Pisa 2018: Großer Abstand Deutschlands zur Spitze

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Die Leistungen deutscher Schüler werden im Vergleich unter 79 Ländern insgesamt als "überdurchschnittlich, aber leicht rückläufig" eingestuft

In Deutschland wäre man am liebsten dauernd Spitze und man hält in der Öffentlichkeit viel auf Bildung. Die meisten Journalisten kommen aus einem bildungsbürgerlichen Milieu, an Diskussionen über Schulbildung beteiligen sich überwiegend Personen mit akademischem Hintergrund. In diesem Rahmen enttäuschen die Ergebnisse des jüngsten Pisa-Tests Erwartungen und ein bestimmtes Selbstverständnis und sie werden zumindest kurzzeitig eine neue Diskussionswelle anstoßen.

Alexander Lorz, Präsident der Kultusministerkonferenz und CDU-Kultusminister in Hessen, ist enttäuscht und sagt den Sportreportersatz: "Da ist noch Luft nach oben". Auch Pisa-Koordinatorin Reiss erklärt dem Spiegel: "Unser Anspruch muss größer sein, als ein bisschen über dem OECD-Durchschnitt zu liegen."

Für eine längerfristige und nachhaltige Diskussion sind die Ergebnisse wiederum nicht schlecht genug, weil die Schicht derjenigen, die es gut haben, die bildungsfreundlichen und finanziell besser ausgestatteten Familien, bestätigt wird. Sie finden genug in der Studie, um sich darin zu bestätigen, dass sie ihre Kinder unbedingt aufs Gymnasium schicken müssen und wenn der Anwalt bei der Grundschullehrerin anrücken muss...

Das Elternhaus sorgt für Vorsprung

Die deutschen Gymnasiasten erzielten bei der Lesekompetenz, auf der diesmal das Schwergewicht lag, Spitzenwerte. Die "Elite" hält sich. Die Ungleichheit durch die Herkunft bleibt bei der Bildungsstudie eine markante Voraussetzung für Leistungen in der Schule und die gewählte Schulart. Übrigens nicht nur in Deutschland - wo man sich bei diesem Aspekt auffallend von anderen Ländern abhebt -, sondern auch in Frankreich. In den dortigen Medien ist die "inégalité" Teil der Überschriften. Das Elternhaus gibt einen starken Vorsprung.

Im der größten internationalen Bildungsstudie rangiert Deutschland im oberen Mittelfeld, das ist gemessen an den Ansprüchen, die hierzulande geäußert werden, kein zufriedenstellendes Ergebnis, zumal häufig betont wird, dass die nachwachsende Generation die Ressource Nummer 1 im bodenschatzarmen Land sind.

Dass die Leistungen in Mathe und Naturwissenschaft im Land der Ingenieure gegenüber den vorherigen Testergebnissen nachgelassen haben, wird ebenfalls auf Besorgnis stoßen. Doch gibt es hier auch Signale eines Aufbruchs: Es gibt keinen Abstand zwischen Mädchen und Jungen in der Naturwissenschaft. (Bei der Lesekompetenz bleiben die Mädchen mit ihren Leistungen vorne, in der Mathematik die Jungen.)

Die Abstände

Wie groß generell die Abstände zwischen Deutschland und den Spitzenreitern im Schulbildungsranking sind, ist auf der Hauptergebnis-Tabelle hier abzulesen. Punkte gab es für die Bereiche Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften. Deutschland hat hier 498, 500 und 503 Punkte erzielt. Ganz oben liegen die chinesischen Schüler aus "Peking, Shanghai, Jiangsu und Zhejang" mit 555 (Lesekompetenz), 591 (Mathematik) und 590 (Naturwissenschaften) Punkten. Platz 2 belegt Singapur, mit Werten bei 550 Punkten, Platz 3 Macau, dem folgt Hongkong. Bei den beiden letztgenannten stechen die Punktwerte in Mathematik mit jeweils über 550 hervor.

Die chinesischen Topleistungen sind keine Überraschung, seit Jahren geben sie Stoff für Seriendrehbücher ab, für Kritik am Drill - wie auch an der Auswahl der Schulen für die Pisatests -, am hierarchischen System. Das trägt Züge einer Neiddebatte, die weniger von Gelassenheit oder Kooperation bestimmt ist als vom Gegenhalten eines Menschenbildes, das auf ureigene europäische Art doch "leidenschaftlicher und weniger maschinell" ausgerichtet sei. Auffällig wird das bei Schulkonzerten, wenn Kinder aus chinesischen Familien dem eigenen Nachwuchs vorführen, wozu diszipliniertes und konzentriertes Üben führen kann.

