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Pay What You Want und Open Access

Video-Screenshot "The Surgery Journal"

Viel Resonanz und geringe Einnahmen

Die meisten Open-Access-Zeitschriften erlauben es nicht nur Lesern, publizierte Inhalte entgeltfrei zu lesen, sondern auch Autoren können kostenlos in ihnen veröffentlichen. Andere Open-Access-Journale finanzieren sich über Artikelgebühren, diese entrichten Autoren, wenn eine Zeitschrift ihren Text zur Publikation annimmt. Üblicherweise ist die Höhe dieser Gebühren unverhandelbar, einzig Wissenschaftler aus wirtschaftlich benachteiligten Regionen können reduzierte Zahlungen beantragen.

Etwas anders stellt sich das Procedere beim Surgery Journal [1] des Thieme-Verlages dar: Es verfolgt mit Pay What You Want [2] ein Bezahlmodell, das unter anderem aus der Gastronomie bekannt ist und bei dem die Kunden bestimmen, welchen Preis sie für ein Angebot oder eine Dienstleistung zu zahlen bereit sind.

Kurzum: Im Surgery Journal soll der Autor entscheiden, was ihm eine Open-Access-Publikation seines Artikels wert ist. Thieme setzt sich mit seinem Experiment dabei keinesfalls dem Verdacht aus, unlautere Geschäfte zu machen, denn Autoren nennen den Preis, den sie für die Publikation zahlen wollen, erst nach Peer Review und nach Annahme zur Veröffentlichung. So kann erst gar nicht die Mutmaßung aufkommen, man wähle Artikel nicht nach wissenschaftlicher Qualität, sondern nach Höhe der erwarteten Einnahmen aus.

Tatsächlich sieht das Konzept des Journals sogar vor, eine Publikationsgebühr von null zu akzeptieren. Prof. Martin Spann von der Ludwig-Maximilians-Universität München beriet Thieme bei der Umsetzung des Bezahlmodells und nannte [3] Telepolis im Juni 2015 gute Gründe, warum Wissenschaftler trotz leerer universitärer Kassen für eine Open-Access-Publikation im Surgery Journal einen adäquaten Preis zahlen könnten:

Zum einen wirken in Pay-What-You-Want-Szenarien Fairness-Überlegungen, Menschen wollen einem Dienstleister, dessen Service sie nutzen, einen fairen Preis zahlen. Dazu kommen eher eigennützige Strategien: Man ist als Kunde am Erhalt eines Angebotes, das man nutzt, interessiert und wird daher einen Preis zahlen, der diesen Erhalt sichert.

Martin Spann

Etwas mehr als anderthalb Jahre nach Start des Surgery Journal legten nun Prof. Spann, Prof. Klaus M. Schmidt sowie Lucas Stich einen kurzen Bericht [4] vor, der die Erfahrungen des Journals mit Pay What You Want zusammenfasst.

Mehr Interessenten, aber auch Trittbrettfahrer

Die Münchner Forscher heben hervor, Pay What You Want könne die Diskussion über die Angemessenheit der Open-Access-Publikationsgebühren stimulieren und dabei helfen herauszufinden, welche Gebühren von Wissenschaftlern als gerecht und akzeptabel erachtet werden. Jedoch unterschlagen die Verfasser des Berichts auch nicht mögliche Trittbrettfahrer-Effekte, die dazu führen können, dass Wissenschaftler gar keine oder eine nur sehr geringe Gebühr zahlen wollen und so das Modell ausnutzen. Diese Free-Rider-Mentalität fand sich, wie nicht anders zu erwarten war, auch unter Autoren des Surgery Journals.

Video-Screenshot "The Surgery Journal"
Video-Screenshot "The Surgery Journal" [5]

Thieme selbst veranschlagt für die Publikation eines Artikels im Journal einen Preis von 1.600 US-Dollar, über diese Preisempfehlung wurden Autoren, deren Artikel zur Veröffentlichung angenommen waren, informiert - und zwar bevor sie die Publikationsgebühr nannten, die sie selbst zahlen würden. Für die 27 im Untersuchungszeitraum publizierten Artikel wurden dennoch nur Gebühren von durchschnittlich 480 US-Dollar entrichtet, darunter fanden sich vier Artikel für deren Erscheinen die Autoren gar keine Zahlung leisteten. Bei acht Artikeln lag die Höhe der Zahlung unter 100 US-Dollar, bei zweien wurde der vom Verlag angestrebte Preis von 1.600 US-Dollar erreicht, ein Autor zahlte gar 2.200 Dollar und übertraf die Erwartung Thiemes um 50%.

Dennoch wirkt eine Zahl von nur fünf Autoren, die mehr als 1.000 US-Dollar für die Publikation eines Artikels entrichteten, ernüchternd. Ein wichtiger Einflussfaktor scheint dabei die regionale Herkunft und finanzielle Ausstattung der Autoren zu sein: Für die elf Artikel, deren Autoren aus sogenannten Entwicklungsländern stammten, lag die durchschnittlich gezahlte Gebühr mit 118 US-Dollar deutlich unter den von Autoren aus finanzstärkeren Ländern geleisteten Zahlungen (728 US-Dollar).

Obwohl die tatsächlichen Einnahmen geringer als erwartet waren, bot Pay What You Want dem Verlag auch interessante Perspektiven: Verglichen mit anderen neuen Open-Access-Journalen florierte das Surgery Journal und erzielte eine höhere Zahl an Einreichungen. Man gewann demnach Kunden, die man mittels eines festen Pricing-Modells nicht erreicht hätte - dieses Phänomen ist übrigens auch aus Restaurants bekannt [6], die Pay What You Want verfolgen. Folglich könnte das Modell geeignet sein, neue Zeitschriften am Markt zu etablieren - vorausgesetzt der Verlag hat ein gewisses finanzielles Polster oder geringe Gewinnerwartungen.

Sollte sich Pay What You Want im Open Access verbreiten, dürfte es auch interessant sein zu beobachten, ob die Beträge, die Autoren freiwillig entrichten, steigen, wenn auch das wahrgenommene Renommee oder die Zitationszahlen des Journals zunehmen, sprich: ob sie eher redaktionelle Arbeit oder Reputation finanzieren.


URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-3645750

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.thieme.de/de/surgery-journal/73117.htm
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Pay_what_you_want
[3] https://www.heise.de/-3373899.html
[4] https://rationality-and-competition.de/wp-content/uploads/discussion_paper/10.pdf
[5] https://www.thieme.de/de/surgery-journal/73117.htm
[6] http://www.sueddeutsche.de/geld/gastronomie-zahl-doch-was-du-willst-1.2002618