Pinochet gegen al-Qaida

Hollywood als Orakel? Drei Jahre vor dem WTC-Anschlag spielten Bruce Willis und Denzel Washington dessen Folgen durch

Das World Tade Center wurde vor über einem Jahr zerstört. Die Bilder des Anschlags sind ins kollektive Gedächtnis der Menschheit übergegangen. Das erste Pathos ist zwar mittlerweile abgekratzt und die Popkultur beginnt, sich des 11. Septembers anzunehmen. Der amerikanische Rockbeamte Bruce Springsteen hat mit seinem neuen Album "The Rising" den ersten Schritt getan. Doch alle Versuche, den WTC-Anschlag künstlerisch zu verarbeiten, sind gerade an dessen übermächtigen Bildern gescheitert. Aber der ultimative Film zu 9/11 ist schon 1998 gedreht worden: Ausnahmezustand (im Original.: The Siege) von Edward Zwick.

Zwick eröffnet seinen Film mit Fernsehaufnahmen des Anschlags auf die US-Militärbasis in Dhahran, Saudi-Arabien, am 26. Juni 1996. Im Film gibt es einen fiktiven Drahtzieher, den Scheich Achmed bin Talal. Eine TV-Ansprache von Bill Clinton auf diesen Anschlag wird zusammengeschnitten mit einer Entführungsaktion der amerikanischen Armee. Der Scheich wird aus seinem Mercedes heraus gekidnappt. General William Deveraux beobachtet den betenden Scheich in einer dunklen Zelle. Dann zeigt die Kamera Muslime beim Gebet, und schließlich bleibt sie auf einem Muezzin haften, der vom Minarett aus zum Gebet ruft. Die Kamera fährt zurück, und man sieht nun, dass man den Nahen Osten verlassen hat. Das Minarett steht in Brooklyn, Manhattan breitet sich im Bildhintergrund aus. Die Muslime leben mitten in Amerika.

In New York beginnt derweil eine Reihe von Selbstmordanschlägen. FBI-Special Agent Anthony Hubbard (Denzel Washington) sieht sich zusammen mit der CIA-Agentin Alice Kraft einem unsichtbaren Gegner gegenüber, der lange Zeit die Spielregeln bestimmen wird. Eine der Bomben zünden die Terroristen in einem Linienbus, und zwar genau in dem Moment, als die Kamerateams der großen TV-Sender ihre Kameras aufgebaut haben.

Zwick zeigt in "Ausnahmezustand" die Taktik, die drei Jahre später al-Qaida in der Realität anwenden sollte. Zum einen arbeiten die einzelnen Terrorzellen in Brooklyn unabhängig von einander, zum anderen attackieren sie Ziele mit Symbolgehalt, und damit das Sicherheitsgefühl der Amerikaner. Nach dem Bus sprengen die Terroristen ein Theater, das die Oberen Zehntausend New Yorks besuchen, nehmen Geiseln in einer Grundschule, und schließlich das Hauptquartier des FBI in New York, das dem Erdboden komplett gleich gemacht wird. Der Kopf der Terrorbekämpfer ist nun abgeschnitten.

Auf diesem Höhepunkt verhängt der amerikanische Präsident das Kriegsrecht über die Stadt, und die amerikanische Armee zieht unter Führung von General Devereaux in New York ein. In einem Stadion errichtet sie ein Konzentrationslager für junge Araber und arabisch-stämmige US-Amerikaner in Brooklyn und setzt Folter ein, um die letzte Terrorzelle in New York zu finden.

Zwicks Film ist mit Denzel Washington, Annette Bening und Bruce Willis in den Hauptrollen zwar prominent besetzt, ging aber an der Kinokasse im Vergleich zu Wolfgang Petersens Airforce One und anderen patriotischen Actionstreifen unter. Zwick verweigert sich weitgehend einfachen Lösungen, in denen der Konflikt durch einen klassischen Showdown beigelegt wird. Statt dessen versucht er, der Komplexität des Nahostkonfliktes und der amerikanischen Verwicklung darin gerecht zu werden.

