Paris: 3.035 Personen übernachten im Winter "auf der Straße"

Paris im November. Foto: Hernán Piñera /CC BY-SA 2.0

Die Vereinigung Apur zählte im Februar die Obdachlosen in der Metropole, die keinen anderen Schlafplatz hatten. Sie ermittelte einen weitaus höheren Frauenanteil als frühere Schätzungen

Der personelle Aufwand war beträchtlich; auch die Stadtverwaltung von Paris stand hinter dem Versuch, sich Klarheit darüber zu verschaffen, wie viele Personen in der "Stadt der Liebe", deren Ruf legendär ist ("Ein Fest fürs Leben", Hemingway), obdachlos auf der Straße leben.

In einer Winternacht, vom 15. auf den 16. Februar, brachen 353 Teams von Freiwilligen, "beruflich im sozialen Bereich Tätige" sowie 1.700 Bewohner von Paris in die Straßen der Stadt auf, um zu zählen, wer sich zwischen 22 Uhr und 1 Uhr morgens dort aufhielt, weil sie oder er kein anderes Schlaflager hat. Untersucht wurden 344 zuvor ausgewählte Sektoren.

Die Untersuchung sei eine Premiere, stellt die gemeinnützige Vereinigung Apur (Atelier parisien d'urbanisme) in seinem Bericht, der dieser Tage veröffentlicht wurde, fest. Es habe Vorläufer ähnlicher Operationen in Brüssel, New York, Athen und Washington gegeben, aber in der französischen Hauptstadt sei dergleichen noch nicht durchgeführt worden.

Das Ergebnis korrigiert Schätzungen, die das amtliche französische statistische Amt Insee und Ined, das nationale Institut für demographische Forschung, in früheren Jahren ermittelt haben. Doch auch wenn der Apur-Bericht Auskunft gibt über die genaue Methodik, so sind auch seine Zahlen Schätzungen.

Sie sind es aus dem einfachen Grund, weil die Untersuchungsgebiete nicht ganz Paris abdecken, und es zum Leben auf der Straße gehört, dass sich die SDF (auf Deutsch: "ohne festen Wohnsitz") nicht unbedingt so präsentieren, dass sie leicht zu entdecken wäre. Es gibt also eine Dunkelziffer.

Gezählt haben die Teams, die in der "Nacht der Solidarität" unterwegs waren, 3.035 Personen, die für diese Nacht keine andere Unterkunft fanden oder suchten als Straßen (2080 Personen), Bahnhöfe (226), Wartezonen in der Notaufnahme von Krankenhäusern (55), U-Bahn-Stationen (373), Parkplätze (112) oder Parks (189) - untersucht wurden Bois de Vincennes, Bois de Boulogne und "La colline" im 18ten Arrondissement.

Letzterer Ort, in der Nähe der Porte de la Chapelle, wird auch als "colline du crack" bezeichnet und machte einige Schlagzeilen als Drogenumschlagplatz mit hässlichen Bildern von Verwahrlosung und Berichten von Gewalt. Im Juni dieses Jahres meldete die Tageszeitung Le Parisien, dass die Polizei die "colline du crack" geschlossen habe. Kürzlich erschienene Berichte (und hier) lassen jedoch erkennen, dass die Zone weiter viele Probleme verursacht.

Dies ist nur ein Schlaglicht, das beleuchtet, worum sich die Untersuchung gar nicht kümmert. Sie fragt nicht danach, aus welchen Gründen sich welche Personen an bestimmten Orten aufhalten. Die Obdachlosen bleiben völlig anonym, rein stastitische Größen. Das ist anhand der prekären und Gewalttätigkeiten ausgesetzten Situation der SDF auch nur allzu verständlich.

Aber der Verzicht auf ein genaueres Profil der Orte wie auch der Herkunft der Menschen, die auf der Straße leben, führt auch dazu, dass die Untersuchung viel Wirklichkeit ausspart.

