Peter Handke. Zum Beispiel

Gedanken zu einer Praxis

Persönliche Vorgeschichte. 1997 bereiste ich zusammen mit einem Freund den kriegszerstörten Balkan. Wir sahen im bosnischen Bihać ein Volksfest. Zu martialischen Klängen einer Rockband fuhren Panzer vor (auf einer Leinwand) und die Menge jubelte zu. Wir sahen in Sarajevo die Gräber in den Parks und den Markt, wo eine Granate über sechzig Menschen in den Tod gerissen hatte.

Wir übersahen bei der Weiterfahrt in die Republik Srpska den kleinen Ort Pale, wo sich Karadžić angeblich versteckt hielt, und fanden den Gesuchten dafür an den Schaufenstern der Läden in Višegrad aufgeklebt. Don‘t Touch Him. Das stand auf den Plakaten. Versuchte man auf Englisch eine Auskunft zu bekommen, wandten die Gesichter sich ab. Wir sahen Zerstörungen allüberall (außer ganz vorne an der Küste) und sprachen in Kroatien und Bosnien mit Menschen, die während des Krieges da gelebt hatten. Touristen waren keine zugegen, stattdessen die IFOR-Soldaten der NATO.

Im Vorfeld wurde von der NZZ und vom Tages-Anzeiger signalisiert, man würde sich für Berichte interessieren, wir sollten sie zusenden. Wir sandten zu. Veröffentlicht wurde nichts. Was mochte der Grund gewesen sein? Schlecht geschrieben? Zu politisch für den Reiseteile? Zu persönlich für Politik? Dass wir ein falsches Schema aufgeschlagen hätten, Gut und Böse vertauscht: Das jedenfalls konnte der Grund nicht sein.

Wer für den Krieg verantwortlich zeichnete, war uns schon vor der Abreise klar gewesen. Und daran änderten die drei Wochen auf dem Balkan nichts. Wie auch? In Sarajevo zeigten die Menschen hoch zu den Bergen und sagten, da hätten sie gestanden, die Serben, und die Stadt beschossen. Jahrelang. Und so war es in unseren Texten zu lesen und an der Richtigkeit dieser Aussagen zweifle ich auch heute nicht.

Nun also, ein Vierteljahrhundert später, wird Peter Handke mit dem Nobelpreis versehen, den er in früheren Jahren kritisch beurteilt hat. Und darauf die Stellungnahme aus den Redaktionen. Von Genozid-Leugner oder Verharmloser ist die Rede. Von Irrsinn und Blackout. Damit wurde Handke schon einmal gekennzeichnet.

Neu sind Wörter wie Scheiße und Arsch dazugekommen. Nein, nicht in Trump-Tweets, sondern in Beiträgen von Redaktoren und Schriftstellern. Und wie ich das so lese, fällt mir ein: Es mochte damals vielleicht doch nicht an unserer Schreibweise gelegen haben und nicht daran, dass die Berichte in kein Ressort gepasst hätten.

Vielmehr könnte das Zugesandte an etwas gescheitert sein, das mir bei der Kommentierung der Nobelpreisvergabe entgegenbrandet: Eine Wucht und ein Geist darin. Dabei bekam Handke, in unseren damaligen Berichten als Angestellter der deutschen Literatur kurz und abwertend erwähnt, durchaus das "richtige" Etikett verpasst. Aber das reichte vielleicht nicht. Es gab nämlich Passagen, die andeuteten, weiß Gott behutsam, dass die Linien nicht ganz einfach zu ziehen seien.

Dafür verantwortlich waren zwei Frauen. Zwei kroatische Serbinnen, beide um die vierzig. Schwestern, aufgewachsen in Zagreb. Die Mutter Serbin, der Vater Kroate. Eine der beiden, wir trafen sie zu Beginn der Reise auf der Insel Cres, lebte bereits seit Jahren als Zahnärztin in der Schweiz. Sie fädelte das Zusammentreffen mit ihrer Schwester ein, die über alle Kriegsjahre hin im kroatischen Hinterland in Karlovac ausgeharrt hatte. Die Erfahrungen dieser Frauen aber stimmten mit dem Urteil in unseren Köpfen nicht überein.

Vor allem die Aussage Dušankas aus Karlovac, einer Bhagwan-Anhängerin, die Politik Titos und mit ihr das alte, kommunistische Jugoslawien sei der Friedensbotschaft Oshos erheblich näher gekommen als etwa die neue Politik eines Tudjmans und der Nationalstaaterei, aber ebenso Brankas Hinweis, auch Serben hätten unter Vertreibung, Mord und Vergewaltigung gelitten, namentlich etwa in Vukovar, und davon sei nirgendwo zu lesen, verwirrte uns.

