Pentagon plant Raketenabwehr aus dem Weltraum

"Brilliant Pepples": Konzept für weltraumgestützte Abfangraketen Anfang der 1990er Jahre. Bild: mda.mil

Folge wäre ein vielleicht intendiertes ruinöses und gefährliches Wettrüsten, vermutlich müssten dafür tausende Raketen (SBI) in eine erdnahe Umlaufbahn gebracht werden

Schon seit Jahrzehnten, lange vor der Thematisierung der Gefahren und der Möglichkeiten des Cyberwar, war der Weltraum zur neuen Domäne der Kriegsführung erklärt worden. Im alten Kalten Krieg hatte man noch versucht, etwa mit dem Weltraumabkommen zumindest die Stationierung von Massenvernichtungswaffen im Weltraum zu verhindern. Bislang wurde der Weltraum zwar mit militärischen Satelliten, aber nicht mit Waffen bestückt. Das hatte auch mit den Kosten und den technischen Möglichkeiten zu tun. Daran, nicht in erster Linie wegen politischer Bedenken, ist die unter Ronald Reagan propagierte Strategic Defense Initiative (SDI) gescheitert.

Schon vor dem Amtsantritt von George W. Bush machte eine Kommission, der viele Neocons und auch der spätere Verteidigungsminister Rumsfeld angehörten, auf die Gefahren aufmerksam, die durch Gegner aus dem Weltraum drohen würden. Die Rede war von einem neuen Pearl Harbour. Es ging darum, wie so oft, mit der Beschwörung der Bedrohungen eine Aufrüstung zu begründen, die SDI weiterführen sollte. Das erste Ergebnis war das teure Raketenabwehrschild, das unter Bush schließlich nach dem Ausstieg aus dem ABM-Abkommen in osteuropäischen Ländern installiert wurde und wesentlich zur Eskalation zwischen USA/Nato und Russland schon vor dem Georgien-Krieg und dem Ukraine-Konflikt beigetragen hat.

Mit der von Donald Trump angeordneten Einrichtung eines Weltraumkommandos nach der Ankündigung des russischen Präsidenten Putin, dass Russland über Wunderwaffen verfüge, geht es nun darum, die Raketenabwehr, aber auch sonst Waffen in den Weltraum zu bringen. Das hatte bereits explizit das Pentagon im September des letzten Jahres angekündigt: Pentagon will Raketen im Weltraum stationieren.

Hintergrund ist das Wettrüsten zwischen Raketenabwehrsystemen und den neuen Hyperschallraketen und -drohnen, bei denen Russland und China große Fortschritte erzielen konnten. Das hatte auch der Missile Defense Review, der im Januar 2019 veröffentlicht wurde, klar gemacht. Hier wird von der Notwendigkeit entsprechender Sensoren und einer "new space-based kill assessment capability" im Weltraum gesprochen. Ein "space-based missile interceptor" (SBI) wäre die beste Möglichkeit, Raketen in der Startphase abzuschießen, wenn noch keine Abwehrmaßnahmen wie das Abfeuern von mehreren Sprengköpfen oder Tarnkörpern möglich ist.

Ein dichtes Netzwerk aus Sensoren und Abfangraketen

James Anderson, Staatssekretär für Strategie, Pläne und Kapazitäten im Pentagon erklärte gegenüber dem National Defense Magazine, dass zur Bewaffnung im Weltraum bis Ende des Jahres ein umfassender Bericht vorliegen soll. Der soll die technische Realisierbarkeit, Zeitpläne, Kosten, technische Systeme und Zahl der notwendigen Abfangraketen behandeln.

Notwendig wäre dazu nicht nur ein Netzwerk an Sensoren, mit dem zu jeder Zeit jeder Ort auf der Erde beobachtet und eine Rakete verfolgt sowie ihre Bahn berechnet werden kann. Das kann schon schwierig sein, wenn der Gegner mehrere oder viele Raketen gleichzeitig vom Boden abfeuert. Der Abschuss einer Abfangrakete müsste überdies blitzschnell erfolgen.

Todd Harrison, vom Center for Strategic and International Studies (CSIS), der die Bedrohung in Berichten herausstellt, erklärt, dass das Abwehrsystem auch auf viele im Weltraum stationierte Raketen zurückgreifen und berechnen müsste, welche Abfangrakete sich in der besten Position befindet, um rechtzeitig die gegnerische Rakete abzuschießen. Zuletzt würde die Rakete sich auf die eigenen Sensoren stützen, um die Flugbahn zu berechnen. Ob das überhaupt eine Möglichkeit ist, wenn es sich um navigierbare Hyperschallraketen handelt?

"Die meiste Zeit ist ein Satellit nicht dort, wo er sein müsste"

Da das Pentagon mit NMD bereits "exoatmospheric kill vehicles", also Abfangraketen entwickelt hat, die von einer Trägerrakete in den Weltraum gebracht werden können und zumindest in Tests, die von Kritikern als unrealistisch bezeichnet werden, erfolgreich Interkontinentalraketen zerstört haben, betrachtet Harrison im Weltraum stationierte Abfangraketen als technisch nicht allzu schwierig. Fraglich ist vor allem, ob damit nicht ein weiteres unheilvolles Wettrüsten in Gang kommt und ob die Kosten nicht astronomisch hoch wären. Die Sensoren und Raketen müssten sich wegen des kleinen Zeitfensters auf erdnahen Umlaufbahnen (LEO), was aber ihre Reichweite begrenzt. Deswegen müssten wohl ziemlich viele Raketen um die Erde kreisen, weil diese sehr schnell die Position verlassen, um eine vom Erdboden startende Rakete abfangen zu können. "Die meiste Zeit ist ein Satellit nicht dort, wo er sein müsste", um eine Rakete abzuschießen, sagt Harrison.

