Peter Thiel: Abschied von den "Dogmen des Reaganismus"?

Peter Thiel spricht vor dem National Press Club. Screenshot: Telepolis

Der Investor erklärt Trumps Erfolg und kritisiert astronomische Medikamentenpreise, negative Freihandelsfolgen und die "Blasen", mit denen die US-Elite "schwierige Realitäten" fern hält

Der deutschstämmige Clarium-Capital-Präsident Peter Thiel häufte mit frühzeitigen Investitionen in Facebook und PayPal nicht nur ein Vermögen an, das Forbes auf 2,7 Milliarden US-Dollar schätzt, sondern wurde damit auch zu einem der bekanntesten Vertreter der Finanz- und IT-Welt. Derzeit erregt er mit einer Rede vor dem National Press Club viel Medienaufsehen:

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In dieser Rede erklärt der Investor (der Donald Trumps Wahlkampf angeblich mit mehr als einer Million Dollar gesponsort hat), er glaube, dass viele Wähler zwar nicht mit allem übereinstimmen, was der Immobilientycoon gesagt und getan hat, aber trotzdem für ihn stimmen werden, weil sie die Versprechungen der bisherigen politischen Eliten nicht mehr glauben. Dass die Eliten selbst noch daran glauben, liegt seiner Ansicht nach daran, dass sie in "Blasen" leben, mit denen sie "schwierige Realitäten" von sich fern halten. Blasen wie die "Handelsblase", die suggeriert, es gäbe beim Freihandel nur Gewinner, oder die "Kriegsblase", die immer wieder neu verspricht, der Sieg im Irak, in Afghanistan, in Libyen, im Jemen und in anderen Ländern stehe kurz bevor.

Weil solche Blasen durch Trumps Erfolg in den Vorwahlen erschüttert wurden, hoffen Politiker, Spender und Medien Thiel zufolge, dass Clinton gewählt wird und dass ihnen die Ereignisse des letzten Jahres nach dem 8. November bald nur noch wie ein böser Traum erscheinen. Das wird seiner Meinung nach jedoch nicht der Fall sein, weil die Ursachen für Trumps Überraschungserfolg auch dann weiter bestehen, wenn er nicht Präsident wird.

Zu diesen Ursachen zählt er unter anderem das Problem, dass die Medikamentenpreise in den USA oft zehn Mal so hoch sind wie in anderen Ländern, dass Studiengebührenschulden auch mit Privatinsolvenzen nicht verschwinden, dass Einkommen stagnieren, während Ausgaben steigen, dass fast die Hälfte der Amerikaner nicht einmal 400 Dollar für unvorhergesehene Ausgaben auf dem Konto hat und dass die "Millenials" als erste Generation damit rechnen müssen, dass es ihnen schlechter gehen wird als ihren Eltern. Bereits kurz vorher hatte er im Zusammenhang mit seiner Finanzierung eines Prozesses gegen Gawker konstatiert, ein nur einstelliger Millionär wie der Ex-Wrestler Hulk Hogan habe zu wenig Geld für einen wirksamen Zugang zum US-Justizsystem.

Währenddessen, so Thiel, haben US-Regierungen alleine in den letzten 15 Jahren 4,6 Billionen Dollar für Außenpolitikabenteuer ausgegeben, die 5.000 US-Soldaten und über 2 Millionen anderen Menschen das Leben kosteten und Chaos anstatt der versprochenen Demokratie mit sich brachten. Trotz dieses ganz offensichtlichen Misslingens sei die Politik der Demokraten heute stärker von "Falken" bestimmt als zu jedem anderen Zeitpunkt im letzten halben Jahrhundert. Die von Hillary Clinton für Syrien propagierte Flugverbotszone wäre seiner Ansicht nach ein noch größerer Fehler als der Irakkrieg, weil sie die USA damit nicht nur deutlich tiefer in einen chaotischen Bürgerkrieg hineinzöge, sondern auch eine nukleare Auseinandersetzung mit Moskau riskieren würde.

Trump dagegen würde Thiels Meinung nach Amerika (trotz seines Great-Again-Wahlslogans) mehr zu einem "normalen Land" machen: Einem Land, das keine fünf unerklärten Kriege gleichzeitig führt und das kein Handelsbilanzdefizit in Höhe von einer halben Billion Dollar hat. Dieses Defizit ist seinen Worten nach auch Ergebnis einer Freihandelspolitik, die von den Eliten als segensreich angepriesen wurde, aber tatsächlich zum "Verlust von zehntausenden Fabriken, Millionen von Arbeitsplätzen und einem verwüsteten Landesinneren" führte.

Eine Voraussetzung, damit sich das ändern kann, ist es seiner Ansicht nach das Anerkennen der Tatsache, dass Regierungen wichtig sind und eine Aufgabe haben: Dass sie gut funktionieren können, zeigten die Mondlandung, die Entwicklung der Atombombe oder das unter Eisenhower gebaute Fernstraßennetz. Deshalb sollte die Republikanische Partei seiner Meinung nach "die Ideologie des freien Marktes nicht als Entschuldigung für Verfall missbrauchen" und die Gelegenheit nutzen, um sich von "Dogmen des Reaganismus" zu verabschieden.

All diese Äußerungen kommen insofern überraschend, als der Mann, von dem in Gordon Finchers Facebook-Film behauptet wird, sein Held sei der Wall-Street-Schurke Gordon Gekko, bislang eher als Libertärer und damit als besonders entschiedener Verfechter solcher "Dogmen des Reaganismus" galt. PayPal sollte seinen eigenen Angaben nach ursprünglich nicht nur Profit erwirtschaften, sondern auch eine nicht von Zentralbanken kontrollierte Weltwährung erschaffen und Staaten die Möglichkeit zum Erheben von Steuern entziehen (vgl. Der etwas andere Philanthrop).

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Dass Thiel jetzt ganz anders klingt, könnte entweder daran liegen, dass er sein Weltbild der Realität anpasste (wie er selbst sagt) - oder daran, dass sich der Mann, den man im Silicon Valley angeblich gerne als Präsidenten sähe, wenn dem nicht seine Geburt in Deutschland entgegen stünde, in Sachen Ehrlichkeit anderen Politikern annähert.

Dem von Thiel verteidigten Trump gelang es währenddessen in drei getrennten Umfragen von ABC, IDB und Rasmussen mit Clinton gleichzuziehen, wenn sich die Teilnehmer auch für den Libertären Gary Johnson und die Grüne Jill Stein entscheiden können. Stehen nur zwei Kandidaten zur Auswahl, führt Clinton bei ABC mit 48 zu 47 Prozent vor Trump, den die Befragten als etwas glaubwürdiger einstufen. YouGov sieht dagegen in beiden Fragekonstellationen Clinton drei Punkte vorne. Bei Winthrop führt sie sogar mit fünf. (Peter Mühlbauer)

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