Patriarchale Kontrolle im Namen Allahs

Birminghamer Zentral Moschee. Bild: Oosoom / CC BY-SA 3.0

Expertinnen zufolge fördern britische Scharia-Gerichte Frauenfeindlichkeit sowie Radikalisierung und somit fundamental-islamischen Terrorismus

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1982 wurde der Islamische Scharia-Rat (ISC) u.a. von dem gebürtigen Inder Suhaib Hasan in London gegründet: Eine überregional zuständige Schlichtungsstelle mit dem Schwerpunkt Familienrecht, ausgelegt nach den Rechtsvorschriften - der Scharia - der Sunnitischen Islamischen Religionsgemeinschaft, die dem muslimischen Teil der Bevölkerung Großbritanniens günstig, schnell und unkompliziert in entsprechenden Rechtsfragen zur Verfügung stehen sollte. 1996 wurden die so genannten Scharia-Gerichte durch ein entsprechendes Gesetz legalisiert und den offiziellen Schiedsgerichten faktisch gleichgestellt. Die Entscheidungen sind bindend, sofern sich beide Seiten mit dem Urteil einverstanden erklären.

Wie viele dieser Schlichtungsstellen es mittlerweile tatsächlich gibt, weiß niemand so genau. Die Schätzungen liegen zwischen 35 und 80, aber es ist davon auszugehen, dass informell Hunderte davon existieren. Allein beim ISC in London werden pro Monat etwa 30 Fälle verhandelt.

Offiziell haben die Schlichtungsstellen keinen verbindlichen juristischen Charakter, die z.B. Urteile von weltlichen Gerichten aushebeln können. Auch müssen Paare, die von offiziellen Behörden getraut wurden, sich zusätzlich von einem weltlichen Gericht scheiden lassen. Das Problem ist allerdings, dass es im Islam keine Trennung zwischen Kirche und Staat gibt, und religiöses Recht automatisch staatliches Recht bedeutet. Entsprechend werden die Schiedssprüche auch von den Betroffenen bewertet.

Die Betroffenen, das sind zu 95 Prozent Frauen, die im islamischen Recht nach Ansicht verschiedener Expertinnen eindeutig benachteiligt werden, weshalb Musliminnen, muslimische und nicht-muslimische Frauenverbände gegen die Scharia-Gerichte protestieren. Sie fordern "One Law for All", ein Gesetz für alle, um diese Diskriminierung zu beenden.

Die Scharia-Gerichte haben laut der Schweizer jemenitischen Islam-Expertin Elham Manea stark zur Bildung von extrem abgeschotteten muslimischen Communities beigetragen, in denen sich viele Muslime stark radikalisierten. Ihrer Ansicht nach ist die Etablierung der Scharia "fester Bestandteil der islamistischen Agenda".

Das gilt vor allem für Jugendliche, die zu Hunderten aus Großbritannien nach Syrien ausreisten, um sich dem IS anzuschließen - angezogen von der Gewalt und dem überbordenden Männlichkeitswahn der Gotteskrieger, wie Mona Siddiqui, Professorin für islamische und interreligiöse Studien an der Uni Edinburgh, vermutet.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass der Anschlag auf feiernde Mädchen in der vergangenen Woche ausgerechnet in Großbritannien stattfand - höchst wahrscheinlich ausgeübt von einem IS-Anhänger, bzw. einer radikalen Gruppe um den vermutlichen Täter Salman Abedi.

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Mit dem Schwerpunkt "Familienrecht" ist das Problem im Prinzip schon umrissen: Zur selbst gewählten Zuständigkeit gehören in erster Linie Scheidungen und Erbschaftsangelegenheiten. "Laut islamischem Recht müssen Männer nur drei Mal 'Ich lasse mich scheiden' sagen, um sich von ihren Frauen zu trennen. Frauen hingegen brauchen den Segen der Geistlichen", zitiert die Bild-Zeitung die Wissenschaftlerin Machteld Zee.

Die Niederländerin forschte zum Thema Scharia-Gerichte und durfte drei Tage lang die Arbeit des ISC in London und in einer Moschee in Birmingham beobachten. Ihre daraus resultierende Doktorarbeit trägt den Titel "Choosing Sharia" und ist auch als Buch erschienen.

Etwa 95% aller Fälle, die vor den Scharia-Gerichten verhandelt werden, betreffen Frauen, wie die Politologin Elham Manea im österreichischen Standard feststellte.

Natürlich bleibt es den muslimischen Frauen auch in Großbritannien unbenommen, ein weltliches Gericht mit der Scheidung zu betrauen. In vielen Fällen müssen sie das sogar. Das Problem ist nur, dass in den muslimischen Communities diese Scheidungen nicht anerkannt werden, was unter Umständen harte Konsequenzen für die betroffenen Frauen haben kann: Binden sie sich neu, gelten sie als Ehebrecherinnen.

Ehebruch kann in der islamischen Welt mit Steinigung bestraft werden. Auch wenn diese Praxis - zumindest bislang - in Europa unüblich ist: Ehrenmorde sind es nicht. Auch nicht in Großbritannien. Auf diese Gefahr weist auch Machteld Zee in ihrer Arbeit hin.

Die Frauen haben keine Möglichkeit, sich einen Rechtsbeistand zu suchen, sondern sind allein mit dem Richter konfrontiert, und können auch keine Gutachten beibringen. Machteld Zee spricht in ihrer Doktorarbeit von Frauen, die von den "Qadis", den Richtern ausgelacht statt geschieden wurden.

Auch ISC-Generalsekretär Suhaib Hasan scheint, vorsichtig formuliert, eher bestrebt, Ehefrauen davon zu überzeugen, bei ihren prügelnden Ehemännern zu bleiben, statt ihrem Martyrium schnell ein Ende zu bereiten.

"Es gibt tatsächlich zwei legale Ordnungen. Eine davon arbeitet zurzeit im Schatten des Gesetzes", konstatiert Machteld Zee im Independent. "Scharia-Gerichte existieren, damit islamische Fundamentalisten ihre Ideologie verbreiten können und gleichzeitig Geld damit machen, dass Frauen sich ihre Freiheit von ihnen erkaufen", wird sie in Bild zitiert. Denn auch das hat sie beim ISC in London erlebt:

"Eine andere Frau wurde angeblich von ihrem Mann erpresst, bevor er in eine Scheidung einwilligen würde. 10.000 englische Pfund wollte er laut der niederländischen Wissenschaftlerin haben - das Gericht schickte sie weg", schreibt die Huffington Post. Die Scharia-Gerichte hielten Frauen in "ehelicher Gefangenenschaft" resümiert Zee.

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