Pasta di Lajia

Die ersten Nudeln stammen aus China

Zugegeben, appetitlich sehen sie nicht aus, aber sie lagen ja auch 4.000 Jahre lang unter mehreren Metern Erdreich und harrten ihrer Ausgrabung. Jetzt offenbaren sie sich als die ältesten Nudeln der Welt der staunenden Öffentlichkeit - und sie stammen aus China. Liebhaber italienischer Hartweizen-Pasta können angesichts der uralten gelben Spagetti aus Hirse nur staunen – oder sich mit Grauen abwenden. Wie auch immer die Reaktion ausfällt, jetzt ist der Ursprung der Nudel endlich wissenschaftlich geklärt.

Im Wissenschaftsjournal Nature stellen Houyuan Lu von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und seine Kollegen den gekochten Fund aus der Jungsteinzeit vor. Bei einer Grabung in Lajia auf einer Terrasse oberhalb des Gelben Flusses in Nordwestchina fanden die Wissenschaftler eine gut erhaltene Steingutschale, die mit dem Boden nach oben unter einer drei Meter dicken Sedimentschicht lag, eingebettet in gelbbraunem Lehm. Als die Ausgräber sie anhoben, entdeckten sie darunter die über die Jahrtausende luftdicht abgeschlossenen versteinerten Überreste einer Mahlzeit: Feine, lange Nudeln.

4.000 Jahre alte Nudeln aus Lajja in China, Maßstab unten 1 cm. Bild: Nature/Houyuan Lu

Lajia ist ein großes prähistorisches Dorf, das sich über 200.000 Quadratmeter erstreckt und seit 1999 ausgegraben wird. Vor 4.000 Jahren wurde die Siedlung plötzlich zerstört, als die Erde bebte und danach der Gelbe Fluss über die Ufer trat und alles überflutete. Die Bewohner wurden von der Katastrophe mitten in ihrem Alltag überrascht. Viele Skelette wurden in den Häusern gefunden, der Tod kam unerwartet (vgl.Archaeological discoveries at the Lajia site).

Auch der chinesische Koch, der sich gerade Nudeln zubereite, wurde von der Schlammflut erfasst, das Schüsselchen kippte und fand sich nun umgedreht unter einer meterdicken Schlickschicht. Die Radiokarbondatierung bestätigte das vermutete Alter von 4.000 Jahren.

Hirsenudeln

Heute wird für die Herstellung guter italienischer Spagetti meistens gemahlener Hartweizen (Triticum durum) verwendet. Die jetzt gefundenen altchinesischen Nudeln wurden dagegen aus Hirse zubereitet, die man in der Gegend vor 4.000 Jahren kultivierte. Für die lang gezogenen Teigwaren wurde die Hirse zermahlen und dann das Mehl mit Wasser zu dünnen Strängen verarbeitet. Anschließend kochte man sie wie heute in heißem Wasser. Die einzelnen prähistorischen Spagetti haben einen Durchmesser von 3 mm (heutige messen meist 2 mm) und eine Länge von mehr als 50cm. Sie erinnern an die klassischen und heute noch in China sehr populären La-Mian-Nudeln, die durch wiederholte geschickte Handbewegungen aus einem Teig gezogen werden (vgl. Kulinarisches Paradies).

Die Wissenschaftler um Houyuan Lu untersuchten die Sedimentszusammensetzung und die darin enthaltenen Phytolithen sowie Stärkekörner der Nudelreste eingehend und stellten fest, dass für ihre Zubereitung Rispenhirse (Panicum miliaceum) und Kolbenhirse (Setaria italica) verwendet wurde.

Nicht bekannt ist, ob die alten Chinesen die steinzeitlichen Spagetti al dente kochten, aber der Fund beendet eine lange Debatte darüber, wer die Nudeln denn eigentlich erfunden hat. Die Italiener beanspruchten das gerne für sich, denn das Marco Polo die Nudeln aus China mitgebracht hat, ist ganz klar nicht mehr als eine Legende. Tatsache ist, dass die gekochten Teigwaren seit mindestens 2.000 Jahren in verschiedenen Teilen der Welt äußerst beliebt sind. Auch die Araber behaupten gerne, sie seien die ursprünglichen Schöpfer dieses kulinarischen Genusses gewesen. Vermutlich haben sie immerhin das Trocknen der Nudeln in der Sonne als erste entdeckt.

Das älteste bekannte Rezept für Hühnerfleisch mit Teigwaren aus Mehl, Eiern und Wasser soll übrigens auch vor 4.000 Jahren auf ein chinesisches Pergament geschrieben worden sein (vgl. Spaghetti, Penne, Farfalle & Co). Und nun ist es archäologisch belegt: Die Nudeln stammen aus dem Reich der Mitte! (Andrea Naica-Loebell)

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