Patt im Pazifik?

Bedrohen chinesische Raketen in Zukunft die maritime Vormachtstellung amerikanischer Trägergruppen?

Nach Alfred Thayer Mahan bildet eine starke Flotte das Rückgrat politischer Macht, da sie jederzeit militärische Macht in jeder Ecke der Welt projizieren kann. Das militärische Rückgrat der weltweiten Schlagkraft der USA stellen ihre 11 Trägergruppen dar. Sechs dieser maritimen Verbände, die üblicherweise aus einem Flugzeugträger, zwei Lenkwaffenkreuzern, zwei oder drei Lenkwaffenzerstörern, einer Fregatte, zwei atomaren Jagd-U-Booten und einem Versorgungsschiff bestehen, gehören mittlerweile der amerikanischen Pazifikflotte an. Der schlagkräftige Kern dieser Trägergruppen ist der Flugzeugträger selbst – die nuklear-getriebenen „Supercarrier“ der Nimitz-Klasse beherbergen bis zu 85 Kampfflugzeuge. Die Begleitschiffe sind im Wesentlichen dazu vorgesehen, die verletzlichen Flugzeugträger gegen feindliche U-Boote, Schiffe, Flugzeuge, und auch Raketen zu verteidigen.

Standard-Missile (SM-3) des AEGIS-Combat System

Das von den Amerikanern verwendete AEGIS-Combat System, das auf Kreuzern und Zerstörern eingesetzt wird, hat jedoch seine Grenzen, da es für die Abwehr klassischer Seezielflugkörper, wie beispielsweise der französischen Exocet, konzipiert ist. Diese Anti-Schiff-Raketen nähern sich dem Ziel mit bis zu 3.600 km/h Fluggeschwindigkeit. Gegen ballistische, oder semi- und quasiballistische Raketen ist das normale AEGIS-System nutzlos, da sich diese Raketen ihrem Ziel im Endstadium mit bis zu 24.000 km/h nähern. Bislang gibt es allerdings keine einsatzfähigen ballistischen Raketen, die fähig wären, in der letzten Flugphase präzise ein Ziel zu erfassen, das sich so schnell bewegt wie eine Trägergruppe. Mit einer Weiterentwicklung der chinesischen Dong-Feng 21 Rakete könnte, Analysten des Pentagon zufolge, China bereits in diesem Jahr die erste ballistische Anti-Schiff-Rakete (ASBM) in Dienst stellen – und damit wären die stolzen Träger der US-Navy im Ernstfall wohl nur noch lahme Enten.

Mobile DF-21 Abschussrampen

Der Stolz der US-Navy

In einer seiner letzten Amtshandlungen nahm George W. Bush am 10. Januar den elften Träger der Nimitz-Klasse für die US-Navy in Betrieb. Die „George H.W. Bush“ (CVN-77) – benannt nach George W. Bushs Vater - kostete das Pentagon stolze 6,2 Mrd. US$ und wird der letzte Träger der Nimitz-Klasse sein. Ab 2015 wird sie durch die „Gerald R. Ford-Klasse“ abgelöst, die nach dem Willen des ehemaligen Vizepräsidenten Dick Cheney helfen wird, „die Seemacht der USA ein halbes Jahrhundert lang zu sichern“. Dies allerdings wird nur gelingen, wenn die Amerikaner ein funktionierendes Raketenabwehrsystem gegen ballistische Anti-Schiff-Raketen entwickeln können. Das Aegis Ballistic Missile Defense System (ABMD) soll diese Aufgabe in Zukunft bewältigen können. Komponenten dieses Systems werden im Laufe des Jahres auf drei Kreuzern und 15 Zerstörern – 16 dieser 18 Schiffe sind der Pazifik-Flotte zugeteilt- einsatzfähig sein. Ob das ABMD gegen ballistische Langstreckenraketen wie die chinesische DF-21 überhaupt wirksam ist, wird indes von einigen Analysten bezweifelt. Während Einsatztests zur Abwehr von ballistischen Kurzstreckenraketen durchaus erfolgreich verliefen, konnte das System bei Tests mit ballistischen Langstreckenraketen bislang nicht überzeugen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Gefechtskopf der Seezielvariante der chinesischen DF-21 steuerbar sein und seine Flugbahn im letzten Abschnitt noch ändern können soll. Unter solchen Bedingungen wurde das ABMD noch nie getestet. Ob Präsident Obama das teure Programm fortführen wird, wenn Erfolgsergebnisse in der Praxis weiterhin ausbleiben, wird in Sicherheitskreisen angezweifelt.

