"Perfekte Brutstätte": Flugzeugträger mit Corona auf dem Trockenen

USS Theodore Roosevelt (CVN-71) lahmgelegt vom Coronavirus. Bild: US Navy

Durch eine unerwartete Bedrohung könnte nun die US-Flugzeugträgerflotte ausgeschaltet werden: SARS Cov-2. Das erste Opfer des Virenangriffs ist der Flugzeugträger CVN-71 U.S.S. Roosevelt

Anfang März 2020 stattete die USS Roosevelt der Volksrepublik Vietnam einen Flottenbesuch ab und legte in DaNang an. Zahlreiche US-Soldaten gingen an Land. Das hätte man lieber unterlassen sollen, denn mittlerweile sind mehrere Dutzend Matrosen auf das Corona-Virus positiv getestet worden, mehrere zeigten leichte Symptome einer Covid-19-Erkrankung: Am 24. März 2020 meldeten sich die ersten vier Besatzungsmitglieder krank. Mittlerweile sollen mindestens 200 der 4.000 Marinesoldaten an Bord infiziert sein.

Das Problem: An Bord des Kriegsschiffes sind die herkömmlichen Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung kaum einzuhalten, denn das Schiff ist quasi eine schwimmende Kleinstadt auf allerengstem Raum. Alle leben, schlafen und arbeiten dichtgedrängt; nur die höheren Offiziere verfügen über eine Einzelkabine. Die Mannschaft schläft in Gemeinschaftskabinen mit bis zu 150 Betten, rund 200 Matrosen speisen gleichzeitig in der Kombüse und die Gänge an Bord sind so eng, dass zwei Matrosen gerade so passieren können.

Unter diesen Umständen ist "social distancing" eine Illusion. Man kann auch nicht 24 Stunden am Tag eine Atemmaske tragen und wie man ein Schiff von der Größe eines Flugzeugträgers mit all seiner Elektrik und Elektronik dekontaminiert, weiß z. Zt. auch noch niemand.

Zwar verfügt das Schiff über einen Schiffsarzt mit seinem Sanitätsteam und eine separate Krankenstation, aber deren Bettenkapazität ist sehr begrenzt.

Mittlerweile hat das Schiff am vorgeschobenen Flottenstützpunkt auf der Insel Guam im Pazifik festgemacht. Nur ein Teil der Infizierten durfte das Schiff verlassen und eine provisorische Quarantänestation an Land aufsuchen. Schließlich leben auf der 545-qkm-Insel gerademal 162.742 Einwohner. Die US-Streitkräfte unterhalten hier u. a. die Naval Base Guam mit dem Flottenstützpunkt Apra Harbor und dem Munitionsdepot Ordnance Annex sowie die Bomberbasis Andersen Air Force Base. Die Militäranlagen sind allerdings zu klein, um eine größere Anzahl externer Soldaten aufzunehmen. Die Corona-Test-Proben werden fortlaufend beim Naval Medical Research Center ausgewertet.

Evakuierung in welchem Umfang?

In Marinekreisen in Washington D. C. und auf Hawaii wird z. Zt. über eine (Teil-)Evakuierung des Schiffes nachgedacht. Diese drakonische Maßnahme hatte der Kommandant der Roosevelt, Kapitän Brett E. Crozier, zum Schutz seiner Mannschaft mit einem Brief an die Navy-Führung am 30. März gefordert. Er wollte, dass rund neunzig Prozent der Besatzung des Schiff verlassen und an Land gehen: "Die Mehrheit der Besatzung von einem atomaren Flugzeugträger im Einsatz abzuziehen und für zwei Wochen zu isolieren, erscheint als außergewöhnliche Maßnahme. (…) Das ist ein notwendiges Risiko." Da gegenwärtig keine akute Kriegsgefahr bestehe, forderte er, "meine gesamte Crew" solle in Quarantäneräume an Land verbracht werden, um "unnötige Tote zu vermeiden und die künftige Verbreitung des Virus zu eliminieren". Und: "We are not at war. Sailors do not need to die. If we do not act now, we are failing to properly take care of our most trusted asset - our Sailors."

In Washington scheinen die Militärbürokraten mit den Forderungen des Flugzeugträgerkapitäns zunächst etwas überfordert gewesen zu sein. So erklärte Verteidigungsminister Mark Esper am 31. März: "Wir sind noch nicht so weit, glaube ich. Wir verlegen eine Menge Vorräte und medizinische Unterstützung auf den Flugzeugträger in Guam."

Marineminister Thomas B. Modly pflichtete ihm bei:

We don’t disagree with the (captain) on that ship, and we’re doing it in a very methodical way because it’s not the same as a cruise ship, that ship has armaments on it, it has aircraft on it, we have to be able to fight fires if there are fires on board the ship, we have to run a nuclear power plant, so there’s a lot of things that we have to do on that ship that make it a little bit different and unique, but we’re managing it and we’re working through it.