Drei verschiedene Wege, den Terror zu bekämpfen, zeigt Zwick in den drei Hauptrollen. Special Agent Anthony Hubbard ist ein Musterbeispiel des liberal-aufgeklärten Amerikaners, der sich mit Verve für die Freiheit des Einzelnen einsetzt, und der Verdächtige auf der Basis der geltenden Gesetze verhaften will.

Den gegenteiligen Weg geht General Devereaux. Sein Verständnis von Patriotismus beugt sich nicht den Gesetzen, sondern es beugt die Gesetze. Devereaux hatte sich auf eigene Faust über internationale Vereinbarungen hinweggesetzt und den Scheich ohne das Wissen des Präsidenten entführt. Während seine Armeedivision New York umklammert hält, mutiert er zum Pinochet en miniature.

Die von Annette Bening gespielte CIA-Agentin Sharon Bridger ist im Vergleich zu den beiden Männern schwerer zu durchschauen. Während Hubbard und Devereaux eindeutig als positives bzw. negatives Rollenmodell präsentiert werden, changiert ihre Figur zwischen den beiden Extrempositionen und lässt sich nie genau festlegen. Im Film hatte sie während des "Desert Storm" unter Bush sen. die Terrorzellen im Film in ihren Taktiken ausgebildet. Eigentlich sollten sie helfen, Saddam zu stürzen, aber nachdem die damalige US-Regierung ihre diesbezügliche Politik plötzlich geändert hatte, wurden die Verbündeten im Stich gelassen.

Zwischen Edward Zwicks Film und der Realität gibt es einen Unterschied. Im Film sitzen die Terrorzellen mitten im Herzen der Stadt und bekämpfen Amerika von innen heraus, während das al-Qaida-Netzwerk sich allem Anschein nach vor allem im Ausland ausgebreitet hat. Eine Terrorbekämpfung südamerikanischer Art wäre außerhalb des Kinosaales keine praktikable Lösung gewesen, weil es dann nicht nur im Falle arabischer Staaten mit jeglicher Solidarität, und sei sie mit noch so blumigen Worten beschworen worden, vorbei gewesen wäre.

Doch spätestens die Anthrax-Briefe, die nach dem 11. September in Amerika verschickt worden sind, haben den Amerikanern gezeigt, wie brüchig ihre Sicherheit ist. Für die psychologischen Auswirkungen des Bombenterrors hat Zwick eine sehr einfache, aber gerade dadurch beeindruckende Szene gefunden. Auf dem Höhepunkt des Bombenterrors im Film gehen Hubbard und sein arabischstämmiger Freund und Kollege Frank Haddad (Tony Shalhoub) über eine Straße in New York. Plötzlich knallt es neben ihnen, schwarzer Rauch steigt auf, alle Passanten liegen bleich auf dem Boden. Aber es war keine Bombe, sondern der Auspuff eines Busses hatte geknallt und geraucht. In solchen kleinen Details zeigt sich, mit welch subtilen Mitteln Zwick seinen Film erzählt.

Today with the invocation of the War Powers Act by the president, I am declaring a state of martial law in this city. To the best of our knowledge we are not more opposed by more than 20 of the enemy. He's hiding among a population of roughly 2 million. Intelligence tells us that he's most likely arab-speaking, between the age of 14 and 30 - narrowing the target to 15.000 suspects. We can further reduce that number down to those that have been in this country less than 6 months. Now you have 20 hiding among 2.000. If you're one of these 20 young men [die Mitglieder der Terrorzelle], you can hide in a population of similar ethnic background. Unfortunately for you, you can only hide there. And that classical immigration pattern is concentrated here, in Brooklyn. We're gonna seal off this borough and intend to squeeze it. This is the land of opportunity gentlemen. The opportunity to turn yourselves in. After sundown tonight any young man fitting the profile I described who is not cooperating will be arrested and detained. There is historically nothing more corrosive to the morale of a population than policing its own citizens. But the enemy would be sadly mistaken if they were to doubt our resolve. They're now face-to-face with the most fearsome military machine in the history of mankind, and I intend to use it and be back on base in time for the playoffs.

Devereaux

So erklärt Devereaux vor der Kulisse Manhattans Reportern das Ziel der Militäraktion. Parallel dazu walzen schwere Armeefahrzeuge durch New York, und Soldaten der US-Armee treiben verdächtige Araber zusammen. Doch über ihr geplantes Schicksal erfährt der Zuschauer an dieser Stelle noch nichts. Hier folgt die erste ideologische Auseinandersetzung zwischen Hubbard und Devereaux, wie man den Terrorismus bekämpfen und die letzte Terrorzelle finden kann, bevor sie aktiv wird.

