Pentagon: Krankenhaus angeblich unabsichtlich bombardiert, US-Spezialeinheiten waren in Kunduz

Pentagon hüllt sich in Schweigen, Ärzte ohne Grenzen fordern unabhängige Untersuchung, alle ausländischen Ärzte sollen vor der Bombardierung das Krankenhaus verlassen haben

Kurz und knapp wollte das Pentagon die Bombardierung eines Krankenhauses der Organisation Ärzte ohne Grenzen am Samstag in Kunduz abhaken (Kunduz: Kriegsverbrechen oder Kollateralschaden?). Angekündigt war eine genaue Untersuchung des Vorfalls von US-Präsident Obama und seinem Verteidigungsminister Carter worden. Bis dahin konnte man offenbar nicht eingestehen, was für jeden auf der Hand lag, dass es US-Kampfflugzeuge waren, die das Krankenhaus gezielt und wiederholt beschossen haben, wie Ärzte ohne Grenze erklärten, obgleich sich im Krankenhaus angeblich keine Taliban aufhielten und dem US-Militär die Koordinaten des Krankenhauses seit Monaten bekannt waren.

General John F. Campbell, Kommandeur der US- und Natotruppen in Afghanistan räumte gestern zwar ein, dass es US-Kampfflugzeuge gewesen waren, die das Krankenhaus bombardiert hatten. Afghanische Sicherheitskräfte hätten um die Bombardierung gebeten, erklärte er und fügte hinzu, die Meldung sei falsch gewesen, dass US-Soldaten unmittelbar bedroht waren. Interessant ist weniger, dass die Schuld auf die Afghaner abgeschoben wird, sondern dass der Kommandeur damit indirekt zugibt, dass US-Soldaten in oder um Kunduz im Einsatz waren.

Der hochdekorierte General Campbell verwies immer wieder auf "die Untersuchung". Bild: DoD

Neben den 12.000 Soldaten der Nato-Ausbildungsmission Resolute Support, darunter 850 deutsche, haben die Amerikaner noch 5.000 Soldaten im Rahmen der Operation Freedom's Sentinel in Afghanistan stationiert, die sich an Antiterrorkämpfen beteiligen. Nach Campbell hatten die Afghanen bei einem "Team von Sondereinheiten, das wir auf dem Boden haben", um Unterstützungen durch Luftangriffe nachgefragt. Das Team habe sich in dem Gebiet aufgehalten, um die afghanischen Streitkräfte auszubilden und zu beraten, habe sich jedoch nicht an den Kämpfen beteiligt, wohl aber "wertvolle Hilfe" geleistet. Allerdings hätten sie das "inhärente Recht auf Selbstverteidigung", betonte er, vielleicht um möglicherweise Behauptungen entgegentreten zu können, dass sie doch an den Kämpfen beteiligt waren. Als er gefragt wurde, wie nahe sie dem Kampfgeschehen waren, lehnte er eine Beantwortung ab und verwies auf die Untersuchung, die noch andauert.

Auch ansonsten hüllte sich der für die amerikanischen und Nato-Soldaten in Afghanistan Verantwortliche weitegehend in Schweigen: "Es wurde dann ein Luftschlag angeordnet, um die Talibanbedrohung zu eliminieren, einige Zivilisten wurden unabsichtlich getroffen. Das unterscheidet sich von früheren Berichten, nach denen US-Soldaten bedroht waren und der Luftangriff von diesen angefordert wurde". Campbell bleibt dabei, dass es sich um einen "tragischen Vorfall" gehandelt habe. Ganz so tragisch oder zufällig waren die Toten aber nicht.

Zwar erklärte Campbell, dass die USA "außerordentliche Maßnahmen ergreifen, um Schaden für Zivilisten zu vermeiden", um dann zur Standarderklärung der überlegenen Konfliktpartei in asymmetrischen Konflikten zu kommen, die allerdings auch nicht rechtfertigt, ein Krankenhaus zu bombardieren. Die Taliban haben sich nicht auf offenem Feld aufgehalten, wo sie gezielt hätten ausgeschaltet werden können, sondern sie haben sich, so der General, "absichtlich dafür entschieden, in einem dicht urbanisierten Gebiet zu kämpfen, wodurch sie absichtlich Zivilisten gefährdet haben". Man könnte freilich auch sagen, die US-Streitkräfte haben absichtlich ein Gebäude in einem "dicht urbanisierten Gebiet" aus der Luft angegriffen und damit absichtlich bzw. wissentlich Zivilisten gefährdet, im Fall des Krankenhauses medizinisches Personal und Patienten.

Auf eine Frage hin versicherte er, dass die US-Streitkräfte "absolut" keine Ziele wie Schulen, Moscheen und Krankenhäuser angreifen. Ansonsten verwies er bei allen Fragen, beispielsweise ob es sich um ein Kriegsverbrechen handelt oder ob die Organisation die GPS-Daten übermittelt hat, auf die laufende Untersuchung. Man werde "offen und transparent" sein, nur jetzt nicht, so die Haltung des Kommandeurs.