Doch finden sich in der Spitzengruppe auch Estland, Finnland, Irland, Polen und Schweden, wo solche "Abwehrmaßnahmen" nicht greifen. Auch die Vereinigten Staaten, über deren ungebildete Bevölkerung die Witze und Klischees nicht abreißen wollen, sind vor Deutschland. Es liegt in etwa gleichauf mit Frankreich, Belgien, Dänemark und Norwegen.

Integration

5.451 Schüler in Deutschland, die 2018 die neunte Klasse abschlossen, wurden mit insgesamt etwa 600.000 aus 79 Ländern verglichen. Dass sie - im Durchschnitt - nicht besser abschnitten, wird in den ersten Reaktionen mit dem Lehrermangel erklärt, mit sozialen Unterschieden, die einer besseren Ausbildung im Weg stehen, und - drei Jahre nach dem Flüchtlingsjahr 2015 - mit dem Schwierigkeitsgrad, den die Integration von Kindern mit zugewanderten Eltern an Lehrerinnen, Lehrer und Schulen stellen.

Angesichts dessen falle das Ergebnis von 2018 gar nicht so schlecht aus, heißt es von einer anderen Warte aus gesehen.

Ich sehe das nicht so negativ. Im Jahr 2000 lagen die deutschen 15-Jährigen im Lesen, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften unter dem OECD-Durchschnitt, jetzt liegen sie zum wiederholten Mal in allen Bereichen über dem Durchschnitt. Wenn man bedenkt, dass der Anteil der Schüler mit Zuwanderungshintergrund deutlich gewachsen ist, von 22 Prozent im Jahr 2000 auf nun 36 Prozent, dann ist das Ergebnis als Erfolg zu werten.

Kristina Reiss, Mathematikdidaktikerin und Dekanin der School of Education an der TU München, Leiterin des deutschen Teils der Pisa-Studie

Inwieweit die Qualität der Leistungen in den genannten Bereichen durch Experimente gelitten hat, wird wohl Teil der Diskussionen sein, die noch folgen.

Wenig Lesefreude unter den 15-Jährigen

Traurig stimmt die Einsicht, wonach die Lesefreude gerade bei den deutschen Schülern nachgelassen hat. Wahrscheinlich kennen viel Eltern das Phänomen, dass ihre Kinder im Teenager-Alter sich lieber mit Games oder Chats unterhalten, als Bücher zu lesen. Der Pisa-Test hat dazu Aussagen, die nicht fröhlich stimmen, da Literatur nicht nur mit Sprachgefühl, sondern auch mit Menschenkenntnis zu tun hat. Das liefert in Zeiten, wo in der Politik stark mit Fiktionen gearbeitet wird, eine gute Basis für wichtige Unterscheidungsfähigkeiten. "Ich lese nur, wenn ich muss", gaben 50,3 Prozent der deutschen Schüler zu Protokoll (der OECD-Schnitt liegt knapp darunter bei 49,1 Prozent).

Etwa die Hälfte der 15-Jährigen weist laut Pisa-Studie eine "eher instrumentelle Lesemotivation" auf. Das heißt: Sie lesen nur, wenn sie müssen oder um an Informationen zu kommen. Mehr als ein Drittel der Jugendlichen hält Lesen für Zeitverschwendung, im OECD-Schnitt sind es 28 Prozent. In Deutschland reden 24 Prozent gerne mit anderen Leuten über Bücher, im OECD-Schnitt sind es 37 Prozent. Nur einer von zwanzig Jugendlichen zählt sich in Deutschland zu den Viellesern, die auf mehr als zwei Stunden am Tag kommen - zum Vergnügen.

SZ

Die Pisa-Studie stellt den deutschen Schülern eine leicht überdurchschnittliche Lesekompetenz aus, mit Spitzenwerten bei den Gymnasiasten und bei Lesestrategien. Bedenklich ist der große Abstand zwischen denen, die oberste Anforderungskategorien erfüllt haben, und dem gewachsenen Anteil derer, die schlecht abschneiden.

Ich sehe eher Anlass für Alarm. Die sogenannte Risikogruppe, also 15-Jährige, die nicht richtig schreiben und rechnen können, ist mit 21 Prozent wieder fast so groß wie beim Pisa-Schock vor zwei Jahrzehnten. In den nicht gymnasialen Schulen liegt ihr Anteil je nach Bundesland sogar bei 30, 40 oder sogar 50 Prozent. Das heißt: Jeder zweite Schüler verfügt nicht einmal über die Basisfähigkeiten für jedes schulische Lernen. Das ist dramatisch.

Olaf Köller, Professor für Erziehungswissenschaften und Geschäftsführender Wissenschaftlicher Direktor des Leibnitz-Instituts für Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik

Zu den Tests der Lesekompetenz siehe Beispiele hier und hier. Beides sind online-Texte. (Thomas Pany)