Patt im Konflikt um den Skripal-Giftanschlag

Die von der britischen Polizei verdächtigten Männer am Bahnhof von Salisbury am 3. März um 16:11 Uhr 2018. Bild: Met Police

Die Bundesregierung sieht sich in der Schuldzuweisung an Russland bestätigt. Wenn nun aber Alexander Petrow und Ruslan Boschirow tatsächlich nur unbescholtene Touristen waren?

Am 6. September veröffentlichte "russland.news" eine recht ausgewogene Stellungnahme von Professor Alexander Rahr. Zu Beginn zählt er die Indizien auf, die für die Version der Engländer sprechen: "Sofortige Abreise nach dem Giftanschlag, der zweifache Besuch Salisburys, u.a. zur Tatzeit, sowie der Nowitschok-Fund im Hotel." Er hält die Belege für gravierend, fügt allerdings einschränkend hinzu: "Falls sie tatsächlich stimmen."

Nun verfügt Scotland Yard über einen bedeutenden Vertrauensvorschuss. Im Rahmen polizeilicher Untersuchungen lässt sich jedoch kaum erkennen, ob Spuren absichtlich gelegt wurden, zumal wenn professionelle Akteure des britischen Geheimdienstes tätig waren. Dessen Reputation wurde vor 14 Jahren durch die Lüge, der Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen, arg beschädigt. Es gibt keinen Anlass anzunehmen, dass sich die geheimdienstlichen Praktiken seitdem maßgeblich geändert haben. Aktuell hält es der republikanische US-Senator Richard Black für erwiesen, dass der MI6 in Kooperation mit den "White Helmets" einen gefakten oder tatsächlichen Giftgasanschlag in Idlib plant.

Gleichwohl dürfte die britische Polizei kaum über eine ausreichende Kompetenz bei der Suche, Sicherung und Analyse vermeintlicher Nowitschok-Proben verfügt haben. Sie war auf Experten angewiesen, u.a. auf das britische Militärlabor von Porton Down, das dem Verteidigungsministerium untersteht. Wird Scotland Yard letztlich nur vorgeschickt, um die Vorwürfe glaubwürdiger erscheinen zu lassen?

Die Regierungen der führenden westlichen Staaten sehen die ursprüngliche britische Schuldzuweisung durch die Untersuchungsergebnisse bestätigt. Der Regierungssprecher Steffen Seibert referierte am 11. 9. die gemeinsame Erklärung von Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Kanada und den USA wie folgt:

Wir haben volles Vertrauen in die britische Einschätzung, dass die beiden Tatverdächtigen Mitglieder des russischen Militärgeheimdienstes, auch als GRU bekannt, waren und dass diese Operation mit allergrößter Wahrscheinlichkeit auf hoher Regierungsebene gebilligt wurde.

Professor Rahr hält die russische Position für ebenso glaubhaft. Das hochgiftige Kampfgas ließe sich nicht in einer Parfümflasche transportieren, ebenso hätten Reste von Nowitschok im Hotelzimmer die gesamte Umgebung verseucht. Gegen die britische Version spricht ebenfalls die dilettantische Durchführung der Aktion, ausgebildete Agenten hätten sich professioneller verhalten. Auch habe sich Russland bzw. die Sowjetunion als dessen Vorläufer bislang an das Geheimdienstethos gehalten, ausgetauschten Agenten nicht nachzustellen. Dass Moskau einen Imageverlust ausgerechtet vor der Fußball-WM riskieren würde, hält er für zutiefst unlogisch.

Dagegen äußert er den Verdacht, dass es sich bei Petrow und Boschirow um Auftragskiller gehandelt haben könne. Er ist ferner überzeugt, dass sie trotz gegenteiliger offizieller Verlautbarungen bereits in Russland ausfindig gemacht wurden, zumal ihre Namen in etlichen Passagierlisten der letzten Jahre auftauchten. Obwohl in sozialen Medien bereits mehrere Tage Hinweise auf die Identität der von der britischen Polizei beschuldigten Personen kursierten, dauerte es fast eine Woche bis zu einer offiziellen Bestätigung.

Die Mitteilung, dass die beiden von London beschuldigten Personen identifiziert wurden, erfolgte durch Wladimir Putin persönlich in einem Interview auf dem Fernöstlichen Wirtschaftsforum in Wladiwostok. Er hob hervor, dass es sich bei ihnen nicht um Militärangehörige handelt ("Wir wissen, wer sie sind"). Zudem betonte er, dass sie Zivilisten ohne kriminellen Hintergrund seien, was der Vermutung von Professor Rahr widersprechen würde.

