten wir nicht, daß es das gibt, was es da gibt. Meist wird ein solches Urteil nur akzeptiert im Hinblick auf die neuen elektronischen Medien. Vergessen wird gemeinhin, daß dieses Urteil allenthalben auf alle älteren Medien zutrifft, handelt es sich nun um Sand, Steintafeln oder Häute, um Tempel, Kathedralen oder Papyrus - oder schlichtweg um Buchstaben, also Schrift.

Wie sehr unser Wissen, Denken und Wahrnehmen vom Schriftmedium geprägt ist, wie sehr unsere Vorstellungen von Raum und Zeit, von Geschichte, Kultur und identischem Subjekt eine Folge dieses ältesten und wohl wirkungsvollsten aller Speichermedien geprägt sein mögen, darauf macht Derrick de Kerckhoves Buch nachhaltig aufmerksam.

Nun ist ein solche Sichtweise der Dinge alles andere als neu. Der junge Jacques Derrida wies bereits in seiner Logozentrismus-Kritik in den 60er Jahren, aber auch in seiner Theorie der Post Ende der 70er Jahre ebenso unmißverständlich darauf hin, wie die Amerikaner J. Goody, W. Ong und E. A. Havelock. Neu ist, daß de Kerckhove den Unterschied zwischen westlichen und anderen Anschauungsformen nicht mehr auf den Gegensatz zwischen tief verinnerlichter Literalität und noch existierenden oralen Bewußtseinsformen zurückführt, sondern Medientechniken als neurokulturelle Eingriffe in die menschliche Psyche begreift. Durch diesen Kunstgriff ist es ihm möglich, die Evolution der griechischen Vokalschrift mit der einseitigen und übermächtigen linkshemisphärischen Entwicklung des menschlichen Gehirns kurzzuschließen, und damit die Überlegenheit des analytischen, linearen und logisch-kognitiven Denkens, das der westlichen Kultur zu seiner Vormachtstellung in der Welt verholfen hat, hirnphysiologisch zu begründen.

Auch wenn diese These einer strikten Trennung in linke und rechte (Sitz des Emotionalen, Kreativen und Akustischen) Gehirnhälften - eine Idee, die er dem Spätwerk seines Lehrers Marshall McLuhan verdankt, als dessen Nachfolger an der Universität Toronto er inzwischen das seinerzeit gegründete Programm für Technologie und Kultur leitet - epistemologisch auf höchst schwammigen Boden gebaut ist und heute unter Hirnforschern kaum noch Akzeptanz findet (de Kerckhove kann auch außer den eher zweifelhaften Forschungen des Neurobiologen J. D. Changeux kaum Beweise anführen, die seine These stützen würden) - schafft es de Kerckhove durch diesen spekulativen Umbau jedoch, eine direkte Linie von den prämodernen Schriftkulturen zu den posthistorischen Biofeedbacksystemen neuronaler Netze zu ziehen und uns die Geschichte des Sündenfalls neu und noch einmal anders zu erzählen. Alphabetisierung, die ursprünglichste aller Psychotechnologien, erscheint dann als Quelle einer unheilvollen Entwicklung, die vom Zerhacken unseres Bewußtsein und dem modernen Solipsismus über den Verlust der körperlichen Kontrolle über die Sinne bis hin zur Erfindung der Atombombe reicht.

Wie nicht anders zu erwarten, bleiben bei einer derartig grobschlächtigen Begradigung medientechnischer Entwicklungen buchstäblichste Differenzen auf der Strecke. Gerade diese Unterschiede sind aber entscheidend, wenn es, wie von de Kerckhove beabsichtigt, um eine medientheoretische Grundlegung und Kritik der Moderne geht, um ihre tentative Auflösung in Richtung auf eine, von digitalen Netzwerken technisch gesteuerten Hypermoderne. So sind beispielsweise, worauf Friedrich Kittler in seinem knappen, aber höchst kundigen Statement hinweist, alle europäischen Schriftsysteme immer auch Zahlensysteme gewesen. Erst die Einführung arabischer Ziffern anstelle der römischen in die Schrift, erst die Ersetzung platonischer Wesenheiten durch stumme mathematische Zeichen und Algorithmen haben es möglich gemacht, die Schrift von ihren semantischen Inhalten abzukoppeln und sie im neuen Universalmedium Computer rein technisch, d.h. ohne Rücksicht auf ihre bedeutungstragenden Einheiten, zu implementieren.

Führt man sich diese Übersetzung von (sprachlichen) Sinn in Rausch-Signal-Abstände vor Augen, so kommt man zu einem anderen Ergebnis, als de Kerckhove uns glauben machen will. Elektronische Medientechniken erscheinen unter diesen Vorzeichen allenfalls als externalisierte Werkzeuge, mit deren Hilfe wir zwar die Gutenberg-Galaxis verlassen, aber keinesfalls das jahrtausendalte Schriftmonopol hintergehen können. In den integrierten Schaltkreisen der neuen technischen Medien schreibt sich die alphabetische Schrift - nach wie vor - in andere Schriften und Speicherformen ein. In den Siliziumchips bahnt und webt sich, was de Kerckhove trotz aller Kritik an Derridas: Alles ist Text- Metapher übersieht, eine postsignifikante Schrift (Deleuze/Guattari) ihren Weg. Sie funktioniert nach den diskursiven Handgreiflichkeiten Kombination und Permutation und schreibt deren Signifikantenketten auf hochsensiblen photo-chemischen materiellen Trägerschichten ein.

