Pentagon veröffentlicht Joint Vision 2020

Neue Perspektiven für den militärischen Informationskrieg, aber keine Ansätze für eine Rüstungskontrolle

Der Vorsitzende der Joint Chiefs Of Staff, somit der Chef des Generalstabes der einzelnen Waffengattungen der US-Streitkräfte und damit der ranghöchste US-Militär unterhalb der politischen Ämter, General Henry H. Shelton, hat letzte Woche (am 30. Mai 2000) die jüngste Militärdoktrin der USA‚ die Joint Vision 2020 der Öffentlichkeit vorgestellt. Dabei handelt es sich um den "Masterplan" der US-Streitkräfte für die nächsten zwanzig Jahre.

Die Textversion hat 45 Seiten Umfang und erweitert und differenziert die in den 90er Jahren veröffentlichte Doktrin ‚Joint Vision 2010'. Wie aus dem Titel unschwer zu schließen ist, handelt es sich dabei um die Vorstellungen des US-Militärs, wie die Streitkräfte im Jahr 2020 organisiert sein und welche Aufgabe sie bewältigen sollen.

"The overall goal of the transformation described in this document is the creation of a force that is dominant across the full spectrum of military operations - persuasive in peace, decisive in war, preeminent in any form of conflict."

Diese Streitkräfte sollen dann - ganz explizit - noch "tödlicher" sein, als die bisherigen:

"If our Armed Forces are to be faster, more lethal, and more precise in 2020 than they are today, we must continue to invest in and develop new military capabilities. This vision describes the ongoing transformation to those new capabilities. As first explained in JV 2010, and dependent upon realizing the potential of the information revolution, today's capabilities for maneuver, strike, logistics, and protection will become dominant maneuver, precision engagement, focused logistics, and full dimensional protection."

Rein terminologisch kommt der Begriff "Information War" nicht vor, sondern es wird der Begriff "information operations" verwendet, dem - und das ist neu - praktisch der Stellenwert einer eigenen Waffengattung zugewiesen wird:

"... operations within the information domain will become as important as those conducted in the domains of sea, land, air, and space."

Analytisch bleibt die JV2020 unscharf, wobei jedoch alle Bereiche des Infowar-Spektrums abgedeckt werden und die Forderung nach einer uneingeschränkten Informationsüberlegenheit (information superiority) im Raum steht:

  1. die "klassische" elektronische Kriegsführung, erweitert um bereits vorhandene oder neue erwartete technische Möglichkeiten
  2. eine "verbesserte" C2 (command und control)-Kriegsführung
  3. intelligence operations
  4. "Netzkrieg" im öffentlichen Raum, also im wesentlichen klassische Propaganda und Desinformation in den neuen elektronischen Medien.
  5. "Netzkrieg" oder "Cyberwar" in militärischen elektronischen Netzen.

Besonders bedeutsam sind jene Passagen, die die aktuelle Bedrohungswahrnehmung des US-Militärs widerspiegeln. Diese sind in hohem Maße alarmistisch, um nicht zu sagen: paranoid, was sich gegenwärtig ja auch in der Debatte um die nationale Raketenverteidigung der USA (NMD) und in der behaupteten Proliferation von Massenvernichtungswaffen quasi in der Aktentasche manifestiert. Die vereinigten "Schurkenstaaten" dieser Welt würden sich zunehmend asymmetrischer Methoden bedienen, um die militärische, politische und ökonomische Vormacht der USA in Frage zu stellen.

"... we should expect potential adversaries to adapt as our capabilities evolve. We have superior conventional warfighting capabilities and effective nuclear deterrence today, but this favorable military balance is not static. In the face of such strong capabilities, the appeal of asymmetric approaches and the focus on the development of niche capabilities will increase. By developing and using approaches that avoid US strengths and exploit potential vulnerabilities using significantly different methods of operation, adversaries will attempt to create conditions that effectively delay, deter, or counter the application of US military capabilities. The potential of such asymmetric approaches is perhaps the most serious danger the United States faces in the immediate future - and this danger includes long-range ballistic missiles and other direct threats to US citizens and territory.
... To complicate matters, our adversaries may pursue a combination of asymmetries, or the United States may face a number of adversaries who, in combination, create an asymmetric threat. These asymmetric threats are dynamic and subject to change ..."

Nachdem hier wieder einmal trefflich Äpfel mit Birnen vermischt wurden - Interkontinentalraketen gehörten nach allgemein gültiger Interpretation bislang nicht zum Inventar asymmetrischer Maßnahmen -, bleibt abzuwarten, wie sich die Bedrohungswahrnehmung und die Kriegführungswünsche des US-Militärs im Cyberspace weiterentwickeln werden. Der Trend jedenfalls geht eindeutig in Richtung Eskalation.

(Dr. Georg Schöfbänker ist Leiter des Österreichischen Informationsbüros für Sicherheitspolitik und Rüstungskontrolle in Linz)

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