Phallische Heldin in Paris

Das sieht nach seltsamen Experimenten aus: "Tomb Raider" als Hybrid zwischen Spiel und Film

Fast scheint es so, als würden die sich am Horizont ankündigenden neuen Formate der Spiel- und Filmhardware eine Art "Medienuntergangsstimmung" bei Produzenten und Spielern/Zuschauern verursachen. Kurz bevor die neue Spielkonsolengeneration vollständig etabliert und die neuen hochauflösenden Heimkinosysteme erhältlich ist, wird nun noch ein neues Format für ein altes Medium etabliert: Das DVD-Spiel.

Auf zehn Jahre und insgesamt sechs Fortsetzungen kann die beliebte Spiele-Serie "Tomb Raider" nun zurückblicken. Das Action-Adventure um die Archäologin und Einzelkämpferin Lara Croft, die nicht wenige Digital-Beauty-Avards gewann, zählt zu den populärsten Spielen überhaupt und ist für nahezu jedes Spielsystem erhältlich.

Diese Berühmtheit mag der Grund dafür sein, dass "Tomb Raider" nun auf einem weiteren Spielsystem reüssiert: dem handelsüblichen DVD-Player. Dort war Lara Croft bislang nur als Filmheldin zu bewundern: "Lara Croft: Tomb Raider" (USA 2001, Regie: Simon West) und "Lara Croft Tomb Raider: The Cradle of Live" (USA 2003, Regie: Jan de Bont) waren zwei Spielfilm-Spin-offs der Game-Vorlagen.

Die Erzählung von "Tomb Raider: The Action Adventure" basiert allerdings nicht auf den Filmen, sondern auf dem sechsten Teil der Spiele-Serie, "Tomb Raider: Angel of Darkness" (2003, Core Design/Eidos). Auch hier wird eine Geschichte um archäologische Artefakte, Geheimbünde, Geister und Monster kreisend erzählt. Die phallische Heldin besucht in Paris ihren väterlichen Freund Werner von Croy und wird Zeugin seiner Ermordung. Sie vermutet hinter dem Attentat eine Verschwörung, bei der fünf geheime "Bilder der Finsternis" eine Rolle spielen. Während sie dem Rätsel nachspürt, wird Paris von dem Serienmörder "Das Monster" heimgesucht.

Dass beide Fälle miteinander zu tun haben, erfährt Lara Croft nach und nach. Zunächst führt sie ihre Ermittlung zum Halbwelt-Ganoven Bouchard, dann in den Louvre und von dort aus nach Prag, wo sie nicht nur das Rätsel um die Gemälde und den Geheimbund "Lux Veritatis" löst, sondern auch noch einer weit größeren Verschwörung auf die Schliche kommt: In einem unterirdischen biotechnologischen Labor sollen die "Nephilim" nachgezüchtet werden, eine Monsterrasse, mit deren Hilfe der finstere "Meister Eckhardt" die Welt in Finsternis stürzen will.

Plottwist-Kaninchen aus dem Hut

Die Geschichte, die dem DVD-Spiel zugrunde liegt, enthält so ziemlich alles, was ein Adventure benötigt, um selbst nach ein paar Stunden Spielens immer noch ein Plottwist-Kaninchen aus dem Hut ziehen zu können. Mit Anspielungen auf bzw. Anleihen an die scholastische Philosophie des Mittelalters, die jüdische Mythologie, christliche Geheimbund-Geschichte, populäre Mythen rund um den Pariser Louvre und seine architektonischen Geheimnisse sowie einer gehörigen Portion Gentechnologie-Paranoia würzt der Hersteller sein Abenteuer und ermöglicht so, kleine Handlungseinheiten an große Narrative zu koppeln. Innerhalb von drei Groß- und mehreren Unterkapiteln muss sich der Spieler durch die Geschichte kämpfen. Der Schwierigkeitsgrad steigt dabei von Kapitel zu Kapitel.

Ob das, was da als Handlungsfaden inszeniert wird, plausibel oder zumindest kohärent ist, scheint nebenrangig. Den deutschen Alchimisten, Philosophen und Mystiker Eckhart von Hochheim (besser bekannt als "Meister Eckhart" - im Spiel allerdings "Eckhardt" geschrieben) zum Serienmörder, Kunstdieb und Bio-Terroristen herabzustilisieren, bedarf schon einer gewissen Respektlosigkeit, scheint aber zur historischen Authentisierung der Erzählung allemal zu gebrauchen.

Auch die etwas alberne Geschichte mit den "Gemälden der Finsternis" (zu denen dann auch noch "Skizzen der Finsternis" gehören), die die Handlung dann an den Louvre koppelt, in den man mit der Lara-Figur natürlich einzubrechen hat, greift auf willkommene Weise auf jüngere populäre Thematiken zurück: Vor kurzem war der Louvre mit Leonardo da Vinci (an dessen Werken man auch im Spiel vorbeispaziert) Filmthema in "The Da Vinci Code" (USA 2006, Ron Howard).