In unseren Texten gaben wir - auf vergleichsweise wenigen Zeilen - den Erfahrungen der Frauen Raum und deuteten unsere Verwirrung an. Eine leise Differenzierung: So würde ich das heute nennen. Das Urteil aber, mit dem wir losgezogen, ließen wir bestehen.

"So spricht Wahn"

In einem Weltbild, wie es der Empörung über die Nobelpreisvergabe für Handke zugrunde liegt, hat eine Differenzierung, wie leise sie auch immer sei, nicht Platz. Da ist mehr als Eifer am Werk. So spricht Wahn. Die Andeutung einer anderen Perspektive bereits sprengt den Rahmen. Gefällt, gefällt nicht. Daumen rauf, runter. Das ist das Kennzeichen der Ordnung, die nichts duldet außer sich selbst. Verwirrung allein ist schon Verbrechen. Von Fragen nicht zu reden. Und ja, Handke stellte in Frage. Noch immer.

Die Person Handke totschießen. Die Sache totschießen. Dass die Personalisierung ein allererstes Instrument der Massensteuerung ist, haben Psychologen, Soziologen und Medienwissenschaftler immer wieder herausgestellt. Nicht zuletzt, weil sich Gut-Böse-Schemen schlecht auf komplexe Sachlagen, bestens aber auf einzelne Gesichter anwenden lassen. Bei Preisen und Wettbewerben ist die Personalisierung gesetzt. Kein Wunder vergibt eine Ordnung Preise.

Preisträger sind Gesichter, die in die richtige Richtung weisen. Sie sprechen für das System, das die Preise vergibt (Stanišić - zu ihm später - tat es vorbildlich). Und fällt ein Preis für einmal auf das falsche Gesicht, ein "böses" (vielleicht aus strategischen Gründen gar?), so ändert sich daran nichts. Bloß gilt es in diesem Fall, das Vorbild sekundenschnell in eine Zielscheibe zu verwandeln.

Schießt man die Person über den Haufen, ist die Sache, die man ihr in den Mund legt, mit gestorben. Das funktioniert immer, wenn die persönliche Diffamierung greift. Deshalb wird die Zielscheibe nicht als Träger einer Argumentation aufgebaut. Es soll ja der Mechanismus nicht erkennbar sein. Und so finden wir auch nicht ein einziges Argument aus Sicht Handkes in dieser "Debatte". Seine Position erscheint abgekoppelt von jeder Logik.

So bleibt er frei zugänglich für die Wertungen, die man zu verpassen hat: Irrsinn. Und ist die Person entblättert, getrennt von jedem Argument, zieht sie dann wie von selbst die Attribute an. Schläger, Schänder. Als Beleg irgendein Brief einer Ex-Freundin, egal. Totalitarismus agiert im Ungefähren und wer will schon an Zuschreibungen herumnörgeln, die so schrecklich sind, dass die Empörung alsbald auf den überschwappt, der sie in Frage stellt.

Wie veraltet dagegen die Vorstellung, man könnte sich gänzlich auf die Sache konzentrieren. Eine andere Position sachlich darstellen. Mit Argumenten, die selbstverständlich kritisch zu beleuchten wären. Altes Zeug, wie gesagt. Journalismus der 1970er, vielleicht der 1980ern noch. Nein, Handke muss mit abgesägten Hosen gezeigt werden. Argumente stören das Bild, das man für die Hetze braucht.

Wie Hetze geht. Bei Assange - mittlerweile abgemagert wie ein KZ-Häftling - kann es mustergültig studiert werden. Wurde es still um ihn und also um die Sache, da stellte die schwedische Justiz das Verfahren wegen Vergewaltigung ein. Kam wieder politische Bewegung auf und bestand dadurch die Gefahr, dass Assanges fundamentale Machtkritik, konkret: das Aufdecken von Mechanismen der geopolitischen Machtsteuerung durch die USA, erneut ins Blickfeld rücken könnte, so war die schwedische Justiz verlässlich zur Stelle und schob das eingestellte Verfahren neu an. Nicht um ein juristisches Resultat zu erzielen, sondern als Teil eines Vernichtungsmechanismus‘.

Wer den Process von Franz Kafka kennt, kann das nicht überraschen. Und steht die Macht auf dem Spiel, kennt die Zersetzung keine Grenzen. Angestellte des westlichen Wertebündnisses haben Assange systematischen Vernichtungsmethoden ausgesetzt (der Schweizer UN-Sonderberichterstatter Nils Melzer, von den Medien äußerst marginal erwähnt, bezeichnet die Behandlung Assanges als Folter), um ihn am Ende als entmenschlichtes Subjekt vorzuzeigen. Wie ein Hund - so endet der Process.

