Piraten, Dämonen und zitternde Pornographen

Les démoniaques

Vampire müssen nackt sein - Teil 2

Teil 1: Am Strand mit Jean Rollin

Le viol du vampire avancierte schnell zum Skandalfilm. Nach drei Wochen hatte man mehr als 45 000 Eintrittskarten verkauft. Für einen so billig hergestellten Film ohne großen Verleih war das ein überwältigender Erfolg. Als sehr wirkungsvoll erwies sich eine Collage von Bildern aus dem Film, die Alain Yves Beaujour, einer von Rollins Mitarbeitern, zu Werbezwecken auf ein Stück Pappe klebte. Für die Geldgeber und die Kinobetreiber war diese Collage ein Segen; für Rollin war sie ein Fluch. Damals bürgerte sich etwas ein, das ihn bis an das Ende seiner ungewöhnlichen Karriere verfolgte: die Beurteilung seiner Filme nach solchen Photos. Dadurch verstärkte sich auch das Vorurteil, dass Rollin-Filme unzusammenhängend sind, eine nur gelegentlich durch eindrucksvolle Bildkompositionen unterbrochene Abfolge von Szenen, die keiner versteht.

Onanie und Emanzipation

Die meisten Kritiken zu Rollin-Filmen sind sehr kurz. Wenn man sie liest, merkt man gleich, dass die Autoren den jeweiligen Film entweder nicht gesehen haben oder sich aus anderen Gründen auf eine Besprechung der Aushangphotos konzentrieren (ohne das ihren Lesern mitzuteilen). Die Filme verfügen über ein beträchtliches Erregungspotential. Aber bis heute gilt, dass viele von denen, die sich am lautesten empören, nicht den Film selbst, sondern nur ein Photo gesehen haben. Vorsicht ist sogar bei Leuten geboten, die Rollin an sich positiv gegenüberstehen.

Im Fall von Les démoniaques war der Stein des Anstoßes ein Bild von Tina (Joëlle Coeur), die sich zum Masturbieren unter den Rock greift. Leo Phelix und Rolf Thissen, die Autoren von Pioniere und Prominente des modernen Sexfilms, entschieden sich, dieses Photo auf dem Umschlag ihres 1983 erschienenen Standardwerks zu zeigen (oder war es doch der Goldmann Verlag, der sehr unschuldig tat, als der Sturm der Entrüstung losbrach?). Deutschlands Tugendwächter standen noch immer unter dem Eindruck des Schulmädchen-Reports (1970). Dort hatte der „Reporter“ Friedrich von Thun auf Münchens Straßen Mädchen und junge Frauen befragt, die sich nicht nur zur Masturbation bekannten, sondern davon offenbar auch nicht erblindet waren (damals warnten die Erzieher noch vor den gesundheitlichen Folgen der Onanie). Obwohl in seiner betonten Sachlichkeit nicht darauf abzielend, sorgte das Buch für einen Skandal, und es wurde nie richtig ausdiskutiert, was schlimmer war: das Bild von der Frau mit dem steifen Glied eines Affen in Walerian Borowcyks La bête (Seite 27) oder doch die schöne Tina/Joëlle, die gar keinen Mann mehr braucht, um zum Orgasmus zu kommen. (Mit der unzensierten Ausgabe des Buchs kann man auf Filmbörsen gute Geschäfte machen.)

„Tina“, schreiben Phelix und Thissen im Kapitel über Rollin, „rächt sich auf diese Weise an den Männern, die sie zuerst vergewaltigt hatten.“ Das ist falsch. Tina gehört zu den Piraten. Sie masturbiert nicht zu den Todesschreien ihrer Vergewaltiger, wie im Buch behauptet. Sie tut es, während zwei an ein Schiffswrack gefesselte Blondinen von ihren Kumpanen erneut vergewaltigt werden. Phelix und Thissen soll hier nicht unterstellt werden, dass auch sie den Film nicht gesehen haben. Aber sie schrieben ihr Buch viele Jahre, bevor es Les démoniaques auf DVD gab, waren also wohl auf ihre Erinnerung angewiesen. Und diese ihre Erinnerung spielte ihnen einen Streich, der sehr aufschlussreich ist. Auch das Gedächtnis ist ein Zensor.

Les démoniaques

Mittlerweile haben sich die Frauen des lange Zeit als Männerdomäne geltenden Horrorfilms bemächtigt – und zwar auf eine Weise, wie sie sich keine Alt-Feministin und kein Jugendschützer je hätte träumen lassen. Früher war das „schwache Geschlecht“ dafür da, vom Monster verschleppt und im Dunkeln oder außerhalb des Bildes vergewaltigt zu werden. Doch seit einigen Jahren laufen in den USA mit großem Erfolg von Frauen geschriebene und inszenierte Horrorfilme wie Jennifer’s Body, deren Heldinnen genauso stark und brutal sind wie die Männer. In Frankreich wird diese Form der Gleichberechtigung derzeit von männlichen Autoren und Regisseuren praktiziert. Das könnte damit zusammenhängen, dass die Macher von Genrefilmen sehr traditionsbewusst sind. Die jungen Franzosen haben nur eine Handvoll Landsleute, an denen sie sich ein Vorbild nehmen könnten. Einer von den wenigen ist Jean Rollin, der lange Zeit einsam in der französischen Filmlandschaft herumstand und jetzt doch Nachfolger gefunden hat.