Kann dem Kreml geglaubt werden, dass es sich um unbescholtene Bürger handelt? Ließen sich potentielle Auftragsmörder präsentieren, dann hätte es der russischen Seite weitaus mehr genützt: Der Vorwurf einer Involvierung offizieller Stellen wäre nicht mehr aufrecht zu erhalten. Da die beiden Beschuldigten sich mehrmals im Ausland aufhielten, wären kriminelle Aktivitäten angesichts diverser Unvorsichtigkeiten vermutlich schon früher publik geworden. Schließlich kann die Version ausgeschlossen werden, dass sie als Handlanger für eine großangelegte anti-russische Provokation fungierten, was Professor Rahr in Frageform andeutete.

Wie glaubhaft ist nun die Annahme, es hätte sich bei Alexander Petrow und Ruslan Boschirow um einfache Touristen gehandelt? Dass die Kathedrale von Salisbury ein vielbesuchtes kirchenhistorisches Bauwerk ist, belegt der zweite Platz hinter der St. Paul‘s Cathedral in der Rubik "Kirchen & Kathedralen" in England bei TripAdvisor. Von den 5763 Einträgen sind allerdings nur 33 in russischer Sprache, d.h. russische Urlauber zeigen offenbar kein besonderes Interesse.

Dass wegen Schnee und Kälte ein zweiter Besuch der Stadt nötig wurde, ist angesichts eigener Klimaerfahrungen der beiden russischen Bürger nur begrenzt nachvollzierbar. Zudem beträgt die Entfernung zwischen Kathedrale und Bahnhof ganze 12 Minuten zu Fuß. Außerdem gibt es für eine Stadtbesichtigung Salisburys keinen besonderen Grund: Der 40.000-Einwohner-Ort steht auf der TripAdvisor-Liste der beliebtesten Reiseziele Englands an 77. Stelle, und das auch nur wegen der Kathedrale.

Über die Bewegungen von Petrow und Boschirow am ersten Besuchstag, dem 3. März, kann die britische Polizei mangels fehlender Bilddokumente wenig Angaben machen. Möglicherweise haben sie tatsächlich 40 Minuten im Bahnhof auf den Zug gewartet.

Am zweiten Besuchstag wurden sie zehn Minuten nach ihrer Ankunft in Salisbury von einer CCTV-Kamera fotografiert, die sich auf dem Weg zur Wohngegend Sergei Skripals befindet. Beide Männer bewegten sich offenbar vom Bahnhof direkt dorthin, anstatt in Richtung Kathedrale zu laufen. Laut britischer Polizei sind sie durch die Kameraüberwachung im Umkreis der Kathedrale zu keinem Zeitpunkt erfasst worden. Bereits nach zwei Stunden fuhren beide mit dem Zug nach London zurück, obwohl sie einen Besuch von Stonehenge zeitlich geschafft hätten, das sie nach eigenen Angaben besichtigten wollten.

Der Aufenthalt zur Tatzeit in Salisbury mag Zufall sein, vor allem aber der zweimalige Besuch lässt Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Angaben aufkommen. Dennoch dürfte die Indizienkette trotz Ungereimtheiten nicht zu einer Verurteilung ausreichen, wäre da nicht der Nowitschok-Fund im Londoner Hotel. Da die Glaubwürdigkeit der britischen Regierung auf dem Spiel steht, ist der russische Verdacht nicht abwegig, dass die Spur absichtlich gelegt wurde.

Kann dann nicht sogar der Aufenthalt der beiden Russen in Salisbury für die Vergiftungsaktion genutzt worden sein, da sich diese als Täter geradezu anboten? Dies würde einen bereits bestehenden Plan voraussetzen, für dessen Umsetzung ein geeigneter Zeitpunkt abgewartet werden musste. Wenn auch eine solche Version abwegig erscheint, ist zu berücksichtigen, dass die britische Regierung aktuell jede Gelegenheit nutzt, den Konflikt mit Russland zu schüren.

Wichtige Hinweise auf die Authentizität der russischen Version könnte eine Beleuchtung des sozialen Umfelds von Petrow und Boschirow liefern. Insbesondere ließe sich feststellen, ob sie mit eigenen oder Decknamen gereist sind, wie die britische Regierung behauptet. Derartige Erwartungen erhielten bereits im Interview bei RT einen Dämpfer, da sich beide weigerten, auf Fragen zu ihrer Umgebung, ihres Hintergrunds, ihre Geschäfte und ihrer Freunde zu antworten. Falls beide tatsächlich einfache Bürger sind, erscheinen die von ihnen geäußerten Ängste unbegründet. Sollte die russische Seite ihren Wunsch nach Anonymität dennoch "respektieren", dann würde sie sich dem Vorwurf aussetzen, wichtige Indizien unterschlagen zu wollen. (Bernd Murawski)

Anzeige