Thomas Modly

Demgegenüber zeigte Admiral John Christopher Aquilino, Kommandeur der US-Pazifikflotte, schon etwas mehr Einsicht in die Sachzwänge der akuten Lage: Man werde bald zusätzliche Quarantänekapazitäten bereitstellen, verkündete der Admiral, aber man müsse auch den Schiffsbetrieb soweit notwendig aufrecht erhalten: "Man setzt die vorhandenen Möglichkeiten ein und arbeitet gleichzeitig daran, neue Kapazitäten zu schaffen."

So soll ein Teil der Crew nun in Hotels auf Guam untergebracht werden, während ein anderer Teil an Bord des Schiffes bleibt. Gedacht ist an ein Rotationssystem:

The plan is to rotate a group — Aquilino did not say how many — off the ship for a 14-day quarantine followed by a COVID-19 test, and then that healthy group would relieve the team on board. The second group would then get a 14-day quarantine in Guam, followed by a test. The plan could keep the Roosevelt docked in Guam for a month.

A sailor aboard the Roosevelt said Tuesday the crew was briefed and told the plan was to move a large number of sailors to hotels for individual quarantine within the next 24 hours. A smaller crew would need to remain aboard the ship on "ready status."

SFChronicle

Als "Geisterschiff" mit Rumpfbesatzung ist der Flugzeugträger für Wochen nicht mehr einsatzbereit und fällt somit für die "Expeditionary Strike Force" aus. Er ist neben der USS Ronald Reagan z. Zt. der einzige US-Flugzeugträger im Pazifik. Eigentlich hätte man die Matrosen der USS Roosevelt auf das Sanitätsschiff T AH-19 USNS Mercy (Heimathafen San Diego) verbringen können, dies geht aber nicht, da die USNS Mercy z. Zt. zur Entlastung der Krankenhäuser in Los Angeles eingesetzt wird.

Der Flugzeugträger

Ein Teil der Besatzung muss in jedem Fall an Bord bleiben. Dazu gehört das Führungspersonal auf der Brücke und im Funkraum und das Reaktorpersonal, um die beiden Atomreaktoren Westinghouse A4W mit jeweils 550 MW thermisch zu warten. Sie sind zentraler Bestandteil des Antriebsystems. Da sich außerdem jede Menge konventioneller Munition für das Trägergeschwader an Bord befindet, muss diese bewacht und für den Eventualfall auch eine Feuerwache an Bord bleiben. Hinzu kommen dann wiederum Küchenpersonal, das die Menschen an Bord weiter versorgt, und Sanitätskräfte.

Die CVN-71 U.S.S. Theodore Roosevelt (TR) gehört zur Nimitz-Klasse und wurde am 25. Oktober 1986 in Dienst gestellt. Seitdem nahm das Schiff an zahlreichen Kampfeinsätzen teil: DESERT STORM (Irak, 1991), ALLIED FORCE (Kosovo, 1999), ENDURING FREEDOM (Afghanistan, 2001), INHERENT RESOLVE (Syrien, 2015), etc..

Das Schiff hat mit seinem Flugdeck eine Länge von 333 Meter und eine Breite von 77 Meter. Zur Besatzung zählen maximal 3.200 Mann von der Schiffsbesatzung und 2.480 Mann Flugzeugpersonal vom eingeschifften Trägergeschwader (Carrier Air Wing 11), das sich aus rund 85 Flugzeugen und Hubschraubern zusammensetzt.

Zur Selbstverteidigung ist das Schiff u. a. mit vier Raketenwerfern (2 x RIM-7 Sea-Sparrow zur Flugabwehr und 2 x RIM-116 RAM Rolling-Airframe für das CIWS-Nahbereichsverteidigungssystem) ausgestattet. Sein Heimathafen ist San Diego (Kalifornien); das Schiff gehört zur Pazifikflotte. Sein Schiffsverband ist die Carrier Strike Group 9 (CSG 9).

Der frühere NATO-Oberbefehlshaber Admiral James George Stavridis (2009 bis 2013 SACEUR) warnte vor der zukünftigen Seuchenentwicklung: "Wir müssen erwarten, dass es weitere Vorkommnisse dieser Art gibt, weil Kriegsschiffe eine perfekte Brutstätte für den Coronavirus sind.

Derweil stimmt der größte Seuchenbekämpfer aller Zeiten seine Staatsbürger auf letale Abgänge in Höhe von rund 240.000 Personen ein, das sind fast fünfmal so viele US-Verluste wie im Vietnamkrieg.

Mittlerweile befinden sich auch die beiden Korvetten der Bundesmarine, F225 Braunschweig und F262 Erfurt in Wilhelmshaven in Quarantäne, weil an Bord jeweils ein Matrose auf Corona positiv getestet wurde. (Gerhard Piper)