Plattform-Sozialismus

Arbeitnehmer am Kapital zu beteiligen, macht das Kapital nicht gesellschaftlich. Man braucht die geeigneten materiellen Mittel, um das Kapital gesellschaftlich werden zu lassen. Die wachsen gerade heran

Die drei Gewährsleute für ein zwangsläufiges Auslaufen der kapitalistischen Expansion, die die westliche Geisteskultur hervorgebracht hat - Marx, Keynes und Schumpeter -, haben wenig brauchbare Anhaltspunkte für den dann eintretenden ökonomischen Zustand hinterlassen. Es wird also den Zeitgenossen dieses Auslaufens der kapitalistischen Entwicklung aufgetragen sein, diesen zu entdecken und herzustellen. Das sind wohl wir.

Dabei sind die Aufgaben, das das gesuchte "System" zu bewältigen in der Lage sein muss, relativ klar. Einerseits geht es um die ökologischen Herausforderungen, was neben anderem sicher bedeuten wird, dass das gesuchte System nicht wachstumsabhängig sein darf; außerdem sollte es auch Steuerungsmöglichkeiten jenseits der reinen Marktsteuerung eröffnen. Andererseits geht es um das Problem der schwindenden Arbeit. Es entsteht am Ende der kapitalistischen Expansionsphase ein Problem, das marktgesteuerte Kreislaufökonomien systematisch nicht lösen können: Roboter, die Autos (Produkte) produzieren, kaufen keine Autos (Produkte).

Richard B. Freeman, Harvard-Professor für Arbeitsökonomie, sagte dazu:

Die Eigentumsverhältnisse entscheiden, welche Auswirkungen intelligente Roboter-Technologien auf die Einkommen haben. In einer Welt, in der Maschinen den Großteil der Arbeit (und damit der Erwerbsmöglichkeiten der Menschen) übernehmen, werden die Eigentümer dieser Maschinen die Gewinner sein, während die mit den Maschinen konkurrierenden Arbeitnehmer das Nachsehen haben. Sind Sie der Eigentümer des Roboters, der ihre Arbeit oder die Arbeit anderer ersetzt, dann profitieren Sie von der neuen Technologie. Bin ich jedoch nicht der Eigentümer des Roboters, der meine Arbeit übernimmt, dann ... tja, Pech gehabt!

Richard B. Freeman

Diese Einsicht ist ja nun seit Karl Marx nicht neu und führte Marx zur geschichtlichen Erwartung der Verelendung des Proletariats, das sich darum der Produktionsmittel bemächtigen müsse. Ganz anders nun der Vorschlag von Freeman: Kapitalbeteiligung. Es müsse darum gehen, dass "die Menschen an den Produktivitätsgewinnen durch intelligente Maschinen teilhaben, anstatt als Arbeitnehmer mit diesen Maschinen konkurrieren zu müssen".

Dies könne durch ein Steuer- und Abgabensystem, also etwa eine Robotersteuer à la Bill Gates oder eine globale Kapitalsteuer à la Thomas Piketty geschehen, in beiden Fällen also durch Umverteilung von Gewinnen, um etwa eine gebührenfreie Nutzung von Gütern und Dienstleistungen zu ermöglichen, oder auch ein bedingungsloses Grundeinkommen. Freemans Fokus gelte anders als diese Vorschläge jedoch dem Ansatz der Kapitalbeteiligung, getreu dem Diktum: "Wer die Roboter besitzt, regiert die Welt."

Bedeutet das also, dass die Arbeiter einfach nur am Aktienkapital beteiligt werden müssen? Dagegen spricht eine einfache Überlegung, die einem Harvard-Professor eigentlich keine Schwierigkeiten bereiten sollte: Die Löhne des Arbeitnehmers reduzieren die Kapitalgewinne und umgekehrt. Das, was bei dem Arbeitnehmer in der Tasche ankommt, bliebe also tendenziell gleich. Außerdem: Wenn der Arbeitnehmer doch vom Roboter verdrängt wird, wird er anders als die Großaktionäre von seiner Kapitalbeteiligung nicht leben können. Darüber hinaus wären Arbeitnehmer so tendenziell weiterhin von den Wachstumsmöglichkeiten der ganzen umgebenden Volkswirtschaft abhängig.

