"Pockets of Darkness"

US-Strategen habe nach den "failed states" die "feral cities" entdeckt, die die staatliche Ordnung unterminieren können

Städte sind zu den neuen Kampfgebieten geworden, weil hier Kriminelle, Aufständische und Terroristen schnell auf- und wieder untertauchen und alle notwendigen Ressourcen und Einnahmequellen finden können. Es ist schlicht die Masse an Gebäuden, Anlagen und Menschen, die ihnen Schutz gewährt, während sie für die Sicherheitskräfte und vor allem für militärische Aktionen ein Hindernis sind, da die Ausübung der vollen militärischen Gewalt aus politischen Gründen meist nicht möglich ist. Auch Präzisionsschläge fordern meist Opfer unter Zivilisten, und zudem können in aller Regel Medien die Vorfälle verfolgen und bloßstellen. Die Kämpfe im Irak haben gezeigt, dass in einem asymmetrischen Konflikt Aufständische keine Chance haben, wenn sie Territorien verteidigen wollen. In Städten wie Bagdad, die aufgrund ihrer Größe und Ausdehnung nur punktuell kontrolliert werden können, sind Aufständische, Terroristen oder Kriminelle hingegen kaum zu bekämpfen, solange die Wünsche von der umfassenden technischen Überwachung noch nicht in die Realität umgesetzt sind.

Bagdad mit einer Bevölkerung von 6 Millionen Menschen beherbergt, wie ein US-Armee-Bericht von Ende April 2005 notiert, "eine große Zahl von Aufständischen und Terroristen", und ist nur jüngstes Beispiel für die neuen Konfliktterritorien, auf die man auch im Militär schon länger aufmerksam geworden ist. Richard Norton hat bereits 2003 im "Naval War College Review" beschrieben, wo vermutlich die Mehrzahl von Kämpfen in Zukunft ausgetragen wird: in Städten eines besonderen Typs, die er nicht failed cities, sondern feral cities (wilde Städte) nennt (Richard Norton: Feral Cities. Naval War College Review, Autumn 2003, Vol. LVI, No. 4):

Stellen Sie sich eine große Metropole vor, die Hunderte von Quadratkilometern bedeckt. Dieses wachsende urbane Gebiet, das einst in einer Nationalökonomie ein wichtiger Bestandteil war, ist nun eine riesige Ansammlung von heruntergekommenen Gebäuden, eine gewaltige Petrischale für alte und neue Krankheiten, ein Territorium, in dem die Herrschaft des Gesetzes schon längst durch eine weitgehende Anarchie ersetzt wurde, in der die einzige vorhandene Sicherheit durch brutale Macht erreicht wird. Solche Städte hat man sich schon oft in apokalyptischen Filmen und in manchen Science-Fiction-Gattungen vorgestellt, wo sie oft als gigantische Versionen von T.S.Eliots Rat’s Alley dargestellt wurden. Aber diese Stadt würde weiterhin global vernetzt bleiben. Sie würde zumindest eine kleine Anzahl von wirtschaftlichen Verbindungen besitzen, und einige ihrer Einwohner würden Zugang zu modernsten Kommunikations- und Computertechnologien besitzen.

Norton sieht sein Konzept einer "wilden Stadt" nur als Möglichkeit, aber als eine Möglichkeit, die zu den "schwierigsten Sicherheitsproblemen des neuen Jahrhunderts" werden könnte. Man habe, so sagt er zu Recht, bislang zu sehr auf das Konzept der failed states geachtet und dabei die Entstehung von scheiternden Städten oder Stadtvierteln zu wenig beachtet.

Eine "wilde Stadt", wie Norton sie sich vorstellt, wäre eine Metropole mit einer Bevölkerung von mehr als einer Million Menschen. Je größer eine Stadt, desto schwieriger ist sie zu kontrollieren, wenn die Ordnung zerfällt und sich die Schwarzen Löcher ausbreiten, die von der staatlichen Macht nicht mehr oder allenfalls kurzfristig etwa in Form von Razzien mit Sondereinheiten der Polizei erreicht werden. Obgleich es kaum vorstellbar ist, dass Städte in ihrer Gesamtheit länger einer Zentralmacht entgleiten und so ganz gesetzlos werden, können doch große Teile abrutschen, während andere Stadtteile gewissermaßen geschützte Machtkorridore wären, wie dies ja auch schon vielfach in Megacities und anderen Städten mit Slums oder Ghettos der Fall ist. Für Norton zeichnet sich eine "wilde Stadt" ähnlich wie ein failed state durch ein weitgehendes Fehlen von sozialen Diensten und eine fehlende Rechtsordnung ab, was zu Unsicherheit und Gewaltanwendung führt.

Ordnung wird durch verschiedene Gruppen (Banden, Clans, Milizen oder Nachbarschaftsorganisationen) hergestellt, die auch die wirtschaftlichen Verbindungen tragen oder ermöglichen. Für die Umwelt jedenfalls würden solche weiterhin wachsenden Städte, die von extralegalen Gruppen mit meist kurzfristigen Interessen kontrolliert werden, zu "Katastrophengebieten" werden. Norton sieht, ganz dem Ordnungskonzept verpflichtet, in den "wilden Städten" einen sicheren Hafen für Rebellen- und Terrorgruppen, die sich hier ebenso wie Verbrecherbanden einnisten, mit diesen verschmelzen sowie leicht Finanzierungs- und Rekrutierungsmöglichkeiten finden könnten. Entscheidend für die Entstehung einer "wilden Stadt" ist nach Norton, dass schwache Staaten hier ihre Machtmonopol nicht mehr durchsetzen können oder es für sie günstiger sein kann, mit den urbanen Machthabern sich zu arrangieren, um das eigene Überleben zu sichern oder die nationale Wirtschaft nicht zu gefährden. Auch in weiter entwickelten Ländern könnte es praktisch möglich sein, solche "wilden Städte" militärisch einzunehmen, "doch würden die Kosten extrem hoch sein und die Operation ließe eher ein Trümmerfeld hinter sich als ein zurückerobertes und funktionierendes Bevölkerungszentrum". Das größte Problem liege freilich darin, dass die von Städten oder Stadtvierteln ausgehenden Probleme wie Gettoisierung, Kriminalität, Zerfall oder Armut bislang als innenpolitische Aufgaben gesehen wurden. Das aber sei mit der Globalisierung nicht mehr möglich, was letztlich auch hieße, dass die urbanisierte Welt die Ordnung der Nationalstaaten in Frage stellt und bedroht.

