Paris: Ausland oder "home grown"

Frankreich wird sich mit dem Krieg gegen den Islamismus beschäftigen müssen, der im eigenen Land entstanden ist

Viel spricht dafür, dass die Anschläge von Paris "home grown" waren, zumindest was die Täter betrifft. Sie sollen zwar mit bekannten Angehörigen des Islamischen Staats kommuniziert haben, wie die New York Times aufgrund von anonymen Quellen "diesseits und jenseits des Atlantiks" berichtet, aber die bislang bekannten Täter scheinen Franzosen oder Belgier mit Migrationshintergrund zu sein.

Das passt vielen nicht. Der französische Präsident Hollande sieht Frankreich im Krieg, den er allerdings schon in Mali, im Irak und auch seit kurzem in Syrien führt. Jetzt muss er aber betonen, dass der Angriff vom Ausland kommt, Frankreich scheint damit nichts zu tun zu haben: "Es ist ein Kriegsakt, der im Ausland vorbereitet, organisiert und geplant wurde - mit einer Komplizenschaft vom Inland."

Die Verschwörung kommt von außen, was allerdings auch heißen würde, dass sie eben von dort kommt, wo Frankreich seinen Krieg führt. Die Täter aus Frankreich sind Komplizen der Hauptverantwortlichen, Opfer einer Verführung, so suggeriert Hollande, der nun verstärkt Angriffe auf Raqqa fliegen ließ. Dabei ist das Phänomen al-Qaida oder Islamischer Staat eben, dass es sich um keine nationale Bewegung handelt, sondern um ein internationales Netzwerk mit Kämpfern aus vielen Ländern, das sich auf einem Gebiet niederlässt bzw. dieses usurpiert, um dort seine Herrschaft zu errichten.

Ohne den Zustrom von willigen Rekruten aus muslimischen, aber vor allem auch aus den europäischen Ländern wäre der IS wohl nicht so stark und rigoros. Vermutlich prägen den Islamismus sowieso diejenigen, die den islamischen Fundamentalismus wiederentdeckt haben, ebenso wie ehemalige Raucher oder Trinker besonders rigoros werden. Zudem wird die Propaganda und auch die grausame Propaganda der Tat ästhetisch geprägt von den Adepten aus den westlichen Ländern, an die man sich auch richtet.

Während Hollande mit dem Finger ins böse Ausland zeigt, ohne auf die Gründe einzugehen, warum Franzosen aus Einwandererfamilien gegen die französische/europäische/westliche Kultur revoltieren und dabei zu mitleidslosen Tötungsmaschinen werden, versuchen andere, die Terroristen mit den Flüchtlingen zu identifizieren. Besonders auffällig in der Politik wurde der bayerische Finanz- und Heimatminister Söder, der aus den Anschlägen in Paris folgerte, dass nun die Kontrollen der Flüchtlinge verstärkt werden müssen. Auftrieb erhielt er dadurch, dass bei einem der Selbstmordattentäter, der sich vor dem Fußballstadion ohne weitere Wirkung in die Luft sprengte, ein syrischer Pass gefunden wurde.

Dass drei Täter offenbar in das Sportstadion eindringen sollten, in dem das Freundschaftsspiel zwischen Frankreich und Deutschland mit Anwesenheit des französischen Präsidenten stattfand, aber dies nicht schafften, spricht im Übrigen dafür, dass die Terroranschläge doch nicht so gut geplant worden sind, wie dies vielfach behauptet wird. Kaum vorstellbar ist, dass sie einfach nur durch Knall ihrer Sprengstoffgürtel, mit dem sie sich selbst zerfetzten, Aufmerksamkeit finden wollten. Angelegt war die Aktion sicher darauf, im Stadion große Verluste verursachen zu können. Das aber war bewacht, während die Cafés, Restaurants und das Konzert nicht geschützt waren. Wie in den Kriegsgebieten hätten die Angreifer einen Selbstmordattentäter vorschicken können, der sich an der Sperre in die Luft sprengt und damit auch die Sicherheitskräfte ausschaltet, um einen Durchlass für die anderen zu schaffen, die dann im Inneren des Stadions ihre Anschläge ausführen könnten. So wirkten die Aktionen aber im Gegensatz zu denen, die gegen unbewachte Ziele ausgeführt wurden, planlos.

Ob tatsächlich zwei Syrer, die über Griechenland in die EU gekommen sind und sich haben registrieren lassen, an der Tat beteiligt waren, ist unklar. Es wurde ein syrischer Pass bei einem der Selbstmordattentäter gefunden, der aber damit auch eine falsche Spur legen könnte. Schließlich wollen auch die miteinander konkurrierenden islamistischen Terroristen von al-Qaida oder dem IS die auch von ihnen ausgelösten Flüchtlingsströme instrumentalisieren. Sie sind neben den Anschlägen ein Faktor, um Angst und Schrecken auszulösen. Mit der geschürten Angst vor Flüchtlingen, die gerade dem Terror entkommen wollen, arbeiten die Islamisten Hand in Hand mit den rechten ausländerfeindlichen Bewegungen und Parteien, ähnlich wie es eine (unfreiwillige) Komplizenschaft zwischen Terror und Medien gibt

Die französischen Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass die Anschläge von 8 Tätern ausgeführt wurden, aber nur 7 dabei getötet wurden. Es könnte also sein, dass einer der Täter, ein Belgier aus Molenbeek mit einem Auto geflohen ist, das er, beladen mit Waffen, auf der Flucht stehe ließ. Molenbeek, ein Stadtteil von Brüssel, war auch bereits mit anderen Anschlägen verbunden.

Der gefundene Pass verweist auf einen 25-jährigen Syrer, der am 3. Oktober auf der griechischen Insel Leros und am 7. Oktober bei der Einreise nach Serbien registriert wurde. Schwer vorstellbar, dass der IS oder eine andere islamistische Terrororganisation durch solch auffällige Spuren Attentäter in ein Land "schmuggeln" würden. Man bedient sich bei "home grown"-Adepten oder arbeitet mit Komplizen mit französischem Pass, die in Syrien oder im Irak waren. Schon die Vorstellung, dass große und mit viel Geld ausgestattete Terrororganisationen wie der IS Anhänger mit Flüchtlingen auf die gefährliche und unsichere Reise schicken könnten, ist abstrus.

Anzeige