Bei Rollin werden die Frauen vergewaltigt, an Ketten aufgehängt und ausgepeitscht. Aber sie beißen auch zurück, können schießen, verkleiden sich zwischendurch als der Sensenmann, dringen in die Refugien der Männer ein, haben Spaß am Sex und an von ihnen selbst inszenierten Sadomaso-Spielen. Es bestand also akute Verbotsgefahr. Solche Verbote treffen meistens die Kleinen, weil Zensoren gern im Geheimen operieren und nicht besonders mutig sind. 1974 wäre es unmöglich gewesen, in einem Billigfilm wie Les démoniaques und ohne einen mächtigen Verleih im Rücken eine Frau als Vergewaltigerin zu zeigen, ohne finanziellen Selbstmord zu begehen. Also behalf sich Rollin mit der masturbierenden Piratin.

Le viol du vampire, Femme dangereuse, Requiem pour un vampire, Fascination

Hätte es den Untergang des Abendlands bedeutet, wenn Rollin noch mehr hätte wagen können? Die Frauen, die sich heutzutage auf Webseiten wie pretty-scary.net austauschen, würden darüber genauso lachen wie die amerikanischen Regisseurinnen, die jetzt solche Filme drehen, ohne Repressionen fürchten zu müssen, weil die in Filmbilder übertragenen Sexual- und Gewaltphantasien (die Betonung liegt auf dem Wort Phantasie) längst im Mainstream angekommen sind. Ein Vorreiter der Bewegung war übrigens der unerschrockene Clint Eastwood. In The Rookie wird er von Sonia Braga gefesselt und zum Sex gezwungen. Die Welt ist viel unübersichtlicher und chaotischer, als es die Polizei erlaubt.

Vampire als Nonkonformisten

Filme, auch die „familienfreundlichen“, stecken voller Sexual- und Gewaltphantasien. Üblicherweise kommen diese Phantasien in sublimierter Form daher. Wenn Bram Stoker einen Roman über einen Engländer geschrieben hätte, der nachts in die Schlafzimmer von Frauen eindringt und mit ihnen schläft (wobei die Frauen auch noch zum Orgasmus kommen), hätten ihn seine viktorianischen Zeitgenossen in die Pornoecke verbannt. Also erfand er einen Grafen aus Transsylvanien, der schöne Frauen beißt und sie in einen tranceartigen Zustand der Verzückung versetzt. Das war erlaubt.

Rollin machte etwas Unerhörtes. Er stellte die Sublimierung (der Biss des Vampirs) und das Sublimierte (der Sex) gleichberechtigt nebeneinander. Bei ihm gab es Nacktheit und Vampire. Im Horrorfilm war das neu. Was zunächst wie ein schwarzer Rappe wirkt, gewinnt seine subversive Qualität nicht nur aus der Nacktheit, sondern mehr noch daraus, dass durch die Kontrastierung Wahrnehmungs- und Darstellungsmuster bloßgelegt wurden. Die bürgerlichen Kritiker reagierten so wie immer, nur mit besonderer Gehässigkeit. Wenn sie den Horrorfilm überhaupt zur Kenntnis nahmen, verdammten sie ihn, oder sie machten sich über ihn und sein Publikum lustig. Rollin erregte sie besonders, weil bei ihm keine Vampire zu sehen waren, sondern nackte Vampire.

Die Ablehnung durch die etablierte Kritik war zu erwarten gewesen. Kalt erwischt wurde Rollin allerdings von der Reaktion des anderen Lagers. Horror-Fans sind oft sehr konservative Leute, die wollen, dass sich die Ungeheuer an die Regeln halten. Im Roman von Bram Stoker verliert Dracula bei Tageslicht einige seiner übernatürlichen Fähigkeiten, er stirbt aber nicht daran. Für Film-Vampire wie Max Schreck, Klaus Kinski (Nosferatu) oder Christopher Lee (Dracula) ist die Sonne dagegen tödlich. Das bestimmt die Erwartungshaltung des Publikums. In Le viol du vampire zerfällt niemand unter der Einwirkung des Sonnenlichts. Die Zuschauer lehnten das genauso ab wie eine von Rollins Figuren, die nicht an den Vampirismus glaubt, weil sich die Vampirfrauen nicht regelkonform verhalten. So provozierte dieser Vampirfilm wütende Reaktionen (Rollin oder stellvertretend die Leinwand wurden mit Gegenständen beworfen), weil die Vampire Nonkonformisten sind – in einem Jahr, in dem der Umsturz aller Werte ausgerufen wurde.