Wilde Stadte müssen nicht notwendig dem "Planet der Slums" (New Left Review 26, 2004, dt. in: Centrum 2004.2005. Jahrbuch Architektur und Stadt) angehören, wie Mike Davis die "gigantischen Konzentrationen der Armut" der zunehmenden Stadtbevölkerung in den großen Städten der Dritten Welt beschrieb. Aber die weltweit wachsenden Slums werden vermutlich der hauptsächliche Nährboden für die Verwilderung der Städte bilden. "Während der klassische Slum ein heruntergekommener Innenstadtsbezirk war, liegen die neuen Slums eher am Rande der explosionsartig wachsenden Ballungsgebiete", schreibt Mike Davis über den Charakter und die Dimensionen der urbanen Entwicklung.

Das Flächenwachstum von Städten wie Mexiko, Lagos oder Jakarta war in den letzten Jahren außergewöhnlich, und der ‚slum sprawl’ in den Entwicklungsländern ist ein ebenso großes Problem wie der suburbane Sprawl in den reichen Ländern. So hat sich die erschlossene Fläche von Lagos in einem einzigen Jahrzehnt von 1985 bis 1994 verdoppelt. Im Jahr 2003 berichtete der Gouverneur des Bundesstaats Lagos Journalisten, dass ‚etwa zwei Drittel der totalen Landfläche des Staats mit 3,577 Quadratkilometern als Hütten- oder Slumsiedlungen eingestuft werden können’. …Lagos ist einfach der größte Knotenpunkt in einem Korridor von Slums mit 70 Millionen Bewohnern, der von Abidschan bis Ibadan reicht: wahrscheinlich die größte zusammenhängende Fläche städtischer Armut auf der ganzen Welt.

In den Entwicklungsländern lebt nach UN-Schätzungen bereits jetzt die Hälfte der städtischen Bevölkerung in Slums. 900 Millionen Menschen, die in oft illegal errichteten, notdürftigen Behausungen ohne Wasser und Strom unter unhygienischen Bedingungen leben, sind aber ein gewaltiges Potenzial für Kriminalität und Revolten, zumal hier zwei von drei Kindern aufwachsen. Und die Aussichten sind bislang düster: So schwillt besonders die Slumbevölkerung an. 2030 soll sich deren Zahl auf zwei Milliarden verdoppelt haben, insgesamt werden dann 5 Milliarden Menschen oder 60 Prozent in Städten leben - und zwei Drittel in Slums. "Die Stadtentwicklung ist gekennzeichnet durch eine Zunahme der Armut und eine Abnahme des sozialen Schutzes", heißt es im Bericht UN-Habitat 2004/2005. Obdachlosigkeit und Armut steigen auch in den Städten der reichen Industrieländer an. Besonders die Kinderarmut hat in den letzten Jahren, vor allem in den USA, in Deutschland, Großbritannien oder Spanien, zugenommen. Diese Kinder wachsen zudem oft nur mit einem Elternteil auf, leben in den ärmeren Stadtvierteln und erhalten in aller Regel keine oder nur eine geringe Ausbildung. Der Weg in eine andere Zukunft ist hier oft schon von Anfang versperrt. Als Jugendliche bilden sie dann eine Rekrutierungsmasse für die Gangs, die sich in Slums und ghettoartigen Stadtvierteln etablieren. Eine in dieser Hinsicht nicht zu unterschätzende Gruppe sind die Straßenkinder, deren Zahl weltweit zunimmt. Schätzungen gehen von 100 Millionen und mehr Kindern aus, die sich oft schon von klein auf alleine auf den Straßen der Städte durchschlagen müssen und sich zu Gruppen zusammenschließen.

Selbst wenn für eine Vielzahl von Menschen die Auswanderung in die Stadt keinen Aufstieg, sondern oft eine Verschlechterung der Lebensbedingungen bedeutet, bleiben die Städte und urbane Regionen auch weiterhin die Motoren der Wirtschaft, auch wenn in den Städten große Bereiche davon ausgeschlossen sind und ähnlich den Entwicklungsländern lediglich billige Arbeitskräfte für die urbanen Wirtschaftsinseln bereitstellen. In Städten wird jetzt bereits weltweit 50 Prozent des Bruttosozialprodukts erwirtschaft, in den urbanen Industrieländern sind es 80 und mehr Prozent. Einzelne "Global Cities" erwirtschaften soviel wie ganze Länder. Im Großraum Tokio leben über 30 Millionen Menschen, ein Viertel der Gesamtbevölkerung Japans, die aber ein Drittel des gesamten Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet, etwa so viel wie ganz Frankreich. New York lag vor dem 11. September als Wirtschaftsraum weltweit an neunter Stelle, nur wenige Länder konnten dies überbieten. Osaka hat etwa dieselbe Wirtschaftsleistung wie Brasilien, Paris wie Mexiko oder Los Angeles wie Indien.