Mediziner ohne Grenzen (MSF) fordern weiterhin eine unabhängige Untersuchung, auch wenn das US-Militär nun eingeräumt hat, für die Bombardierung verantwortlich zu sein, durch die mindestens 10 Patienten und 12 Mitarbeiter getötet wurden. In der Tat ist zu befürchten, dass die interne Untersuchung des Pentagon vieles verschleiern könnte. MSF-Direktor Christopher Clarke kritisierte, dass das Pentagon herumeiert und die Bombardierung des Krankenhauses einmal als Kollateralschaden, ein anderes Mal als tragischen Vorfall bezeichnet und jetzt die Schuld der afghanischen Regierung zuschiebt: "Fakt ist, dass die USA dieses Bomben abgeworfen haben. Die USA haben ein großes Krankenhaus, gefüllt mit verwundeten Patienten und MSF-Personal, getroffen. Das US-Militär bleibt verantwortlich für die Ziele, dies es angreift, auch wenn es Teil einer Koalition ist."

Allerdings wurden auch Zweifel an der Darstellung von MSF laut. Gegenüber der russischen Nachrichtenagentur Ria Novosti soll ein afghanischer Arzt, der für MSF in dem Krankenhaus gearbeitet hat, aber am Tag der Bombardierung frei hatte, gesagt haben, dass die ausländischen Ärzte ohne Angaben von Gründen alle vor der Bombardierung das Krankenhaus verlassen hätten:

Nach dem Luftangriff auf das Krankenhaus konnte sich kein einziger Arzt retten, alle sind sie lebendigen Leibes verbrannt. Das sind meine Kollegen, sie sind Bürger Afghanistans. Jetzt ist ihre Identifizierung im Gange. Das ist keine leichte Aufgabe. Die Leichen sind stark verbrannt, und die Angehörigen mancher Opfer haben nach den Angriffen der Taliban Kundus verlassen, ihr Aufenthaltsort ist unbekannt. Aber ich weiß genau, dass es unter den Toten keine Ausländer gibt, da die ausländischen Ärzte vor dem Luftangriff ohne jede Erklärung das Krankenhaus verlassen hatten.

Der Arzt, der anonym bleiben will, soll berichtet haben, dass die Taliban am ersten Tag, als sie die Stadt eingenommen haben, auch ins Krankenhaus eingedrungen seien und die Krankenwagen gestohlen hätten. Ein Tag später sei aber das Krankenhaus schon zurückerobert worden. Das lässt Zweifel entstehen, weil die Taliban einige Tage größere Teile der Stadt noch kontrolliert hatten. Im Krankenhaus seien dann Opfer der Kämpfe, aber auch verletzte Taliban behandelt worden, was sicher nicht möglich gewesen wäre, wenn afghanische Streitkräfte das Krankenhaus kontrolliert hätten. Und er merkte an, was möglicherweise der Grund war, warum von afghanischer Seite die US-Luftwaffe gebeten wurde, das Krankenhaus zu bombardieren:

Es sei bemerkt, dass die Mehrheit der Patienten gerade die Taliban waren, welche ernsthafte Verluste erlitten haben. Warum haben wir ihnen Hilfe erwiesen? Die Politik unserer Organisation ist so, dass wir tatsächlich ‚ohne Grenzen‘ und ohne politische Bevorzugungen arbeiten. Wir behandeln alle, die uns um Hilfe bitten. Entgegen den in manchen Medien aufgetauchten Meldungen haben die Taliban niemanden aus dem Personal unseres Krankenhauses gefangen genommen.

Telepolis hat MSF um eine Stellungnahme gebeten, aber noch keine Antwort erhalten.

Kunduz scheint mittlerweile von den afghanischen Sicherheitskräften kontrolliert zu werden. Es wird aufgeräumt, die Leichen werden weggeschafft, heißt es, es sollen um die 400 Taliban-Kämpfer getötet worden sein. In Afghanistan werden wohl Verschwörungstheorien ausgebrütet. Angeblich seien Offiziere aus Pakistan an dem Taliban-Überfall auf die Stadt beteiligt gewesen, verkündete General Murad Ali Murad, Stabschef der afghanischen Streitkräfte. Sie seien, eingehüllt in Burkas, geflohen. Er rief die Bewohner auf, mit den Streitkräften zu kooperieren, um die Taliban, die sich versteckt haben, aufzuspüren.

Auch wenn nun Kunduz wieder "befreit" ist, gab es einen Bombenanschlag in Kabul auf einen früheren Gouverneur der Provinz Helmand und haben Taliban die Stadt Maymana angegriffen. In der Provinz Nangarhar gibt es weiterhin Kämpfe mit Anhängern des Islamischen Staats.

US-Präsident Obama soll erwägen, die 5000 Kampftruppen oder mehr auch nach 2016 noch in Afghanistan zu belassen. Der überraschende Angriff der Taliban auf Kunduz hat den Plan, alle Truppen abzuziehen, durchkreuzt. Im Wahlkampfmodus wird es sich Obama nicht leisten können, dem demokratischen Kandidaten neben Syrien und Irak noch ein Fiasko zu hinterlassen. (Florian Rötzer)