Le viol du vampire

Eine von den Vampirfrauen ist blind, eine wurde in den Wahnsinn getrieben, die dritte ist traumatisiert von einer Massenvergewaltigung. Am Ende erfindet ein Forscher eine Impfung gegen den Vampirismus, die wirkt, indem sie tötet. Operation gelungen, Patientin tot: das, sagt Rollin, kann keine Lösung sein. Von Gleichmacherei hält er gar nichts. Rollin fordert Toleranz. Seine Sympathien sind immer auf Seiten der Opfer und der Außenseiter der Gesellschaft. Eigentlich ist das leicht zu erkennen in diesem Film, der angeblich so unverständlich ist. Aber es ging unter, weil es nackte Busen gab und einen Vampir, der bei Tageslicht zum Kegeln geht. Auch keine Freude hatte Rollin an dem Teil des Publikums, der sich dafür entschied, den Film als Komödie zu betrachten und ihn durch Lachen auf Distanz zu halten: „Spöttisches Gelächter, die Waffe der Dummen, ist immer mein schlimmster Feind gewesen.“

Auf den Schwingen der Phantasie

In La fiancèe de Dracula (2001), einem von Rollins Spätwerken, gibt es eine Vampirin, die auf einem Friedhof in einer Gruft lebt. Sie hat dort einen Altar, auf dem das Buch Immoral Tales (1994) von Cathal Tohill und Pete Tombs liegt. Rollin ist einer von sechs Regisseuren, dem die Autoren in ihrer Studie zum europäischen Horror- und Sexfilm ein eigenes Kapitel widmen. Wenn er in La fiancèe dieses Buch zeigt, ist das mehr als die Selbstbespiegelung eines eitlen Regisseurs. Rollin war Leuten immer dankbar, die ihn und sein Werk ernst nahmen. Von denen, die über ihn schrieben, waren das nur sehr wenige.

Bei der Midi-Minuit Fantastique war man anfangs skeptisch. Le viol du vampire, obwohl in deren Umfeld entstanden, Motive aus den bei Losfeld erschienenen Comics aufnehmend und im Grunde der ultimative MMF-Film, wurde nicht besprochen. Wenigstens druckte man im Sommer 1970 (No. 22) den Leserbrief eines begeisterten Kinogängers aus Bordeaux ab, der berührt war „von der Vorahnung einer neuen Poetik“, sich fühlte wie „auf den Schwingen eines großartigen, zur Hälfte weißen und zur Hälfte schwarzen Vogels“ und hoffte, von dort aus einen Blick auf die Welt von morgen erhaschen zu können. In Frankreich treten sogar die Leserbriefschreiber poetische Höhenflüge an, von denen wir Teutonen nur träumen können.

Die einzige positive Rezension erschien in Rantanplan, einem belgischen Fanzine. Rollin war gerührt und schrieb dem Autor, dem Designer Jio Berk, einen Brief. Durch Berk fand er Zugang zur belgischen Underground-Szene, was zu gegenseitigen Befruchtungen führte, wie man etwa an Roland Lethems Experimentalfilm Le vampire de la cinémathèque (1971) sehen kann. Überhaupt ist Rollins Einfluss größer, als man denkt. Rollineske Elemente gibt es bei Alain Robbe-Grillet (Glissements progressifs du plaisir; La belle captive) genauso wie bei Francis Ford Coppola. Die erotische Szene zwischen Dracula und Mina im Kino (Bram Stoker’s Dracula) ist im rollinschen Geist gedreht. Sie ist auch eine der wenigen in Coppolas Film, die nicht vom vielen Geld erdrückt werden.

Filmplakate von Philippe Druillet

Durch Berk lernte Rollin Jean-Pierre Bouyxou kennen, mit dem zusammen er einige seiner Drehbücher schrieb. Die ABC-Familie nahm langsam Gestalt an. Viele von denen, die einmal mit Rollins Firma in Berührung gekommen waren, blieben ihr ein Leben lang treu. Bouyxou, später Regisseur des marxistischen Hardcore-Films Amours collectives (1976), war der Verfasser interessanter Texte über das Horror- und Science-Fiction-Kino – ein Hinweis mehr, dass man es sich zu leicht macht, wenn man Rollin zum Dilettanten abstempelt, nur weil sich seine Vampire nicht an die Genreregeln halten. Jio Berk übernahm bei Rollins nächstem Film die Ausstattung, und er entwarf die Kostüme. Die beiden verband ihre Liebe zu den Surrealisten, zu Louis Feuillade und zu Georges Franju (Les yeux sans visage; Judex). Der Comic-Künstler Philippe Druillet entwarf das erste seiner Plakate für Rollin.