Ein wichtiges Ingrediens für das Wildwerden von Städten ist die Herausbildung von Gruppen, Gangs oder Banden, die in mehr oder weniger großem Stil die Kontrolle über Teile der Stadt ausüben oder zumindest dafür sorgen, dass Stadtviertel unsicher sind und als riskant gelten. In vielen Städten der Dritten Welt oder von Schwellenländern findet man Städte, die man fälschlicherweise als Einheit begreift. Auch der Begriff dual cities würde diese fragmentierten Gebilde falsch, weil zu einfach beschreiben, da es in ihnen miteinander verbundene Bereiche neben solchen gibt, die abgeschlossen wie Inseln oder Zellen in ihnen lagern oder an den Rändern andocken. Das Leben in diesen urbanen Inseln folgt wie in den Favelas von Rio de Janeiro und São Paulo oder in den Slums in Lagos oder Kapstadt eigenen Regeln, die von bewaffneten Banden brutal und blutig durchgesetzt werden. Leben ist hier wenig wert, und so wird damit auch umgegangen. Man übersieht als Außenstehender oft die Existenz dieser gewissermaßen exterritorialen urbanen Inseln, die sich dem staatlichen Rechts- und Gewaltmonopol entziehen, aber auch, dass diese mit den billigen Massentransportmitteln, den Migrationsströmen und den elektronischen Medien zu einem neuen Netzwerk zusammen wachsen und einen globalen Raum der "Schattenökonomie" bilden. Sie stellen die Kehrseite des Netzwerks der "Global Cities" (Saskia Sassen) beziehungsweise der entsprechenden Stadtgebiete dar, die als Pfeiler der globalen Ökonomie fungieren. Geht man von immer nur schätzbaren Zahlen aus, so ist die Bevölkerung des "Slumplaneten" oder des globalen Netzwerks der urbanen "Problemgebiete" mit jetzt schon bald einer Milliarde Bewohner ein massiver Instabilitätsfaktor für einzelne Länder, aber auch für die Weltordnung. Besonders dramatisch ist dies in den Entwicklungsländern, die seit einigen Jahrzehnten in eine Phase des explosiven, aber unsteuerbaren und wirtschaftlich nicht kompensierbaren urbanen Wachstums eingetreten sind und deren unüberschaubare Megacities zugleich ihre Machtzentren sind.

Angesichts dieser Dimensionen wurde im "Army War College" bereits diagnostiziert, dass das von der US-Regierung geprägte Konzept des "globalen Kriegs gegen den Terrorismus" viel zu simpel gestrickt sei, wenn man den Blick auf eine tieferliegende, nicht ausschließlich von Ideologie beherrschte Ebene der Sicherheit in den Städten richte. Der einseitige Blick auf den islamistischen Terrorismus habe zudem die Aufmerksamkeit und die Ressourcen von anderen Entwicklungen abgezogen, so dass seit 2002 auch die Gangs in den US-amerikanischen Städten wieder florieren konnten. Gruppen von Aufständischen ähneln aus dem Blick der US-amerikanischen Sicherheitsstrategen Gruppen, die ohne jede direkte politische Ausrichtung in Städten entstehen und dort zur Destabilisierung der staatlichen oder städtischen Ordnung in bestimmten Stadtregionen beitragen, da sie eine nichtstaatlich organisierte Ordnung durchsetzen. Mit urbanen "Aufständischen", die wie im Irak keinen großen Organisationen mehr angehören, sondern bestenfalls lose Verknüpfungen mit anderen Gruppen haben, und teilweise miteinander um den Einfluss auf bestimmte Territorien und auch um Medienpräsenz konkurrieren, öffnete sich der Blick auf die bekannten urbanen Gangs oder Straßenbanden, wie man sie aus US-amerikanischen Städten kennt. Allerdings haben auch sie sich grundlegend verändert. Zeitlich parallel zum "globalen Krieg gegen den Terror" haben sind Gangs in den amerikanischen Städten schnell gewachsen. Zugleich nahm ihre Brutalität zu, was sich in einer steigenden Zahl von bewaffneten Raubüberfällen, Verletzungen und Morden niederschlägt. In einer landesweit angelegten Razzia wurden im Zuge der "Operation Community Shield" im Frühjahr 2005 an die Tausend Mitglieder von 80 unterschiedlichen Gangs in den USA festgenommen, die schwere Verbrechen begangen haben sollen, wie das US-Heimatschutzministerium berichtete. Die Mehrzahl der Festgenommenen komme aus dem Ausland, überwiegend aus Lateinamerika. Der US-Heimatschutzminister Chertoff betonte, dass er das Phänomen der Gangs, die den "Zusammenhalt unserer Gesellschaft gefährden", sehr ernst nehme.

Die Zahl Gang-Mitglieder in den USA wurde 2005 auf 750.000 und mehr geschätzt. Alleine in Los Angeles soll es in 700 unterschiedlichen Gruppen über 100.000 Mitglieder geben, ein unübersichtliches Gespinst von verschiedenen Netzwerken von Gruppen. Aber viele dieser Gruppen agieren nicht nur in ihren Stadtvierteln oder Straßen und stammen aus diesen, sondern sie sind wiederum Teil von weit verzweigten, riesigen Banden mit manchmal Tausenden von Mitgliedern in einer einzigen Großstadt und mit engen nationalen und internationalen Verbindungen, die nur durch große räumliche Mobilität und enge Vernetzung durch die Informations- und Kommunikationsmittel möglich sind. Die Kommunikation zwischen Mitgliedern, die in den Gefängnissen Haftstrafen absitzen, und den in Freiheit Agierenden wird über Boten oder Handys aufrechterhalten. Ähnlich wie Terrornetzwerke oder das organisierte Verbrechen haben sich auch die einst vorwiegend lokal operierenden Gangs globalisiert und sind mit diesen verschmolzen. Und gleich Terrornetzwerken sind auch Gangs wie MS-13 transnational und riesig, aber eher flache, dezentrale Organisationen mit hierarchischen Kernen.

