"Piefke Collusion"

Symbolbild: Rufus46. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Neue Spuren des Ibiza-Videos führen in eine Wiener Anwaltskanzlei und in ein Detektivbüro in München, während Sebastian Kurz und den Neos in einer Umfrage nur mehr ein Prozentpunkt zu einer absoluten Mehrheit fehlt

Eine "Collusion" ist im Englischen ein Prozessbetrug, eine betrügerische Absprache oder ein geheimes Einverständnis. Weil viele deutschsprachige Medien den nach Donald Trumps Wahl zum Präsidenten in den USA erhobenen Vorwurf einer "Russia Collusion" lieber zitierten als umständlich zu umschreiben, ist das Wort inzwischen auch im Deutschen ein Begriff geworden. In Sozialen Medien wird es mittlerweile auch auf einen anderen Verdacht angewendet: Auf die "Piefke Collusion", mit der Österreicher auf eine auffällige Präsenz deutscher Akteure in der Ibiza-Video-Affäre verweisen.

Das fängt damit an, dass es nicht etwa österreichische Medien wie der Standard und Profil waren, denen die Ibiza-Aufnahmen ausgehändigt wurden, sondern deutsche: die Süddeutsche Zeitung und der Spiegel. Die ebenfalls beteiligte Wiener Wochenzeitung Falter wirkte neben diesen beiden wie ein österreichisches Feigenblatt.

Eine mögliche Erklärung dafür wäre, dass österreichische Ermittler keinen direkten Zugriff auf deutsche Medien haben. Eine andere, dass die Süddeutsche Zeitung und der Spiegel potenziell zahlungskräftiger sind als der Standard und Profil. Nach eigenen Angaben haben die beiden deutschen Medien jedoch kein Geld für die Aufnahmen bezahlt, obwohl in der Vergangenheit für den Erstzugriff auf andere "Scoops" teilweise sehr hohe Summen flossen. Die Hitler-Tagebücher (die sich später als gefälscht herausstellten) waren dem Stern zum Beispiel 9,3 Millionen D-Mark wert.

Ist Julian H. "Julian Thaler"?

Eine weitere Spur nach Deutschland hat gestern Sascha Wandl im Privatsender Ö24 offengelegt (oder gelegt). Der in eine große Industriespionageaffäre verwickelte ehemalige Privatdetektiv behauptet, die Ibiza-Aufnahmen trügen "genau [s]eine Handschrift" und stammten von seinem ehemaligen Stift Julian H., als den er einen kurz im Ibiza-Video zu sehenden Mann identifiziert hat. H. soll geschäftsführender Gesellschafter eines Detektivbüros in der Münchner Sonnenstraße sein oder gewesen sein, in dem er (zumindest derzeit) nicht anzutreffen ist.

Wandls Schätzung nach hat die gesamte Ibiza-Aktion etwa 300.000 bis 600.000 Euro gekostet. Dazu rechnet er nicht nur die Ausgaben für mindestens ein Dutzend stecknadelkopfgroße Kameras, Bewegungsmelder und Mikrofone, sondern auch ein Salär für die seiner Einschätzung nach eventuell aus dem Rotlichtmilieu stammende Hauptdarstellerin und weitere Kosten wie eine Miete für einen Chauffeur, Bodyguards und eine Maybach-Luxuslimousine, mit der die Frau bei ihrem ersten Treffen mit Johann Gudenus vorgefahren sein soll. Bei diesem Abendessen war auch ein Deutscher anwesend, der als "Julian Thaler" und als Münchner Freund der Russischsprecherin vorgestellt wurde.

Wiener Anwalt beruft sich auf "Verschwiegenheitsverpflichtungen"

Zustande gekommen war das Treffen angeblich durch die Vermittlung eines Wiener Anwalts mit morgenländischem Namen, der auf Medienanfragen hin keine Fragen beantwortet, sondern lediglich mitteilen lässt, er stehe "aufgrund von Verschwiegenheitsverpflichtungen für ein Gespräch nicht zur Verfügung" und erteile "keine Zustimmung zu identifizierender Berichterstattung". Seinen Twitteraccount hat er gelöscht.