La vampire nue

La vampire nue (1969) ist von den New Arabian Nights inspiriert, einer Geschichtensammlung des großen Stilisten Robert Louis Stevenson, der mit spielerischer Leichtigkeit vom Realistischen ins Melodramatische und ins Phantastische wechselt, die Erotik, weil sie verboten ist, durch die Gewalt ersetzt und einen Club der Selbstmörder erfindet, aus dem ein Mikrokosmos der viktorianischen Gesellschaft wird. Als Stevenson-Leser weiß man also, dass man sich auf einige Überraschungen gefasst machen sollte, wenn Rollins Held am Anfang einer entflohenen Vampirfrau begegnet, die von Männern mit Tiermasken verfolgt und zurück in das Haus gebracht wird, in dem sich die Mitglieder eines Selbstmord-Clubs treffen. Die Geschichte, die sich dann entwickelt, hat gewisse Ähnlichkeiten mit der von Stanley Kubrick verfilmten „Traumnovelle“ Arthur Schnitzlers. In den Jahren der Vorbereitung auf Eyes Wide Shut hatte Kubrick ausreichend Zeit, Rollins Film zu studieren. Das erkennt man gleich.

La vampire nue

Rollin mochte es nicht besonders, wenn man ihn als einen Regisseur von Horrorfilmen bezeichnete. Er sprach lieber von le fantastique. Interessanterweise verband ihn das mit Terence Fisher, der auch lieber als ein Regisseur des Phantastischen verstanden werden wollte und für die englische Firma Hammer Filme mit Peter Cushing und Christopher Lee drehte, die eher traditionell wirken, wenn man sie mit Rollin vergleicht (ein Vergleich, der ständig gemacht wurde, was sich sehr ungünstig auf Rollins Reputation auswirkte). Das Phantastische war für Rollin das Gegenteil des Übernatürlichen. Ihm ging es darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der alles möglich schien. Er wollte eine Welt zeigen, in der sich jederzeit ein Spalt auftun kann, durch den Vampire und andere Nachtwesen in die Normalität eindringen. Das interessierte ihn, weil sich aus der Kontrastierung des Normalen mit dem Anderen neue Sichtweisen auf das ergeben, was man irrtümlicherweise für bekannt hält.

La vampire nue

Wie Tom Cruise in Eyes Wide Shut schleicht sich Rollins Held beim Treffen einer Geheimgesellschaft ein. Mit ihm zusammen erhalten wir Zugang zu einer Welt mit Vampirinnen in durchsichtigen Gewändern, seltsamen Ritualen in einem Schloss, unheimlichen Experimenten im Labor, Kapuzenträgern, Frauen in von Jio Berk entworfenen Fetischkostümen, eindimensionalen Figuren wie in den von Eric Losfeld verlegten Comic-Bänden und Außerirdischen. Das alles führt, der Logik von Träumen folgend, zum Ende am Strand von Pourville, wo die Befreiung der Vampire zelebriert und des Bühnenmagiers und Filmpioniers Georges Méliès gedacht wird. Rollin wollte seine Filme in Bildern erzählen, die so ausdrucksstark sind, dass sie keiner Erklärung durch die Dialoge bedürfen. Mit La vampire nue ist ihm das bemerkenswert gut gelungen.

La vampire nue

Blaue Nächte

Bei der nackten Vampirin, seinem ersten Farbfilm, überschritt Rollin das äußerst knapp kalkulierte Budget, es hagelte wieder Verrisse, die Einspielergebnisse waren mäßig. Damit wurde ein Muster etabliert, das große Teile von Rollins Karriere bestimmte: er musste Geldgeber für den nächsten Film finden, von dem er hoffte, dass er genug mit ihm verdienen würde, um die Schulden bezahlen zu können, die er beim letzten Film gemacht hatte. Zum Glück gab es Monique Natan, die Witwe des kürzlich verstorbenen Produzenten Émile Natan. Madame Natan wollte die Firma ihres Gatten weiterführen, war aber eine schwierige Person. Die Stars der Nouvelle Vague wie Godard und Chabrol waren bereits bei ihr vorstellig geworden und frustriert wieder abgezogen. Rollin kam gut präpariert. Er hatte bei La vampire nue mit farbigem Licht experimentiert und wusste von Madames Vorliebe für monochrome Filme. Also schlug er ihr einen Vampirfilm vor, in den er zur Hervorhebung der Gruselatmosphäre einige Szenen einfügen würde, in denen die Farben Rot und Blau dominieren. So gewann er eine Produzentin.

Le frisson des vampires

Im Verlies von Septmont entstand einer seiner kommerziellsten Filme (Sonnenlicht ist tödlich). Le frisson des vampires (Das Erschaudern der Vampire) ist aber immer noch ein Film von Jean Rollin. Ein auf Hochglanz poliertes Produkt mit glatter Hollywood-Dramaturgie sollte man daher nicht erwarten. Stattdessen gibt es Vampire im Hippie-Outfit, die von den Darstellern selbst ersonnene Unsinnssätze zum Besten geben. Wie solche Filme üblicherweise ablaufen, scheint Rollin zu sagen, weiß sowieso ein jeder; deshalb ist es auch egal, was gesprochen wird. Mit seinem frisch vermählten, in die Fänge von Vampiren geratenden Paar orientiert sich Le frisson grob an der Hammer-Produktion Kiss of the Vampire (1962). Das ist nur fair, weil sich die Konkurrenz aus England gerade anschickte, mit eigenen nackten Vampirinnen auf Rollins Territorium zu wildern.

