Paranoia als erste Bürgerpflicht

Ich muss mich in seinen verdrehten Verstand hineinversetzen

Mehl, Anthrax und die große Angst

Weil sie mit Mehl eine Markierung für eine Schnitzeljagd anbrachten, landeten zwei Deutsche im Gewahrsam. Die Kosten für den Großeinsatz der Polizei sollen ihnen in Rechnung gestellt werden. Nur ein Beispiel dafür, wie sich das Verhalten in der Gesellschaft ändern muss, will man nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Paranoia wird zur Bürgerpflicht.

Ein harmloser Spaß sollte es sein, wie er von über 1800 Gruppen weltweit veranstaltet wird: Mehr oder minder vom Joggen begeisterte Leute treffen sich, um eine Schnitzeljagd zu veranstalten, die mit Bierstationen (im Gegensatz zu den Wasserstationen z.B. bei Radlern) während und am Ende der Jagd die schweißtreibende Joggerei verschönt. Die World Hash House Harriers wollen damit die Erinnerung an die Jugend wieder aufleben lassen und gleichzeitig „den Druck des Alltags abbauen und sich einfach wie ein Depp unter anderen benehmen können“.

Nun benötigt man für eine Schnitzeljagd immer eine Fährte - bis vor kurzem war man auf Kreide ausgewichen, hatte sich jetzt aber wieder für das biologisch abbaubare Mehl entschieden. Herr S. und seine Schwester, die mit der Schnitzeljagd nicht nur seinen Umzug nach New Haven, sondern auch seinen 36. Geburtstag feiern wollten, legten die Fährte u.a. auf dem Parkplatz eines IKEA-Möbelhauses.

Diesmal aber endete die Schnitzeljagd nicht beim gemütlichen Biertrinken, sondern für die beiden Fährtenleger im Gefängnis, denn die Pfeile und das weiße Mehl wurden als potentieller biochemischer Angriff angesehen, das Möbelhaus wurde evakuiert und öffnete erst am nächsten Tag wieder, die Polizei begann einen Großeinsatz.

You see powder connected by arrows and chalk, you never know. It could be a terrorist, it could be something more serious. We're thankful it wasn't, but there were a lot of resources that went into figuring that out.

Jessica Mayorga, die Sprecherin des Bürgermeisters

Diese Ressourcen werden nun den S. in Rechnung gestellt werden. Die Frage, die man sich jetzt stellen könnte, ist, warum denn so viele Ressourcen notwendig waren. Ein einzelner Polizeiangestellter, der die noch anwesende Schwester des S. nach dem Mehl fragt, eine kurze Analyse und damit dürfte das Problem bereits gelöst sein.

Wieso sollten zwei Personen mit Mehltüten in der Hand biochemische Waffen ohne jeden Schutz für sich selbst auf einem Parkplatz ausbringen? Warum hatte die ausgebrachte Substanz offensichtlich keinerlei gesundheitliche Beeinträchtigungen mit sich gebracht? Wieso diese Fragen nicht zuerst beantwortet wurden, bevor es zu einer Evakuierung und einem Großeinsatz kam, ist unklar.

Der Vorfall erinnert an den mit der Aufschrift „BOB“ versehenen Spuckbeutel, der ein Flugzeug zum Umkehren zwang, weil man dahinter „Bomb on Board“ vermutete (vgl. Was ist mit BOB?). Oder an die in Boston eine Panik verursachenden elektronischen Werbefiguren, deren Geschichte dann sogar zu einem ironischen Video führte.

Die Aqua Teen Hunger Force Werbetafel, die den Großalarm in Boston auslöste

Wer nun aber amüsiert über die amerikanische Terrorpanik den Kopf schüttelt, der sollte ein kleines Experiment starten und einen Koffer sowie einen kaputten Wecker vor die Haustür oder auf einen öffentlichen Platz stellen (Don´t try this at home!). Er hat eine gute Chance, dass er auch hier eine Panik auslösen würde. So wurde jüngst ein Herr im Ruhrgebiet (wie er mir berichtete) gebeten, beim Sperrmüll darauf zu achten, dass alle Behältnisse geöffnet sind, damit „beim Anblick verschlossener Koffer oder Reisetaschen kein flaues Gefühl entsteht“.

Ferner solle er davon Abstand nehmen, kaputte Wecker oder elektrische Geräte „derart vor die Tür zu stellen, dass ein falscher Eindruck entstehen könnte“. Auch wenn es sich hier nur um den Rat eines offensichtlich übereifrigen Angestellten handelte (derartige Anweisungen sind weder im Internet, noch auf Anfrage bei diversen Gemeinden in Schriftform zu finden), so zeigt dies doch einmal mehr, wie sich die Gesellschaft nach dem 11.09.2001 verändert hat und wie sich der einzelne Bürger immer mehr in ein paranoides Denken hereinsteigern muss, um nicht selbst mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen oder eine Panik zu verursachen ohne dass er dies überhaupt beabsichtigte.