Hubbard: I thought you were against this.
Devereaux: I am against this. This was not my call.
Hubbard: So you're just following orders? The President made you put tanks on the Brooklyn Bridge.
Devereaux: Are you questioning my patriotism?
Hubbard: I'm questioning your judgement.
Devereaux: [kurzes Schweigen] I'm here serving my president and quite possibly not in the best interest of my nation. My profession does not allow me to make that kind of distinction. I won't question your patriotism, but don't you ever again question my command. Do you understand me?
Hubbard: I'm not under your command.
Devereaux: You really believe that, Hub[bard]? Take a look around and tell me if you really think that's true.

Das argumentative Muster ist klar erkennbar. Jegliche Kritik an der Vorgehensweise wird zu Kritik am Patriotismus umgedeutet, zusammen mit dem Hinweis auf eine höhere Instanz, die über jegliche Beanstandung erhaben ist. Durch eine solche rhetorische Finte ergreift Devereaux zuerst die Definitionshoheit von Patriotismus und bestimmt zugleich, wie man weiter vorgeht. Typisch für die extreme Rechte (vgl. Jost Müller, Mythen der Rechten). Wie windig diese Argumentation ist, kann der Zuschauer freilich schon erahnen, wenn man sich an die Szene am Anfang erinnert, in der Devereaux neben dem gefangenen Scheich bin Talal steht, und als er auf die Frage eines Präsidentenberaters, "Do we have him?", antwortet: "As far as the president is concerned - No, we don't have him."

Die Tragweite von Deveraux' Vorgehen wird erst später sichtbar. Als Hubbard das Camp mit den eingepferchten Arabern betritt, findet er dort seinen Kollegen Frank, der seinen Sohn, Frank jr., sucht. Frank jr. ist unter Devereaux' Terrorprofil gefallen. So ist der Sohn eines FBI-Agenten, der seit 20 Jahren für die USA arbeitet, zum potentiellen Terroristen geworden. Wütend schleudert der Vater Hubbard seine Dienstmarke hin: "Tell them I'm not their sand-nigger any more!"

Aber der General geht noch weiter. Als Hubbard einen Verdächtigen verhaftet, und der ihm von der Armee abgenommen wird, verlangt der FBI-Agent später, seinen Gefangenen zu sehen. Deveraux führt ihn in eine leere Toilette des Stadions, wo Tariq Huseini, der Gefangene, nackt auf einem Stuhl sitzt und von Sharon verhört wird. Aber Huseini schweigt, so dass die CIA-Agentin zusammen mit den Militärs in Anwesenheit des Gefangenen und in erschreckend nüchternem Ton diskutiert, wie erfolgreich verschiedene Foltermethoden sind. Hubbard, der bislang stumm dabeigestanden ist, unterbricht das Gespräch mit einem flammenden Appell für die Bürgerrechte.

Hubbard: Are you people insane? What are you talking about?
Devereaux: The time has come for one man to suffer in order to save hundreds of lives.
Hubbard: One man? What about two? What about six? How about public executions?
Devereaux: You're free to leave whenever you like.
Hubbard: Come on, General. You've lost men, I've lost men, but you ... you can't do this. What if they really want ... What if they don't even want the sheik? Have you considered that? What if what they really want is for us to herd children into stadiums like we're doing? And put soldiers on the street and - and have Americans looking over their shoulders? Bend the law? Shred the constitution just a little bit? Because if we torture him, General ... we do that and everything that we have bled and fought and died for is over, and they've won. They've already won.

"Ausnahmezustand" präsentiert Hubbards Form von Patriotismus als die sozusagen gesunde Variante, da Patriotismus hier mit einem bürgerlich-liberalen Inhalt gefüllt und dem inhaltslosen Begriff von Deveraux gegenübergestellt wird. Also das pathetisch überhöhte "We" aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung als das Gegenteil vom verordneten Patriotismus des Soldaten? Ganz so schwarz-weiß, wie es Edward Zwick in seinem Film präsentiert, liegt die Sache doch nicht, denn Hubbards Ansicht scheint auf den ersten Blick zwar vernünftig, aber es sind letztlich ebenfalls nur Floskeln. "We do that and everything that we have bled and fought and died for is over". Aber wofür wir (wer ist "wir"?) geblutet, gekämpft und gestorben sind, thematisiert der Film nicht.

