Passive Wehrdienstverweigerung

Die Bundeswehr beklagt Übergewicht bei Jugendlichen

Einem vertraulichen Bericht des Verteidigungsministeriums an den Bundestag zufolge, der der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung zugespielt wurde, hat die Bundeswehr zunehmend Probleme mit der Nachwuchsgewinnung. Als Grund werden nicht nur die geburtenschwachen Jahrgänge angegeben, sondern explizit auch das zunehmende Übergewicht.

Angesichts dieses Berichts bekommen die jüngsten politischen Pläne für einen "Feldzug gegen die Fettleibigkeit", wie die Süddeutsche Zeitung die Kampagnen für die Volksgesundheit titulierte, eine ganz neue Dimension. Wird Fettleibigkeit von Jugendlichen etwa ganz bewusst als wehrkraftzersetzendes Mittel genutzt, dem mit einer kräftigen Steuererhöhung entgegengewirkt werden könnte?

Bei der Musterung liegt der "Oberste Richtwert" für Männer mit einer Körpergröße zwischen 1 Meter 80 bis 1 Meter 84 bei 97 Kilogramm – ein durchaus erreichbarer Wert. Wird er überschritten, so erhöhen sich die Chancen für einen "schlechten" Tauglichkeitsgrad wie 4 oder 5 erheblich. Entgegen einem weit verbreiteten Glauben lassen sich andere Gesundheitsschäden wie Fehlsichtigkeit oder Allergien aber nicht zum Übergewicht addieren. Statdessen muss ein Arzt eine "nicht angepasste Leistungsfähigkeit" feststellen. Ganz auf der sicheren Seite ist ein Rekrut, wenn sein Gewicht bei der oben genannten Körpergröße 135 Kilogramm übersteigt. Wie solch ein Wert erreicht werden kann, lernen Wehrpflichtige seit 1995 aus der Simpsons-Folge King-Size Homer, in der eine gewollte Gewichtszunahme planmäßig durchgeführt wird, um auf Online-Heimarbeit umsteigen zu können.

Allerdings erhöht Übergewicht das Risiko, an Diabetes zu erkranken oder Herz- und Kreislaufschäden davonzutragen. Dem steht jedoch die Vermeidung möglicher Gehör- und Leberschäden, Thrombosen, Sportverletzungen und posttraumatischer Belastungsstörungen gegenüber - ganz abgesehen von den direkten Tötungsrisiken durch Unfälle und durch wenig von der Truppenpräsenz begeisterte Einheimische in den Einsatzgebieten im Ausland. Man kann, so gesehen, von einer Dialektik der gesundheitlichen Einschränkungen sprechen: Allergien verringern das Krebsrisiko, Herpes kann nach einer diese Woche in der Zeitschrift Nature erscheinenden Studie vor Lebensmittelvergiftungen bewahren - und ausreichend Übergewicht schützt vor Gesundheitsrisiken bei der Bundeswehr.

Statistisch gesehen liegt die Chance für eine Ausmusterung bei mehr als einem Drittel: 2005 wurden insgesamt 345.839 Personen gemustert. 211.341 oder 61,1% wurden als "wehrdienstfähig" und 108.793 oder 31,4% als "nicht wehrdienstfähig" eingestuft. Weitere 25.759 (7,5%) Wehrpflichtige galten den Kreiswehrersatzämtern als "vorübergehend nicht wehrdienstfähig". Zur hohen Ausmusterungsquote trug auch bei, dass der Tauglichkeitsgrad 3 ("verwendungsfähig mit Einschränkung in der Grundausbildung und für bestimmte Tätigkeiten") zum 1. Oktober 2004 entfiel und die gesundheitlichen Einschränkungen für diese Einstufung seitdem zur Ausmusterung reichen. Berücksichtigt man diese Änderung, wird klar, dass die Kriterien bei ernstem Personalmangel auch wieder in die andere Richtung korrigiert werden können.

Allerdings betreffen die beklagten Nachwuchssorgen bei der Bundeswehr weniger Wehrpflichtige als Zeit- und Berufssoldaten. Eine vor einigen Wochen veröffentlichte Studie deutet darauf hin, dass Probleme bei der Nachwuchsgewinnung in diesen Gruppen nicht in erster Linie mit dem Übergewicht und den geburtenschwachen Jahrgängen, sondern vor allem mit den Auslandseinsätzen zusammenhängen, bei denen bisher 65 Soldaten ihr Leben verloren. Bemerkenswerterweise bleibt aber gerade dieser Punkt im Bericht des Verteidigungsministeriums vollkommen unerwähnt.

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