Paris: Panik auf den Boulevards

Bild (Acte IX, 12. Januar): Pascal Maga/ CC BY 2.0

Acte 18 und der "Marsch des Jahrhunderts" für das Klima: Die Bösen und die Guten

Die Luft bei den Gilets jaunes ist nicht raus. Außer Atem waren die Amerikaner gestern auf den Champs-Elysées. "It's wild", wurde einer von ihnen in einer Reportage zitiert.

Auf der Prachtstraße war Krieg ("c’était la guerre"), weswegen er gleich dahin sei, sagt ein Franzose mit einer Gelbweste, den Le Monde-Reporter später dort treffen, wo sich die Bösen mit den Guten vermischen: die Demonstranten für ein besseres Weltklima und die Verfechter einer anderen politischen und sozialen Ordnung Frankreichs.

Die Fröhlichen

450.000 sind gestern am 16. März zum großen Protesttag zusammengekommen. Es waren aber nicht nur die Gelben Westen allein, sondern auch die Klimaschützer, die am Samstag mit dem Marche du siècle (wörtlich "Jahrhundertmarsch") fortsetzten, was sich am Freitag weltweit in Bewegung gesetzt hatte (Schulstreiks: Die Jugend will Taten sehen). Konvergenz war gestern ein Schlagwort, das von größeren Teilen der Gelbwesten und vor allem von ihren verbliebenen Unterstützern in den Medien hochgehalten wurde.

Der "gleiche Kampf", der mehr als 100.000 Personen in Paris versammelt hat, in einer Demonstration, die "Marsch des Jahrhunderts", genannt wurde und über 350.000 in 220 Städten in ganz Frankreich, laut Organisatoren. Die Polizeipräfekturen nennen lediglich 36.000 Demonstranten in der Hauptstadt, 8.000 in Montpellier, 2.500 in Marseille, 2.000 in Rennes wie auch in Straßburg. In Lyon waren es 18.000 laut Behörden und 30.000 laut Organisatoren.

Le Monde

Wie immer gibt es von Unterstützern der Gilets Jaunes noch ganz eigene Zahlen: Auf 290.000 schätzte das Syndicat France Police - Policiers en colère die Teilnehmer beim Acte 18. Angedeutet wird allerdings auch in dieser Information eine gewisse Unschärfe, die mit dem Begriff "Konvergenz der Kämpfe" verbunden ist.

Haben die "Gewerkschaftsvertreter der wütenden Polizisten" tatsächlich die Gelbwestenträger bei den Demonstrationen in ganz Frankreich, in 220 Städten, erfassen können und einzig sie gezählt oder doch alle? In diesem Fall läge man zum ersten Mal unter den Zahlen, die andere melden. Die Konkurrenz aber spielt sich, wie der gestrige "Großkampftag" deutlich macht, woanders ab, nämlich auf dem politisch-moralischen Feld und das kann keiner so eindeutig beschreiben und abgrenzen wie Bernard-Henri Lévy:

Auf der einen Seite die Brandstifter und Zerstörer der Gilets jaunes. Auf der anderen Seite die jungen Leute, die ein echtes Gefühl der Dringlichkeit (den Klimawandel) bewegt, und die fröhlich sind und träumen in den gleichen Straßen -ohne Hass und ohne Gewalt. #lamarchedusiecle zeigt, dass die Revolte dieses Gesicht haben kann und haben muss.

Bernard-Henri Lévy

Auch Bernard-Henri Lévy träumt gerne. Von einer kurdischen Revolution zum Beispiel, bei der es ihm nicht darauf ankommt, ob sie von einem machtbesessenen Familienclan (der Barzanis) durchgeführt wird. Oder von einer libyschen Revolution, die den Diktator Gaddafi durch ein jahrelanges mörderisches Chaos mit Milizenkämpfen ersetzt. Für sein idealistisches und konfliktförderndes Interventions-Engagement bei diesen Kämpfen und seiner ausgesprochenen Gegnerschaft zu Syriens Präsident Baschar al-Assad hat sich Bernard-Henri Lévy viel Gegnerschaft und Hass in Diskussionen zugezogen.

Er polarisiert, wie auch seine Einschätzung zu den Gelben Westen zeigt. Sie ist wie die genannten Beispiele von einem verharmlosenden Wunschbild geprägt und einer Oberflächlichkeit, die bei einem Philosophen enttäuscht. Erwähnt wird er hier, weil seine Auffassung den Konsens einer sehr großen Gruppe in Frankreich widergibt. Die Guten sind die Klimaschützer, die Bösen sind die, die noch immer wütend sind, obwohl ihnen die Regierung doch so entgegengekommen ist.

Man kann es auch so sehen: Die politischen Forderungen, die die Klimamärsche aufstellen, sind wie Sonntagsreden. Sie verpflichten zu nichts außer zu Bekenntnissen. Das ist für Politiker leicht zu erfüllen. Bei den Gelbwesten ist das anders, sie rühren mit ihren Forderungen an den Kern der Macht, sie wollen Macron weghaben, sie wollen eine andere Republik, direkte Demokratie; sie agieren eine Wut aus, die schmerzen soll.