Nachdem man ihn mit Foltermethoden zerstört hat, schreiben die Zeitungen, die davon berichten, anlässlich der kürzlich erfolgten Einvernahme: "Assange machte einen verwirrten Eindruck." Klingt Erstaunen heraus? Geht mehr an Zynismus? Wer getan, was Assange getan, endet im Irrsinn. Etwas anderes ist nicht vorgesehen. Den Missbrauchsvorwurf aber konnte man strecken, die Dinge sind gelaufen.

Handkes "Fall" liegt etwas anders. Die Zersetzung läuft über Worte, die physische Dimension der Demontage bleibt weg. Was nicht unbedingt heißt, Handke wäre weit davon entfernt gewesen - gut denkbar, dass ein Leugnungsparagraph griffe und einer, der gesagt, was Handke gesagt, zöge die juristische und also physische Zerlegungsapparatur auf sich. Vielleicht war es das dünne Seil der Kunst, das Handke über dem Abgrund hielt.

Das Muster der persönlichen Diffamierung indes zeigt sich sowohl bei Assange wie bei Handke. Ist der Kritiker zum Schläger, zum Schänder oder Vergewaltiger gemacht - über Sexualität ist immer noch viel zu erreichen, die Befreiung gründlich misslungen -, ist seine Kritik an Instanzen, die geopolitisch schlagen und schänden, tot. Alles ganz einfach. Die geopolitische Dimension von Handkes Kritik an der einseitigen Schuldzuweisung im Balkankrieg gilt es denn auch im Auge zu behalten (dazu später), die Einheitlichkeit des Handke-Urteils ist ja kein Zufall.

Die geopolitische Dimension

Indes, auch über die geopolitische Dimension war und ist kaum was zu lesen. Logisch, es ginge hierbei ja um Argumente. Ein rationaler Diskurs entstünde. Solschenizyn, Sacharow und wie sie alle hießen, die Dissidenten im Sowjetreich: Sie wurden als System- oder Staatsfeinde gebrandmarkt. Auf die Kennzeichnung als Schläger, Schänder und Vergewaltiger verzichtete der Machtapparat (war das eine der Schwächen jenes Kommunismus?). Systemfeind: Diese Bezeichnung hätte auch Handke verdient. Wie auch der um Maßen brutaler zersetzte Assange.

Für diese Ehrlichkeit und die mit ihr verhängte letzte Würde müsste man der Sowjetdiktatur im Vergleich fast dankbar sein. Und die Menschen wussten das, auch wenn sie kuschten: Systemfeind und integer. Wo aber ist dieses Bewusstsein heute geblieben? Haben Sie Freunde, denen klar ist, dass Handke mit seiner Kritik fundamentale Voraussetzungen der westlichen Dominanz auf dem Balkan kritisiert hat?

Und dass dies ein Assange in einem noch viel fundamentaleren und für die USA bedeutend gefährlicheren Ausmaß ebenso getan hat? Und dass die genau deshalb zur Strecke gebracht werden? Indes, wen in Ihrem Bekanntenkreis interessiert überhaupt noch das Schicksal eines Assange? Selbst sein Krepieren würde an der erfolgreich implementierten politischen Gleichgültigkeit kaum etwas ändern. Und an dieser politischen Gleichgültigkeit wird weiter gearbeitet, zum Beispiel wenn Handke auf dem Feld der persönlichen Diffamierung verarbeitet wird.

Handkes Reisebericht zu den Flüssen in Serbien. Ich habe ihn wiedergelesen. Es werden keine Verbrechen verharmlost, keine Massaker abgestritten. Der Text zeigt Menschen. Menschen in Serbien. In Zusammenhängen. Und ihn selbst auf der Reise da. Handke ist nicht für die Serben. Sein Text zeigt vielmehr, wie er mit Serben in Serbien ist.

Dadurch unterläuft er das Schema. Die Opfer hier, die Schlächter da. Das ist sein Vergehen. Relativieren und Verharmlosen sind nicht das Gleiche. Zusammenhänge einblenden, welche die Ordnung ausblendet: In dieser Funktion ist Literatur politisch. Dušanka und Branka sagten: Serben waren auch Opfer. Sie sagten nicht: Serben töteten nicht. Auch Handke sagt das nicht. Weder in seinem Reisetext noch anderswo. Er sagt nicht: Die Serben sind die Guten. Er zeigt sich mit ihnen. Und sie wurden zu Menschen.

