Pippi im Ficki-Kacka-Land

Alle Bilder: Majestic-Filmverleih

Triebstruktur und Gesellschaft, Feminismus und Hämorrhoiden: Die Verfilmung der "Feuchtgebiete" ist ein regressives Pamphlet

Charlotte Roches Roman "Feuchtgebiete" gehört zu jenen Büchern, die man nicht gelesen haben muss, um zu wissen, was drinsteht, und über die man bald so viel gehört hatte, dass die tatsächliche Lektüre den Eindruck nur schmälern könnte. In ihrem Debütbuch "Feuchtgebiete" ging es um Menschen, die unter anderem absichtlich auf ein verdrecktes öffentliches Klo gehen, sich hinsetzen und mit dem Hintern die Brille abwischen, um Mädchen, die gebrauchte Tampons tauschen, und um Jungs, die auf eine Pizza wichsen, bevor sie sie ausliefern. Ok. Warum aber muss man das jetzt lesen oder angucken?

Um mitzureden. Um sich der These auszusetzen, hier habe man es mit einem Statement des Feminismus zu tun. Und vielleicht, weil einem durchaus sympathische, intelligente Frauen nach der Premiere erklären, das sei "auf seine Art ein Horrorfilm, nur dass es nicht um Zombies geht, sondern um die Angst vor Keimen, vor Krankheit."

Das sei Kritik "an unseren modernen Hygienevorstellungen", das sei eine Form von Emanzipation, weil hier eine Frau ihr eigenes Selbstbild einmal jenseits männlicher Vorstellungen und männlicher Phantasie gestalte, weil sie es wagt, eine eigene Sexualität zu entwickeln, jenseits der Vorstellungen anderer. Na dann.

Meiner Mutter würde ich erzählen: Es geht die ganze Zeit nur um Masturbation bei einer Frau, und das Buch ist total pornographisch. Ihnen würde ich sagen, dass das Buch sich hervorragend als Wichsvorlage eignet, und dass man ganz nebenbei noch was lernt über den weiblichen Körper.

Das ganze Buch spielt im Krankenhaus, weil sie sich bei einer Intimrasur im analen Bereich eine Analfissur zuzieht. So liegt die also die ganze Zeit im Krankenhaus und muss sich die ganze Zeit im Krankenhaus mit ihrem Körper unten rum vorne und unten rum hinten beschäftigen. Helen Memel hat wolkenförmige Hautlappen, die aussehen wie die Fangarme einer Seeanemone, die hängen da so aus der Rosette raus... der Proktologe von Helen Memel nennt das Blumenkohl. ... Das Buch ist sehr stark autobiographisch. Ein großes Scheidungskinddrama.

Charlotte Roche in der NDR 3 Talk Show auf die Frage, worum es in "Feuchtgebiete" gehe

"Wacker, wacker, kleiner Kacker" - so fasste Alfred Kerr einmal das Ergebnis eines enttäuschenden Theaterabends zusammen. Und läge es nicht zu nahe am sumpfigen Teich des Kalauerns, so wäre damit auch schon alles gesagt über "Feuchtgebiete".

"Feuchtgebiete" ist, das nochmal zur Erinnerung für alle, die schon keine Qualitätszeitungen mehr lesen, ein Film des fraglos begabten Nachwuchsregisseurs David Wnendt, der vor zwei Jahren mit "Kriegerin" von einer netten Neonazibraut erzählt und damit passgenau zur Aufdeckung der NSU-Terrorbande mit ihrer brauen Domina viele Preise gewonnen hatte. Vor allem aber handelt es sich um die Verfilmung jenes gleichnamigen Buches der TV-Moderatorin Charlotte Roche, über das bei seinem Erscheinen die deutsche Literaturkritik lange und überlange Texte schrieb, in denen in viele Worten gesagt wurden, warum dies alles beim besten Willen keine Literatur sei, und schon gar keine gute, und warum es sich aber trotzdem um ein wichtiges Buch handle.

Warum nochmal? Weil eine nette junge Dame - und kein langweiliger alter Herr - darin über Mädchenpopos und Muschis, über Vaginal-Aromen und Rosetten geschrieben hat, also über etwas, worüber noch niemals irgendjemand je etwas zu Papier gebracht hat - den Marquis de Sade vielleicht einmal ausgenommen und ein paar tausend andere, an deren Namen sich keiner mehr erinnert.

Die feuchten Höschen der Literaturkritik

Das alles hatten die Herren und Damen Kritiker vergessen: "Charlotte Roche ist sprachlich etwas fast Unmögliches gelungen. Sie versöhnt uns mit dem Beschämenden, bei dem alle Verführung anfängt. Indem ihr kaltblütiger Seiltanz den grotesken Leib begnadigt, erlöst er die Erotik aus der Verfallenheit ans vollkommene Bild. 'Feuchtgebiete' ermächtigt zum Spiel mit der individuellen Versehrtheit und ermutigt den kunstlosen Sexus, endlich erwachsen zu werden", schwärmte Ingeborg Harms in der FAZ.

