Pentagon setzt auf verdeckte Operationen

Nachdem das Militär bislang wenig gegen die Widerstandskämpfer ausrichten konnte, will man angeblich verstärkt Spezialeinheiten einsetzen, die mit ehemaligen irakischen Geheimdienstmitarbeitern zusammen arbeiten und von israelischen Experten beraten werden

US-Verteidigungsminister Rumsfeld hat in letzter Zeit beteuert, dass es keine Pläne gebe, mehr US-Truppen im Irak zu stationieren. Schon im Wahlkampf soll für die Besatzung nach dem mehr und mehr auch in den USA umstrittenen Krieg nicht noch mehr Geld ausgegeben werden - und es sollen auch nicht noch mehr Soldaten sterben. Seymour Hersh, der gute Kontakte ins Pentagon und die Ministerien besitzt, berichtet im New Yorker, dass die US-Regierung dafür aber mehr Spezialeinheiten in den Irak entsenden könnte, weil dazu der Kongress nicht gefragt werden muss und man dies unbemerkt machen kann. Zudem würde im Irak der Einsatz von verdeckten Operationen von Spezialeinheiten ausgebaut, um in Zusammenarbeit mit ehemaligen hohen Mitgliedern von Husseins Geheimdiensten und israelischen Beratern den Widerstand zu brechen, nachdem die Streitkräfte dazu nicht in der Lage zu sein scheinen.

Der Krieg mit Spezialeinheiten und verdeckten Einsätzen nähert die Bekämpfung des Terrorismus selbst dessen Methoden an (Rechtzeitiger Angriff ist manchmal die beste Verteidigung). Die Bush-Regierung hat nach dem 11.9. die Spezialeinheiten ausgebaut (Erst provozieren, dann zuschlagen). Mit dem Rüstungshaushalt 2004 wurden 6,5 Milliarden US-Dollar bewilligt, über 30 Prozent mehr als im letzten Haushaltsjahr. Insgesamt gibt es fast 50.000 Soldaten bei den Spezialeinheiten, also ein richtiges, aber geheimes Eliteheer, das der Präsident und das Pentagon fast beliebig einsetzen können. Bereits im Afghanistan-Krieg spielten Spezialeinheiten eine maßgebliche Rolle, auch nach dem Krieg befinden sich Einheiten auf Terroristenjagd - "manhunt" -, ohne allerdings offenbar allzu große Erfolge zu erzielen.

Nach Informationen von Hersh (Moving Targets) wurde, weil das normale Militär gegen die Anschläge zu wenig ausrichten kann, eine Spezialeinheit mit dem Namen Task Force 121 aus Mitgliedern der Army Delta Force, der Navy seals und der CIA gebildet, um die Widerstandskämpfer zu fangen oder zu töten. Rat sucht man offenbar für die Niederschlagung der Aufständischen von Israel, wo man schon Jahrzehnte lange Erfahrung im Kampf gegen muslimische Rebellen und Terroristen gesammelt hat. Allerdings wäre es nicht das erste Mal, dass die Methoden von Mossad und des israelischen Militär als Vorbild dienten (Uncle Sam und die "Snatch Option" des Präsidenten, Lizenz zum Töten auf dem globalen Schlachtfeld). Neben gezielten Tötungen hat das US-Militär jüngst im Irak wie das israelische Soldaten damit begonnen, auch die Häuser von vermeintlichen Widerstandkämpfern zu zerstören. Die Spezialeinheiten sollen jetzt wie die kleinen israelischen Kommandoeinheiten organisiert werden, die schnell zuschlagen können und lernen müssen, wie man ein Netzwerk von Informanten pflegt, die Informationen zum gezielten Überraschungsschlag liefern.

US-Spezialeinheiten haben bereits mit israelischen Kommandos im Fort Bragg und in Israel trainiert, jetzt sollen israelische Experten auch als Berater im Irak eingesetzt werden. Das aber soll, wie ein israelischer Regierungsmitarbeiter Hersh erzählt hat, geheim bleiben, da eine amerikanisch-israelische Kooperation im Irak auf große Kritik in der arabischen Region stoßen würde. Das Hauptproblem für die Amerikaner seien fehlende Informationen über die Widerstandsgruppen im Irak. Um dies zu verändern, wolle man ehemalige hochrangige Mitglieder der Geheimdienste von Hussein heranziehen und ausbilden. Sie sollen in die Widerstandsgruppen eingeschleust werden und die Informationen liefern, nach denen dann die amerikanischen Spezialeinheiten - oder möglicherweise auch die irakischen paramilitärischen Verbände, die das Pentagon aufbauen will - zuschlagen können. Die Baath-Mitglieder, die nach Ansicht der Amerikaner den Widerstand organisieren, würden sich beispielsweise nur auf direkten Kontakt verlassen, weswegen ihre Kommunikation kaum abgehört werden kann. Daher sind Informanten entscheidend. Ein früherer Berater der amerikanischen Zivilverwaltung hat Hersh angeblich die neue Strategie so erklärt:

Die einzige Möglichkeit zu gewinnen, ist, unkonventionell vorzugehen. Wir werden ihr Spiel spielen müssen. Guerilla gegen Guerilla. Terrorismus gegen Terrorismus. Wir müssen die Iraker über Angst zur Unterwerfung bringen.

Ein ehemaliger CIA-Agent drückte das noch drastischer aus:

Das ist nicht so, wie wir normalerweise spielen, aber wenn man sieht, wie ein paar deiner Jungs in die Luft gesprengt werden, verändern sich die Dinge. Wir gingen auf amerikanische Weise vor - und wir waren die Netten. Jetzt werden wir die Bösen sein, und das wird funktionieren.

Es gibt, wie Hersh berichtet, im Pentagon auch Kreise, die vor verdeckten Einsätzen der Spezialkräfte warnen. Die "präventive Menschenjagd" könne sich, so ein Pentagon-Berater, in ein neues Phoenix-Programm verwandeln. Im Vietnamkrieg hatten Spezialeinheiten Vietcong oder ihre angeblichen Sympathisanten aufgrund von Informationen, die sie beispielsweise von Angehörigen der südvietnamesischen Armee erhalten hatten, gefangen genommen oder getötet. Dabei sind Zehntausende von Menschen umgebracht worden, viele vermutlich auch, die nichts mit den Vietcong zu tun hatten, sondern von den Informanten aus anderen Gründen in die Schusslinie gebracht wurden. Werden Unschuldige getötet oder geht man zu hart und wahllos vor, so wird der Widerstand allerdings nur genährt, as auch im Irak der Fall sein wird.

Angeblich sei man im Pentagon zu der Einsicht gelangt, dass es keineswegs ausreicht, den Kopf abzuschlagen, also Saddam und die höchsten Regimemitglieder - das Kartenspiel - zu fangen oder zu töten. Mittlerweile würden Baath-Mitglieder aus den mittleren Rängen, die Saddam Hussein gegenüber nicht loyal sind, den Widerstand organisieren. Zudem würde der Widerstand lokal von einzelnen Stämmen, relgiösen Führern und nationalistischen Gruppen getragen. Es gebe, so ein amerikanischer Militärexperte, "Zehntausende von arbeitslosen ehemaligen Offizieren und Soldaten, die jetzt in den Kaffeehäusern und Restaurants ihrer Verwandten herumsitzen. Sie denken sich Anschläge aus, planen und geben und erhalten Anweisungen. Nachts ziehen sie in ihre Einsätze los." (Florian Rötzer)

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