Hinter dem Abrücken vom traditionellen Bild des militärischen Feindes (hierarchisch organisierte Kampf- oder Terroristenverbände, die mit politischen Zielen versuchen, ein Territorium zu "befreien") steht die an sich wenig erstaunliche Erkenntnis, dass ein militärisches besiegtes Land noch lange kein befriedetes Land mit einer unumstrittenen Zentralregierung, geschweige denn ein demokratisches Rechtsstaat sein muss, während andererseits in "normalen" Staaten urbane Inseln in die Unkontrollierbarkeit. Solche Inseln oder Gebiete, die der staatlichen Kontrolle entgleiten, sind normalerweise auch die Zonen, in denen eine teure flächendeckende Überwachungstechnologie nicht zu finden ist, wie sie sich in den Geschäftsvierteln und Wohngegenden der vermögenderen Stadtbewohner ausbreiten. Andererseits rüsten sich die Menschen in diesen urbanen oder dörflichen Inseln mit Schutzanlagen und mit bewaffneten Sicherheitsdiensten auf. So können auch gated communities zur Instabilität beitragen, weil sie die staatliche Rechtsordnung überlagern oder beschneiden.

Mad Manwaring, Professor für Militärstrategie am "Army War College" schreibt in seiner Studie: "Street Gangs: The New Urban Insurgency" (März 2005): "Wir denken bei Widerstand normalerweise primär an eine militärische Aktivität, und wir stellen uns Banden als ein einfaches Problem der Strafverfolgung vor. Aber Aufständische und Banden führen eine hochkomplexe politische Handlung aus: den politischen Krieg." Auch Thomas Hammes vom "Institute for National Strategies Studies" der "National Defense University" beschreibt in seinem Artikel "Insurgency: Modern Warfare Evolves into a Fourth Generation" (Januar 2005) die neue Wirklichkeit des asymmetrischen Krieges:

Der Krieg der vierten Generation, der gerade im Irak und in Afghanistan stattfindet, ist eine moderne Form des Aufstands. Seine Anhänger versuchen die feindlichen politischen Führer davon zu überzeugen, dass ihre strategischen Ziele entweder unerreichbar oder zu kostspielig für den erwünschten Vorteil sind. Das grundlegende Prinzip ist, dass ein überlegener politischer Wille, wenn er richtig eingesetzt wird, eine größere wirtschaftliche und militärische Macht besiegen kann. Weil der Aufstand so organisiert ist, dass er eher politischen als militärischen Erfolg anstrebt, lässt sich diese Kriegsführung nur schwer niederschlagen.

Kennzeichen des "fourth generation warfare" (4GW) sei es, dass es keinen definierbaren Ort des Kampfes und keine zentrale Steuerung mehr gibt, Militärisches und Ziviles nicht mehr unterscheidbar ist und die Differenz von Krieg und Frieden verschwimmt. So sei auch die geläufige Unterscheidung zwischen Soldaten beziehungsweise "feindlichen" oder "nichtstaatlichen" Kämpfern und Zivilisten nicht mehr zu halten und durch "Nichtkombattanten" zu ersetzen, die trotzdem taktisch für die Aufständischen/Gangs operieren können. Die Ambivalenz von dual-use gilt also nicht nur in Bezug auf Technologien oder auf Gebäude/Städte/Orte, sondern auch auf Menschen.

Was wir sehen, sind zahlreiche nichtstaatliche und transnationale Akteure, zu denen auch Gangs gehören, die aktiv zur Störung und Destabilisierung beitragen. Diese Art der Aktion ist nicht notwendigerweise gegen eine Regierung gerichtet, sondern es handelt sich um effektive Mittel, indirekt ein Regime zu schwächen (…) Die Absicht kann einfach sein, ein Klima der Gewalt, des Chaos und des staatlichen Scheiterns zu schaffen und aufrechtzuerhalten, das dem Akteur die Bewegungsfreiheit gibt, die er benötigt, um sich persönlich und als Gruppe zu bereichern.

Aus solchen urbanen Krisenzentren der politischen und staatlichen Destabilisierung ergebe sich "eine Explosion an schwachen, inkompetenten, korrupten und/oder unaufmerksamen Regierungen, wie man sie in großen Teilen Afrikas, Europas und Lateinamerikas findet". Je mehr es solche urbanen Zonen der Instabilität gibt und je größer sie sind, desto eher nähert sich ein Staat dem Zustand eines failed state an, der nach der US-amerikanischen Doktrin auch zum Aktionsort von Terroristen werden kann, weil die staatliche Macht ihr Territorium und die Menschen in diesem nicht mehr kontrollieren kann und ihre Legitimität verloren hat.

Der "Feind" ist eigentlich, erklärt Manwaring, "eine Mischung aus Armut, Krankheit und anderen Ursachen von Kriminalität und gesellschaftlicher Gewalt." Dazu kämen weitere Übel wie fehlende gesellschaftliche und rechtsstaatliche Gerechtigkeit, Flüchtlingsströme, Nationalismus, religiöser Fundamentalismus, Umweltzerstörung oder ethnische Säuberungen. Manwaring spricht in diesem Zusammenhang auch von einer "Unordnung der neuen Welt", die von vielen Kräften ausgebeutet und verstärkt werden kann. Das beginnt ganz unten bei lokalen, oft ethnisch geprägten Jugend-Gangs, die auf den Straßen ihres Viertels herumziehen und diese durch ihre Überlegenheit als Gruppe, teils auch mit Anwendung von Gewalt kontrollieren und gegen konkurrierende Gangs verteidigen wollen, sich aber nicht keineswegs in kriminelle Banden verwandeln müssen. Wo allerdings Slums oder Ghettos schon länger bestehen und sich bereits Gangs seit mehreren Generationen entwickelt haben, sind diese mehr oder weniger stark auch in organisierte kriminelle Aktivitäten verwickelt.