Zu sehen ist die Aussparung etwa bei der Feststellung, dass mit 54 Prozent die Mehrheit der befragten SDF (1.834 haben einen Fragebogen ausgefüllt) auf der Straße schläft und an zweiter Stelle, von 16 Prozent, Zelte als Schlaforte genannt werden. Nun gab es in den vergangenen Jahren häufig große Empörungen darüber, dass in Paris Zelte als Wohnstätten für Migranten dienten. Immer wieder wurden "Zeltlager" aufgelöst.

Präsident Macron verkündete laut, dass er solche Zustände, dass Migranten auf der Straße leben müssen, nicht mehr dulden würde. Zugleich verschärfte er die Überwachung von Herbergen, zumindest wurde die Absicht laut erklärt, die Personen ohne festen Wohnsitz auch dann aufnahmen, wenn sie "keine ordentlichen" Papiere haben.

Die Diskussionen darüber zeigten auf, was zuvor schon bei den Auflösungen größerer Lager, wie dem Jungle bei Calais, neben anderen großen Problem auch sichtbar wurde: Dass sich die französische Regierung nicht wirklich bemüht hatte, um die Frage der Unterkunft für illegal ins Land gereiste Migranten zu klären. Man wollte keinen "Pullfaktor" schaffen, wäre ein Teil der Erklärung.

Diese Fragen und die ausstehenden Antworten gehören zu dem Hintergrund der Untersuchung des Atelier parisien d'urbanisme (Apur), der völlig ausgeblendet bleibt. Der Name deutet schon darauf hin, dass sich die Organisation mehr für eine Aufschlüsselung interessiert, die an der nicht so schmutzigen konzeptionellen Durchdringung von Paris und stadtplanerischen Fragen orientiert ist, an Strukturen und Bewegungsmuster, die von einer bestimmten Reinheit sind.

So wird etwa festgestellt, dass der Bereich um die Hallen, einstmals "Bauch von Paris" genannt, traditionell eine Zone ist, wo Obdachlose nächtigen. Dazu gibt es auch Karten, die die zeigen, an welchen Bahnhöfen oder U-Bahnstationen eine größere Konzentration vorherrscht. Soziologisch interessante Schlüsse werden daraus aber kaum, wenn überhaupt getroffen.

Als Partner der Vereinigung fungieren die Stadt Paris, mehrere Präfekturen des Großraums Paris, Handelskammern und bekannte Firmen. Das lässt einen gewissen Status erkennen und möglicherweise auch darauf schließen, dass man bestimmte brisante Fragen in der Präsentation der Ergebnisse auslässt.

Neben der Gesamtzahl der Personen, die in Paris auf der Straße leben, die laut Anspruch mit einer neuen Präzision und mit größerem Aufwand ermittelt wurde, wird in französischen Medienberichten noch ein anderes Ergebnis des Apur-Berichts hervorgehoben: der vergleichsweise hohe Anteil von Frauen, die auf der Straße leben.

Ermittelt wurden, dass Frauen 12 Prozent der Obdachlosen in Paris in jener Winternacht im Februar ausmachen. Da das eingangs genannte statistische Amt Insee bei seiner letzten Untersuchung im Jahr 2012 nur einen Anteil von 2 Prozent unter den Obdachlosen im Großraum Paris notierte, gibt die neue Zahl Anlass zu Spekulationen, ob es sich um einen Trend handele, und Überlegungen darüber, was die Ursache für einen höheren Frauenanteil sein könnte.

Die Verfasser der Studie argumentieren auch hier vorsichtig. Der beträchtliche Unterschied könnte sich auch damit erklären, dass die angewandte Ermittlungsmethode genauer und besser ist. Aber möglich sei schon auch, dass es "eine echte Entwicklung der Charakteristik der obdachlosen Personen gibt, die eine Feminisierung der Schichten bedeutet, die auf der Straße leben". (Thomas Pany)

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