Am Ende erhält dann der unsichtbare Gegner doch noch ein Gesicht. Es ist - nicht ganz überraschend - Samir Nazdeh (Sami Bouajila), der palästinensische Uni-Dozent, der früher mit Sharon Bridger und dem gekidnappten Scheich Achmed bin Talal im Irak Saddam Hussein stürzen sollte. Eine Figur, die nicht ohne Sympathien ist.

"Ausnahmezustand" präsentiert den Nahostkonflikt als die eine Quelle des Terrors im Film und kombiniert diese mit einem politischen Vorgehen der Vereinigten Staaten, das moralisch mindestens fragwürdig ist. Damit ist nicht die eigenmächtige Entführung des Scheichs am Anfang des Films gemeint, sondern wie der Scheich und seine Männer, unter anderem auch Samir, im Irakkonflikt von den verbündeten Amerikanern behandelt worden sind. Sharon (sprich: die CIA) hatte ihren Partisanenkampf finanziell und durch Ausbildung im Bombenbauen unterstützt, aber nach einer Wende in der Politik - gemeint ist wohl die Erkenntnis von Bush sen., dass sie das Machtvakuum in der Zeit nach Saddam nicht füllen können - wurden die Partisanen ihrem Schicksal überlassen.

Sharon: It's not that we sold them out exactly. We just didn't help them any more. [Pause] They were slaughtered.

Damit wird eine Art von Außenpolitik beschrieben, die die Amerikaner in der Vergangenheit öfter angewandt hatten, beispielsweise während des Kampfes der afghanischen Muddschaheddin gegen die Sowjetunion in den 80er Jahren, in dem pikanterweise ja auch Osama bin Laden von den USA unterstützt wurde. Diese Wendung vom Verbündeten zur Feind-Ikone schlechthin hatte Amerika aber vorher schon erleben müssen. Das Gesicht des wohl prominentesten Konvertiten und standhaftesten Lieblingsfeindes der USA, Fidel Castro, wird ironischerweise von einem ebenso imposanten Bart bestimmt wie das Osama bin Ladens.

Aber wie weit bekämpfen die Terroristen im Film die USA mit ihren eigenen Methoden? Sharon erklärt in einem Briefing die neue Terrorstrategie folgendermaßen:

Sharon: I'm sure everyone here knows the traditional model of the terrorist network. One cell controls all others. Cut off the head, the body will wither. Unfortunately, the old wisdom no longer applies. The new paradigm is, each cell operates independent of the other. Cut off one head, another one rises up in its place. Bus 87 was the work of the first cell, whose remaining elements, we believe, the FBI took down. This then activated the work of cell 2. The theater gala. At the most, we believe, there are 3, possibly 4 cells.
Frage: Well, then how much longer before we can take out the last cell?
Sharon: We don't know.

Gleichzeitig zu diesem Briefing zeigt Zwick in einer Parallelmontage, wie ein mit Sprengstoff beladener Lieferwagen in Richtung Federal Plaza One, die Adresse des FBI in New York, fährt, in die dortige Lobby rast und ... die eigentliche Explosion blendet Zwick aus, zeigt dann aber in einer eindrucksvollen Vogelperspektive die Reste des Gebäudes, die den heute bekannten Bildern von Ground Zero zum Verwechseln ähnlich sind.

Die genauen Details von Sharons Verwicklung in den Golfkrieg kennt der Zuschauer an dieser Stelle noch nicht. Dies tritt erst im weiteren Verlauf des Films während einer Art Beichte gegenüber Hubbard (und dem Zuschauer) zu Tage. Aber die Partisanentaktik, die Sharon den Männern des Scheichs Achmed bin Talal beigebracht hat, ist offensichtlich, in anderer Weise, wirkungsvoller gewesen, als eigentlich beabsichtigt. Während des Showdowns klärt Samir sie über die wahre Macht der Terroristen auf:

Samir: There will never be a last cell! It's just the beginning! [...]
Sharon: How could I have missed the play?
Samir: It's because of the money. You believe money is power. Belief is power.