Kriminelle Profis sind solche Jugendgangs oft nicht, aber sie können als Scharnier zur organisierten Kriminalität fungieren. Das "National Youth Gang Center" (NYGC) schätzt, dass mehr als ein Drittel aller Gangs in den USA bereits in den organisierten Drogenhandel verwickelt ist. Die dort gebotenen Karrieren und Verdienstaussichten sind oft der endgültige Einstieg in eine kriminelle Laufbahn.

Gangs gibt es heute in allen Formen. Die Mehrzahl der Gangs in den USA und in der ganzen Welt sind noch immer unbeaufsichtigte Gruppen von Jugendlichen. Diese lose organisierten Verbände sind meist männlich, aber an manchen Orten gibt es auch schon eine große Zahl von Mädchen-Gangs. In Großstädten in den USA und anderswo auf der Welt haben sich manche Gangs institutionalisiert und bestehen schon seit Jahrzehnten. Diese Gangs sind fest in eine illegale Wirtschaft armer Stadtviertel eingebettet. Sie sind mit Gefängnis-Gangs verbunden und spielen eine wichtige Rolle für das soziale und politische Leben in Stadtvierteln. Die große Zahl von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Gangs machen diese zu wichtigen urbanen Akteuren.

John M. Hagedorn, Soziologe und Gang-Experte

In den USA war die Gang-Szene, nachdem die politischen Gruppierungen wie die Black Panther oder Black Muslim zerschlagen wurden oder sich entpolitisierten, in den siebziger und achtziger Jahren primär vom Drogenhandel geprägt. Zu dieser Zeit kam die Droge Crack auf, die schnelles Einkommen versprach und zu Kämpfen um Viertel als Märkten führten. Die zu jener Zeit nach der Dominotheorie in Lateinamerika betriebene Unterstützung von Militärregimen zur Abwehr von linken Bewegungen und ein verschärftes Vorgehen gegen die Gangs führten aber, wie sich seit einigen Jahren beobachten lässt, nicht zu den gewünschten Ergebnissen und legen von der verkürzten Perspektive einer primär auf Wiederherstellung von Ordnung und Sicherheit ausgerichteten Politik Zeugnis ab. Die gewünschte Ordnung in Lateinamerika wurde nicht erreicht, vielmehr beginnen nun die Länder nach links zu driften und sich aus dem Einfluss der USA zu befreien. Und die einst ins Ausland abgeschobenen Probleme in Form krimineller Gang-Mitglieder kommen buchstäblich wieder zurück. Aus den lateinamerikanischen Ländern waren in den siebziger und achtziger Jahren viele Menschen aufgrund der blutigen Bürgerkriege und vor drohender Verfolgung in die US-amerikanischen Städte geflohen, wo sich die ersten Latino-Gangs wie beispielsweise die MS-13 in Los Angeles gründeten.

Überdies entstand gerade ab den neunziger Jahren, als die New Economy, ein städtisches Phänomen, zu boomen begann, der Druck der Besserverdienenden und Aufsteiger auf viele bislang ärmere Stadtviertel. Das führte nicht nur zu Verdrängungen, weil Wohnraum teurer wurde, sondern es setzte auch ein hartes Vorgehen der Polizei ein, um attraktive städtische Räume vom Verbrechen und damit auch von Gangs zu säubern. Die Strategie, schon nach dreimaligen leichten Vergehen Gefängnisstrafen zu verhängen, senkte zwar die Kriminalität und machte viele Bereiche von Städten sicherer, dafür aber explodierte die Gefängnispopulation. Das Gefängnissystem ist den USA selbst ein verstreuter Inselstaat im Staat und eine weitere Facette der partikularisierten urbanen Welt aus gated communities, Ghettos, Shopping Malls, Freizeitparks und anderen überwachten Anlagen/Gebäuden wie Flughäfen, Regierungsvierteln, Industrieanlagen, Bürokomplexen etc. In den über 5.000 Gefängnissen der USA sind mehr Menschen als irgendwo sonst eingesperrt. Derzeit werden nach Angaben des "International Centre for Prison Studies" der "University of London" über 2 Millionen Menschen im "Land of the Free" hinter Mauern im Gefängnissystem gehalten. Das sind 726 Gefangene auf 100.000 Bürger (zum Vergleich: in Deutschland beträgt die Rate 96 auf 100.000 Einwohner). Zu den Gefängnisinsassen kommen noch über 4 Millionen Menschen, die eine Bewährungsstrafe haben, sowie fast 800.000 Straftäter, die einen Teil der Strafe unter bestimmten Auflagen und schon oft mit einer "elektronischen Fessel" in Freiheit abdienen können.

Gangs gibt es in allen US-Städten mit einer Einwohnerzahl über 250.000, mehr und mehr aber auch schon in kleineren Städten und Vororten. Waren sie in den siebziger Jahren noch erst in 200 Städten verbreitet, so werden jetzt aus über 3.000 Städten Gangs gemeldet. Wenn es zutrifft, wie das "National Youth Gang Center" schätzt, dass es in den USA über 700.000 Mitglieder von über 20.000 Gangs gibt, dann ist dies eine beachtliche Rekrutierungsmasse für professionellere Gruppen und Banden. Das FBI bestätigt im "2005 National Gang Threat Assessment" die Ausweitung des Phänomens:

Gewalttätige Straßenbanden, die man früher vor allem in großen Städten angetroffen hat, beeinflussen jetzt die öffentliche Sicherheit, das Image und die Lebensqualität von Kommunen aller Größenordnungen in urbanen, suburbanen und ländlichen Gebieten. Gangs wirken auf die Gesellschaft auf allen Ebenen ein und führen zu einer wachsenden Angst um die Sicherheit, vor Gewalt und vor wirtschaftlichen Kosten.

