Pentagon will einmal wieder eine neue "große Strategie" entwickeln

Neue Bedrohungen erfordern andere Strategien, bei Cyberangriffen wird allerdings auch ein Schlag mit Atomwaffen als Antwort nicht ausgeschlossen

Mit der Berufung von General McChrystal als neuem Oberbefehlshaber der US- und Nato-Truppen in Afghanistan will die US-Regierung einen Strategiewechsel durchführen. Es gehe um ein neues Denken und einen neuen Blick, begründete US-Verteidigungsminister Gates die plötzliche Entscheidung. Hervorgehoben wurde nur, dass der General, der das Joint Special Operations Command (JSOC) leitete und verdeckt operierende Spezialeinheiten in Afghanistan und im Irak befehligte, Experte für die Bekämpfung von Aufständischen ist (Schmutziger Krieg in Afghanistan?).

Nach der Entscheidung feuert das Pentagon nach und lässt erklären, dass in Zeiten des asymmetrischen Krieges eine neue Form der Strategie zum Führen von "irregulären" Kriegen umgesetzt werden müsse. Das hatte zwar auch bereits der ehemalige Verteidigungsminister Rumsfeld seit Beginn des Kriegs in Afghanistan 2001 gefordert (Rechtzeitiger Angriff ist manchmal die beste Verteidigung), wo bereits damit begonnen wurde, verstärkt auf Spezialeinheiten und verdeckte Operationen mitsamt Verschleppungen, Geheimgefängnissen und Folter zu setzen.

Gleichwohl verkündet nun Marinegeneral James Mattis, Kommandant des Joint Forces Command, dass man eine neue "große Strategie" benötige, da die letzte noch immer auf dem Konflikt mit der ehemaligen Sowjetunion beruht, der mit dem Fall der Mauer 1989 beendet sei. Heute sei die Situation weitaus komplexer als vor 20 Jahren, bescheiden fügte Mattis hinzu, dass sie aber nicht komplexer als die Situationen sind, mit denen frühere Kulturen zu tun hatten. Die Entstehung des globalen Terrorismus und die Wahrscheinlichkeit, dass schwache oder gescheiterte Staaten sich auf einen Mix von konventionellen und unkonventionellen Kräften verlassen, um mit einer solchen "hybriden Kriegsführung" die US-Truppen zu bekämpfen, müsse ebenso berücksichtigt werden wie ein künftiger Gegner, der nahezu so stark wie die USA sein könnte.

Master Sgt. Ben Boyce in Afghanistan in 2008. The Asymmetric Warrior Group operations specialist was named the 2008 AWG Warrior of the Year during the unit's Warrior Week May 4 to 8. Bild und Text: Pentagon

Der Armeegeneral Martin E. Dempsey, zuständig für Ausbildung und Doktrin, erklärte, für die neuen Kriege seien auch neue Führungskräfte erforderlich, die entsprechend ausgebildet werden müssten. Terrorismus und irreguläre Kriegsführung erfordern Offiziere, die "im Kontext schlecht definierter Probleme gegen einen Feind wirksam vorgehen können, der wahrscheinlich zwischen Operationsweisen hin- und herwandert". Mit den dezentralen Strukturen und der Hit-and-Run-Taktik seien die konventionellen Streitkräfte überfordert. Die Kommandostruktur im Militär müsse auch dezentralisiert werden und Entscheidungen nach unten verlagert werden.

Während Gates und Obama sich damit beschäftigen, wie das Militär die terroristische Bedrohung in Afghanistan und in Pakistan mit einer vielseitigen Strategie bekämpfen soll, die militärische, politische, diplomatische oder wirtschaftliche umfasst, entwickle das Joint Forces Command auf der Grundlage von bereits ausgearbeiteten Szenarien künftiger Bedrohungen eben eine "große Strategie", so Mattis. Man werde mit Experimenten in War Games bereits in zwei Wochen beginnen, um zu sehen, ob die bislang entwickelten Lösungen für eine global vernetzte terroristische Bedrohung, einen fast ebenbürtigen Gegner und einen scheiternden oder gescheiterten Staat im Jahr 2020 auch stimmig sind. Konteradmiral Dan W. Davenport, Leiter der Einheit für Entwicklung und Experimente beim Joint Forces Command, sieht die größte Gefahr im hybriden Krieg, wo man gleichzeitig mit dem vollen Spektrum an Bedrohungen konfrontiert sei.

Auf die "komplexe hybride Kriegsführung" sei auch der Haushalt des Pentagon in Höhe von mehr als einer halben Billion US-Dollar angelegt, sagte Verteidigungsminister Gates gestern bei einer Anhörung im Verteidigungsausschuss des Repräsentantenhauses. Die Hälfte der insgesamt gewünschten 534 Milliarden Dollar (dazu kommen noch 130 Milliarden für die Einsätze in Afghanistan und im Irak) seien für einen traditionellen Konflikt, 40 Prozent für duale Zwecke und 10 Prozent für irreguläre Kriegsführung vorgesehen. Für den Krieg in Afghanistan sollen weitere Drohnen angeschafft und die Truppenstärke der Spezialeinheiten angehoben werden. Schwere Einbußen soll das unter Bush gehegte Programm der Raketenabwehr erleiden, während die Ausgaben für Cybersicherheit hochgefahren werden.

Dass auch – nicht mehr ganz so - neuen Bedrohungen weiter mit konventioneller Strategie im Pentagon begegnet werden soll bzw. ein neues Denken fehlt, machte beispielsweise kürzlich General Kevin Chilton, Leiter des U.S. Strategic Command, deutlich, als er schilderte, wie das Pentagon auf Cyberangriffe reagieren solle. Man müsse auch hier alle Optionen offen halten, betonte er, wozu auch ein Schlag mit Atomwaffen gehört: "I think that's been our policy on any attack on the United States of America. And I don't see any reason to treat cyber any differently. I mean, why would we tie the president's hands? I can't. It's up to the president to decide." Ein Cyberangriff könne auf jeden Fall nach dem internationalen Recht militärisch beantwortet werden, sagte er. Schon letzten Monat hatte die New York Times von entsprechenden Äußerungen aus dem Pentagon berichtet. (Florian Rötzer)

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