Das ändert an den Massakern, begangen von Serben, nichts. Nichts an den entsetzlichen Erfahrungen, die sie zurücklassen. Es ändert an Srebrenica nichts, nichts an der Belagerung Sarajevos, nichts, was später in Ademir Kenovićs Film Le Cercle parfait oder Slavenka Drakulićs Roman Als gäbe es mich nicht Ausdruck gefunden hat. Kein einziges Verbrechen, keine einzige Erfahrung der Vernichtung und des Leidens wird umgeschrieben. Und nichts gegengerechnet.

Auch Saša Stanišićs Erfahrung aus Višegrad bleibt eine Wirklichkeit. Auf nichts zurückzuführen, mit nichts aufzuheben. Welches Reden aber, welche Sprache arbeitet den nächsten Traumatas, irreduzibel und unteilbar, wohl eher zu (denn sie entstehen ja nicht aus dem Nichts, die Handlungen, die zu Traumatas führen)? Ist es Handkes Sprache, die das Sein mit den Serben zur Unzeit thematisiert (die Kategorie Serben übrigens hat nicht Handke geschaffen)? Oder ist es das einheitliche Urteil aus den Redaktionsstuben mit Wörtern wie Leugner, Irrsinniger, Idiotie und Scheiße?

Auch Totalitarismus geht mit der Zeit

Die Maßregelung als Eingeständnis. Meine Frage: Stellt am Ende die Wucht des Strafgesangs gerade nicht Handkes Schuld heraus? Mehr noch: Wäre diese Schuldherausstellung auch gar nicht die erste Absicht?

Könnte die Maßregelung in ihrer Wucht und Einheitlichkeit nicht vielmehr die Disziplinierung im Auge haben? Die Disziplinierung gegen unten? Ein nachhaltiger Aufruf dazu, wie man zu urteilen hat, um nicht abzufallen? Wird am Ende nicht Handke (zu gewinnen ist der eh nicht mehr), werden vielmehr Leserinnen und Leser gemaßregelt? Seht hin, so ergeht es dem, der ausschert.

Dass ein Denken, das den Korridor des Erlaubten verlässt, Erkenntnisse zu Tage fördert, Erkenntnisse, die wiederum Bestehendes in Frage stellen, das ergibt sich aus dem Wesen des Denkens. Dem Schall der Zurechtweisung käme folglich auch die Funktion zu, solche Erkenntnisse gewissermaßen zu übertönen.

Nicht zuletzt die Erkenntnis, dass die Maßregelung angeblicher Gewaltverherrlichung, lautstark Handke zugeschrieben, selbst einer Gewaltstruktur entspränge, in die sämtliche Redaktionsstuben eingebunden wären? Und dies, obgleich die Schreiber beteuern, niemand hätte sie gezwungen, dies oder jenes zu schreiben ... - auch Totalitarismus geht mit der Zeit.

Keinerlei Verweis auf die Forschung. In einer offenen, demokratischen Gesellschaft wäre das Abbilden verschiedener Positionen und Haltungen selbstverständlich. Diese Selbstverständlichkeit vorausgesetzt, wird der Charakter der "Debatte" um Handke deutlich. In keinem Beitrag, nicht einmal in solchen, die Handke verteidigen (tatsächlich verteidigen, in etwa so: Die literarische Qualität hebt den politischen Irrsinn auf - oder anders gesagt: Ein Poet darf sich irren bzw. es ist ja ein Literaturpreis), in keinem Beitrag also findet Erwähnung, dass Handke mit seiner Einschätzung nicht allein steht.

Dass es Historiker, Politiker, Dokumentarfilmer und auch Journalisten gibt, die aufgrund von Nachforschungen unter Angabe von Quellen und Dokumenten die einseitige Kriegsschuld als Konstruktion zurückweisen. Einer, der sich in dieser "Debatte" zu Wort meldet, müsste diese Einschätzung nicht teilen, aber auf diese Forschung zu verweisen, Handkes Stellungnahme einzubetten: Das allein wäre redlich.

Ein solcher Kontext aber striche den Irrsinnigen, den man braucht. Oder aber man käme nicht umhin, alle jene, die Handkes Position stützen oder teilweise stützen, ebenso zu Irren zu erklären. Das wäre zum Beispiel der in der Schweiz lehrende österreichische Historiker Kurt Gritsch, dessen Buch über den Kosovokrieg dem Nobelpreiskomitee offenbar mit zur Einschätzung bzw. Bewertung der politischen Haltung Handkes gedient hat. Weiter Hannes Hofbauer, ebenso Historiker aus Österreich, der sich schwergewichtig mit Osteuropa beschäftigt.

