Paris: Wer waren die Opfer?

Der Tatort Bataclan könnte von den Terroristen aus antisemitischen Motiven gewählt worden sein

Drei Tage nach den Terroranschlägen von Paris geben die Behörden die Zahl der dabei umgekommenen Menschen mit mindestens 129 an - es werden aber möglicherweise noch mehr, weil viele Schwerverletzte noch in Lebensgefahr schweben.

Mindestens 89 ihrer Opfer töteten die Terroristen während eines mehrstündigen Massakers im Konzertsaal Bataclan, wo die Band Eagles of Death Metal spielte.

Zuerst sah es so aus, als ob die Veranstaltung zufällig oder als bloßes Beispiel für westliche Dekadenz gewählt wurde - bei näherer Betrachtung des Ortes und der Band zeigen sich jedoch Hinweise darauf, dass sich die Täter bewusst dafür entschieden haben könnten: Die Band Eagles of Death Metal (die - anders als der Name suggeriert - keinen Metal, sondern Stoner-Rock spielt) erregte in der Vergangenheit nämlich den Zorn von "Antizionisten", weil sie sich weigerte, Israel-Boykott-Aufrufen des ehemaligen Pink-Floyd-Bassisten Roger Waters nachzukommen und im Juli in Tel Aviv auftrat.

Eagles of Death Metal in Tel Aviv

Das Bataclan gehörte von 1976 bis zum September 2015 mehrheitlich einer jüdischen Familie, die ihre Anteile an eine Mediengruppe verkaufte, als sie nach Israel auswanderte. Von 2006 bis 2009 fand dort einmal im Jahr eine Spendengala zur Unterstützung der israelischen Grenzpolizei statt. Im letzten Jahr waren etwa 10 mit Palästinensertüchern vermummte Männer vor dem Konzertsaal aufmarschiert und hatten gedroht, es werde "Konsequenzen" geben, wenn dort weiter proisraelische Veranstaltungen stattfänden. Nach dieser Warnung werde man nicht mehr nur kommen, "um zu reden".

Vor vier Jahren hatte eine in Verbindung mit einem Attentat auf französische Studenten in Kairo verhaftete Frau albanischer Herkunft den Sicherheitsbehörden mitgeteilt, dass ein al-Qaida-Zweig einen Anschlag auf den Konzertaal organisieren wollte, "weil dessen Eigentümer Juden sind". Le Monde berichtete damals über einen 17-jährigen belgischen Konvertiten, der den Anschlag durchführen sollte.

Die in den USA ansässige Anti Defamation League, die Antisemitismus überall auf der Welt beobachtet, nimmt diese Anhaltspunkte für eine bewusste Auswahl des Bataclan als Anschlagsziel ernst und hat die französischen Behörden aufgefordert, die Hintergründe aufzuklären.

Während die Mitglieder der Eagles of Death Metal nach derzeitigem Stand unverletzt blieben, kam ihr britischer Merchandiseverkäufer Nick A. ums Leben. Außerdem starben zwei Mitarbeiter ihrer Plattenfirma Universal Music: Mercury-Records-Produktmanager Thomas A. und die im Digitalmarketing eingesetzte Marie M.

Eine der bekannteren Persönlichkeiten, die die Terroristen im Bataclan ermordeten, war der Musikjournalist Guillaume Decherf, der unter anderem für Les Inrockuptibles schrieb. Ein anderer Medienmitarbeiter war der 37-jährige Mathieu H., der für France 24 tätig war. Der Vater eines kleinen Kindes ging allerdings nicht beruflich, sondern nur zum Vergnügen auf das Konzert.

Auch moslemische Opfer gibt es: Der marokkanische Architekt Amine I., der seine Abschlussarbeit über die Pilgerfahrt nach Mekka geschrieben hatte. Die Ehefrau des frisch Verheirateten schwebt nach drei Schüssen immer noch in Lebensgefahr.

Zu den Ländern, aus denen mehrere Opfer kamen, zählt neben Frankreich auch Chile, das mindestens drei Tote beklagt. Unter ihnen befindet sich der 33-jährige Musiker Luis Felipe Z. Er lebte bereits seit acht Jahren in Paris und war Mitglied der Alternative-Rock-Band Captain Americano, bei der er Gitarre spielte und sang.

Mindestens jeweils zwei Tote kommen aus Belgien, Mexiko und Portugal. Aus Spanien, Italien, den USA und Deutschland ist bislang jeweils ein Toter namentlich bekannt. Bei dem deutschen Opfer soll es sich um einen 28-jährigen Münchner Architekten handeln, der nicht im Bataclan, sondern in einem Café ums Leben kam. An diesem Tatort starb auch die 23-jährige US-Amerikanerin Nohemi G., die in Paris Design studierte. Sie hatte zusammen mit drei Kommilitonen eine biologisch abbaubare Snack-Verpackung entwickelt, für die sie unlängst einen Preis verliehen bekam. (Peter Mühlbauer)

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