Der nicht ganz unbekannte Jurist, der in der Vergangenheit eher mit der ÖVP als mit der FPÖ in Verbindung gebracht wurde, soll Gudenus am 24. März 2017 im Wiener Nobelrestaurant Le Ciel die angebliche Oligarchennichte, die sich Aljona Makarowa nannte, als Kaufinteressentin an einem Jagdgrundstück vorgestellt haben. Dem damaligen FPÖ-Politiker mit hessischen Vorfahren nach verbürgte sich der Anwalt für die Identität der vermeintlich 350 Millionen Euro schweren "Investorin" und zeigte ihm neben einer lettischen Passkopie auch einen Überweisungsbeleg. Angeblich wurde er durch eine befreundete Immobilienmaklerin auf die Dame aufmerksam.

"Kompromittierende Situationen"

Gudenus, der sich nach dem Tod seines am 14. September 2016 verstorbenen Vaters nach eigenen Angaben in einer "persönlichen Krise" befand, wegen der er sich später zu einer Psychotherapie entschloss, soll dem nicht unattraktiven Lockvogel österreichischen Medienberichten zufolge später auch privat nähergekommen sein. Er selbst meinte, er "befürchte weiteres Material, das [ihn] in kompromittierenden Situationen zeigt", weshalb er sich komplett aus der Politik verabschiedet habe und aus der FPÖ ausgetreten sei.

Ö24 spekulierte gestern unter Berufung auf einen nicht namentlich genannten "Insider" sogar von eventuellen sexuellen Inhalten, die gefilmt worden sein könnten, nachdem sich Gudenus' Ehefrau am 24. Juli mit einem Taxi nach Hause verabschiedet hatte. Mit der Aufmerksamkeit für solche sexuellen Skandale spekulierte der deutsche Fernsehkasper Jan Böhmermann. Er kündigte mit einem Counter auf seiner Website für Mittwochabend um 20 Uhr 15 eine Enthüllung an, die sich aber dann doch bloß als Werbung für ein neues Musikstück des Blödelbarden herausstellte.

Erinnerungslücken und "K.O.-Tropfen"

Außerdem meinte Gudenus, er könne wegen Erinnerungslücken nicht ausschließen, dass ihm während des gefilmten Treffens auf Ibiza heimlich "K.O.-Tropfen" verabreicht wurden. Auf den bisher veröffentlichten Minuten des Ibiza-Treffens wirkt der Ex-Politiker zwar angetrunken, aber nicht so, als ob er unter dem Einfluss von GHB oder einer anderen der unter diesem Namen bekannten Substanzen steht. Ausgeschlossen werden kann dies jedoch insofern nicht, als einige davon in sehr kleinen Dosen eher euphorisierend als einschläfernd wirken. Ebenfalls möglich scheint ein Einfluss von Kokain, dessen Außenwirkung Walter Moers unerreicht treffend in einem seiner Comic-Klassiker beschreibt.

Über den Auftraggeber des Videos und über dessen Motive besteht auch nach der Spur nach Deutschland Unklarheit. Die Spekulationen reichen vom ehemaligen SPÖ-Kampagnenchef Tal Silberstein über eine innerparteiliche Opposition in der FPÖ bis hin zum österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz, der die Äffäre am Wochenende nutzte, um die Koalition platzen zu lassen und Neuwahlen anzusetzen. In seiner Erklärung dazu meinte er, seine ÖVP müsse in einer neuen Regierungskoalition "ganz eindeutig den Ton angeben" und verwies mit der Bemerkung, die kleinen Parteien im Nationalrat seien für so eine Koalition derzeit "zu klein", indirekt auf die Möglichkeit eines Bündnisses mit den Neos.

Einer ersten Umfrage nach ist er diesem Bündnis durch die Ibiza-Affäre einen großen Schritt näher gekommen: Seine ÖVP hat von den fünf Prozentpunkten, die die FPÖ im Vergleich zur letzten Umfrage verlor, vier dazugewonnen und liegt nun bei 38 Prozent. Weil die Neos den restlichen Punkt einheimsten und auf neun Prozent zulegten, ist eine Koalition aus ihnen und der ÖVP nur noch einen Punkt von einer absoluten Mandatsmehrheit entfernt (die wegen zusammengerechnet 4% für Parteien unterhalb der Sperrhürde wahrscheinlich bei 48 Prozent liegt). (Peter Mühlbauer)