Zum "Regieren der Welt" wird so ein kleinteiliger Roboterbesitz also kaum reichen, was sich, wenn es sich etwa um die Mehrheit der BMW-Aktien handelt, anders darstellt. Aber den Groß-Aktienbesitzer interessiert die Welt eben nur aus der Sicht des Kapitaleigners, der Wachstum seiner Gewinne erwartet, und das gerne auch auf Kosten der Umwelt, und, wenn möglich, auch der Beschäftigten.

Und wenn nun die ganze Belegschaft die Aktien erwirbt? Dann würde sich immer noch nicht ändern, dass die ganze Belegschaft vom Unternehmensgewinn abhängig ist. Abgesehen von dem Problem, ob die Aktien nun zu gleichen Portionen an alle verteilt werden sollen oder ob sie verkäuflich sein dürfen, wo das Geld herkommt für den Kauf der Akten und was die Menschen machen, die zufällig nicht in einem Unternehmen beschäftigt sind, dessen Anteile gerade "vergesellschaftet" werden. Aber auch wenn man die Teilhabe an den Produktivitätsgewinnen durch intelligente Maschinen durch die anderen genannten Formen von Umverteilung der Unternehmensgewinne herstellt, bleibt immer die Abhängigkeit von den Gewinnen der besteuerten Unternehmen, und damit letztlich auch von einer sich dynamisch entwickelnden wachsenden Wirtschaft.

Wie wird Kapital gesellschaftlich?

Wie wird das Kapital - das ja eigentlich nichts Furchterregenderes ist als vorgetane Arbeit, um Arbeit einzusparen - also gesellschaftlich? Wohl nur dadurch, dass sein Zweck nicht die Erzeugung von Kapitalgewinnen für den Kapitaleigner durch die Erzeugung von Waren ist, sondern die Erzeugung von Gebrauchswerten. Das mag noch einfach klingen, hat aber die schwierig herzustellende Voraussetzung, dass Konsument und Produzent (in gewisser Weise) identisch sind. Denn das bedeutet: Die Gesellschaft (der Konsumenten) muss eigene Produktionsmittel zur Verfügung haben.

Da der Konsument (bzw. die Gesellschaft der Konsumenten) seinen (bzw. ihren) Konsum damit natürlich einschränkt auf die Produkte dieses "Kapitals" (Produktionsmittels), muss das Produkt entweder sehr homogen sein (wie Strom, Wasser, Stahl, Zucker) oder die Produktionsmittel müssen extrem flexibel sein; sie müssen also sehr heterogene Dinge produzieren können, die sehr heterogene Nutzenpräferenzen bedienen können. Sie produzieren also am besten genauso wie und möglichst auch erst dann, wenn der Konsument es angefordert hat. Wenn man Produktionsmittel ohne diese Möglichkeiten "vergesellschaftet", erstellt der Staat einfach einen Fünf-Jahres-Plan für eine Reihe Produkte, und die Gesellschaft muss die dann konsumieren (sofern es überhaupt gelingt, sie rechtzeitig verfügbar zu machen). So landet man in der DDR.

Man könnte dies nun für utopische Spekulation halten - wenn die digitalen Fertigungstechnologien sich nicht zufällig genau in diese Richtung entwickelten. Interpretiert man die Entwicklung der Dinge mit Marxscher Brille, wird sichtbar, dass es sich hier keineswegs um Zufall handelt. Denn es wird dann erkennbar, dass die alte Gesellschaft hier die materiellen Mittel für die nächste Epoche ausbrütet. Im Prinzip lassen sich so nämlich (wirklich) ganze Volkswirtschaften jenseits der Marktsteuerung organisieren und steuern, ohne von Wachstum und Gewinnen abhängig zu sein.

Selbstorganisierende Systeme

In modernen Fabriken nach dem Muster Industrie 4.0 arbeiten autonome cyber-physische Systeme (CPS) zusammen und koordinieren selbstständig ihre Arbeit. So "wissen" etwa Transportsysteme, was sie wann wohin transportieren sollen, Werkstücke "wissen" zu welchem Produkt sie gehören, und Fertigungsstationen melden ihre freien Kapazitäten und optimieren untereinander, welches Werkstück als nächstes wo und wann an die Reihe kommt, etc. Diese Teilsysteme dürfen natürlich nicht auf eigene Rechnung arbeiten "wollen" und sich gegenseitig Konkurrenz machen, sondern sie verfolgen alle das gemeinsame Ziel, ihr gemeinsames und verbindliches Produktionsprogramm schnellstmöglich abzuarbeiten. Gesteuert wird das ganze Geschehen letztlich also durch die optimierte Sequenz der - bereits eingegangenen - Fertigungsaufträge.