Das wäre auch der 2017 verstorbene US-Amerikaner Edward S. Herman, ein Professor aus Pennsylvania, der unter anderem zusammen mit Noam Chomsky Bücher veröffentlicht hat. Und auch der Amerikaner Philip Corwin, von Frühjahr bis Sommer 1995 als "Civil Affairs Coordinator and Delegate of the Special Representative for the UN Secretary General for Bosnia and Herzegovina" der höchste UN-Beamte in Bosnien, zählt dazu.

Diese und viele weitere als Irrsinnige zu bezeichnen, das könnte sich als Bumerang erweisen. Gleichwohl, der Wahn, der aus der "Debatte" spricht, lässt den Schluss zu: Man würde, müsste es sein, auch davor nicht zurückschrecken. Aber der einfachere und sicherere Weg ist zweifelsohne das weitgehende Verschweigen der Tatsache, dass Handkes Position zum Krieg in Ex-Jugoslawien keine singuläre ist.

Gut möglich indes, dass die Schreiber der NZZ und der FAZ und alle, die sich berufen fühlten, hier das Urteil zu fällen, von diesen Forschungen gar keine Ahnung haben, dass es also im Grunde eine "Debatte" der (durchaus gewollt) Ahnungslosen ist.

Besonders deutlich wird dies bei der geopolitischen Dimension der Position Handkes zum Balkankrieg, eine Dimension, die vielleicht kein erster Beweggrund für die Stellungnahme gewesen sein mochte, die aber wesentlich ist und am Ende erst die Reaktionen erklärt. Wenn Geopolitik erzählt wird, dann meistens so: Da hat sich eine Seite, die moralisch im Recht ist, gegen einen Diktator oder ein Regime erhoben, und "wir" treten hinzu, um der moralischen Seite zu helfen.

Dass die Instanz, die hinzutritt, also der Westen bzw. das NATO-Bündnis, eigene Absichten und Interessen hätte, Absichten, die dem angeblichen moralischen Aufstand gegen den Diktator zuweilen vorausgegangen wären und den Konflikt möglicherweise erst in Gang gesetzt hätten, das kommt nicht vor. Ich betone: möglicherweise. Kein abschließendes Urteil, eine Option bloß, die von Forschern thematisiert wird.

Auf den Balkankonflikt bezogen kämen hier beispielsweise Quellen und Dokumente mit in die Betrachtung, die radikalislamische Bestrebungen in Bosnien be- oder nahelegen. Das ist kein Rechtfertigungsgrund für irgendeine Grausamkeit (auch nicht als Gegengrausamkeit), aber mit in den Fokus müsste es. Noch entscheidender dürfte der wirtschaftliche Druck, erzeugt durch westliche Institutionen auf die jugoslawische Volkswirtschaft während den 1980ern, gewesen sein, ein Druck, den weite Teile der Bevölkerung massiv zu spüren bekamen und der die Attraktion der jugoslawischen Idee erheblich reduzierte.

Nationalismus entsteht auch in Slowenien und Kroatien nicht aus dem Nichts. Gleichzeitig und in Kombination damit gab und gibt es Hinweise auf Quellen, nach welchen zu schließen bereits vor dem Ausbruch des Konflikts Überlegungen zur Aufteilung Jugoslawiens und damit verbundenen Einflussmöglichkeiten der NATO in diesem bis dahin vom Bündnis nicht belegten Teil Europas existierten. Es mag gute Gründe geben, diese Quellen oder ihre Deutung infrage zu stellen, aber das ist nicht, was geschieht. Stattdessen: Verschweigen.

Die Frage nach dem Cui bono

Die Frage nach dem Cui bono ist denn auch die meist ausgeblendete bei Berichten über Konflikte. So zum Beispiel auch in Syrien. Sie würde Assad bezüglich der Giftgasangriffen strategisch als Irrsinnigen entlarven, schriebe man ihm diese Giftgasattacken zu, von denen er unter keinen denkbaren Umständen auch nur entfernt hätte profitieren können, ganz im Gegenteil. Man kann natürlich eine Irrsinns-Option postulieren, sollte aber die Implikationen transparent machen.

Im Balkankrieg führt die Cui Bono-Frage unmittelbar und augenfällig zur bereits erwähnten Tatsache, dass am Ende der Aufteilung Jugoslawiens die NATO über Militärstützpunkte auf dem Balkan verfügte, die sie zuvor eben nicht hatte. Wenn "die Serben" aber nicht die einseitig Bösen gewesen wären, kann die Intervention der NATO auch nicht mehr im Lichte des ausschließlich Guten erzählt werden - und die über den Krieg erreichte militärische Vormacht auf dem Balkan rückte anders in den Fokus. Nämlich nicht als uneigennütziges Epiphänomen.

