Paranoia Zuckersteuer

Bild: 12 Nati 34/CC BY-SA-4.0

Derzeit dominiert in Deutschland ein Problem: Zucker. Zahlreiche Organisationen überbieten sich im Übereifer der postfaktischen Hetzjagd auf den neuen "Teufel auf dem Teller". Zucker weg, alles gut? Nonsens!

Wir haben ihn. Den kristallinen Killer, der die Menschheit krank, dumm und fett macht und für einen frühen Tod sorgt: Zucker, der lautlose allgegenwärtige Assassine - auch inkognito in Todesmission unterwegs unter den Aliassen Glucose, Fruktose, Saccharose und weiteren Decknamen. Derzeit überbieten sich zahlreiche Organisationen in bemerkenswertem Übereifer in ihrer Pressearbeit mit polemischen Forderungen nach Zuckersteuer, -reduktion, -werbeverboten und weiteren Zwangs- und Regulationsmaßnahmen, um "die Bürger und vor allem die kleinen Kinder vor den Gefahren des süßen Gifts zu schützen".

So warnte jüngst das Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) die Eltern eindringlich davor, "bisschen Zucker auf die frischen Erdbeeren oder den Naturjoghurt zu streuen", da dies die Kinder bewiesenermaßen fetter mache. Und in einer großen süddeutschen Zeitung war am gleichen Tag zu lesen: "Die Industrie muss sich darauf einstellen, dass Zucker ähnlich streng wie Alkohol und Zigaretten reguliert werden könnte."

Im Fokus der ernährungsapostolischen Missionierung steht dabei klar eine Steuer auf Lebensmittel, die zu viel vom "süßen Teufelszeug" enthalten - denn diese Zwangsabgabe wird als der gelobte Heilsbringer gehypt: Sie soll uns alle gesünder und schlanker machen. Der kleine Haken an der Hetzjagd auf die Zuckersau, die durchs Dorf getrieben wird, ist nur: Es fehlen wissenschaftliche Beweise.

Zum einen ist die Warnung "zu viel Zucker" nicht mehr als eine hohle Phrase, für die keinerlei wissenschaftlich gesicherte Grenzwerte vorliegen. Was ist zu viel? Es ist unmöglich, dazu evidenzbasierte Aussagen zu treffen, denn: Jeder Mensch is(s)t anders. Des Weiteren gibt es keinerlei Kausalevidenz, dass Zucker krank oder dick macht - was daran liegt, dass die bemitleidenswerte Ernährungswissenschaft modernem Glaskugellesen gleicht.

Denn aufgrund massiver Limitierungen seiner Datengrundlage, basierend auf unüberprüfbaren Eigenangaben der Probanden und beweisfreien Beobachtungsstudien, kann dieser Forschungszweig keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen (Kausalitäten) liefern, sondern nur banale wachsweiche statistische Zusammenhänge (Korrelationen) im Sinne von "Wer mehr Bananen isst, lebt länger - Bananen verlängern das Leben!" Ergo fehlt Evidenz sowohl für "gesunde Ernährung" im Allgemeinen als auch für spezielle Lebensmittel und erst recht für einzelne Inhaltsstoffe.

Last but not least: Niemand ist in der Lage zu belegen, dass eine Zuckersteuer zu weniger Fettleibigkeit, Diabetes, Schlaganfällen und sonstigen Krankheiten oder gar zur sinkender Mortalität (Sterblichkeit), dem härtesten aller klinischen Endpunkte, führt. So konstatierte im "Tagesspiegel" auch jüngst Prof. Susan Jebb, Ernährungswissenschaftlerin an der Universität Oxford, die mehr als zehn Jahre Chefberaterin mehrerer britischer Regierungen zum Thema Ernährung und Übergewicht war, klar: "Ob sie (Zuckersteuer) zu weniger Übergewicht führt, werden wir, wie ich glaube, nicht in der Lage sein zu messen." Hinzu kommt, dass keiner sicher prognostizieren kann, ob eine "Zuckersteuer" nicht sogar mehr Schaden anrichtet, als sie nutzt.

Insbesondere die "Generation dicke Kinder", die immer wieder als Grund für den Anti-Zucker-Aktionismus herangezogen wird, existiert schlicht nicht - sie ist ein artifizielles Konstrukt der Panikpropaganda. Laut KiGGS-Studie ("Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland"), der einzig relevanten Verlaufsstudie, waren im Jahr 2017 gerade einmal 5,9 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland adipös, also das, was man allgemein als "fettleibig" bezeichnet. Im Vergleich zu 2006 ist die Quote stabil geblieben: Das RKI konnte keinen Anstieg beobachten.

Aktuelle Zahlen der Krankenkasse DAK liegen sogar noch weit darunter, konkret bei nur 3 Prozent. Oder anders: 97% des hiesigen Nachwuchses ist nicht fettleibig. Hinzukommt: Das Gros der adipösen Kinder und Jugendlichen lebt in sozial schwachen Schichten, oft mit Migrationshintergrund. Wer den fettleibigen Kids wirklich gezielt helfen will, der trommelt nicht öffentlich lautstark nach einer evidenzbefreiten Zuckersteuer, sondern investiert in lebensnahe Maßnahmen für sozial schwache Familien. Doch hier passiert nichts, genauso wenig wie am spindeldürren anderen Ende der Skala: Etwa doppelt bis dreimal so viele Kinder gelten als untergewichtig.

Dass die Zahlen "juveniler Adipositas" so niedrig sind und seit Jahrzehnten nicht weiter ansteigen, wissen auch die Prediger pro Zuckersteuer. Nichtsdestotrotz wird vor kindlichen "Adipositas-Epidemien" und "Fettleibigkeits-Schwemmen" gewarnt, um auf der Angstwelle der Bürger zum Ziel zu surfen: Zuckersteuer! Zu diesem Zweck benutzen die "Kampagneros" immer wieder gerne folgender Taschenspielertrick: Sie vermischen die Begriffe "übergewichtig" und "fettleibig", um die Steuerrechtfertigungs-Dicke-Kinder-Quote in die Höhe zu treiben. 15 Prozent klingt einfach "besser" als 3 bis 6.

Während Adipositas durchaus auf medizinische Probleme hinweisen kann, gibt es keine Belege dafür, dass "normales" Übergewicht in irgendeiner Weise schädlich ist. Es handelt sich vielmehr um einen Kampfbegriff, der ausschließlich diskriminiert und exkludiert: Eltern und deren übergewichtige Kinder fühlen sich nicht mehr zur "normalen" Bevölkerung dazugehörend, obwohl sie gesund sind.

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