Einer der legendären Aussprüche Batmans, wenn er sich auf die Jagd nach dem Joker begab, war: Ich muss mich in seinen verdrehten Verstand hineinversetzen, kongenial in „Sergio Aragones destroys DC“ karikiert.

Was in der obigen Abbildung aber so komisch erscheint, ist im Zuge der Antiterrorangst Realität: Das unbefangene Agieren des Einzelnen wird systematisch verhindert, an seine Stelle tritt eine Denkweise, die nicht mehr die eigene, sondern die derjenigen ist, die Sanktionen verhängen.

Computer (Kabel!), einen Koffer und einen Wecker gleichzeitig in den Sperrmüll? Rasierwasser auf die Reise mitnehmen oder gar den mp3-Player? Pfeile oder Symbole auf die Straße malen oder mit einer mehlartigen Substanz aufbringen? In der Apotheke oder online Eisenfeilspäne kaufen (vgl. Terrorfahndung in Kinderzimmern)? All dies kann heutzutage zu nicht unerheblichen Problemen wie Hausdurchsuchungen etc. führen.

Das bedeutet, dass der Einzelne sich vor seiner Aktion stets überlegen muss, ob diese nicht bei jemandem zu Assoziationen mit Terror führen könnte. Letztendlich bedeutet dies aber das Ende für die freie Entscheidung. An deren Stelle ist die vollkommen von Angst bis hin zur Paranoia geprägte Fremdbestimmung getreten, welche die Freiheit des Einzelnen nicht nur beschneidet, sondern mit jeder solchen Entscheidung wie im Fall der Schnitzeljagd-Liebhaber weiter gen Null verschiebt.

Da derartige Reaktionen wie im Fall der Geschwister S. bei den Verantwortlichen nicht zur Selbstreflektion führen, sondern die Verantwortung/Schuld bei jenen gesucht wird, die erst die Reaktion „unbedacht auslösten“ und die Parole „better safe than sorry“ ausgegeben wird, gibt es somit immer mehr Präzedenzfälle, auf die man sich bei Sanktionen berufen kann („Aber die Mehlprobleme hatten wir doch schon bei den Geschwistern S.“/“Bombenalarm wegen LED-Werbeträgern hatten wir doch schon“) und die neben den geltenden Gesetzen einen neuen Denkkodex begründen.

Was für die Aktionen im „real life“ gilt, lässt sich ebenso auf die Meinungsäußerung im Internet und per Telekommunikation anwenden. Wobei hierbei neben der Terrorangst auch noch der Abmahnwahn in Sachen Marken-/Domainrecht sowie die Angst vor Hausdurchsuchungen etc. im Zusammenhang mit Kinderpornographie eine Rolle spielen.

Das Resultat ist jedoch das gleiche: Auch hier wird die unbefangene Aktion (Meinungsäußerung) durch eine fremdbestimmte Aktion ersetzt, welche die wenigsten Sanktionen mit sich bringt oder bringen könnte. Sollte die Vorratsdatenspeicherung tatsächlich umgesetzt werden, so ist zu vermuten, dass dieser Trend sich fortsetzt. „Überleg Dir gut, was Du sagst.“ oder auch „Feind hört mit“ werden dann allgegenwärtige Denkweisen sein und den Weg zu einer immer stärker sich duckenden und angepassten Gesellschaft ebnen, in der auch Freundschaften zu denjenigen, die sich diesem Denken und Agieren verweigern, als verdächtig angesehen und dementsprechend beendet werden.

„Tut mir leid, aber ich will keine Probleme bekommen, deshalb helfe ich lieber nicht bei der Verfassungsbeschwerde“ hieß es von vielen, die ich wegen der Verfassungsbeschwerde gegen das neue Verfassungsschutzgesetz in Nordrhein-Westfalen (vgl. Verfassungsbeschwerde gegen Online-Durchsuchungen) anschrieb. Ein Mantra, was schon oft zu hören ist. Eine Abkehr davon ist nicht zu erwarten, eher eine Verschärfung, je mehr Daten gesammelt und ausgewertet werden sollen/können und je mehr einst harmlose Aktionen zu scharfen Sanktionen führen.

Der Hobbychemiker wird sich überlegen, ob er noch weiterhin Chemikalien einkauft (auch wenn dies legal ist), die Schnitzjagd-Freunde werden überlegen, ob sie sich nicht andere Substanzen zum Fährtenlegen ausdenken müssen und der Fluggast wird überlegen, ob er sich nicht vor Ort sein Rasierwasser kauft und auf den MP3-Player verzichtet, um nicht zu lange am Schalter stehen oder sich einer Leibesvisitation und/oder einer Befragung ausgesetzt sehen zu müssen. Selbst wenn sie sich dann dafür entscheiden, Sanktionen ggf. in Kauf zu nehmen, - eine freie und unbefangene Entscheidung ist dies nicht mehr. Für eine freie Gesellschaft wären aber eben diese Entscheidungen unabdingbar, da sie erst Kreativität und Weiterentwicklung ermöglichen.

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