Peripherie-Watch

Ein französischer Blogger betreibt Lokaljournalismus neuester Schule; der Bürgermeister reagiert darauf mit Tricks der alten, harten Schule

Puteaux ist eine kleine, moderne Stadt in der Peripherie von Paris. Etwa 40.000 Einwohner leben dort, viele ganz komfortabel. Mehr als drei Jahrzehnte wurde der Ort von einem Bürgermeister geleitet, der mit über 70% aller Wählerstimmen rechnen konnte. Ein ehrgeiziger, ambitionierter Mann mit düsterer Vergangenheit in Algerien und großen Plänen für eine dynamische, strahlende Zukunft von Puteaux. Seine jüngste, große Zukunftsvision hat ihm nun die Nominierung für den "Big Brother Awards 2005", der morgen in in Frankreich verliehen wird, eingebracht.

Wie viele große Herrscher hat auch Charles Ceccaldi-Raynaud, der frühere Bürgermeister von Puteaux, ein eindeutiges Verhältnis zur Macht und ein zwiespältiges Verhältnis zur aufgeklärten Moderne.

So schätzt Monsieur Ceccaldi-Raynaud zwar einerseits die technischen Möglichkeiten zur Überwachung. Sein Projekt, die Vorgänge im kleinen Ort mit einer Installation von 350 Videokameras überschaubar zu machen, läßt ihn als aussichtsreichen Kandidaten für die diesjährigen französischen "Big Brother Awards" ins Rennen gehen. Andererseits missfällt dem Mann die öffentliche "Überwachung" mit modernen Mitteln, wenn es um seine politischen Aktivitäten geht.

"Un maire pas très Net", ein nicht ganz "sauberer" Bürgermeister, der sich nicht gut mit dem Internet versteht, so charakterisierte das französische Magazin Nouvel Observateur den ehemaligen Bürgermeister von Puteaux vor einiger Zeit und meinte damit seinen Umgang mit der Opposition im allgemeinen - Ceccaldi-Raynaud absolvierte seine diesbezüglichen Lehrjahre als "Commissair" in Algerien - und im besonderen mit einem Blogger, einem "militanten" Sozialisten, Christophe Grébert, der die Vorgänge in Puteaux in seinem Weblog "Monputeaux" kritisch unter die Lupe nimmt.

Die Gewälttätigkeit seiner Schriften irritieren die Leute, die mich unterstützen. Ich habe keine Lust, dass hier (im Gemeindesaal) ein Streit auf den Tribünen ausbricht, 8 Meter über dem Saal, und einer über das Geländer stürzt.

Dem "Einen", der umringt von den muskulösen Gefolgsleuten des früheren Gemeindevorstehers, diese Gefahr drohte, war vorher der Zutritt zur (öffentlichen) Verhandlung verboten worden. Ein vergleichsweise harmloser Vorfall in der Geschichte dieser wundersamen Beziehung zwischen dem langjährigen Bürgermeister und dem Blogger-Citoyen Christophe Grébert, die auch das vor kurzem ins Leben gerufene amerikanische "Committee to Protect Bloggers", das sich ansonsten eher um die Freiheit von iranischen Bloggern kümmert, erwähnenswert findet.

Dabei hatte alles so harmonisch begonnen. Im Jahre 2002 hatte Grébert, der Anfang der neunziger Jahre in das kleine wohlhabende Städtchen gezogen war, die Idee, eine Webseite über Puteaux zu machen: MonPuteaux.com. Als er dem Bürgermeister zufällig im Ort begegnete, erzählte er ihm davon. "C'est très bien, très bien..." gab Monsieur Ceccaldi-Raynaud da noch zu Antwort. Wie Grébert schreibt, wußte der Bürgermeister damals aber noch nicht, was eine Webseite ist, geschweige denn ein Blog, und wohl auch nicht, was der Sozialist Grébert mit diesem Medium machen würde.

Grébert geht zu Stadtratssitzungen, fotographiert dort, dokumentiert genau, welche Politik im Ort gemacht wird und wie sie vor Ort faktisch aussieht. Während sich andernorts manche Blogger an einen Journalisten heften, um dessen Praxis genau zu beobachten (vgl. Die adoptierten Medienhuren), wird Grébert zum "Watcher" von Puteaux - und dessen Bürgermeister, der sich wie ein Alleinherrscher gibt. Er veröffentlicht Fotos von "städtebaulichen Verbesserungen", die keine sind, von Programmen, die er als undemokratisch empfindet, Studien, wonach die "herrschende Politik" in Puteaux den Zuzug von Reichen und die Abwanderung von Ärmeren fördert, etc, etc. Der Bürgermeister reagierte zunächst mit leichtem Geschütz und gründete ebenfalls eine Webseite: Mairie-Puteaux.com, die auf die Artikel von Grébert antwortet; er verbot den Besuchern von Stadtratssitzungen mit einem Fotoapparat zu erscheinen, weil dies die Arbeit der Gewählten behindere, er drohte mit Rechtsmitteln, weil Grébert Fotos veröffentlichte, die rechtlich gesehen Eigentum der Stadt seien. Außerdem ließ er eine Wohnung in der unmittelbaren Nachbarschaft von Grébert anmieten; Mieter soll ein Angstellter von Charles Ceccaldi-Raynaud sein, der ein Auge auf den Blogger haben sollte.

Den Höhepunkt erreichten die Auseinandersetzungen zwischen dem Bürgermeister und dem Blogger dann im Mai des letzten Jahres als Grébert auf offener Straße ohne Grund von städtischen Polizisten verhaftet wurde. Nur das Eingreifen der Nationalpolizei, die von Grébert zu Hilfe gerufen wurde, verhinderte, dass er hinter Gitter kam.

Mittlerweile haben beide beim Gericht Klage eingereicht, verhandelt werden soll am 21.Juni dieses Jahres. Während Charles Ceccaldi-Raynaud, dessen Posten als Bürgermeister inzwischen seine Tochter innehat, noch unsicher ist, ob er morgen einen "Big Brother Award" bekommt, hat Christophe Grébert seinen schon in der Tasche. Ihm wurde Anfang Januar der renommierte "Clics d'Or" verliehen - für den besten individuellen Blog ("blog perso") des Jahres 2004.

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