Genau so können nun nicht nur einzelne Fabriken, sondern ganze Wertschöpfungsnetzwerke gesteuert sein. Voraussetzung ist, dass für sie alle das gleiche Fertigungsprogramm maßgeblich ist, und dass sie alle nicht auf eigene Rechnung arbeiten und im Wettbewerb untereinander stehen. Tatsächlich könnte so - im Prinzip - nun eben auch eine ganze Volkswirtschaft gesteuert sein. Eine ganze Volkswirtschaft müsste sozusagen eine riesige Kette von (dem "System" bekannten!) Fertigungsaufträgen abarbeiten "wollen", woraus dann die jeweiligen Teilaufträge für alle zugehörigen kooperierenden Teilsysteme generiert werden.

Moderne Fertigungstechnologien machen so etwas im Prinzip technisch möglich. Die Konsumenten wählen auf Produkt-Plattformen, was sie produziert haben möchten, und die auf diese Weise wohlkoordinierte große Industrie "macht" es ihnen dann, und zwar möglichst innerhalb eines halben Tages. Was so entstünde, könnte man "Plattform-Sozialismus" nennen - weil dann das die Epoche bestimmende Produktionsmittel nicht mehr die private gewinnwirtschaftlich arbeitende Industriefabrik ist, sondern ein über Plattformen gesteuertes öffentliches Wertschöpfungsnetzwerk. Die "große Industrie" arbeitet dann nicht mehr mit dem Ziel der Kapitalverzinsung, sondern der Erzeugung von Gebrauchswerten, und "gehört" dabei der Gesellschaft (der Konsumenten).

Die ganze Volkswirtschaft wäre also nicht mehr wachstumsorientiert und renditegesteuert, sondern statisch und gebrauchswertorientiert. Tendenziell könnten die Produkte dann auch zu "Null-Grenzkosten" zu haben sein, sofern der technische Fortschritt dies erlaubt - was im Falle privater Kapitalunternehmen niemals möglich wäre. Es gäbe - selbst bei (fast) Null-Preisen - keinen ökonomischen Ordnungsverlust, keine Über- oder Unterproduktion, keine Verschwendung, und natürlich auch keine aufdringlichen Werbebotschaften.

Nicht die ganze Ökonomie ist automatisierbar

Weil aber die Dinge nie ganz kostenlos sein können, und außerdem die industrielle Produktion nicht alles herstellen kann, was die Menschen zum guten Leben brauchen, müssen sie also trotzdem arbeiten und Geld verdienen. Das passiert dann aber tendenziell außerhalb der Industrieproduktion. Es ist dann auch eine andere Art von Arbeit als in der industriellen Produktion, weil die tendenziell immer algorithmierbar, also berechenbar ist - darum kann man sie ja automatisieren. Was man aber automatisieren kann, soll man auch automatisieren. Übrig bleibt, was man nicht automatisieren kann und nicht automatisieren soll: menschenwürdige Arbeit.

Wenn die Produktion von Dingen nun nahezu komplett automatisiert ist, braucht man dazu keinen Unternehmer mehr, der dann die Hand zur Rentenextraktion aufhält - ohne also etwas dafür zu tun. Darum macht es dann mehr Sinn, wenn die "Gesellschaft" - die ja gerne die Konsumgüter konsumieren möchte - diese Dinge "selbst" herstellt bzw. eben herstellen lässt, von diesen gesellschaftlichen Wertschöpfungsnetzwerken.

Wenn die Technologie dieses Stadium erreicht hat, darf sie sich also nicht mehr in der Hand von Renditesuchern befinden. Denn die werden versuchen, den Zugang zu diesen Mitteln zu einem Geschäft zu machen, das ihnen einen konstanten Mittelzufluss beschert - risikolos und möglichst in alle Ewigkeit. Aus dem gleichen Grund sind etwa die Pharmakonzerne mehr an nicht endender Behandlung interessiert als an Heilung, und wenn doch Heilung, dann kostet eine Dosis 2 Millionen Dollar.