Gewalt

Bernard-Henri Lévy hat vollkommen Recht. Es sind maßgeblich und prägend Randalierer dabei. Die Bilder von den Champs-Elysées gestern sind Dokumente einer Zerstörungswut: ein niedergebranntes Restaurant, Flammen aus dem Fenster einer Bank, das Wrack eines Polizeiautos …"L'#acteXVIII fut très violent", auf Deutsch: "Der Akt 18 war sehr gewalttätig". Dieser Satz ist in einem Medium zu lesen, das den Gelbwesten eher mit Sympathie gegenübersteht. Er ist im passé simple geschrieben, das ist die literarische Erzählzeit. Das suggeriert, das man die Ausschreitungen später vielleicht in einem anderen Rahmen sehen könnte.

Es gibt dazu auch Aussagen, wie sie Le Monde aus den Kreisen der Teilnehmer zitiert: Dass es Gewalt brauche, damit man eine politische Wucht bekomme. Schaut man sich die Ziele der Zerstörung an, so wird klar, dass sie genau ausgesucht wurden. Das legendäre Restaurant Le Fouquets etwa, das gestern ausgebrannt ein deprimierendes Bild der Aktionen der Gelbwesten lieferte. Es war das Lokal, wo Sarkozy einstmals seinen Wahlsieg feierte mit den Reichen und Berühmten. Ein hingesprayter Schriftzug der Wilden verweist darauf.

Sarkozy galt als Bling-Bling-Präsident und die Bilder aus dem Restaurant standen am Anfang dieses Images.

Das soll nichts beschönigen, indem Hässliches wegerklärt wird. Die Gilets Jaunes haben ein großes Problem mit Gewalttätern, ob aus dem Schwarzen Block oder ob es andere Gewalt- und Eventfanatiker sind. Das gesteht man aus den Reihen der Gelbwesten selbst schon längst ein. Eine Reportage der Libération legt dar, dass die Zerstörungen auf den Champs Elysées systematisch erfolgten, die Angriffe waren geplante Aktionen. Der Vandalismus ist Absicht, gesteuerte, gezielte Wut. Entlang der Prachtstraße wurden Luxusläden zerstört. Der Figaro berichtet von c.a. 1.500 casseurs (Randalierer).

Ein bemerkenswertes Zeugnis aus einer wie immer komplizierten Realität ist, dass sich auch mindestens ein Polizist aus der Plünderungsbeute der Zerstörung des Fanshops von Paris Saint Germain bediente. Er wurde dabei von einem Journalisten ertappt und gefilmt. Die Polizeikollegen sorgten dann dafür, dass auch der Journalist Schmerzen spürte.

Derweil war der Staatschef in den Bergen beim Skifahren, er wurde dabei abgelichtet wie er an der Tafel in Bergeshöhen unter sonnigen Himmel Rotwein einschenkte oder wie er auf Skiern stand und freudig schaute. Bei Macron kann man sich sicher sein, dass diese Schnappschüsse gewollt sind. Er weiß sich zu inszenieren und man kann sich fragen, was diese Bilder signalisieren sollen. Dass er sich von keiner Demo von seinem Kurs abbringen lässt?

Er fuhr dann doch, nach Paris gerufen, am Abend zurück. Heute Morgen war die Top-Meldung auf einem deutschen Radiosender, dass der französische Präsident künftig härter gegen die Gewalt bei Demonstrationen vorgehen will. Noch härter? Die Verletztenliste unter den Demonstranten ist jetzt schon sehr lang. Die enorme Polizeigewalt in Frankreich, von der der Staatspräsident nichts wissen will, hat sogar die UN beschäftigt. Kürzlich erst wurde ein schärferes Demonstrationsgesetz erlassen.

Dialog mit wem?

Der Acte 18 gestern sollte ganz groß werden. Auch weil die "große Debatte" (le grand débat) seit Freitag zu Ende ist. Die Organisateure der Gelbwesten-Proteste wollten zeigen, dass sie noch viel mehr mobilisieren können als zuletzt. Das ist ihnen nur gelungen in Verbindung mit den Klimademonstranten - dass die Sozialdemokraten auch in der Konvergenz "soziale Kämpfe, Klimaschutz" die Chance ihrer Renaissance sehen, zeigt, dass man sich auf der Linken von der Verbindung einiges verspricht. Inwiefern die Gelbwesten hieraus ein politisches Programm formulieren, das realisiert werden soll, ist völlig vage.

Fest steht: Die Gelbwesten hatten sich der großen Macron-Debatte zumindest in der Medienwahrnehmung entzogen. Sie folgten ihrem eigenen Kurs und der sollte ihrem Anspruch nach eine stärkere Rückendeckung in der Bevölkerung haben als Macrons Wahlkampfkampagne. Das war zu beweisen. Der gestrige Samstag hat das aber nicht bewiesen.

Anderseits: Mit wem hat Macron denn in seinem großen Dialog gesprochen? Welche politischen Konsequenzen wird er daraus ziehen und was ist mit dem Teil der Franzosen, die an diesem Gespräch nicht teilnehmen, die sich da rausgezogen haben? Sind das nur "Randerscheinungen"? Mit denen man nicht mehr reden muss? Die draußen bleiben sollen? Der Präsident legt auf eine Dialog-Verbindung zu den Gilets jaunes keinen Wert mehr. Die Frage, wer das Frankreich der Gelbwesten ist, wen sie vertreten, welche politische Kraft sie haben, ist damit aber nicht erledigt.

Es gibt übrigens auch die Gelbwesten der Stadt Paris, die jedesmal aufräumen. (Thomas Pany)

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