Der Kampf gegen den Terrorismus ist somit nicht in dem Sinne zu gewinnen, wie man es von einem herkömmlichen Krieg gewohnt ist. Es gibt hier keinen Waffenstillstand, keine finalen Sieger und Verlierer - und auch keinen Schlusspunkt. Der Krieg gegen den Terrorismus ist lang und unsicher. So weit, so Bush.

Aber die Frage ist nicht die von Gut und Böse, ob "mit uns" oder "gegen uns" - nicht ob, sondern wie. Und durch brachiale Gewalt (Deveraux: "The army is broadsword, not a scalpell!"), so das Fazit des Films, ist dieser Kampf nicht zu gewinnen, weil dadurch die Methoden von Freund und Feind zu ähnlich werden. Statt der Varianten "Augusto Pinochet" und "Ariel Sharon" zieht Regisseur Edward Zwick liberale vor.

Edward Zwicks "Ausnahmezustand" hat in der Tat einen großen Vorteil darin, dass er drei Jahre vor dem WTC-Anschlag herausgekommen ist. Durch die patriotischen Pampe, die man seitdem gern über alles kleistert, wird die Wahrheit versteckt, und die Bilder des 11. September sind zu übermächtig, um sie ignorieren zu können. Durch die Emotionen, die die Bilder des einstürzenden World Trade Centers in uns wachrufen, wird es noch lange dauern, bis man rational mit diesen zu Ikonen erstarrten Bildern umgehen kann (Nine/Eleven).

Und in der völligen Abwesenheit des 11. Septembers in "Ausnahmezustand" - noch nicht einmal das WTC ist zu sehen; als Symbol für New York muss die Brooklyn Bridge herhalten - liegt die große Qualität des Films, die sich freilich erst nach dem 11. September zeigen konnte. Wenn man die Kommentare von Nutzern der Internet Movie Database zu "Ausnahmezustand" anschaut, dann kann man beobachten, wie sich der Ton der Kommentare mit dem 11. September 2001 schlagartig ändert. Der Film gibt die Möglichkeit, den WTC-Anschlag persönlich innerhalb eines fiktionalen Rahmens aufzuarbeiten, und dadurch entstehen Denkanstöße, die sowohl einen patriotischen Tränenblick unmöglich machen, als auch vorschnelles Hantieren mit Verschwörungstheorien verhindern. Die Wahrheit mag zwar irgendwo da draußen sein, aber in den X-Akten oder dubiosen Mailattachments wird man sie schwerlich finden.

Leider verfängt sich der Film am Schluss doch noch in den Spukbildern des US-Kolonialismus. Nachdem die Terrorzellen erfolgreich die US-Armee dazu gebracht haben, vergleichbare Repressalien in New York zu installieren, wie sie den Palästinensern drohen, formiert sich auf den Straßen New Yorks Widerstand gegen die Armee. Allerdings nicht in Form von Bombenterror oder Straßenschlachten, sondern in Form eines Protestmarsches, den die Führer der religiösen Gemeinschaften von Brooklyn organisiert haben, um Solidarität mit ihren arabisch-stämmigen Nachbarn zu zeigen.

Hier baut sich als Subtext der Filmbilder ein Gegensatz zwischen dem zivilisierten Westen und der unzivilisierten arabischen Welt auf: Die amerikanische Bevölkerung protestiert friedlich, und die amerikanischen Bürgerrechte triumphieren am Ende über faschistoide Militärs, während sich die Bewohner der arabischen Welt nur durch Selbstmordanschläge zu helfen wissen. Nach einer Reihe von Solidaritätsbildern des Films, in denen das erfolgreiche Zusammenleben von muslimischen und nicht-muslimischen Amerikanern durchdekliniert wird, sollte man annehmen, dass dieser Subtext von keinem der am Film Beteiligten beabsichtigt war. Hier zeigt sich die Grenze, wie liberal ein Mainstreamfilm sein darf. Amerika darf eben nur dann kritisiert werden, wenn es am Ende ein leuchtendes, beispielhaftes Fanal ist. (Timo Kozlowski)

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