Phantomschmerzen

Warum sich weder Fußballkommentatoren noch Fans heute Nachmittag vor den Schirmen oder in den Stadien keine Sorgen machen müssen

Der Bundesliga-Alltag ist zurück. Wie jeden Samstag gibt es wieder Emotionen pur zu erleben, in den Stadien wie am Bildschirm. Nur: Heute ist "angeblich" alles anders. Ein Wettskandal erschüttert die Liga und ihre Fans. Herauskam, dass die Mafia bei den Spielen mitmischt. Sie hat Schiedsrichter und Spieler "angefixt", die prompt ihrem Werben und Buhlen erlegen sind.

So naiv es war zu glauben, dass ausgerechnet die organisierte Kriminalität vor diesem Milliardengeschäft halt machen würde, so naiv ist es zu glauben, dass dadurch der Reiz des Spiels für die Fans verloren gegangen sei. Zum einen wissen die Fans gar nicht, wie und auf wen organisierte Zocker Tausende von Euro gewettet haben. Der Ausgang des Spiels ist für die Zuschauer zunächst genauso ungewiss wie zuvor. Zum anderen weiß jeder, der schon mal ein Spiel geleitet hat, wie schwer es ist, ein Spiel in eine bestimmte Richtung zu manipulieren, als Schiedsrichter vermutlich noch viel mehr wie als Spieler.

Zwar kann der Schiedsrichter einen Spieler vom Platz stellen, ein Foul nicht ahnden oder einen unberechtigten Elfmeter pfeifen. Eine Gewähr, dass die von ihm begünstigte Mannschaft dadurch das Spiel gewinnen wird, hat er aber nicht. Steckt die benachteiligte Mannschaft diese Fehlentscheidungen cool weg (wie oft sind dezimierte Mannschaften genau deswegen über sich hinausgewachsen und haben ein schon verloren geglaubtes Spiel dadurch "gedreht") oder führt nach einer halben Stunde vielleicht mit drei Treffern, dann kann der Schiedsrichter pfeifen wie er will. Er wird das Spiel nicht mehr in die gewünschte Richtung lenken können. Die vielen tausend Euro "Einsatz" waren dann vergebens.

Noch schwieriger gestaltet sich das Ganze für die Spieler. Anders als ein Stürmer kann ein Verteidiger nicht mehrmals in einem Spiel aufs eigene Tor zielen. Weswegen er maximal nur einen einzigen Versuch hat, den Ball mit dem Kopf, dem Fuß oder Knie ins eigene Tor zu bugsieren. Wer selbst schon mal dem runden Leder nachgejagt ist, wird wissen, wie schwer es ist, Eigentore bewusst oder mit voller Absicht zu erzielen. Der ehemalige Nürnberger Kasalo hat es zweimal geschafft und ist eben gerade deswegen aufgefallen. Leichter ist es da gewiss, jemand im Strafraum abzugrätschen oder den Ball absichtlich mit der Hand zu spielen, um dadurch einen Elfmeter zu verursachen. Doch auch hier bleibt eine Art "Restrisiko". Wie oft haben Spieler Nerven gezeigt und sind bei der Ausführung eines Penalties gescheitert.

Warum sich die deutsche Fußballwelt, von BILD und Fans bis hin Sportstudio-, Kicker- und Sportschau-Redaktion über den Skandal so aufregen, ist von dieser Warte aus zunächst kaum zu verstehen. Der Reiz des Spiels, die damit verbundenen Emotionen auf den Rängen oder auf dem Feld sowie die Unbestimmtheit des Ausgangs werden von möglichen Schiebereien zunächst kaum berührt. Da niemand weiß, wie manipuliert wird oder worden ist, bleiben die Ungewissheit und damit die Anziehungskraft des Spiels erhalten. Andererseits versprechen gerade die Medien, allen voran die öffentlich-rechtlichen Sender, Pokal-Sensationen am laufenden Band, um Zuschauer in großer Zahl zu langweiligen Pokalspielen vor die Glotze zu locken. Spiele wie das verschobene Pokalspiel Paderborn gegen den HSV waren für die Sender doch ein Segen. Kaum jemand würde sich ein Spiel wie Nürnberg gegen Aalen (ein anderes verschobenes Spiel) antun, bei dem gerade mal knappe zehntausend Zuschauer sich bei Eiseskälte im Stadion verloren, wenn nicht vorher die Erwartung geschürt worden wäre, dass der schwache und niederklassige Gegner die hochbezahlten Profis aus der ersten Liga aus dem Pokal kicken würde.

Die öffentliche Empörung über den Skandal, die sich nun schon eine Woche lang durch die Sportredaktionen zieht, ist scheinheilig. Nicht nur die Mafia oder die staatlichen Lottogesellschaften, von Oddset bis hin zu Betandwin, auch die Sender verdienen kräftig mit am Kick, ob der nun getürkt ist oder nicht. Die heftigen Bauchschmerzen, die Berichten zufolge heute Fans und Kommentatoren in den Stadien befallen haben sollen, dürften so groß wiederum auch nicht sein. Rein geschäftlich betrachtet sind solche Sensationen durchaus im Sinne der Sender. Noch immer werben sowohl Das Erste wie das ZDF in ihrem Trailer für den DFB-Pokal mit der Stimme Béla Rethys und dem Sieg des TSV Vestbergsgreuth über den FC Bayern München. (Rudolf Maresch)

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