Pathologie des "Clean Eating"

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Die exzessive Beschäftigung mit gesunden Lebensmitteln und deren Inhaltsstoffen wurde als "Cyberpathy", als digital übertragene Störung, im Rahmen des "Healthism" beschrieben

Der Hang, gesund zu leben, um möglichst lange zu leben, scheint viele Menschen immer stärker in den Bann zu ziehen und zu einer Art Religionsersatz zu werden. Es wird zum Lebensstil und zur Identität. Man is(s)t vegan, ohne Gentechnik, ohne Zucker und Salz, keine Milch, laktose- oder glutenfrei, vegetarisch, Low Carb, regional, bio, paläo, keto oder clean. Im Englischen gibt es dafür den Begriff "healthism", vielleicht am besten als Gesundheitsobsession übersetzt.

Wenn schon kein Fortleben im Jenseits und in der Matrix, dann wenigstens das irdische, an den Leib gebundene Leben so lange wie möglich mit allen verfügbaren Mitteln nach irgendwelchen Regeln und Normen verlängern und fit zu halten. Die Sorge um sich ist die Sorge um den Körper, der gehegt, gepflegt, mitunter auch gequält werden muss, um ihn zu optimieren, auch im Aussehen. Dazu kommt, dass dann wenn Trends entstehen, die Experten gleich am Weg stehen, um sie zu pathologisieren, also sie in ein anderen, aber gleichfalls dem Gesundheitsuniversum angehörenden normativen Kontext zu stellen.

Wenn die einen ihren Körper, in dem sie stecken, in Bewegung halten und mit aufwendigen Übungen gestalten, dann spielt auch hier immer die Ernährung eine Rolle. Hier unterscheiden sich die Kulturen und Ernährungssekten, also wann man wie viel von was seinem Körper zuführen soll und was auf keine Weise gegessen oder getrunken werden darf. Und wie es Sekten so an sich haben, die das Leben ihrer Mitglieder streng mit einer Gut- und Böse-Einteilung normieren, wird diesen suggeriert, dass sie als Avantgarde der Erlösung am nächsten sind. Es breitet sich mit immer neuen wissenschaftlichen Untersuchungen in einer Blase ein riesiges Gebiet des Wissens und der Suche nach Informationen aus, es entstehen Gurus und Experten, Ratgeber und neue Gesetze, die auch viel mit Moral zu tun haben

Das ist auch ein Phänomen bei einer extremistischen Ernährungssekte, die allerdings nur, wie das heute so üblich ist, als loses Netzwerk mit Influencern, Texten, Videos, Bildern und Botschaften existiert. Die Rede ist von Orthorexia nervosa, ein Begriff, den der amerikanische Mediziner Steven Bratman nach dem Vorbild der "Anorexia nervosa", der Essstörung der Magersucht, geprägt hat. Es soll sich um einen pathologischen Zwang zum gesunden Essen handeln, dem ein Hang zur rigiden Selbstdisziplinierung zugrunde liege, der einhergeht mit dem Gefühl der Überlegenheit über diejenigen, die Junkfood oder einfach das Falsche essen. Man gehört also einer auserwählten Gruppe an, ist Elite und irgendwie gottgefällig (Orthorexia nervosa oder der Zwang, sich "gesund" zu ernähren).

Gestritten wird darum, ob Orthorexia eine Ess- und Persönlichkeitsstörung ist. Als gefährdet gilt, wer sich zwanghaft mit richtiger, d.h. gesunder Ernährung und deren Inhaltsstoffen beschäftigt, "ungesunde" Lebensmittel angstbesetzt vermeidet, viel Geld für die richtige Ernährung ausgibt, viel Zeit mit Aneignung von "Wissen" verbringt und sich schuldig - "sündig" - fühlt, wenn er Falsches zu sich genommen hat. Hinweise finden sich hier.