"Dabei ist es dieser aufklärerische Furor, dieser unbedingte Wahrheitstrieb, den Roche in ihren Fernsehauftritten immer schon gezeigt hat und der ihren Roman jetzt so sehr von dem unterscheidet, was an deutscher Prosa sonst in den Regalen steht", legte Georg Diez in der ZEIT nach. Im gleichen Blatt lobte Ijoma Mangold später: "Feuchtgebiete ist ein furios übersteuerter Hilfeschrei nach Verwurzelung, Geborgenheit, Verlässlichkeit und Treue. Eine Apotheose der heiligen Familie, die sich allerdings nur noch aus den Trümmern ihres einstigen Denkmals zusammensetzen lässt. Denn der Roman ist zugleich eine hellsichtige Analyse aller Fliehkräfte, die am modernen Individuum zerren."

Die Feuchtgebiete, das waren vor allem die feuchten Höschen der Literaturkritik.

Nicht Vernunft, sondern Sinnlichkeut begründet die ästhetische Wahrheit oder Unwahrheit.

Herbert Marcuse

Es waren bezeichenderweise vor allem Männer, die lobend notierten, dass ihren Männerfantasien in diesem Roman neue Facetten zugefügt wurden. Frauen äußerten sich entweder distanzierter - "Gibt es eigentlich keine anderen Bücher?" (Susanne Mayer, ZEIT), oder sie analysierten das Phänomen:

So ist denn das einzig Obszöne an diesem Angriff auf die Ekelgrenzen der Zuspruch alter Herren vom Schlage eines Claus Peymann, der mit Charlotte Roche und ihrem Bewunderer Roger Willemsen auf der Lit.Cologne eine Veranstaltung zum Thema 'Radikalität' inszenierte und sie einen Ulrike-Meinhof-Text verlesen liess, bevor sie erste Kostproben aus ihren späten Mädchenbekenntnissen gab. Deren Radikalität ist die von RTL-Geständnisshows und -Aversionstrainings à la 'Dschungelcamp'. Als ebendieses Publikum Lesungen und Buchläden stürmte, jubelte unsere Heldin, das Konzept sei aufgegangen, und alle tanzten mit ihr auf dem Boulevard. Deutschlands Kulturprovinz hat wieder einmal einen Superstar gefunden.

Dorothea Dieckmann in der NZZ

Die Mehrheit sah es anders:

Die sensationellen Verkaufszahlen belegen jedoch, dass Charlotte Roche einen Nerv getroffen hat, der sich so schnell nicht wieder beruhigen lässt.

FAS, 13.4.2008

German Psycho

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schlug Ingeborg Harms den Bogen vom Mittelalter über die frühe Neuzeit, genauer gesagt mit Michail M. Bachtins Buch über Rabelais und die frühe Neuzeit, um über Lessing auf die böse Aufklärung zu kommen: "Indem Roches kaltblütiger Seiltanz den grotesken Leib begnadigt, erlöst er die Erotik aus der Verfallenheit ans vollkommene Bild." "Feuchtgebiete" sei "auch ein Pamphlet gegen die Pin-up-Kultur der lückenlos Attraktiven und die Zumutung, die sie für wirkliche Frauen bedeutet."

Fragt sich nur, was eigentlich wirkliche Frauen sind und ob das Wirkliche immer das Natürliche ist. Und ob das Natürliche immer das Unvermittelte ist - unrasierte Körperbehaarung zum Beispiel. In der naiven Annahme, es könne überhaupt so etwas wie natürliche Sexualität geben, zeigt sich die ganze Unschuld und Naivität der Verfasserin.

Erinnern wir mal kurz an einen anderen Bestseller, einen, der über zehn Jahre früher als "Feuchtgebiete" erschien und weltweit noch um einiges mehr einschlug: Bret Easton Ellis' "American Psycho". Der gilt nicht gerade als Manifest des Feminismus. Dabei tut er aber genau das Gleiche: Er überhöht den perfektionierten weiblichen Körper - aka "hard body" - zum Objekt destruktiver Phantasien. Patrick Bateman wie Helen wollen ein Körperideal zerstören.

Helen ist ein German Psycho. Roches Buch ist wie einer dieser Selbsterfahrungskurse der siebziger Jahre, in denen Frauen gemeinsam ihre Körper erkundeten und man das Parfüm mal wegließ, weil man sich nach einem Zurück zur Natur sehnte. Überhaupt sind Roche und ihre Bücher kleinbürgerliche Versionen der Hippie-Philosophie:

Ich bin für mehr Sex - mehr Schweinereien, keine Tabus. Ich glaube, dass es vom echten Sex, dem Sex, der riecht und schmeckt und schmutzige Geräusche macht, nie genug geben kann.

Roche
Anzeige