Beim Sehen von The Vampire Lovers und Lust for a Vampire (1970) glaubt man dauernd, das pubertäre Kichern zu hören, mit dem diese Hammer-Filme inszeniert wurden. Die Regie ist so verkrampft und so erschrocken über die eigene Courage, dass selbst Darstellerinnen wie Ingrid Pitt auf verlorenem Posten stehen. Im Vergleich dazu wird erst richtig deutlich, mit welcher Gelassenheit und Selbstverständlichkeit Rollin Sexualität und Nacktheit auf die Leinwand bringt. Die Hammer-Vampirinnen sind barbusig, weil sich die Studiobosse davon mehr verkaufte Eintrittskarten versprachen. Rollin war diese Produzenten-Logik viel zu wenig. Seine Vampirinnen sind Teil eines ästhetischen Konzepts.

Le frisson des vampires

Eigenartigerweise sind es gerade diejenigen Rollin-Werke, in denen er sich um eingängigere, kommerziell besser verwertbare Geschichten bemühte, bei denen eher bestimmte Bilder und Elemente als die Filme selbst im Gedächtnis haften bleiben. Bei Le frisson sind es die psychedelischen Lollipop-Farben, die manchmal direkt aus Roger Cormans Poe-Reihe zu kommen scheinen, ist es das Rot und das Blau. Die monochromen Bilder erinnern an die Stummfilmzeit, als das schwarz-weiße Ausgangsmaterial oft eingefärbt wurde – etwa, um anzuzeigen, um welche Tages- bzw. Nachtzeit es sich handelte. Weil solche Einfärbungen nicht sehr beständig waren, schien Murnaus Nosferatu seinen Sarg lange Zeit in der Mittagssonne durch Wisborg zu tragen, obwohl die Sonne tödlich für ihn ist. Einen Sinn ergab das erst wieder, als Enno Patalas vom Münchner Filmmuseum versuchte, Murnaus Meisterwerk in seiner ursprünglichen Gestalt wiederherzustellen und 1984 eine Fassung präsentierte, in der die Farbe Blau das Dunkel der Nacht repräsentiert (auf der aktuellen Transit-DVD ist ohne Angabe von Gründen aus dem Blau ein Grün geworden).

Nosferatu

Ob solche Verbindungen zwischen Rollins Werken und den viragierten Stummfilmen 1970 noch zufällig waren, weiß man nicht genau, weil ihn nie jemand danach gefragt hat. Eine zufällige Übereinstimmung ist eher unwahrscheinlich, weil er als Besucher der Cinémathèque Française durchaus über das entsprechende Wissen verfügen konnte; offenbar war er auch ein häufiger Gast der Cinémathèque von Belgien (wo eine Kopie des in Frankreich verlorengegangenen Feuillade-Serials Judex aufbewahrt wurde). Unbestreitbar ist die Verbindung zu seinem sehr poetischen Spätwerk Les deux orphelines vampires (1995), mit dem er eine Summe seines Schaffens zieht. Die Titelheldinnen, zwei in einem Waisenhaus aufgewachsene Vampirinnen, sind tagsüber blind; nachts sehen sie die Welt in blauen Bildern.

Les deux orphelines vampires

Was macht der Vampir mit einem Klavier?

Le frisson merkt man an, dass Rollin begonnen hatte, Reproduktionen der Gemälde von Paul Delvaux zu sammeln. In seiner surrealistischen Phase setzte sich der Belgier Delvaux mit den Arbeiten von René Magritte auseinander, der alltägliche Dinge durch überraschende Kombinationen in völlig neuem Licht zeigt und verschiedene Wirklichkeitsebenen miteinander verknüpft, was eine sehr subversive Wirkung entfaltet. Delvaux erzielte surrealistische Effekte, indem er Frauenakte vor realistischen Hintergründen wie einem Bahnhof, einem Schloss oder einer Straßenszene malte. Rollin setzt das in Filmbilder um, und wenn sich dabei eine Gelegenheit ergibt, einem seiner Kino-Vorbilder die Referenz zu erweisen, nimmt er diese gerne wahr. Sandra Julien ist mit einer Taube in der Hand zu sehen, weil Georges Franju ein Taubenliebhaber war. Eigentlich sollte der Film „Das Blut eines Vogels“ heißen; aber die Geldgeber bestanden auf dem Wort „Vampir“ im Titel.

Le frisson des vampires

Die grandiosesten Momente sind der Varieté-Tänzerin Dominique vorbehalten. Als Vampirfrau kommt sie in wechselnden Kostümen (eines besteht nur aus Ketten) aus einer Wand, dem Kamin, einem Brunnen und einer Wanduhr. Das hätten auch Delvaux und Magritte kaum besser hingekriegt. Einmal legt Sandra Julien eine tote Taube auf ihren Sarg, über den das Blut des Vogels läuft. Der Sarg steht auf einer altmodischen Chaiselongue. Das überrascht nur, wenn man die berühmten Sargbilder von Magritte nicht kennt. Angespielt wird auf „Madame Récamier de David“. Während bei David die auf einen Arm gestützt auf der Chaiselongue liegende Madame Récamier zu sehen ist, ist es bei Magritte ein abgeknickter Sarg in sitzender Haltung. Bestimmt hätte Rollin seinen Sarg durchgesägt, um das Magritte-Bild möglichst genau nachzustellen, wenn er sich das hätte leisten können (der Sarg sieht sehr teuer aus).