Die vierte Gewalt schläft nicht (ganz)

Die vierte Gewalt, wozu traditionell die öffentlichen Medien in Presse und Rundfunk gehören, scheint sich nun um Internet-Plattformen und "YouTuber" zu erweitern. Der Unterschied zu den etablierten Medien liegt darin, dass nur die Macher der Inhalte und deren Konsumenten entscheiden, ob die Inhalte "relevant" sind und darum verbreitet werden, nicht aber etablierte Redaktionen, deren Entscheidungen möglicherweise von Partialinteressen geleitet sind. Dies birgt natürlich Risiken, aber auch Chancen, weil so, wie die Erfahrung mit dem YouTuber "Rezo" zeigt, Inhalte in die öffentliche Debatte geraten, die von den etablierten Medien nicht oder nur ungenügend bearbeitet werden.

Was das Problem der "Vergesellschaftung" der Produktionsmittel angeht, besteht natürlich ebenfalls Grund zur Annahme, dass die etablierten Massenmedien - von denen sich viele in der Hand von monopolartigen Medienkonglomeraten befinden - dieses nur mit Vorbehalten anfassen. Es haben sich aber dennoch einige Stimmen zu Wort gemeldet, die die mit dem Auslaufen der kapitalistischen Expansion entstehenden Problemlagen adressieren und sich bemühen, Lösungsansätze anzubieten.

Der Physiker Timo Daum zum Beispiel zeigt (in seinem Buch "Das Kapital sind wir") schön auf, warum der Computer - die heute allgegenwärtige Maschine der Informatik - in ihrem innersten Kern eine universale Maschine ist, die tendenziell jede berechenbare Arbeit erledigen kann. Und er schließt daraus auch richtig, dass jede berechenbare Arbeit, die von einer Maschine erledigt werden kann, eines Menschen unwürdig ist, und darum auch von einer Maschine erledigt werden soll.

Aber er erkennt nicht, dass genau aus diesem Grund diese Maschine eben auch erst gesellschaftlich werden kann. Erst dann, wenn die Herstellung eines Produkts als berechenbare Prozedur aufgefasst werden kann, diese Prozedur also als Programm beschreibbar ist, können Universale Maschinen tendenziell beliebige Fabrikationsprogramme ausführen. Darum können sie dann sehr viele verschiedene nützliche Dinge produzieren, und darum für viele verschiedene Menschen nützlich sein. Heutige "Digital Factories" sind "Blackboxes", die "Dinge aus Daten" fabrizieren können. Diese Daten sind auf Plattformen als Produkte sichtbar, und die Konsumenten können sie nach Gusto auswählen.

Auch Paul Mason erkennt die zentrale Rolle der digitalen Technologien in der Phase des Auslaufens der kapitalistischen Expansion. Diese Technologie, die ja auch den Faktor "Wissen" als Produktionsfaktor entstehen lässt (Produkte als Programme bestehen sozusagen nur noch aus Wissen, wie auch die Maschinerie, die daraus physische Dinge machen kann), führt die Fähigkeit kapitalistischer Ökonomien zur Ordnungsbildung an ihre Grenzen, indem sie das Angebot tendenziell kostenlos, zu Null-Preisen, verfügbar macht. Mason behauptet, dies "zerstöre" das Preissystem, wobei es richtiger wäre zu sagen, dass aus Null-Preisen keine Allokationsvorgaben für die Betriebe generiert werden können; Nullpreise verlieren also ihre Steuerungsfunktion als Knappheitsindikator.

In seinem neuen Buch ("Klare lichte Zukunft") sagt er, er glaube, dass wir "kurz davor stehen, etwas zu verwirklichen, das Marx vorschwebte: eine von der Technologie befähigte Gesellschaft, in der die meisten Dinge, die wir konsumieren, kostenlos sein werden …". Die Grundlage dieser Technologie sind natürlich diese universal programmierbaren Automaten, die beliebige Dinge aus Daten machen können und die darum tendenziell auch kostenlos verfügbar gemacht werden können (soweit die Technologie selbst sowie erforderliche Energien und Rohstoffe kostenlos verfügbar gemacht werden können). Unter dieser Bedingung könne eine Utopie entstehen, in der "jedermann ein auskömmliches Leben führt und genug Freizeit hat, um sein menschliches Potenzial auszuschöpfen, und in der die Arbeit von Maschinen geleistet wird. Das gute Leben."

