Phallische Hochhäuser

Die Assoziation von Hochhaus und Phallus drängt sich auf, jetzt gab es im Web eine Umfrage nach dem Hochhaus, das am stärksten einem Penis gleicht

Die Anschläge auf die beiden Türme des World Trade Center am 11.9. haben sehr viel größere Aufmerksamkeit erfahren als die Attacke auf das Pentagon. Das Pentagon verinnert die Macht der USA bzw. des Westens wohl eigentlich stärker, doch die Live-Bilder von den getroffenen, brennenden und zusammenstürzenden Türmen waren viel einprägsamer als die vom wenig zerstörten Pentagon. Vor allem spielte sich das Geschehen in New York direkt vor den Augen der Weltöffentlichkeit ab, weswegen diese Katastrophe erhabener und schreckenserregender war: schaurig-schön. Neben vielen weiteren Aspekten dürfte aber auch zur weitaus höheren Beachtung der WTC-Anschläge beigetragen haben, dass Hochhäuser ganz unmittelbar Macht demonstrieren und als hoch in die Luft aufragende Phalli wahrgenommen werden können. Deren gezielte Zerstörung ist beeindruckender und wahrscheinlich auch eine größere Schmach als die eines relativ flachen Gebäudes.

Nur für ein Jahr waren die WTC-Türme die höchsten Hochhäuser der Welt

Vielleicht war ein Teil des traumatischen Schocks und der Demütigung, dass die Terroristen mit den entführten Flugzeugen auch eine Art Kastration der Weltmacht durchführte, just in jener Stadt, in der der Wettkampf um Macht zu buchstäblicher Größe durch Erektion führte. Dadurch ist eine imposante, Viagra-angeturnte Kulisse entstanden, die die westliche urbane Welt des Fortschritts, der Technik und der Macht, die vom Kapital ausgeht, symbolisierte, auch wenn schon kurz nach dem Bau des WTC das größte Gebäude nicht mehr in New York zu finden war. Die scheinbare coole Sachlichkeit der Architektur kann über die Erregung, die mit dieser Demonstration der Erhabenheit einhergeht, nicht wirklich hinwegtäuschen.

Macht - historisch sowie noch immer wirtschaftlich und architektonisch männlich dominiert - ist Potenz, und damit wohl auch immer sexuell unterfüttert. Größe heißt auch immer, dass die Unterlegenen von unten nach oben blicken und auch gehen müsse, wollen sie selbst an die Spitze gelangen. Und wer die größten Türme bauen kann und sich ganz oben befindet, hat nicht nur am meisten Macht, sondern kann auch alles überblicken. Türme zeugen von weithin sichtbarer Macht und bieten zugleich Schutz vor plötzlichen Überfällen. Dass die Terroristen nicht von unten angegriffen, also wie 1993, etwa eine Bombe in die Tiefgarage anbrachten, sondern von oben, aus der Luft, in die Türme hineinschossen, dürfte dem Sicherheitsgefühl eine der größten Wunden geschlagen. Auch wer oben ist, ist jederzeit gefährdet. Umgekehrt kann gerade der größte Phallus zum gefährlichsten Ort werden: Der Luftkrieg ist keine ausschließliche Domäne des staatlichen Militärs mehr (Die Angst vor dem Hochhaus).

"Williamsburg Bank building, which is the most obviously phallic building I've ever seen. It's so penislike it's embarrassing." - Jonathan Ames

Die Assoziation von Turm oder Hochhaus und Phallus - interessant wäre, was dazu neben der Kuppel das weibliche Pendant sein könnte - drängt sich auch deswegen auf, weil viele dieser Machttempel tatsächlich wie Phalli aussehen. Und damit wären wir endlich beim Thema angelangt.

Im Juli schrieb der Kolumnist und Schriftsteller Jonathan Ames für Slate einen Text für ein "elektronisches Journal", in dem er beschrieb, wie er mit seiner Freundin nach Coney Island mit der U-Bahn gefahren ist. Wenn diese schließlich aus der Erde auftaucht, sieht man, so Ames, rechts das Meer und links die Skyline von Brooklyn. Diese wiederum werde beherrscht vom Gebäude der Williamsburg Bank: "dem offensichtlich phallischsten Gebäude, das ich je gesehen habe". Das Gebäude sei einem Penis verstörend ähnlich, das Auge werde stets von diesem "Bankenpenis" angezogen.

Das war natürlich eine unbedachte Behauptung eines New Yorkers, die er denn auch überprüfen, zumindest antesten lassen wollte. Daher veranstaltete er die Umfrage "Which building is the world's most phallic?" im Web, die allerdings zu einem anderen Ergebnis kam. Besonders repräsentativ ist sie freilich nicht. Und Ames hat die Umfrage auch eigenmächtig entschieden und nicht das am meisten genannte Florida State Capitol Building in Tallahassee genommen. Florida-Wähler - man erinnere sich an die Präsidentschaftswahl, in der Bush nur durch Gerichtsbeschluss als Sieger hervorgegangen ist - seien eben "crazy". Dieses Gebäude hat zwar den Vorteil, dass nicht nur das Phallische zum Ausdruck kommt, sondern die Kuppeln auf beiden Seiten des Turms auch recht eindeutige Anspielungen darstellen.

Der Gewinner: Wasserturm in Ypsilanti, Michigan

Unter den eingesandten Nominierungen wählte Ames den eher schmächtigen Wasserturm von Ypsilanti in Michigan. Der sieht zwar tatsächlich einem Penis sehr ähnlich, lässt aber das Erhabene vermissen, das wirklich großen Türmen eigen ist. Unter den "hot pix" gibt es einige beeindruckende Architekturphalli, auch wenn sie in aller Regel ein wenig abstrakter sind. Möglicherweise sind sie deswegen umso beeindruckender als der Wasserturm. Auch der Fernsehturm in Berlin wurde nominiert, obgleich ihm in aller Funktionalität das Attribut der Macht fehlt und er doch ein wenig dünn ist. Da sieht der Turm von der Bank of America in Charlotte, der ungeschlachte Citicorp-Turm in New York oder das Wachovia Center in Winston-Salem schon anders aus.

Smurfit-Stone-Turm. Für Ames: "wrong contest"

Nur nach der Größe der Erektion wurde offenbar nicht entschieden. Man blieb auch, verständlicherweise, meist im heimischen Nordamerika. Interessanterweise wurde auch vom Vertikalen in die Horizontale verlegter gebauter Penis vorgeschlagen: Smaralind, ein Einkaufszentrum in Reykjavik. Sehen lässt sich der Phallus aber nur aus der Luft, vielleicht wäre er sonst auch zu abschreckend, um als Konsumtempel zu dienen.

swiss-Re-Turm

Schön ist auch, dass Ames den Smurfit-Stone-Turm einer anderen Umfrage zuweist. Da tun sich womöglich auch in erektilen Höhen feminine Dimensionen auf. Und dann weist Ames auch noch auf einen unbeschnittenen Penis hin, in Form des gerade einmal nur 180 Meter hohen Swiss-Re-Turmn, auch "Erotic Gherkin" genannt, in London, erbaut von Norman Forster.

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