So banal ist das und das ist Handkes geopolitisches Sakrileg. In einer geopolitischen Logik, wie sie in den Stellungnahmen Handkes implizit gegeben ist, mag Serbien bzw. die Führung um Milošević (zu bedenken: Handke spricht von Serbien, nie von den Verbänden um Mladić und Karadžić in Srpska) im Krieg das letzte Mittel der Zerfallsverhinderung gesehen haben (wobei der Vertragsentwurf von Rambouillet auch zeigt, wie weit Serbien entgegengekommen wäre, um Krieg zu verhindern, erst als es darum ging, sich als selbstständiger Staat aufzulösen, hat es sich verweigert).

Dass Serbien, im Bestreben den Status Quo zu halten, diesen Krieg lange vorgeplant und angesteuert hätte: das hingegen scheidet aus. Dafür hätten andere viel reizvollere Gründe gehabt, wie die Cui Bono-Frage zeigt. In sämtlichen Urteilen über Handke aber findet sich nicht die leiseste Andeutung von alledem. Cui Bono gibt es nicht. Geopolitik abseits des einen Narrativs auch nicht. So einfach ist das.

Die neue Medienlandschaft: Wie geht Moral?

Der gewünschte historische Bezug. "Mutige Entscheidung, einem 'provokanten' 'zornigen' 'Naturburschen' und Genozidrelativierer den Nobelpreis zu geben." (...) "Mutige Entscheidung, jemanden, der Hitler und Nazis einen Vogelschiss der Geschichte nennt, zu wählen." Handke = Gauland. Das ist Stanišićs Beitrag auf persönlicher Ebene. Ist der Rausch abgezogen, der Wahn verstrichen, braucht man darüber nicht mehr sprechen.

Die implizierte Gleichsetzung von Serbien mit Hitler-Deutschland dagegen reicht tiefer, ob sarkastisch dargeboten oder nicht. Serbien = Hitler-Deutschland? Man staunt. Waren es nicht Titos Partisanen, die sich den Nazis entgegenstellten? Und war es nicht die kroatische Ustascha, die sich an die deutsche Seite schlug? Und war es nicht Milošević, der Titos Erbe retten wollte (wie überzeugend, sei dahingestellt)? Und wurde die Aufsplitterung ebendieses Jugoslawiens nicht von nationalistischen Kreisen betrieben, die sich mitunter gar nicht erst bemühten, ihre Sympathien für die Ustascha von damals zu verbergen?

Das ist, zugegeben, grob gefragt und eine ganze Wirklichkeit ist damit nicht zu bekommen. Aber ausschließen kann man eines: eine Gleichsetzung, wie sie im Zitat von Stanišić vollzogen wird. Ja, auch die Serben endeten im Nationalismus, doch wollte Serbien Europa erobern? Zur Weltmacht werden? Gab‘s Ambitionen?

Handke hat seine Stellungnahme als Korrektiv verstanden. Er ist nach Serbien gereist, weil er im europäischen Geistesleben Stereotype zu Lasten Serbiens erkennen musste. Stereotype, die mit Erfindungen ständig neu belebt, genährt und gefestigt wurden. So postulierte man einen Hufeisenplan, der die systematische Vertreibung von Kosovo-Albanern durch Serben belegen sollte. Ebenso wurde die Behauptung in die Welt gesetzt, im Fußballstadion von Pristina hätten die Serben ein KZ eingerichtet. Deutsche Erfindungen.

Mit Slogans wie Nie wieder Auschwitz sollte die Bevölkerung, vor allem das ehemals pazifistische grüne Klientel für den Krieg gewonnen werden. Selbst das bestimmt nicht NATO-kritische Wikipedia hält fest: bislang keine Belege dafür. Serbien = Hitler-Deutschland: der Vergleich kommt also nicht aus dem Nichts, sondern aus einem Schema, dem nachgeholfen werden sollte. Mit Lügen (nach allem, was man weiß, ist das sachlich die einzig zutreffende Bezeichnung) aus den Ministerien des SPD-Mannes Scharping und des Grünen Fischer.

Ist es da nicht verständlich, dass sich einer, immerhin einer, zu den Serben gestellt hat? Historisch, geopolitisch und menschlich korrektiv? Und erfährt man von diesen Zusammenhängen irgendetwas in all den Aburteilungen? (Als kurzer Einstieg zu weiteren Fragen erhellend dieser Artikel Hannes Hofbauers.)

Trost für Handke. Forscher, die das Schema der einseitig bösen Serben in Frage stellen, fanden und finden natürlich nicht nur in der Handke-"Debatte" keine Erwähnung, sie und ihre Publikationen kommen auch sonst kaum vor in Medien, aus deren Redaktionsstuben es nun dröhnt.

