Philippinen: Marawi befreit?

Das philippinische Kabinett inspiziert Waffen, die man bei den Dschihadisten fand. Foto: Presidential Communications Operations Office

Präsident Duterte hat nach fünf Monate dauernden Kämpfen bekannt gegeben, dass die Terrororganisation IS in der Stadt besiegt wurde

Am 23. Mai übernahmen Maute-Dschihadisten, die zur Terrororganisation Islamischer Staat (IS) gehören, die Herrschaft in der philippinischen 200.000-Einwohner-Stadt Marawi, besetzten die öffentlichen Gebäude und hissten die schwarze IS-Flagge mit dem "Siegel des Propheten". Gestern gab Staatspräsident Rodrigo Duterte bekannt, dass die philippinische Armee diese Ortschaft nun zurückerobert hat.

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Dafür spricht, dass er dazu die Stadt selbst besuchte - dagegen, dass der Sender DZBB immer noch Kämpfe meldete. Allerdings belegen Fotos, dass zumindest Isnilon Hapilon und Omar Maute, die Anführer der Dschihadisten, am Montag ums Leben kamen. Auf Isnilon Hapilon hatte das US-Außenministerium schon zur Zeit der Präsidentschaft Barack Obamas eine Belohnung in Höhe von fünf Millionen Dollar in Aussicht gestellt.

Außer Hapilon und Maute soll der fast fünf Monate andauernde Konflikt auch über 1.000 anderen Menschen das Leben gekostet haben - nicht nur arabischen, tschetschenischen und philippinischen Terroristen, sondern auch zahlreichen Soldaten, Polizisten und Zivilisten. Das Militär hatte anfangs mit einer sehr viel schnelleren Rückeroberung der Stadt gerechnet, musste aber feststellen, dass die Terroristen über sehr viel mehr Munition und Vorräte verfügten als angenommen und wussten, wie man sich vor gezielten Luftangriffen hinter Zivilisten versteckt (die jedoch zum großen Teil aus der Stadt flohen).

Zwischenzeitlich hatte sich der Konflikt zwischen Islamisten und der philippinischen Regierung auf andere Schauplätze ausgeweitet: Eine Islamistengruppe namens Bangsamoro Islamic Freedom Fighters (BIFF), die (ebenso wie die Maute-Gruppe) aus der für westliche Ohren merkwürdig abgekürzten Moro Islamic Liberation Front (MILF) entstanden sein soll, stürmte um Juni mit rund 200 Mann die in der Provinz Cotabato gelegenen und zur Gemeinde Pigcawayan gehörigen Barangays Malagakit und Simsiman und besetzte kurzzeitig die dortigen Schulen. Danach wurde auch Cotabato in den Ausnahmezustand versetzt.

Über die BIFF-Gruppe, um die sich die philippinische Armee nach der Befreiung Marawis verstärkt kümmern will, ist wenig Gesichertes bekannt. Der von ihr benutzte Namensbestandteil "Bangsamoro" leitet sich vom malaiischen Wort für "Nation" und vom Tagalog-Wort für die Moslems im Süden des Landes her, bezeichnet aber auch ein Gebiet, das von der Regierung in Manila seit einem Friedensabkommen zwischen ihr und der MILF mit immer mehr Autonomierechten ausgestattet wird. Auch die BIFF-Befehlshaber "Kumander Bunggos", "Kumander Abunawas Damiog" (alias "Bayawak"), "Abu Saide" und "Sala" sollen dem IS-Kalifen die Treue geschworen haben (vgl. Terrorkrieg auf den Philippinen weitet sich aus).

Den philippinischen Soldaten hatte Duterte versichert, er stehe hinter ihnen und werde die Verantwortung für alle ihre Handlungen übernehmen. Darüber hinaus hatte er wegen der Kämpfe öffentlich überlegt, den Ausnahmezustand auf das gesamte Staatsgebiet der Philippinen auszudehnen. Das könnte seinen Worten nach notwendig sein, weil sich der IS inzwischen nicht nur in moslemisch dominierten Gegenden im Süden, sondern auch in anderen Teilen des Inselstaates festgesetzt habe.

Die Philippinen sind ein Vielvölkerstaat, in dem über 170 Sprachen gesprochen werden. 95 Prozent der Bevölkerung sind Christen und fünf Prozent Moslems, darunter die Volksgruppen der Badjo-Seenomaden, der Jama Mapun, der Maguindanao, der Maranao, der Yakan und der Tausug. Sie konzentrieren sich auf den Sulu-Archipel und Mindanao, wo sie etwa ein Drittel der Bewohner stellen.

Dort herrscht seit den 1970er Jahren mit Unterbrechungen Krieg. Dem konnte auch ein Autonomiestatut für die Provinzen Basilan, Lanao del Sur (in der Marawi liegt), Maguindanao, Sulu und Tawi-Tawi sowie eine Beteiligung der moslemischen Moro National Liberation Front (MNLF) an der Macht nichts ändern. Denn mit ihr konkurrierende Gruppen verübten weiter Terrorakte, darunter Bombenanschläge auf Kinder, Handgranatenangriffe auf Zivilisten und Enthauptungen größerer Gruppen von Gefangenen und Entführten. Sie wollen unter anderem Palawan und ganz Mindanao unter ihre Herrschaft bringen - also auch Gebiete, in denen moslemische Volksgruppen in der Minderheit sind. Schätzungen der Weltbank zufolge forderte der Gesamtkonflikt inzwischen mehr als 120.000 zivile Todesopfer.

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Für etwa 30.000 Todesopfer sorgte ein 1968 begonnener Guerillakrieg der maoistischen Bagong Hukbong Bayan ("Neue Volksarmee"), mit deren Dachorganisation Partido Komunista ng Pilipinas (CPP) Duterte zu Anfang seiner Amtszeit vielversprechende Verhandlungen führte (vgl. Philippinen: Maoistische Rebellen bieten "Punisher" Duterte Friedensgespräche an). Informell gute Beziehungen zu maoistischen Rebellen wurden dem heute 71-jährigen schon zu seiner Zeit als Bürgermeister von Davao nachgesagt: Dort arbeitete er seinen Kritikern zufolge mit Vigilantengruppen zusammen, die sich teilweise aus der Bagong Hukbong Bayan rekrutiert und zahlreiche Bandenmitglieder und andere Kriminelle gelyncht haben sollen.

Nachdem die Bagong Hukbong Bayan im Juli einen herzkranken Polizisten entführten (den sie im September wieder freiließen), verschlechterte sich das Verhältnis jedoch deutlich. Letzte Woche drohte er sogar mit einer "Revolutionsregierung", mit der er bis zum Ende seiner Amtszeit Umsturzversuche von "Roten" liberalen "Gelben" (die seinen Worten nach dieselbe Ideologie teilen) abwehren werde, wenn das nötig sei. Dann, so Duterte, könne er "alle festnehmen, und in einen großangelegten Krieg gegen die Roten ziehen". Die Friedensgespräche will er trotzdem weiterführen. (Peter Mühlbauer)

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