Nach dem FBI sind viele Gangs am Drogenhandel, vor allem auf der untersten Stufe beteiligt. Zunehmend lasse sich eine Verflechtung der Gangs mit dem organisierten Verbrechen beobachten. Zudem nehme die Ausstattung mit Schusswaffen und deren Einsatz zu, am stärksten bei mexikanischen, chinesischen und russischen Organisationen. Diese setzten die Gangs als lokale Gruppen zum Drogenhandel und/oder zur Kontrolle des Territoriums ein. Technisch würden die Gangs immer stärker auf neue Technologien setzen, um ihren Handlungsspielraum zu erweitern und der Strafverfolgung zu entgehen. Und auch das FBI weist darauf hin, dass besonders die Latino-Gangs stark zunehmen und sich im ganzen Land ausbreiten. Nach dem "National Youth Gang Survey" waren bereits 2001 49 Prozent aller Gang-Mitglieder Latinos.

Das Einsperren würde, so das FBI, die Aktivität der Gangs nicht entscheidend schwächen, da damit die Verbindung unter den Mitgliedern nicht abreißt. Das Leben im Gefängnis zwinge die Gefangenen zum eigenen Schutz dazu, sich erstmals oder wieder Gangs anzuschließen, wenn sich nicht im Gefängnis bereits eine Gruppe von Gang-Mitgliedern findet. Nach der Gefängnisstrafe bleiben dann viele in diesen Netzwerken hängen. Daher gedeihen gerade in den Gefängnissen, diesen gated communities der Ausgeschlossenen, die Gangs. Das FBI spricht landesweit von mehr als 1.600 Gangs mit über 110.000 Mitgliedern in den Gefängnissen. Dominant seien hier vor allem die Crips, Bloods, Gangster Disciples und Latin Kings, sowie die Aryan Brotherhood, The Mexican Mafia, La Nuestra Familia, die Black Guerilla Family und das Texas Syndicate.

Gangs nutzen zunehmend die neuen Informations- und Kommunikationsmedien, die einen raumübergreifenden Kommunikations- und Handlungsrahmen eröffnen und die früher vorwiegend lokalen Gruppen in bestimmten urbanen Gebieten auch mit dieser virtuellen Erweiterung internationaler machen. Handys dienen der Absprache. Überwachungstechnologien werden eingesetzt, um Taten vorzubereiten oder sich vor Überraschungen zu schützen. Mit Notebooks, PDAs und PCs werden die Aktivitäten protokolliert, mit dem Computer lassen sich auch Schecks oder Geldscheine fälschen. Deutlich wird auch, dass das Internet nicht nur der engeren Kommunikation und Koordination dient, sondern neben den herkömmlichen "Tätigkeitsbereichen" wie Drogenhandel, Prostitution, Glücksspiel, Raub etc. neue Handlungsbereiche erschließt.

Über das Internet und die dank des mangelnden Datenschutzes dort zahlreich findbaren persönlichen Daten lassen sich Zeugen identifizieren und einschüchtern. Angeboten werden, wie das FBI sagt, "Internetprostitution" und zunehmend auch Computerspiele, die mit hohen Geldeinsätzen gespielt werden. Gangs drängen auch in das Geschäft mit raubkopierten Dateien, die im Internet gehandelt werden. Angeblich könne auf der Ebene der Gang-Geschäfte im Augenblick mehr Geld mit dem Vertrieb raubkopierter Filme als mit Drogen gemacht werden. Zudem wird der Bereich des "Identitätsdiebstahls" attraktiver, bei dem relativ gefahrlos etwa über "Phishing" Internetbenutzer getäuscht werden, die dann auf gefälschten Websites ihre Kreditkartendaten, PINs, TANs oder andere persönliche Daten einzugeben. In den USA scheinen hier besonders asiatische Gangs zu dominieren. Mit dem Einschleusen von Trojanern lassen sich Computer und Netzwerke ausspähen. Websites, die meist passwortgeschützt sind, dienen dazu, Informationen auszutauschen und sich regional oder international zu koordinieren. Mit dem Aufenthalt in den virtuellen Räumen können sich Gangs teilweise sogar aus den urbanen Räumen zurückziehen und virtuelle Gangs bilden, deren Mitglieder sich gar nicht kennen, sondern über die ganze Welt verstreut sind. Solche nationalen und internationalen Crackergruppen dringen beispielsweise in Websites ein und klauen Kreditkartendaten oder erpressen kommerzielle Website-Betreiber mit DDoS-Angriffen, mit denen Websites lahmgelegt werden können.

Für die Entwicklung international agierender Gruppen aus urbanen Gangs, zu der die berüchtigte Mara Salvatrucha (MS-13) gehört, die neben Drogen auch Menschen über die Grenze schmuggelt, sind die mittelamerikanischen Organisationen ein gutes Beispiel. Interessant ist, dass die Internationalisierung und Machterweiterung direktes Ergebnis einer verfehlten Politik der USA gewesen sind. Die Ausbreitung der Banden begann damit, dass die USA zu Beginn der neunziger Jahre junge Straftäter, die in urbanen Gangs organisiert waren und dort bereits ihren Unterhalt mit kriminellen Aktivitäten bestritten, wieder in die Heimatländer ihrer Eltern nach Asien, aber vor allem nach Lateinamerika abschoben. Dabei handelte es sich keineswegs nur um junge Latinos, die schwere Straftaten begangen haben, sondern auch um Kleinkriminelle. Oft haben die Abgeschobenen fast ihr ganzes Leben in den USA verbracht oder sind dort aufgewachsen, waren aber werden in den USA noch in ihrer Heimat verwurzelt, was zu vielen Problemen führte, wie dies auch in europäischen Ländern bei Zugewanderten - am stärksten bei Muslimen - deutlich geworden ist. Während man US-amerikanische Straftäter schneller in die Gefängnisse brachte, um durch Abschreckung und Einsperren die Städte sicherer machen zu wollen, war die Abschiebung der Einwanderer in die mittelamerikanischen Länder wie Guatemala, San Salvador oder Nicaragua ein auf den ersten Blick weitaus billigeres und effizienteres Mittel zur "Säuberung". Wurden 1996 30.000 Zuwanderer, die eine Straftat begangen hatten, abgeschoben, so waren es 2003 bereits 80.000. In den Gefängnissen von El Salvador sind 60 Prozent der inhaftierten Gang-Mitglieder Personen, die von den USA abgeschoben wurden oder von dort geflohen sind, um einer drohenden Strafverfolgung zu entgehen. Die Abschiebung war auch eine Folge der Praxis, die Gang-Mitglieder in Gefängnisse zu stecken, wodurch aber eher deren Zusammenhalt und insgesamt die Kriminalität gefördert wurden. Mit der massenhaften Abschiebung, so dachte man sich, würde man die Probleme über die Grenze exportieren können. Solche "Lösungen" werden derzeit auch in EU-Ländern bei mutmaßlichen Islamisten oder sogenannten "Hasspredigern" attraktiver.