"Es riskieren"

Das Louvre-Thema war zwar schon in besagtem Spiel "Tomb Raider VI" enthalten, dessen Reaktivierung für das DVD-Spiel kommt aber nicht von ungefähr. "Tomb Raider: The Action Adventure" versucht nämlich auf gekonnte Weise Film und Computerspiel einander überlappen zu lassen. Das hat einerseits Gründe, die in der Technologie und dem Spielehandling liegen, bietet andererseits jedoch die Möglichkeit, mit der Spielewelt bislang nicht oder kaum in Kontakt geratene Filmfreunde für diese zu gewinnen.

Demzufolge sind die zahlreichen Filmsequenzen, die das Spiel enthält mit cineastischen Ästhetiken wie Über- und Wischblenden, variablen Blickpositionen, Split-Screens, Schuss-Gegenschuss-Montagen, Handkamera-Perspektiven sowie videoclipartigen Flash-Cut-Sequenzen versehen. Eher auf der Computerspielästhetisk basiert die Idee, nicht auf gespielte reale Filmsequenzen, sondern auf Vektorgrafiken zurückzugreifen, um das Spiel zu bebildern.

Das genau unterscheidet das DVD-Spiel nämlich auch von einem interaktiven Spielfilm. Sicherlich wäre es möglich gewesen, die Spiel- und Filmsequenzen auch mit Realszenen und Schauspielern auszustatten (Angelina Jolie hat sich als Real-Adaption der Lara Croft ja in beiden Spielfilmen bewährt). Dabei wäre aber sicherlich der Eindruck eines "Spiel-Filmes", dem Pendant zu den vor einigen Jahren beliebten "Spiel-Büchern", entstanden. Anstatt den Eindruck zu gewinnen, ein echtes interaktives Produkt vor Augen zu haben, fühlte man sich vor einen Spielfilm gesetzt, bei dem man lediglich bestimmen kann, in welche Richtung die Handlung fortgesetzt wird. Sehr weit entfernt ist das DVD-Spiel jedoch nicht von dieser Möglichkeit.

Ein neues Genre?

Das "DVD-Spiel" wird sich anstrengen müssen, um attraktiv für neue Gamer zu werden oder für alte zu bleiben. "Tomb Raider: The Action Adventure" liefert schon vieles, was man bei Computerspielen als Standard bezeichnen würde: Die Aufgaben stellen Anforderungen an die Geschicklichkeit, Geschwindigkeit und das Merkvermögen. Es gibt Shootouts, Sniper-Aktionen, nicht wenig Gewalthandlungen und selbst romantische Intermezzi. Man kann gefundene Gegenstände inventarisieren und sogar alte Spielstände wieder aufrufen, wenn man das Spiel unterbrochen hat (über eine Checksumme, die als "Passwort" dient und Spielfortschritt, Punktezahl sowie Inventargegenstände enthält). Es ist sogar ein Zweispieler- bzw. Team-Modus verfügbar, bei dem man sich mit den Mitspielern abwechseln kann und jeweils mehr Punkte als der Gegner zu erreichen versucht.

Seine Grenzen findet das Spiel jedoch in den eingeschränkten technischen Möglichkeiten des Mediums. Die Spielsteuerung wird allein durch das Menü-Steuerkreuz der DVD-Fernbedienung ermöglicht. Damit lenkt man aber nicht etwas die Figur durch das Spiel, sondern nimmt nur an bestimmten Punkten Einfluss auf deren Verhalten. Das meiste Geschehen spielt sich passiv vor den Spieleraugen ab. Teilweise in minutenlangen Filmsequenzen läuft Lara Croft durch die Gegend, löst Aufgaben und besiegt Feinde ganz von selbst.

Um es dem Spielneuling an den interaktiven Punkten nicht zu schwer zu machen, gibt es stets auch die Möglichkeit anstatt "Es riskieren" auch "Auf Nummer Sicher gehen" zu wählen und so die Aufgabe unbeschadet vom DVD-Player lösen zu lassen. Entscheidet man sich konsequent für diese Möglichkeit, erzählt man zwar keine Punkte, bekommt aber doch wieder so etwas wie einen Spielfilm zu Gesicht.

Verwertungskette

Neu an "Tomb Raider: The Action Adventure" ist, dass es neben den üblichen Merchandising-Produkten ein weiteres Verwertungsglied in der Produktkette auftaucht, das darüber hinaus vielleicht Begehrlichkeiten beim Filmgucker nach Computerspielen zu wecken imstande wäre.

Daher wird der Titel sowohl von einem DVD-Distributor (KOCHMedia) als auch von einem Spiele-Reseller (Eidos) vertrieben und enthält - anstelle einer Spielanleitung - einen Werbebeileger für den jüngsten Teil der "Tomb Raider"-Serie: "Lara Croft Tomb Raider: Legend". (Stefan Höltgen)

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