Leider verschweigt er, dass es eine einzige zentrale Bedingung gibt, die diese Art von gutem Leben ermöglicht: Die Maschinen müssen dann auch "jedermann" gehören. Das bedeutet aber wiederum nicht, dass "Eigentum keine Rolle spielen" wird, wie er sagt, sondern: nur das Eigentum an diesen Produktionsmitteln darf nicht mehr privates Eigentum sein. Dabei handelt es sich dann auch lange nicht um alle Produktionsmittel einer Gesellschaft, sondern nur um die, die "die grundlegenden Dinge, die wir zum Leben brauchen - Nahrungsmittel, Energie, Transport, Wohnung" herstellen, und noch einige Dinge mehr, die Mason vielleicht für nicht so wichtig hält, wie etwa Bekleidung, das Mobiliar für die Wohnung und einige Dinge mehr, die heute in Wohnungen gewöhnlich anzutreffen sind und zu einem heute üblichen Lebensstandard gehören.

Die Tendenzen zur Monopolbildung, die dieses Auslaufen der kapitalistischen Expansion begleiten, beschreibt Mason richtig: Es entstehen "riesige Monopole, deren Ziel es ist, die freie, kompetitive Preisbildung zu unterdrücken und den Wettbewerb in ganzen Marktsektoren zu beseitigen". Und auch diesen Trend beschreibt Mason richtig - der möglicherweise nun doch am Ende Marx Recht geben könnte mit seiner Prophezeiung der Verelendung der Massen: wegen der entstandenen Möglichkeit, die Löhne immer weiter zu drücken, verzichtet man auf an sich mögliche Automation und schafft "Millionen Arbeitsplätze, die es nicht geben müsste - der Anthropologe David Graeber bezeichnet sie als 'Bullshit-Jobs'".

Wir erleben nun also die "Transformation des Kapitalismus, der sich von einem auf der Produktion fußenden System zu einem auf dem Rent-Seeking beruhenden wandelt". Das war schon von Marx und später auch Joseph Schumpeter erwartet worden für eine Zeit, in der die realwirtschaftlich erfolgreiche Phase des Produktivkapitalismus zu Ende geht.

Das ist alles richtig - aber was nützen diese Erkenntnisse, wenn er dann erklärt, all die durch die Arbeit von Maschinen hergestellten Dinge sollen "durch direkte Kooperation der Menschen außerhalb des Marktes zur Verfügung gestellt werden"? Weiß er wovon er spricht? Hat man derartige "Kooperationen von Menschen außerhalb des Marktes" jemals gesehen - die dabei offenbar durch die Arbeit von Maschinen unterstützt werden, die extrem leistungsfähig und darum auch sicher (noch) extrem teuer sind?

Wenn er dann von einer Art Planung spricht, die "eine ganz andere Form annehmen" müsste als im autoritären Staatssozialismus, und deren wichtigstes Instrument "ein komplexes digitales Modell von Wirtschaft, Gesellschaft und Ökosphäre auf lokaler, nationaler und globaler Ebene sein" soll, scheint er eine vage Idee davon zu haben, dass dem Faktor Planung eine größere Bedeutung zukommen müsste als der reinen Marktsteuerung, aber es bleibt ihm offensichtlich vollkommen schleierhaft, wie das bewerkstelligt werden könnte und wo die Marxschen "materiellen Mittel" zu finden sind, die dies ja tatsächlich ermöglichen - und die eigentlich nur noch erkannt und ergriffen werden müssten.

An der Stelle führt Mason seine Leser leider gehörig in die Irre, und das ist nicht etwa ein Nebenaspekt, denn auf genau diese Erkenntnis kommt es eben an. Denn daraus folgt ja eben auch, dass die Gesellschaft enorme Anstrengungen wird auf sich nehmen müssen, um diese komplizierte und kostspielige Technologie zu diesen geschichtlich nie dagewesenen Zwecken zu entwickeln und zu installieren. Und dies dann - mit einer nicht geringen Wahrscheinlichkeit - ja auch gegen den vehementen Widerstand der Monopole, die dadurch natürlich ihre Quellen der erhofften ewigen Rentenabschöpfung versiegen sehen.



Billionaires for Future?