Das ist ein großer Unterschied zur Medienlandschaft, wie sie noch in den 1970ern und 1980ern gegeben war: Auch die andere, scheinbar minoritäre Position fand in einer NZZ, einer FAZ mit Argumenten versehen Erwähnung - und sei es, um die Position nachfolgend zu widerlegen. Diese geistige Pluralität war gerade ein Argument im Diskurs. Und ein Argument für die jeweilige Zeitung.

Wenn nun Handke abgeurteilt wird, so muss man sich dieser vorangegangen geistigen Bereinigung bewusst sein. Nur in einer gesäuberten Landschaft lässt sich ein Handke als Irrsinniger vorführen. Gleichwohl, das Buch von Kurt Gritsch über den Kosovokrieg hat trotz weitgehender medialer Ausblendung in die Hände des Nobelpreiskomitees gefunden. Und dass diese Leute, die üblicherweise ja durchaus das Narrativ bedienen, dieses Buch auch lesen: fast schon revolutionär in dieser Zeit.

Aus der Wucht der Handke-Beschimpfung klingt jedenfalls der Schrecken der Getreuen mit, der Schrecken darüber, dass es doch Risse noch gibt im engmaschigen Netz, wo Böses eindringen kann. An einer Stelle erst noch, die bislang als sicher galt. Es könnte wahrlich nicht verwundern, es würde auch in diesem Fall die These geboten, die Russen hätten die Preisvergabe manipuliert. Bis jetzt fehlt das noch.

Wie geht Moral? Zynische Fragen. Genozidleugner. Das soll er sein. Zumindest ein Verharmloser. Ein Srebrenica-Genozidleugner, verkürzt zum Srebrenica-Leugner. Bezeugt von niederländischen Blauhelmen, die damals in Srebrenica stationiert waren, ist Folgendes: Muslimische Frauen und Kinder wurden von serbischen Einheiten in Bussen weggeführt und später freigelassen. Es geschah ihnen nichts. Die Männer wurden erschossen. Das ist ein Massaker. Ein Genozid ist es nicht. Auch wenn es um Ungeheuerliches geht, müssen die Begriffe stimmen.

Nicht bei Handke stimmen sie nicht. Dass Srebrenica nicht allein steht, dass es in serbischen Dörfern rundherum ebenso zu Kriegsverbrechen kam: Wer hat davon gelesen? Bestimmt nicht, wer die Zeitungen liest, die jetzt Handke aburteilen. Das Massaker an den muslimischen Männern war ein Massaker. Nie hat Handke etwas anderes gesagt. Er hat es verurteilt. Und als Massaker und absolutes Ende und Aus für jeden Einzelnen und seine Nächsten unteilbar, durch nichts aufzuheben und gegenzurechnen.

Ein Äußerstes an Leid, ein Ort, wo Vergleiche enden und die Sprache mit ihnen. Später gab es Zahlen. 8.000 sagten die einen. 2.500 die anderen. Über die Leichen, die gefunden und gezählt worden sind, gibt es widersprüchliche Aussagen, je nach politischem Interesse. Auch das steht nicht in den Medien. Indes, die Zahl ändert am Schicksal nichts. Aber es fragt sich von außen her (Betroffenen ist das nicht zuzumuten): Muss die Zahl möglichst hoch sein?

Und: Muss es ein Genozid sein, um als Verbrechen durchzugehen? Reicht das Massaker, das es war, nicht aus? Wer profitiert von der Verwischung der Semantik? Und was hat der einzelne Mensch, der sein Leben auf entsetzliche Weise hat lassen müssen, davon, wenn es nicht ein Massaker gewesen wäre, sondern ein Genozid? Lässt sich das Entsetzen zu seinen Gunsten über den Genozid besser herstellen? Besser steuern? Besser halten? Oder ist es gar kein Entsetzen für diesen Muslim?

Interessiert der einzelne Mensch weniger? Interessiert er nur als Opfer eines Genozids, nicht eines Massakers? Wenn ja, warum? Zu wessen Zwecken? Was ist das für eine Moral? Und weshalb ist plötzlich alles so zynisch bei dieser Fragerei? Und kann sich das Entsetzen nur halten, wenn andere Massaker, namentlich solche, die an Serben begangen worden sind, und seien sie an der Zahl geringer, unerwähnt bleiben? Wenn ja, warum? Grenzen der Entrüstung? Der menschlichen Anteilnahme? Basiert moralische Entrüstung auf Parteinahme? Geht moralische Entrüstung nur mit einem Schema und ohne löste sie sich auf?