Le frisson des vampires

Die Zusammenarbeit mit Monique Natan (und damit Rollins Annäherung an den Mainstream der Filmindustrie) war gleich wieder beendet, weil die Witwe bei einem Autounfall starb. Um den Vertrieb von Le frisson hatte sich Lionel Wallmann gekümmert, ein mit allen Wassern gewaschener Geschäftsmann mit einem Büro in der Pariser rue de la Grande Truanderie (Großer-Schwindel-Straße). Wallmann gehörte nun auch zur ABC-Familie. Er schlug Rollin vor, einen Film zu drehen, bei dem er wieder freie Hand haben würde, solange er ein paar Sexszenen einbaute. Sam Selsky trieb etwas Bargeld auf. Den Rest finanzierte Wallmann mit Schecks, die erst drei Monate später einlösbar waren. Bis dahin, so die Hoffnung, würde es die ersten Verkaufserlöse geben. Da Rollin inzwischen eine Truppe von treuen Mitarbeitern um sich geschart hatte, waren alle damit einverstanden. Und weil Wallmann ein guter Verkäufer war, erhielten sie pünktlich ihr Geld.

Le frisson des vampires

Rollin war mit Louise Dhour befreundet, die im Pariser Nachtclub La Vieille Grille Chansons sang. Seit einiger Zeit hatte er ein Bild im Kopf: Louise, die in einem Friedhof Klavier spielte. Daraus wurde die teuerste Szene des Films, weil das Klavier von Paris zum Friedhof des Dorfs Crêvecoeur gebracht werden musste. Für Louise dachte sich Rollin die Rolle der Dienerin des alten, des ewigen Lebens überdrüssigen Vampirs aus. Dominique spielte wieder eine Vampirfrau. In Le frisson hatte sie eine Frau gebissen, in Requiem pour un vampire würde sie es wieder tun. Solche gleichgeschlechtlichen Bisse waren Anfang der 1970er noch sehr gewagt. Dracula beißt hin und wieder auch Männer, wenn das die Erzählökonomie erfordert, aber seine männlichen Opfer werden entweder gleich gepfählt wie im ersten Hammer-Dracula, oder der schwule Vampir stellt eindeutig heterosexuell ausgerichteten Männern nach wie in Polanskis Dance of the Vampires.

Requiem pour un vampire

Vergewaltigung macht rein

Eines von Rollins Markenzeichen waren die beiden jungen Frauen, die einander in lesbischer Liebe zugetan sind. In Le frisson scheint das lesbische, gelegentlich auch bisexuelle Paar sogar insgeheim Regie zu führen. In Requiem kommt es auf eine Weise wieder, die wirkt, als habe Rollin es darauf angelegt, die Fans des traditionellen Horrorfilms nachhaltig zu verärgern. Sein vierter Vampirfilm beginnt mit einer Autoverfolgungsjagd. Die Gejagten sind zwei junge Frauen in Clownskostümen. Ihre Flucht führt sie zu einem Vampirschloss und auf einen Friedhof mit der Gruft des erschlafften Obervampirs. Später erfährt man, dass die beiden Insassinnen eines Erziehungsheims sind, die bei einem Zirkusbesuch entfliehen konnten. In diesem Film, der mit sehr wenigen Dialogen auskommt, wird das so beiläufig mitgeteilt, dass man es leicht überhören kann. Im Grunde ist es auch egal. Rollin beherzigte jetzt immer häufiger einen Rat von Jean Cocteau: „Kultiviere, was dir das Publikum vorwirft, denn das bist du.“

Requiem pour un vampire

Requiem ist einer von Rollins poetischsten Filmen, und einer seiner berüchtigtsten. Das liegt an einer langen Vergewaltigungsszene, die er wohl drehte, um Wallmann zu beruhigen (die Schecks!). Gewalt- und Sexualphantasien gibt es auch in der Hochkultur. Was aber dort meistens nur schamhaft angedeutet wird, wird in der Populärkultur gern genau beschrieben und gezeigt. Rollin konnte sich daher nicht nur im sadomasochistischen Bild- und Vorstellungsarsenal der katholischen Märtyrerlegenden bedienen, die er und die von ihm verehrten Surrealisten sehr gut kannten, sondern auch bei Kolportageromanen, bei Comics, bei den Covers von Taschenbüchern und bei Serials wie Perils of Nyoka, die er so mochte. Recht häufig stößt man da auf die gefesselte, an einem Seil oder an einer Kette hängende, von Folterern und Vergewaltigern bedrohte Jungfrau. Sie ist keineswegs das Produkt der perversen Phantasie von Jean Rollin, in dessen Filmen sie mitunter auftaucht. Während aber der Macho Mickey Spillane mehr als 150 Millionen Bücher verkaufte, liefen Rollins Filme vielerorts in Fassungen, die bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt waren.