Dennoch geschehen gegenwärtig Zeichen und Wunder: Amerika wird gegenwärtig zunehmend von Sympathien für den "Sozialismus" befallen, und dies geht nun wohl schon so weit, dass auch die Profiteure des Systems den Glauben an den Kapitalismus verlieren. Dies gilt zumindest schon einmal für den Milliardär Ray Dalio, der mit der Gründung eines Hedge Fonds zu seinen Milliarden gekommen war. Hier geht es aber in erster Linie um das Thema Ungleichheit und relative Verarmung, dem man dann mit eher traditionell sozialdemokratischen Mitteln zu Leibe rücken will. Es ginge also eher um Reparatur und "Rettung" des Kapitalismus als um seine Überwindung.

Aber dies dürfte in der längeren (oder auch schon kürzeren) Frist weder das Problem der Klimakatastrophe und des Artensterbens lösen können, noch das der schwindenden wertschöpfenden Arbeit. Die "Utopie", an der Gesellschaften sich langfristig orientieren, muss darum eine andere sein. Und das bedeutet eben auch eine andere Art von Transformation als die, die von Amerikas "Sozialisten" - mit Unterstützung der "Modern Money Theorie" - umgesetzt werden soll.

Vielleicht wird es eines Tages ein paar Milliardäre geben, die bereit sind, auch eine solche Transformation zu fördern und zu unterstützen. Wünschenswert wäre es, denn eine planvolle, beherrschte, von den Wissenschaften geleitete und auf klar definierte Ziele zusteuernde Transformation zu konzipieren und zu erforschen dürfte ein kostspielige Angelegenheit sein, ganz abgesehen von den Kosten für deren Implementierung.

Leider unterstützen Milliardäre wie etwa der Finanzinvestor George Soros mit dem von ihm gegründeten "Institute for New Economic Thinking" eher das Interesse an einer Wiederbelebung des Kapitalismus, um den Finanzinvestoren neue Profite zu bescheren. Ganz im Gegensatz zu Soros müssten Milliardäre also so weise und abgeklärt geworden sein, wie Keynes und Schumpeter es von den dann "durch Wissenschaft, Zins und Zinseszins" reich gewordenen Angehörigen ihrer Oberschicht nach "Lösung des Problems der Ökonomie" erwartet hatten, und die sich lieber mit Literatur, Kunst und den schönen Dingen beschäftigen würden als mit der "halb-kriminellen, halb-pathologischen Neigung" zur unendlichen Geldvermehrung.

Doch darauf deutet bisher eben wenig hin. Zu wünschen wäre es, denn aus eigener Kraft und Verantwortung scheinen die Wissenschaften selbst dazu bisher nicht in der Lage zu sein. Dabei wäre Geld eigentlich reichlich vorhanden: Die Weltfinanzkrise soll die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union nach einer Studie des Transnational Institute (TNI) zwischen 2008 und 2015 mit diversen Geldspritzen und Rettungsplänen etwa 747 Milliarden Euro gekostet haben, womit vor allem die die Krise verursachenden Pleitebanken gerettet werden mussten. Und die Aufrüstung lassen sich die Staaten noch mehr kosten: Die 29 NATO-Staaten gaben 2018 963 Milliarden Dollar aus, vor allem um einer mehr oder weniger fabrizierten und herbeiphantasierten Bedrohung aus dem Osten gegenüber gewappnet zu sein.

Finanz- und Rüstungsindustrie verfügen offensichtlich über die bessere Lobby. So wird es am Ende dann vielleicht doch ein "katastrophales, katalytisches Ereignis" wie etwa die Reaktorkatastrophe von Fukushima oder eine Naturkatastrophe noch größeren Ausmaßes sein müssen, das ein Umdenken von der Liebe zum Geld zur Liebe zum Erhalt der Lebensmöglichkeiten auf diesem Planeten bewirken kann. Hunger, Klimachaos und die erkannte Möglichkeit einer Welt nach dem Kapitalismus können vielleicht gemeinsam die Welt retten.

Von Ludger Eversmann sind zum Thema die Bücher erschienen:

Marx' Reise ins digitale Athen: Eine kleine Geschichte von Kapital, Arbeit, Waren und ihrer Zukunft (2019)

Die Große Digitalmaschinerie: Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus mit den Mitteln der Computerwissenschaften (2017)

und das Telepolis-eBook: Projekt Post-Kapitalismus. Blueprint für die nächste Gesellschaft (2014)

(Ludger Eversmann)