So gesehen gibt es alsbald keinen Ausstieg aus der Bevormundung durch die Schrift oder gar eine Gegenwärtigkeit des Geistes jenseits des Buchstaben. Auch die Bildersprache ist eine in Pixels errechnete Schrift und wird, sobald die Unterschiede zwischen den einzelnen Medien im einheitlichen Multimediasystem verschwinden, als universales maschinelles Signalprocessing darstellbar. Das Reale, oder vielmehr die Spur des Realen, hört, auch wenn die Einschreibefläche ein Maschinenkörper wird, nicht auf, sich nicht zu schreiben. Die materiellen Schriftzeichen als Nicht-Schrift zu behandeln, als das, was der Differenz von Oralität und Schriftlichkeit immer schon vorausgeht, diese Vielschichtigkeit des Fließens und Verschiebens, Gleitens und Springens auch im Hypertext zu denken, zeichnet aber gerade den metaphorischen Schriftbegriff Derridas vor allen anderen aus.

Indes, dieser Einwand allein schwächt de Kerckhoves Position noch nicht entscheidend. Immerhin kann er zur Stützung seiner Argumente inzwischen auf vom Computer stimulierte und die fünf menschlichen Sinne zugleich stimulierende Psychotechnologien verweisen, die uns von den angeblichen Übeln der Schrift: der Vorherrschaft des Sehens (Auge) über das (Zu)Hören (Ohr), des Sinns über die Sinne, des Ichs über das Andere, der Wissenschaft über den Mythos befreien und jene, von Paulus im 2. Korintherbrief hinterlegte Sendung, den menschlichen Geist von der Tyrannei des Buchstaben zu erlösen, verwirklichen.

Die Ästhetik der digitalen Technologien erzeugt gegenwärtig Konfigurationen, die Körper und Geist, Bewußtsein und Dinge nicht nur anders schulen und miteinander verschalten, sondern auch die durch Schriftzeichen und allgemeine Alphabetisierung verschüttet gegangenen akustischen, taktilen und anderen propriozeptiven Kräfte des Körpers neu koordinieren. Insofern diese Techniken einen interaktiven Kontakt zwischen Körper, Tastatur, Maus oder anderen Feedback-Instrumenten herstellen, wird das Nervensystem ohne das lästige Dazwischentreten eines die Signale bzw. Reize verzerrenden oder störenden Mediums unvermittelt synästhetisiert.

Ob allerdings die direkte Einspeisung der im Gehirn entstehenden lustvollen Bilder, Töne und Vibrationen in das Netz der künftigen Infobahn auch noch zu einer planetarischen Kommunikation oder gar zu einem spirituellen wie umfassenden ökologischen Bewußtsein führen wird, scheint mehr als fraglich. Vor dieser Anarchie der Datenströme und ihrer Verwandlung in reine Lustströme schützen einmal die technologischen Imperien der Gegenwart und die mächtigen Herren oder Gatekeeper der Datenautobahnen, heißen sie nun Pentagon, NSA, NATO oder schlicht Bill Gates. Zugangskontrollen vor den Toren und Auffahrten zu allen wichtigen Datenbasen und hohe Mautgebühren, verrechnet in Dollars pro Zeittakt, sorgen dafür, daß die interessantesten Informationen gar nicht erst in die Netze gelangen oder die User und Datensurfer an diese, außer evtl. durch geniales Datenhacking, überhaupt herankommen.

Über diese Tiefenstrukturen der neuen Technologien, die jede postmoderne Hoffnung auf eine weitere Horizontalisierung und Enthierarchisierung der (Welt)Gesellschaft karikieren, erfährt man nur am Rande, dafür um so mehr über die angebliche Freiheit, die den Datenreisenden im Cyberspace erwartet, wenn er den Verheißungen der Protagonisten widerspruchslos Glauben schenkt - und über die scheinbare Widerständigkeit einer Medienkunst, die bestimmte Auswirkungen der Technik reduzieren, bremsen oder entlarven kann und die menschliche Erfahrung wieder sinnlich machen soll. De Kerckhove übersieht aber, weil ihm ein entsprechender Begriff der Macht fehlt, daß die beiden neuen Medien, Virtualität und Technokunst, nur das Oberflächenphänomen jener postmodernen Interfacekultur widerspiegeln, die den fortwährenden Krieg um Daten und Informationen, wie er sich in der Proliferation von Plutonium oder anderen Hardwaremedien rund um den Erdball abspielt, überlagern und vernebeln.

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