Für die theoretische Notwendigkeit der Zensur gibt es schöne, mitunter sehr ehrbar klingende Begründungen. Historisch gesehen war es bisher noch immer so, dass in der Praxis der Status quo aufrechterhalten werden sollte. Durch die Zensur wurden Werte verteidigt, auf die sich eine Gesellschaft mehrheitlich geeignet hatte, an die man sich gewöhnt hatte oder die denjenigen gesellschaftlichen Gruppen einen Nutzen brachten, die in der Lage waren, sie durchzusetzen. Da es in der Regel um die Stabilisierung von patriarchalischen Strukturen geht, ist die Misogynie nicht weit entfernt.

Requiem pour un vampire

Zum Personal von Horrorfilmen gehören Frauenfiguren, gegen die kein Zensor etwas einzuwenden hat: die ewige Braut, die nie ihre Hochzeitsnacht erlebt, weil vorher immer das Monster kommt und alles durcheinander bringt; die verfolgte Unschuld, der nichts passieren kann, weil sie von Schlangen und Äpfeln keine Ahnung hat; den asexuellen Hausdrachen, der einem armen Ehemann das Leben zur Hölle macht. Das Missfallen der Zensoren dagegen erregen Figuren wie Helen (Barbara Shelley) in Terence Fishers Dracula Prince of Darkness (1965), die durch den Biss des Vampirs von der verklemmten Haustyrannin zur sinnlichen Frau wird. Wenn das sexuelle Erwachen zu deutlich wird oder gar erstrebenswert erscheinen könnte, wird gerne mal geschnitten. Eine direkt von Bram Stoker übernommene Szene, in der Helen das Blut von Dracula trinken sollte, kam nie über die Drehbuchphase hinaus, weil sie vom BBFC, der britischen Zensurbehörde, kategorisch untersagt wurde.

Ganz anders die Szene, in der Helen vom Vampirismus befreit wird. Mehrere Mönche halten die sich verzweifelt wehrende Frau auf einer Art Operationstisch fest, damit ihr Sandor, der oberste Vampirjäger, seinen Pfahl in den Leib treiben kann. Das ist nichts anderes als eine Vergewaltigung. Sie war in Ordnung, weil sie von Autoritätspersonen in Form eines Rituals durchgeführt wird und einem „guten Zweck“ dient: die gepfählte Helen ist „gereinigt“ und wieder ein guter – wenn auch toter – Mensch. Probleme mit der Zensur hätte es nur gegeben, wenn bei der Vergewaltigung eine nackte Brust zum Vorschein gekommen wäre. Erhalten ist übrigens ein BBFC-Gutachten, dessen Verfasser Jimmy Sangsters Drehbuch zu Prince of Darkness zum „dummen Mist“ erklärt, weil es sich nicht an die Gesetze der „Vampirologie“ halte. Die Zensoren waren da wie die Fans: Regeln mussten sein im Reich der Phantastik.

Requiem pour un vampire

Rollin hält von all dem nichts. Statt irgendwelcher Mönche, die mit heiligem Ernst ihre Pflicht erfüllen, stürzt sich bei ihm ein Haufen geiler, wenig schmeichelhaft gezeichneter Dorfbewohner auf eine wehrlose Frau. Die Täter fühlen sich dazu berechtigt, weil die Frau angeblich ein Vampir ist. Hinterher ist sie nicht „gereinigt“, sondern traumatisiert. Und weil sie das Opfer einer Gruppenvergewaltigung wurde, erscheint das hässliche Wort im Titel: Die Vergewaltigung des Vampirs. Damit handelte sich Rollin viel Ärger ein, weil er viel zu direkt war.

Plädoyer für die Rollinade

In Requiem also gibt es eine etwa fünfminütige, grotesk anmutende Szene in monochromen Bildern, in der sich die Vampire und ihre Helfershelfer auf mehrere, in einem Verlies angekettete Frauen stürzen. Bizarrer Höhepunkt ist die Vergewaltigung eines der Opfer durch eine Fledermaus-Attrappe. Diesen comicartigen Albtraum aus der Unterwelt könnte Guido Crépax erfunden haben, der Schöpfer von Valentina und Bianca Torturata (in der griechischen Mythologie würden sich ebenfalls ein paar Vorbilder finden lassen). Die Szene entwickelte eine Eigendynamik, die Rollin sehr geschadet hat.