Allein in San Salvador gibt es 40.000 aktive Gangmitglieder, die wiederum in Verbindung mit Tausenden stehen, die in den USA, in Mexiko, Kanada oder auch in Europa leben. Die Gangs, auch "Maras" genannt, setzen ihre Interessen mit großer Brutalität durch, so dass sich hier das Leben in den Städten unter ähnlichen Bedingungen abspielt, wie sie schon lange in den Favelas von Rio und São Paulo anzutreffen sind: "In Guatemala wurden 2004 mehr als 3.500 Menschen, darunter 455 Frauen, ermordet", schreibt Thomas Bruneau in "The Maras and National Security in Central America" (Strategic Insights, Volume IV, Issue 5, May 2005). "Die Mehrzahl dieser Morde wurde im Freien bei hellem Tageslicht ausgeübt. Viele der verstümmelten Leichen wurden als grausame Erinnerungen an die Brutalität der Gangs zurück gelassen. Die Korruption der Regierungen und die fehlende Kontrolle des nationalen Territoriums haben es kriminellen Gangs und anderen organisierten Verbrecherbanden ermöglicht, ohne Strafe fürchten zu müssen, in jedem mittelamerikanischen Land und über die Grenzen hinweg operieren zu können." MS-13 soll insgesamt fast 100.000 Mitglieder haben, davon 20.000 in den USA und einige Tausend in Kanada. "Da die Gangs ihre eigene Sprache und eigene Symbole haben", so Bruneau, "ist es für die Polizei schwierig, auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Sie sind transnational, da sie sich schnell durch die ganze Region bewegen, auch in die USA und nach Kanada und wieder heraus. Wenn sie in einem Land wie beispielsweise El Salvador verfolgt werden, gehen sie einfach in das benachbarte Guatemala oder Honduras, um der Festnahme zu entgehen. In Interviews in El Salvador wurde mir bereichtet, dass die MS-13 in einem Land einen Mord geplant und ausgeführt hat, indem man sich mit Mitgliedern in zwei anderen Ländern koordinierte. Auch wenn der Nationalstaat noch die Organisation für Gesetze, Militär und Polizei sein mag, können die Maras an den Rändern arbeiten und die staatliche Herrschaft unterwandern."

Die Gefahr bestünde, so Manwaring über die Situation in Mittelamerika, dass die "halb-kriminelle und halb-politische" Macht der Gangs, neben Aufständischen und Terroristen Prototypen "nichtstaatlicher Akteure" in asymmetrischen Konflikten, allmählich ganz aus der Kontrolle gerät und dann womöglich doch umschlägt in Kämpfe, um die politische Kontrolle des Territoriums zu übernehmen. Schon jetzt würden die Gangs und Organisationen immer größere Bereiche der Städte und zunehmend auch des Landes in einem Staat kontrollieren und hätten teilweise Bewegungsfreiheit auch zwischen den Staaten. Mittelamerika könnte sich so erneut zum Pulverfass entwickeln. Diesmal aber geht es nicht um die durch den Kalten Krieg angeheizten Kämpfe zwischen linken und rechten Bewegungen, bei denen die USA nicht die demokratisch gewählten Regierungen, sondern die antikommunistischen Kräfte gestützt hatten, die dann Diktaturen bildeten und mit großer Brutalität sowie mit Todesschwadronen ihre Macht sicherten und viele Menschen verschwinden ließen, folterten und töteten. Das mögliche Umkippen Mittelamerikas in eine failed region wäre die späte Konsequenz dieser falschen Politik, die nicht nur korrupte Regimes und heimlich operierende Milizen förderte, sondern auch große Migrationswellen verursachte.

Mittlerweile wird das Problem in vielen Ländern bereits als das größte nationale Sicherheitsrisiko behandelt. Honduras, El Salvador, Panama, Guatemala und Mexiko haben 2003 eine enge Zusammenarbeit vereinbart, um gegen die Gangs vorzugehen, die sich mit Abschiebung und Rückwanderung internationalisiert haben.

Die hier vorgestellte neue Perspektive, wie sie in den von US-Strategen diskutierten Zusammenhängen zwischen staatlicher Erosion, urbanen Gangs und Stadtkämpfen von Aufständischen mit dem Übergang vom Konzept der failed states zu den failed oder feral cities hergestellt wird, hat ein Doppelgesicht und verstärkt die Tendenz, politische Gegner nach alten Strategien zu Verbrechern und genuin soziale Probleme zu militärischen Konflikte zu machen. Einerseits wird zwar kritisch hervorgehoben, dass die neuen Konflikte in Städten mit anderen militärischen Strategien und Mitteln ausgetragen werden müssen, weil sich mit den Kriegszielen und der globalen Berichterstattung auch die Kriegsschauplätze und die Gegner verändert haben. Auch wenn die Vereinten Nationen noch weit davon entfernt sind, eine Art Weltregierung zu sein, so spielen sich dennoch viele Konflikte mittlerweile durch ihre Existenz auf der Bühne einer Weltinnenpolitik ab. Das aber würde auch bedeuten, dass sich die gewalttätigen Konflikte von der Ebene internationaler Kriege auf die solchen Phänomenen eher angemessene polizeiliche Ebene der internationalen Verbrechensbekämpfung verlagern sollten.