Ja, man muss genau fragen: Würde - moralisch und von außen betrachtet; ich war nicht dabei, nicht bei jenen Kriegsschauplätzen - würde für den einzelnen Menschen, der in Srebrenica massakriert worden ist von Serben, irgendetwas weniger entsetzlich durch die Tatsache, dass noch andere Massaker stattgefunden hätten? Auch solche an Serben (wenn man in diesen Kategorien denkt)? Wird an der Ungeheuerlichkeit, der er zum Opfer gefallen ist, irgendetwas geschmälert, moralisch gesehen? Und an seiner Würde? Und was wäre das für eine Moral? Eine, auf die wir vielleicht verzichten sollten?

Saša Stanišić spricht in seiner Preisverleihungsrede von der anderen Preisverleihung. Die Konstellation, die er vorfindet, ist günstig. Im bereits entfachten Sturm kann er ganz risikolos der Wucht noch eins draufgeben, muss doch bloß der andere damit rechnen, entblättert zu werden. Bei Stanišić dagegen sucht keiner der Journalisten nach einer Freundin, die er vielleicht einmal geschlagen hätte. Das ist einfach so. Wer auf der richtigen Seite ist, der kann ein Schläger oder ein Schänder nicht sein.

Stanišićs Eingriff ins Handke-Urteil fand unter gänzlich asymmetrischen Bedingungen statt. Seine Worte waren die Worte der Macht. In Višegrad geboren, Zeuge von Kriegsverbrechen der Serben, Flüchtling, Kampf um Anerkennung in Deutschland, mit einer Frisur, die man haben darf, den Journalisten zugetan, auf einem obersten Podest der deutschen Sprache angelangt. Passt alles.

Die Attribute Handkes: Alter weißer Mann (Sibylle Berg sprach in einer Talk-Show von einem schlecht gealterten Mann - ein einmal Ausgezogener ist auf allen Ebenen verwertbar, ohne dass jemand Gefahr läuft, des Rassismus' bezichtigt zu werden), mit Serbien biografisch verhängt, schlägt Frauen, hasst Journalisten, die Frisur nicht zeitgemäß. Und dann eben dieser Literaturnobelpreis.

Nein, Stanišić hat diese ungleichen Ausgangsbedingungen für den medialen Showdown nicht geschaffen und sein persönliches Schicksal wird weder durch Geopolitik noch sonst was aufgehoben. Dass er Mühe hat mit Handkes Reise zu den Flüssen in Serbien, dass da eine Trennung bleibt, ein Riss bei der Lektüre: verständlich. Dass er sein Leid unter Exklusivrecht stellt: etwas weniger, aber auch noch.

Was auffällt: Wie schnell die angeblich getrübte Freude zu einer zur Schau gestellten getrübten Freude wird. Weshalb der mediale Weg und nicht das Gespräch? So möchte man fragen. Würde ihm Handkes Stellungnahmen zum Balkankrieg tatsächlich zu schaffen machen, wären tatsächlich Medien die Instanz, denen das zu erzählen wär?

Stanišić, wie gesagt, hat die Stunde nicht vorbereitet, deren Gunst aber erkannt. Kind dieser Zeit. Man hält ihm die Rolle des Richters zu, er nimmt an. Oder besser: Er spielt die Rolle vor und liegt richtig. Ein Dialog mit Mikrofonen. Gegenüber Handke dagegen eine Gesprächsverweigerung von Anfang an. Für diesen gab es bei diesem Setting keine Möglichkeit, in der Sache zu reagieren.

Stellt mir nicht solche Fragen. Das war alles, was ihm zu sagen blieb, als Journalisten, die er nicht anders denn als verlängerter Arm eines Tribunals wahrnehmen musste, ihn nach seiner Reaktion auf Stanišićs Reaktion befragten. Und das wurde abermals in die schwarze Liste aufgenommen. Nein, für Handke war kein Entkommen.

Und das Cui Bono in dieser Sache? Ein Gespräch mit Handke, von dem niemand erfahren hätte? Ein Dialog zwischen Menschen ohne Medien? Wer profitiert da schon? So, wie die Sache gelaufen ist, aber hat einer seine Bekanntheit markant gesteigert. Die Verkaufszahlen seiner Bücher sind nach dem medialen Showdown angestiegen. Über das Maß hinaus, das nach der Vergabe des Deutschen Buchpreises üblich ist. Das hat Stanišić Handke zu verdanken. Und seinem Gespür dafür, wie man Emotionen mediengerecht einschiebt ins Narrativ einer totalitären Praxis.

Dr. Daniel Sandmann ist Texter und hat Philosophie, Germanistik und Osteuropäische Geschichte studiert. Unter Teer Sandmann erschienen: "Golo spaziert" (besprochen in der NZZ-Literaturbeilage Juni 18) und verschiedene politische "Gute-Nacht-Geschichten für Kinder" auf Rubikon.