Requiem pour un vampire

Bei den Filmfestspielen von Cannes wurden bei einer groß angekündigten Sondervorführung einige Minuten aus Jean Rollins neuestem Vampirfilm gezeigt. Das war die Massenvergewaltigung. Damit war das Urteil über den Film bereits gesprochen, obwohl später kaum jemand die Vergewaltigung im Folterkeller zu sehen bekam, weil sie in den meisten Verleihkopien nicht mehr enthalten war. In kommerzieller Hinsicht ging Selskys und Wallmanns Rechnung auf. Harry Novak, früher für Walt Disney sowie die RKO tätig und inzwischen Produzent von „nudie cuties“ (Softpornos), erwarb die US-Verleihrechte, ließ ein ziemlich irreführendes Plakat malen und brachte den Film als Caged Virgins heraus, was einen französischen Verleiher dazu inspirierte, Requiem pour un vampire in Vierges et Vampires umzubenennen. Rollins Ruf wurde dadurch nicht besser.

Mit seinen vier Vampirfilmen hatte Rollin ein eigenes, nach ihm benanntes Subgenre des Horrorfilms geschaffen, die „Rollinade“: mit geringsten finanziellen Mitteln hergestellte, sehr persönliche und poetische, vom Surrealismus, den alten Serials und den Kolportageromanen eines Gaston Leroux inspirierte Werke mit einem hypnotisch langsamen Erzählrhythmus und einem sehr eigenen, unverwechselbaren Stil. Da aber das Unverwechselbare meistens nach den Standards der normierten Dutzendware beurteilt wird, war der Begriff „Rollinade“ ein Schimpfwort. Rollin galt als ein verkappter Pornograph, der keine Ahnung von den Gesetzmäßigkeiten des Horrorfilms hatte, der keine Geschichten erzählen und keine Schauspieler führen konnte und ohne Sinn und Verstand Gruselelemente in billige Sexstreifen einfügte, um deren potentielles Publikum zu verbreitern.

Eine abweichende Meinung vertrat nur Jean-Marie Sabatier, der im Filmteil der französischen Ausgabe des Comic-Hefts Vampirella (No. 10) ein „Plädoyer für die Rollinade“ veröffentlichte und begründete, warum er Rollin für einen der interessantesten Regisseure seiner Generation hielt. Viel Gehör bei den Kritiker-Kollegen fand Sabatier damit nicht. Einzig die Midi-Minuit Fantastique war dabei, umzudenken. Dort wurde eine Photostrecke mit Bildern aus Le frisson des vampires sowie ein langer, zweiteiliger Aufsatz abgedruckt, den Rollin über die Romane von Gaston Leroux und dessen Einfluss auf den Film geschrieben hatte („Aujourd’hui, Gaston Leroux“, No. 23/24). Leider wurde die Zeitschrift, die am besten zum Verständnis seiner Werke hätte beitragen können, danach eingestellt. Rollin hatte wieder einmal Pech gehabt.

Das Zittern der Pornographen

Eine von Rollins treuesten Mitstreiterinnen war Marie-Pierre („Pony“) Castel. Sie ließ in mehreren Filmen die Hüllen für ihn fallen. Rollin hatte deshalb immer Angst, dass Ponys Mutter am Set erscheinen könnte, um ihm die Leviten zu lesen. Zum Berufsalltag dieses Pornographen gehörten auch Castings wie das für La morte vivante (1982). Françoise Blanchard kam für die Titelrolle in Frage. Für Rollin sehr wichtig war eine Szene, in der nur die nackten Beine der Vampirin zu sehen sind. Als Françoise zu den Probeaufnahmen erschien, trug sie eine Hose. Rollin wollte sie bitten, die Hose auszuziehen, um ihre Beine in Augenschein nehmen zu können, traute sich aber nicht und musste hoffen, dass er beim Drehen keine böse Überraschung erleben würde. Für wilden Gruppensex am Set waren seine Filme schon deshalb ungeeignet, weil er am liebsten im Freien und bei niedrigen Temperaturen drehte. Als Brigitte Lahaie für Fascination ihr Nachthemd abstreifte, wurde die Szene mehr als ein Dutzend Mal wiederholt. Das Zittern, das Brigitte dabei unterdrücken musste, hatte nichts mit Erregung zu tun. Es war bitterkalt.

La morte vivante

Weil die Realität das eine ist und das Klischee etwas ganz anderes, wurden über Rollin böse Gerüchte in Umlauf gebracht. Um seine Filme finanzieren zu können, hieß es, schicke er seine Darstellerinnen auf den Strich. Die jungen Frauen, hieß es weiter, mussten sogar damit rechnen, nach den Dreharbeiten in nordafrikanische Bordelle oder den Harem eines Ölscheichs verschleppt zu werden. So absurd diese Gerüchte auch waren: Rollins Ruf war so miserabel, dass sich viele Schauspielerinnen mit Berufserfahrung weigerten, mit ihm zusammenzuarbeiten. Er war also oft auf Laien angewiesen, was wiederum die Vorurteile der Kritiker bestätigte, die nicht gelten lassen wollen, dass man die Darsteller in einem Film als ein figuratives Element einsetzen kann, statt sie zu dem psychologischen Spiel anzuhalten, das wir gewohnt sind.

Teil 3: Gruselsex und Umweltschutz im Filmmuseum

Piraten, Dämonen und zitternde Pornographen (32 Bilder)

Les démoniaques

(Hans Schmid)