USS Abraham Lincoln - Flugzeugträger der Nimitz-Klasse

China und die USA – die Kontrahenten der Zukunft

Auch wenn China momentan ein eher entspanntes Verhältnis zu den USA hat, und der Streit um den Dauerbrennpunkt „Taiwan“ in den letzten Jahren an Bedeutung verloren hat, stellen die USA für den aufstrebenden Giganten aus Fernost doch den globalstrategischen Rivalen Nummer Eins dar. Die Machthaber in Peking haben bereits früh erkannt, dass sie mit ihrem großen Arsenal, das hauptsächlich aus veralteter Sowjet-Technik besteht, auch gegen eine zahlenmäßig kleinere amerikanische Einsatzgruppe keine Chance haben – zu groß ist der technische Vorsprung, und zu überlegen ist die Feuerkraft der amerikanischen Verbände. Für China wäre es daher auch fatal, sich dem Westen in einem kriegerischen Konflikt mit offenem Visier im Zweikampf zu stellen. Diese westliche Vorstellung, die im Wesentlichen auf dem Ehrenkodex des Mittelalters fußt, wird daher in den chinesischen Militärdoktrinen auch gar nicht ernsthaft erwogen.

Assasin's Mace – Chinas Doktrin für die Vormacht im Pazifik

Chang Mengxiong, ein einflussreicher chinesischer Militär-Theoretiker, verglich die moderne chinesische Kriegsstrategie einmal mit einem chinesischen Kampfsportler, der ein präzises Wissen über die Nervendruckpunkte des Gegners hat und ihn daher mit einem Minimum an Einsatz in die Knie zwingen kann. „ShaShouJian“ oder „Assasin´s Mace“– der Streitkolben des Attentäters – ist Chinas Antwort auf die technologische Vormachtstellung der USA im militärischen Bereich. Unter dieser Doktrin fokussiert China seine militärische Entwicklung auf Strategien, die die USA dort treffen sollen, wo es am meisten schmerzt.

Aegis-Kontrollzentrum

Für China wäre es ein sinnloses und auch unbezahlbares Unterfangen, selbst Seeeinheiten und die dazugehörigen Waffensysteme zu entwickeln, um mit der modernsten Seemacht der Welt mithalten zu können. Die Entwicklung von ballistischen Anti-Schiff-Raketen ist hingegen ein Spezialgebiet, auf dem man im Erfolgsfall mit einem Minimum an Aufwand dem Gegner den größtmöglichen Schaden zufügen kann. Neben den Trägergruppen zählt auch die Satellitentechnik der USA zu den Achillesfersen der Supermacht. Anfang 2007 schockte China die USA durch den ersten Testabschuss eines Satelliten über dem Pazifik. Auf den Feldern der Anti-Satelliten-Raketen-Forschung und der Forschung auf dem Gebiet der ballistischen Anti-Schiff-Raketen gibt es viele Überschneidungen. In beiden Fällen muss die Rakete ballistisch gestartet, und der Gefechtskopf muss präzise ins Ziel manövriert werden. Selbst wenn das amerikanische Aegis Ballistic Missile Defense System in näherer Zukunft weiterentwickelt wird und ballistische Anti-Schiff-Raketen abfangen kann, so arbeitet das System auf der Basis von Satellitendaten über die Flugbahn der abzufangenden Flugkörper. Wenn die chinesischen Militärs es schaffen sollten, diese Satelliten auszuschalten, wäre das Aegis-System damit außer Betrieb. Die USA wären in diesem Falle nicht nur blind, sondern auch zahnlos. (Jens Berger)

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