Dass Städte völlig unregierbar werden, ist nur ein möglicher Endpunkt, von dem aus die Risiken des "Wildwerdens" besser oder überhaupt erst erfasst werden können. Viele Städte, die meisten Großstädte und alle Megacities in ärmeren Ländern enthalten bereits "wilde" Inseln oder ein Archipel von solchen "pockets of darkness", wie P.H.Liotta und James F. Miskel (Redrawing the Map of the Future, World Policy Journal, Frühjahr 2004) dies nennen. Aus der Perspektive der "Verwilderung" können diese Städte als "Patchwork"-Regionen mit mehr oder weniger sicheren oder riskanten Teilen verstanden werden. Liotta und Miskel meinen, dass solche Schwarzen Löcher oder gesetzlose Zonen in noch nicht gescheiterten Staaten, die sie mit Zombies vergleichen, international noch eine größere Bedrohung darstellen als wirkliche failed states, weil sie im Gegensatz zu diesen Parias der Staatengemeinschaft von der Souveränität des Staates profitieren und in die globalen Ströme eingebunden bleiben.

Die große Frage für die Zukunft der urbanisierten Gesellschaft wird sein, ob vor allem die Großstädte und Megacities in den Entwicklungsländern auch den Menschen aus den ärmeren Schichten die Chance zu einer Teilnahme am sozialen und wirtschaftlichen Leben in einem demokratischen Rechtsstaat mit staatlichem Gewaltmonopol bieten können. Dann wären sie nicht mehr länger genötigt, sich am Rande der Gesellschaft durchzuschlagen und ihren Status als Ausgeschlossene zu bekräftigen, indem sie gesellschaftliche und urbane Strukturen des Ausschlusses aufbauen oder sich in diese integrieren. Die von den Sicherheitsstrategen in all ihrer Einseitigkeit dennoch richtig verstandene Gefahr besteht, dass mit vielen "wilden" Enklaven ab einem bestimmten Punkt - dem Eintritt der Fluchtgeschwindigkeit, mit der ein Gegenstand das Gravitationsfeld eines Himmelskörpers verlassen kann - in den Städten eine Erosion der öffentlichen Ordnung eintritt, die den Zerfall eines Landes in failed cities oder besser: in ein Konglomerat aus relativ autonom durch Gangs oder andere Gruppen "regierten" urbanen Enklaven beschleunigt, die allerdings wiederum, wie wir gesehen haben, zunehmend transnational vernetzt sein können. Dadurch entstünde ein Netz von failed cities, von urbanen Parallelgesellschaften zum System der Nationalstaaten. Ansätze dazu gibt es, wie wir gesehen haben, etwa in Mittelamerika. Man kann sich durchaus vorstellen, dass in Zukunft Städte nicht nur nach sozialen Schichten und bestimmten Funktionen räumlich aufgeteilt und durch Überwachung voneinander abgegrenzt sind, sondern dass neue Grenzen durch die Städte hindurch gehen, die mit Hightech-Anlagen gesichert und von Sicherheitskräften, Milizen oder Gangs kontrolliert werden. Ein solches Archipel überregional, international und auch global vernetzter urbanen Regionen mit bestimmten Korridoren - den Flugplätzen, Autobahnen, Häfen, Geschäfts- und Verwaltungszentren sowie gesicherten Wohnanlagen - und den davon teilweise ausgegrenzten oder sich auf andere Weise organisierenden urbanen Regionen und Korridoren existiert schon heute. Diese urbane Kluft lässt allerdings noch meist die staatliche Integrität intakt, die erst, so wie in Somalia oder im Irak, durch Bürgerkriege oder Interventionen in Frage gestellt würde.

Dieser Prozess kann durch vorhandene ethnische, kulturelle oder religiöse Konflikte verstärkt werden, die an dem Zusammenhalt der oft durch äußere Macht zufällig gebildeten "Nationalstaaten" rütteln. Möglicherweise können auch globale Konzerne in das Machtvakuum direkt als politische agierende Akteure eintreten und sich in einem wahrhaften "corporate government" territoriale Einflusszonen sichern, die nicht mehr geographisch, sondern nur logistisch zusammenhängen müssen. Nichts spricht dafür, dass die jetzige Ordnung der Nationalstaaten von Dauer ist. Und insbesondere die europäische Geschichte zeigt, dass die Fragmentierung von Gesellschaften in einen Archipel von kleineren konkurrierenden, koalierenden oder neutralen Akteuren und Stadtstaaten zwar eine große Instabilität, aber auch eine keineswegs nur negative Dynamik hervorbringen kann. Der Weg von den failed states zu den wilden Städten, vor dem die Sicherheitsstrategen warnen, könnte mit der Instabilität auch ein Aufbruch in eine neue Renaissance sein. Das aber wird, wenn man nur auf Bedrohungen achtet und den "langen Krieg" gegen den Terrorismus ausruft, den man schließlich überall zu sehen beginnt, auch schon gedanklich verstellt

Dieser Beitrag ist die gekürzte Version eines Artikels aus dem Buch Vom Wildwerden der Städte von Florian Rötzer, das kürzlich in der Reihe Bauwelt Fundamente (Bd. 135, 167 S., 24,90 €) im Birkhäuser Verlag erschienen ist.

(Florian Rötzer)

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