Die Union of Concerned Scientists hat in einem Bericht ein weltraumgestütztes Raketenabwehrsystem als "schlechte Idee" bezeichnet. Satelliten in einer erdnahen Umlaufbahn bleiben nicht stationär über einer Stelle, sondern umkreisen die Erde: "Das bedeutet, eine einzelne Umlaufbahn muss mit 40 oder 50 Abfangraketen gefüllt werden. Und weil die Erde rotiert, müssen viele Umlaufbahnen gefüllt sein, um sicherzustellen, dass ein Gebiet permanent abgedeckt ist." Allein um Nordkorea auf diese Weise abzudecken, würde man 300 bis 400 Abfangraketen, verteilt auf sieben oder acht Umlaufbahnen, benötigen. Für größere Länder wie Iran oder gar China oder Russland würden entsprechend mehr benötigt.

Selbst eine "Megakonstellation" von 2013 Satelliten kann nicht alles lückenlos abdecken

Der Raketenexperte Thomas Roberts von CSIS hat ein Modell entwickelt, nach dem ein System aus 98 Satelliten nicht jedes Gebiet abdecken könnte. Eine "mittlere" Konstellation von 496 Satelliten würde hingegen sicherstellen, dass mindestens drei oder vier Raketen immer Nordkorea, eine bis drei den Iran und Null bis vier Russland und China abdecken.

Je mehr Raketen oder Satelliten, die Raketen abfeuern können, in erdnahen Umlaufbahnen sind, desto besser wäre dies. Eine "Megakonstellation" von schlappen 2013 Satelliten, die erstmal gebaut und in die Umlaufbahn gebracht sowie dort gewartet werden müssten, würde garantieren, dass Nordkorea von 14-18, der Iran von 16 und China sowie Russland von Null bis 18 abgedeckt würden.

Das weist schon darauf hin, dass es allein aufgrund der Landmasse bei China und Russland eine lückenlose Abdeckung schwierig sein würde. Und weil der jeweilige die Satellitenkonstellation abschätzen kann, hat er immer den Vorteil, sofern er die Ressourcen besitzt, das System durch den Abschuss von mehr Raketen zu überwältigen. Und wenn einmal Abfangraketen abgefeuert wurden, gibt es erst einmal eine Lücke, die nicht schnell geschlossen werden kann. Deswegen müssten immer mehr Abfangraketen in der Umlaufbahn sein, um solche Lücken nicht entstehen zu lassen. Zudem können Satelliten auch von der Erde aus abgeschossen werden, was allerdings ein weltraumgestützten Abwehrsystem erschweren könnte. Trotzdem dürfte ein landgestütztes Asat-System Vorteile haben. Zumindest haben die USA, China und Indien mit ihren Raketenabwehrsystemen bereits demonstriert, dass erdnahe Satelliten zerstört werden können.

Gwaltige Kosten - die aber vielleicht gewünscht sind

Klar ist jedenfalls, dass ein solches neues SDI wirklich teuer würde. Das National Defense Magazine weist auf eine Studie des Institute for Defense Analyses hin, das 2011 schätzte, dass eine Konstellation aus 960 Satelliten fast 300 Milliarden US-Dollar kosten würde. Eine Studie der National Academies of Sciences, Engineering and Medicine kam auf 300 Milliarden nur für Nordkorea, eine Studie des CSIS so um die 100 Milliarden, das International Institute for Strategic Studies schätzte die Kosten für einen Schutz vor Nordkorea auf über 100 Milliarden, ein weltweiter Schutz würde unrealisierbar teuer (prohibitively expensive).

Es hat zwar das Pentagon und Washington auch nicht weiter gestört, das Raketenabwehrsystem (NMD) mit voraussehbar hohen Kosten und geringer Effizienz zu starten, wohl wissend, dass damit nur ein Wettrüsten ausgelöst wird, das auch eingetreten ist und wahrscheinlich gewünscht war. Daher dürften auch wenig Bedenken vorliegen, neben der "Modernisierung" der Atomwaffen das nächste superteure Rüstungsprojekt zu beginnen. Auch das hat das volle Potential, ein weiteres Wettrüsten auszulösen, zumal Abfangraketen keineswegs nur defensiv eingesetzt werden können.

Möglicherweise schwebt im Hinterkopf, dass sich andere Staaten, allen voran Russland und China, eine umfassende Militarisierung des Weltraums wegen der hohen Kosten nicht leisten können, weswegen man auch mit einem kleineren und kostengünstigeren System eine Abschreckungswirkung erzielen könnte. Allerdings können sich die Gegner auf die weniger teure Abwehr oder Störung vom Boden aus konzentrieren und ihrerseits darauf setzen, dass sich die USA mit dem neuen SDI und der Weltraumbewaffnung finanziell überhebt oder entsprechend an anderen Stellen sparen muss. Daneben würden durch hunderte oder tausende Raketenstarts die Umwelt belastet, während der Müll im Weltraum dramatisch zunehmen würde. (Florian Rötzer)