Pentagon baut Raketenarsenal für zwischenstaatliche Konflikte aus

Test einer JASSM. Bild: DoD

Interessant sind wie die erstmals im Syrienkrieg getesteten JASSM-Raketen solche mit größerer Reichweite

Das Pentagon stellt sich mit dem Weltraumkommando und der geplanten Militarisierung des Weltraums, mit der "Modernisierung" der Atomwaffen, der Entwicklung von Hyperschallraketen, neuen U-Booten, Laserwaffen oder der Weiterentwicklung von Raketenabwehrsystemen zunehmend auf einen militärischen Konflikt mit anderen Staaten, vor allem mit den Atommächten China und Russland, ein. Ein Indiz dafür ist der erhöhte Bedarf an JASSM-Luft-Boden-Präzisionsmarchflugkörpern (Joint Air-to-Surface Standoff Missile). Hersteller Lockheed hatte im Mai angekündigt, für die zusätzliche Fertigung von JASSM mit erhöhter Reichweite eine neue Produktionsstätte in Troy, Alabama, zu bauen, die 2022 ihren Betrieb aufnehmen soll.

Erstmals eingesetzt wurden die Marschflugkörper am 14. April 2018, als zwei Kampfflugzeuge 19 JASSM-A mit einer Reichweite von 300 km auf Strukturen des angeblich weiter existierenden syrischen Chemiewaffenprogramms abfeuerten. Das galt als Reaktion auf einen angeblich vom syrischen Militär ausgeführten Giftgasangriff am 7. April in Douma (Duma). Der Angriff erfolgte, bevor OPCW-Inspektoren vor Ort waren und obgleich Berichte darauf hindeuteten, dass der Angriff von den Militanten inszeniert worden sein könnte, um den Vormarsch der syrischen Truppen zu stoppen. Auch nach dem im März 2019 veröffentlichten endgültigen OPCW-Bericht bleiben beträchtliche Zweifel.

Kriege als Testfeld neuer Waffen

Donald Trump dürfte den Befehl auch deswegen gegeben haben, um die amerikanischen Raketen erstmals in einem Kampfeinsatz zu testen, nachdem der Einsatz von Präzisionsraketen des Typs Tomahawk 2017 gegen einen Flugwaffenstützpunkt der syrischen Armee aus militärischer Sicht nicht so erfolgreich gewesen sein dürfte (Ein wenig präziser US-Präzisionsschlag gegen syrischen Stützpunkt?). Frankreich und Großbritannien hatten sich der Strafaktion angeschlossen. Besonders für waffenexportierende Länder sind Kriegseinsätze interessant, weil neue Waffen vorgeführt werden, deren Kauf nicht nur die Rüstungsindustrie und deren Arbeitsplätze unterstützt, sondern auch die Käufer abhängig macht.

Das Angreifertrio bezeichnete die Raketenangriffe als erfolgreich, im Pentagon schwärmte man, sie seien "präzis, überwältigend und effektiv" gewesen. Beides könnte auch damit zu tun haben, dass die russische Regierung den Krieg in Syrien 2015 ausgenutzt hatte, um ihrerseits erstmals die Lenkwaffen Kalibr NK zu testen. Angeblich erfolgreich wurden 26 Raketen von Kriegsschiffen aus dem Kaspischen Meer auf 1500 km entfernte Ziele in Syrien abgefeuert. Nach CNN sollen vier über dem Iran abgestürzt sein, aber das ist umstritten.

Gefragt sind Raketen mit größerer Reichweite

Nach dem Pentagon seien im April 2018 alle Ziele erfolgreich zerstört worden, die Luftabwehr sei wirkungslos gewesen. So seien in Damaskus 57 Tomahawk- und 19 JASSM-Raketen eingesetzt worden. Auf Ziele in Homs seien 22 amerikanische, britische und französische Raketen abgefeuert worden, 9 Tomahawk der USA, 8 britische Storm Shadow-Raketen und 5 französische, darunter 3 SCALP-Raketen. Die Aufzählung der eingesetzten Waffen hatte auch den Zweck, nicht nur den Erfolg des Militärs zu propagieren, sondern überdies für diese zu werben, sie sollen schließlich verkauft werden. Russland bestritt die Darstellung und behauptete, es seien 103 Raketen abgefeuert und 71 von der syrischen Luftabwehr abgeschossen worden (s.a.: Alternative Fakten: Konträre Versionen über die Angriffe auf syrische Ziele).

JASSM-ER haben eine Reichweite von fast 1000 km. Das Pentagon will den Ankauf von 2866 Raketen auf 7200 erhöhen, was bereits im Entwurf für den Verteidigungshaushalt im März enthalten und der Anlass für den Ausbau der Produktion von Lockheed Martin war. In einem Schreiben an den Kongress sind dafür nun fast 10 Milliarden US-Dollar mehr vorgesehen, ein Plus von über 113 Prozent gegenüber gegenüber dem 2018 geplanten Kauf.

Raketen wie JASSM und Hyperschallraketen - Lockheed entwickelt für das Pentagon einen luftgestützten Hyperschall-Marschflugkörper - werden offenbar als wichtig für einen möglichen militärischen Konflikt bzw. zur Abschreckung gesehen. Auch beim Rüstungskonzern Raytheon sind im zweiten Quartal dieses Jahr die Raketenverkäufe um 8 Prozent gegenüber letztem Jahr gestiegen. Raytheon sieht ausbaufähige Geschäftsfelder bei Hyperschallraketen und Hyperschallraketenabwehrsysteme (Gefährliches Wettrüsten mit Hyperschallraketen).

Lockheed stockt auch die Produktion von Hellfire-Raketen von 7.000 auf 11.000 jährlich auf. Mit ihnen werden u.a. die Kampfdrohnen im Antiterrorkampf ausgerüstet. Die Tendenz geht allerdings dahin, die Reichweite von Raketen zu vergrößern, wie Tom Karako, ein Raketenabwehrexperte beim Center for Strategic and International Studies, schreibt, der auch von einer Renaissance der Raketen spricht: "Viele der Raketen der USA und der Alliierten erhalten eine ER-Ergänzung." ER bedeutet extented range, also größere Reichweite.