Phasenumkehr beim Passing

In den USA hat sich eine Weiße als Schwarze ausgegeben

Früher gab es in der US-Literatur den Topos des "Passing" - zum Beispiel in William Wells Brown Clotel (1853) oder in Frank J. Webbs The Garies and Their Friends (1857). Er bezeichnet den Effekt, dass Personen mit teilweise afrikanischen Vorfahren als weiß gelten. Zu Zeiten, als Schwarze versklavt oder gesetzlich diskriminiert wurden, eröffnete dieses Motiv interessante Möglichkeiten.

Ab den 1990er Jahren zeigte der Umgang mit Passing in der Populären Kultur, dass sich in der Zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einiges geändert hat: In der Serie Seinfeld ist Elaine enttäuscht, als sich ein nicht eindeutig zuordenbarer Südafrikaner nicht als Schwarzer, sondern als Weißer herausstellt. In Philip Roths The Human Stain verliert ein eigentlich afroamerikanischer Literaturprofessor, der nach dem Zweiten Weltkrieg als vermeintlicher Jude Karriere machte, seinen Posten, weil ihm aus einer harmlosen Bemerkung ein Rassismusvorwurf gegen Schwarze gedreht wird - und in Tom Wolfes Back to Blood verschwendet die haitianischen Studentin in Miami keinen Gedanken mehr an ihre Hellhäutigkeit, auf die ihr Vater so viel Wert legt.

Was jetzt in Spokane im US-Westküstenstaat Washington in der Realität geschehen ist, das hätten die Lektoren bei Verlagen und Produktionsgesellschaften aber womöglich als zu unglaubwürdig und zu grotesk abgelehnt, wenn sie es vorher auf den Tisch bekommen hätten: Dort hatte sich eine Weiße deutsch-schwedisch-tschechischer Abstammung jahrelang als Schwarze ausgegeben, bis lokale Medien den Schwindel aufdeckten. Um als Schwarze durchzugehen, hatte sie sich nicht nur die Haut stark gebräunt und ihr Haar mit dunkelbraunen Krausen verlängert, sondern auch ihren Vater und ihre Biografie gefälscht.

Rachel Dolezal rechtfertigt ihr Passing

Besonders bemerkenswert an dem Fall ist, dass sich Rachel Dolezal - so der Name der Frau - zur Ortspräsidentin der Anti-Diskriminierungs-Organisation NAACP wählen ließ und dass sie sich in der Vergangenheit über angebliche telefonische Drohbotschaften und über rassistische Hasspost beschwerte, die ihr angeblich geschrieben wurde. Als die Polizei dem Fall nachging, kam sie aber zu dem Schluss, dass die Schreiben keine Spuren eines Brieftransports aufwiesen, und dass sie entweder von einem US-Postal-Service-Mitarbeiter oder von einer Person mit Zugang zu Dolezals Briefkasten stammen müssen (was sie selbst mit einschließt).

Darüber, was Dolezal zu den sehr aufwendigen Täuschungen motivierte, wird derzeit in US-Medien intensiv diskutiert: Eine These ist, dass sie auf sekundären Diskriminierungsgewinn aus war - auf das Mitgefühl und die Aufmerksamkeit, die tatsächlichen oder vermeintlichen Opfern zuteil wird. Dafür würde sprechen, dass sie 2002 - damals noch als Weiße - die von ihr besuchte schwarze Howard University wegen angebliche Diskriminierung verklagte (was mit einem beträchtlichen Bußgeld gegen sie selbst endete). Die Wurzeln dafür könnten in Dolezals Kindheit liegen: Ihre Eltern (die später als christliche Missionare nach Südafrika gingen) hatten zu ihren beiden biologischen Kindern vier schwarze dazu adoptiert.

Dolezal selbst behauptet, dass sie sich als Schwarze fühlt - und verbindet ihren Fall dadurch mit den aktuellen Transgender-Debatten, die es in letzten Jahr bis in die Serie South Park schafften. Bei echten Schwarzen kommt dies unterschiedlich an: Während ihr Adoptivbrunder Ezra Dolezal meinte, sie fördere mit ihren Verhalten Rassismus, sprach sich Halford Fairchild, der ehemalige Präsident der Association of Black Psychologists, dafür aus, ihre "Identität" als authentisch zu akzeptieren.

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