Peskow: Charlie Hebdo wäre in Russland nicht erlaubt

Ein französischer Polizist sichert Gelände des Messer-Attentats in Nizza ab. Foto: Martino C. / CC BY-SA 4.0

Tödliche Messerattacke in Nizza: Experte fürchtet Welle von Fanatikern ohne politische Ziele, die auf Vergeltung aus sind

Man weiß noch nicht viel über den Attentäter, der gestern in der Basilika Notre-Dame in Nizza zwei Frauen und einen Mann bei einer Messerattacke ums Leben brachte (eine Frau verblutete in einem nahegelegenen Café). Der Täter selbst ist derzeit nicht vernehmungsfähig, sein Zustand sei nach wie vor kritisch, er liegt mit lebensgefährlichen Verletzungen in einem Krankenhaus.

"Dieser Mann war auf bedrohliche Weise auf die Polizisten losgegangen, mit lauten 'Allah Akbar'-Rufen, was sie dazu zwang, erst eine Elektroschockpistole zu benutzen und dann ihre Dienstwaffe mehrmals zu benutzen", so der Leiter der Staatsanwaltschaft, die mit terroristischen Verbrechen betraut ist und in diesem Fall ermittelt, Jean-François Ricard. Ihm zufolge war der korrekt als Hauptverdächtiger zu bezeichnende 21-Jährige mit einem Messer bewaffnet, dessen Klinge 17 Zentimeter misst. Damit bedrohte er die Polizisten und damit hatte er zuvor versucht, seine Opfer zu enthaupten, und ihnen die Kehle durchgeschnitten.

Ein Hintergrund, den Jean-François Ricard bekannt gab, trifft in die Kontroverse über die Migration aus Libyen. Denn der Tunesier ist aufgrund der Dokumente, die man bei ihm fand, am 20. September letzten Jahres an Bord eines Schiffes mit Migranten im italienischen Lampedusa eingetroffen. Am 9. Oktober soll er Bari verlassen haben. Wie er dann genau nach Frankreich kam, wo er Mitte Oktober ankam, ist noch ungeklärt.

Laut dem französischen Innenminister Gérald Darmanin hat Brahim A. in Frankreich weder Asyl beantragt noch einen Antrag auf einen Flüchtlingsstatus gestellt, aber er sei von den italienischen Behörden ausfindig gemacht worden und es sei sogar ein "Dekret" zu seiner Rückführung nach Italien ausgestellt worden. Dies sei aber nicht geschehen, so der Innenminister: "wegen Covid und aus Mangel an Platz in den Rückführungszentren".

Den französischen Geheimdiensten ist der junge Tunesier nicht aufgefallen, es gibt keine Einträge. Er wird auch nicht vom IS als "Soldat des Kalifat" reklamiert. Auch al-Qaida tat nichts dergleichen - außer in der Folge des Mehrfachmordes neue Drohungen auszustoßen. Es gab von keiner dschihadistischen Organisation eine Erklärung dazu, dass der Täter zu ihren Reihen gehört.

Ein "neues Muster terroristischer Attentate"

Für den französischen Dschihad-Experten Wassim Nasr steht dies für ein "neues Muster terroristischer Attentate" (französisch ausführlicher hier, englisch kürzer hier). Schon bei den terroristischen Messer-Attacken zuvor, dem Mord an dem Lehrer in Conflans-Saint-Honorine vor zwei Wochen und der Messerattacke in der Nähe der früheren Redaktion von Charlie Hebdo am 25. September, habe sich ein Charakteristikum gezeigt: Die Täter waren Fanatiker, die keinem dschihadistischem Netzwerk angehörten.

Nasrs Erkenntnis daraus: Motiviert seien die Terrorakte mehr durch einen regelrechten Fanatismus in ihren Heimatländern als durch einen "politischen Terrorismus". Während die Anschlagserie von Mohamed Merah im März 2012 - was erst spät in seiner dschihadistischen Ausprägung und den Netzwerken dahinter erkannt worden sei - durch ein politisches Ziel motiviert war, was auch für die Terroranschläge auf Charlie Hebdo und den koscheren Supermarkt im Jahr 2015, die Anschläge im November 2015 und spätere gelte, so würden sich die jüngsten Anschläge davon unterscheiden. Es gehe nicht um ein politisches Ziel. Es gehe um Vergeltung.

So sieht Nasr die Mohamed-Karikaturen als "Kristallisationspunkt", an dem sich unterschiedliche Täter mit unterschiedlicher Herkunft (z.B. Tschetschenien, Tunesien) treffen. Der französische Dschihad-Spezialist befürchtet, dass der "neue Trend" sehr groß sein könnte. Im aktuellen Fall wird noch ermittelt, welche Verbindungen der Täter in Frankreich hatte. Am Freitag hieß es, dass ein Mann festgenommen wurde, der Kontakt zum Täter gehabt haben soll.

Die düstere Prognose Nasrs ist schwer einzuschätzen. In der TV-Expertenrunde, an der Nasr teilnahm, machte der Islamismus-Spezialist Bernard Rugier darauf aufmerksam, dass die Attacken von rechtsextremer Seite gegen Moscheen den Dschihadisten in die Hände spielen würden. Genau solche Reaktionen würden sie erhoffen.

Peskow: "Die Existenz eines solchen Mediums ist in Russland unmöglich"

Indessen zitiert die regierungsnahe türkische Zeitung Daily Sabah, die sich in Kommentaren zum Streit zwischen Macron und Erdogan über die Mohammed-Karikaturen eindeutig aufseiten des türkischen Präsidenten platziert, den Kreml-Sprecher Dmitri Peskow mit dessen Einschätzung zu den Karikaturen-Veröffentlichungen von Charlie-Hebdo: In Russland sei die Existenz eines solchen Mediums unmöglich, auch aufgrund der gegenwärtigen Gesetzeslage.

Russland ist zum Teil ein muslimisches Land, mit fast 20 Millionen Muslimen. Natürlich ist das Christentum die grundlegende Religion - hier leben hauptsächlich Christen - die Einzigartigkeit unseres Landes liegt in seiner multiethnischen und multi-religiösen Natur und alle Glaubensrichtungen leben in vollem Respekt zu einander.

Dmitri Peskow

Ein Blick auf Tschetschenien lässt da Skepsis aufkommen, was den vollen gegenseitigen Respekt angeht. Aber für die Türkei zählt derzeit vor allem, wer irgendwie die Position von Erdogan unterstützt.

"Lizenz zum Töten"

Was die Lizenz zum Töten angeht, so kommen vom al-Qaida-Spross der Dschihadisten-Miliz Hayat Tahrir asch-Scham bizarre Äußerungen. Zuerst gab es von der Miliz, die im syrischen Idlib eine Art Emirat aufgebaut hat, Rückendeckung für die Morde in Nizza, bis man erfuhr, dass sich auch eine ältere Frau unter den Opfern befand. Dann, so der Übersetzer dschihadistischer Dokumente, Aymenn Al-Tamimi, habe sich der HTS-Gelehrte korrigiert: Ältere Frauen befänden sich wie Kinder "nicht im Krieg", außerdem sei es nicht erlaubt, sie in Gebetshäusern zu töten.

Noch schlimmer äußerte sich der frühere malaysische Premierminister Mahathir Mohamad in einem Tweet, wonach Muslime das Recht hätten, "Millionen von Franzosen zu töten". Später wurde der Tweet gelöscht. (Thomas Pany)