Pastorale Pastellfarben

"Amoris laetitia", das päpstliche Sendschreiben aus Rom, übt sich in holder Rhetorik. Sünder gelten als "Irreguläre"

Irgendwie ist das neue Papstschreiben die zeitraubende Version von Andreas Bouranis Wohlfühlsong "HEY". Im Lied heißt es: "Hey, sei nicht so hart zu dir selbst / es ist ok wenn du fällst / auch wenn alles zerbricht / geht es weiter für dich". Bei Franziskus klingt das so:

Die Kirche ist im Besitz einer soliden Reflexion über (…) mildernde(n) Bedingungen und Umstände. Daher ist es nicht mehr möglich zu behaupten, dass alle, die in irgendeiner sogenannten ‚irregulären’ Situation leben, sich in einem Zustand der Todsünde befinden und die heiligmachende Gnade verloren haben.

Amoris laetitia, Kap. VIII, § 301
Papst Franziskus. Bild: Frang2823/CC-BY-SA-4.0

Licht, Zärtlichkeit, und "der Schlamm der Straße"

Es ist viel von "Licht" und "Zärtlichkeit" im neuen Traktat die Rede, schon der euphemistische Titel: "Amoris laetitia" als solcher (Die Freude der Liebe) verrät die papale Beseligung, aber kommt die holde Rhetorik auch wirklich den Erdlingen zugute? Zwei Bischofssynoden zum Thema Ehe und Familie, 2014 und 2015, gingen dem Schriftstück voraus, der synodale Prozess führte im Herbst 2015 zu einem Abschlussbericht ("Relatio synodi"). Darin hieß es vielsagend: "Wir wenden unsere Aufmerksamkeit den Herausforderungen unserer Zeit zu."

Kein Zweifel, dieser Papst hat dazu gelernt, es gab Umfragen unter Gläubigen, Franziskus charakterisiert sein Programm auch als "Logik der pastoralen Barmherzigkeit" (Amoris laetitia, § 307 ff.). Die Kirche, so der Pontifex, suche "inmitten der Schwachheit und Hinfälligkeit" das Gute beim Menschen (das "mögliche Gute") - "auch wenn [sie] Gefahr läuft, sich mit dem Schlamm der Straße zu beschmutzen" (hier zitiert der Papst sich selbst, nach "Evangelii gaudium" von November 2013).

Der Schlamm der Straße? Klingt gut, aber lässt irgendwie auch stutzen.

Die Kirche - Zollstation, Vaterhaus, oder was?

Und in der Tat, hier im achten Kapitel namens "Die Zerbrechlichkeit begleiten" ist ausgiebig von "mildernden Umständen" die Rede, solchen von "psychologischer, historischer und sogar biologischer Art". Franziskus empfiehlt seinen Klerikern an der Stelle die Gabe "pastoraler Unterscheidung", wenn Menschen in eine "irreguläre Situation" geraten.

"Irreguläre Situation"? Gemeint sind die Gestrandeten (früher: Sünder), die der reinen Lehre nicht entsprechen, das sind im Kontext hauptsächlich wiederverheiratet Geschiedene, aber es geht überhaupt um Ehe und Sexualität, um Scheidung und im Hintergrund auch um Homosexualität.

Es ist wahr, dass wir uns manchmal "wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer [verhalten]. Doch die Kirche ist keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben."

Amoris laetitia, §310

Beim Stichwort "Zollstation" möchte man schon ins Grübeln kommen, aber fragen wir stattdessen: Was bedeuten solche Sätze für die kirchliche Lehre und die Seelsorge? Unter Rückgriff auf Thomas von Aquin (Summa Theologiae I-IIae, q. 94, art. 4), den Franziskus gern als Vordenker zitiert, könnte man das Herzstück des pontifikalen Beitrags auch nennen: die Entdeckung der situativen Billigkeit. Und die Frage anfügen: Neben der unzweifelhaften Bescheidenheitsrhetorik - ist das der "große Wurf", die erste "richtige Reform", gar die "Revolution", wie sie von Wohlmeinenden erblickt wird?

Papale Imprimatur für gängige Praxis

Die New York Times urteilt sinnigerweise, mit seinen "teils schwammigen Sätzen" scheine Papst Franziskus die "vielerorts gängige Praxis" der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener durch einzelne Priester mehr oder weniger zu billigen. Die "neue päpstliche Lehre" sei insofern auch "eine Lehre im Sinne der Waffenruhe" zwischen Konservativen und Liberalen, das Blatt resümiert:

That is, the post-1960s separation between doctrine and pastoral practice now has a papal imprimatur (…).

New York Times

Also was soll’s. Franziskus bietet eh keine Erklärung dafür, welchen Anteil die Kirche am beklagten moralischen Konkurs der Neuzeit möglicherweise selber verschuldet - eine Kirche mit einem Milliardenvermögen und einem luxuriösen, auch staatlicherseits garantierten Weltanschauungsmonopol, das seinesgleichen sucht. Was wir erleben, ist päpstliche Imprimatur für gängige Praxis.

Franziskus, der geschmeidige Nachfolger Benedikt XVI. auf dem "Stuhl Petri", präsentiert im vierten Jahr seines Pontifikats einer krisengeschüttelten Welt seine neuesten Einsichten. Unerbittlich die linksliberale französische Zeitung "Liberation": Sie attestiert dem Oberhirten aus Rom lediglich "jésuitisme à la sauce Bergoglio", frei übersetzt: Jesuitische Heuchelei à la Bergoglio. (Arno Kleinebeckel)