Als Cyberpathy verführt die Orthorexia die digitalen Flaneure

Cristina Hanganu-Bresch von der University of the Sciences in Philadelphia hat sich in der Zeitschrift Medical Humanities mit "Clean Eating", also dem zwanghaften richtigen Essen, beschäftigt und kommt zu starken Thesen. Für sie handelt es sich um eine "Cyberpathy", eine digital übertragene Störung, bezogen auf Gesundheit und Ernährung. Ob es sich um eine Krankheit handelt, lässt sie offen, die Orthorexia sei jedoch phänomenologisch real genug, um erst genommen zu werden, auch wenn sie kulturell geprägt sei und ein Auslaufdatum haben könne.

Als Cyberpathy verführt die Orthorexia die digitalen Flaneure zur Suche nach nicht-konventionellen Gesundheitsratschlägen und kolonisiert ihre Imagination mit Versprechungen und Überredungen, Formeln für Mikronährstoffe und "Biohacks" sowie erstrebenswerten Zielen.

Cristina Hanganu-Bresch

Dazu kommen, schreibt sie, Meme und Bilder von "gesunden" und "bunten" Mahlzeiten oder muskulären Körpern in Yoga-Stellungen, enthusiastische Werbungen für Produkte sowie ungezählte Ernährungs- und Lebensweisheiten, die alles zu einem neoliberalen "Evangelium der Gesundheit" aufblähen. Instagram und andere Soziale Netzwerke übertragen die Infektion, dass die Menschen persönlich für ihre Gesundheit verantwortlich seien. Na gut, kann man sagen, so funktionieren Religionen, Ideologien und Weltanschauungen, aber diese würde die Politik, die Gesellschaft und die Ökonomie völlig entlasten und alles individualisieren. Wer krank wird und nicht lange lebt, ist selber schuld.

Neoliberale Pathologie?

Da gibt es beispielsweise den Rat für "super-clean eating" von Gwyneth Paltrow in dem Buch "The Clean Plate: Eat, Reset, Heal". Askese ist angesagt. Nur keinen Alkohol, keinen Kaffee, keine Milch, keine Nachtschattengewächse wie Tomaten, keine prozessierten Lebensmittel oder gar rotes Fleisch. Das alles ist Gift. Von Anhängern wird gesagt, es gehe bei "Clean Eating" nicht nur um eine Diät, sondern um eine "Philosophie für einen gesünderen Lebensstil". Man streicht stark verarbeitete Lebensmittel, vermeidet Zusätze, weswegen die Zutatenliste genau studieren werden soll, um zu erkennen, was sich in Bio-Lebensmitteln befindet, die aus der Region stammen und eben möglichst naturbelassen oder roh sein sollen (Kochen gilt als nicht notwendig schlecht).

Orthorexia wird u.a. mit dem Verhalten verbunden, das aus einer Clean-Eating-Anleitung wie dieser folgt, die eine ausführliche Prüfung erfordert und dabei natürlich auch zur Sorge führt, was alles auf den Verpackungen nicht aufgeführt sein könnte: "When perusing the main aisles for packaged foods, ask yourself: Where did this food or its ingredients come from? How much has it been processed or handled? The ingredient label should be short, and all ingredients should be recognizable. Scan for easy-to-avoid additives like artificial coloring and flavors."

Hanganu-Bresch sagt: "Der Orthorektiker wird alle schädlichen oder potentiell ungeeigneten Substanzen aus der Ernährung nach einer Logik eliminieren, die ihr Fähnchen nach der Windrichtung dem tagesaktuellen Lebensmittelmodetrend richtet. Daher kommt die Obsession mit Säubern, Säften, Veganismus oder rohen und Bio-Lebensmitteln." Und alles in allem sieht sie in der Orthorexia als einer sich digital verbreitenden exzessiven Beschäftigung mit der Ernährung nur ein Eindringen der neoliberalen Ideologie in den Gesundheitsbereich, bei dem das Selbst wie ein Unternehmen geführt wird.