Poesie, Professoren, Sex und Ruhm

Schmutziger Dichterwettbewerb um den Oxford Professor of Poetry. Update

Um Geld geht es weniger. Leben kann man von diesem Job kaum, die Universität zahlt nur 6,901 Pfund - für drei Vorlesungen im Jahr. Doch das 300 Jahre alte Amt des Oxford professor of poetry ist ein Höchst-Amt, ein 8000er-Gipfelthron der Dichterkarriere, knapp unter dem Olymp des Nobelpreises und der Unsterblichkeit. Und also verständlich, dass man vieles dafür tut, den Posten zu bekommen, auch wenn die Dichterhände möglicherweise dafür tiefer in den Schmutz der Welt greifen.

Zwei große, aussichtsreiche Bewerber gab es, einen Nobelpreisträger und die Ur-ur-Enkelin von Darwin. Die größten Aussichten hatte Derek Walcott, der Literaturnobelpreisträger von 1992, mittlerweile 79 Jahre alt. Die Aristokratie der englischsprachigen Literatur versprach sich viel von dem, was Walcott über Poetry zu lehren hatte. Dinge, die über Oxford hinaus auch andere, größere Kreise interessieren könnte, nachdem sich Überkapazitäten nicht nur beim Autobau zeigen, sondern auch im täglichen Über-Angebot an Informationen. Ein Dichter vom Range Walcotts hätte von dem Strahleposten aus eine substantielle Bereicherung beisteuern können, so die Hoffung.

Doch kurz vor dem Zieleinlauf Mitte Mai wurde diese Hoffnung zerstört. Mit einem klassischen Manöver aus der jüngsten literarischen Moderne: Dokumente tauchten auf, die per anonymer Mail an relevante Personen gingen. Das Schreiben erinnerte daran, dass Walcott sich in den achtziger Jahren in Harvard für einen Fall sexueller Belästigung entschuldigten musste und er sich Mitte der 1990er Jahre mit einem ähnlichen Vorwurf an der Boston University konfrontiert sah. Die Angelegenheit wurde außerhalb des Gerichts beigelegt; ein Roman ehemaliger Studentinnen Walcotts, hatte dies zum Thema, pikante Auszüge daraus wurden ebenfalls verschickt.

Aus dem poeta laureatus Derek Walcott wurde ein dirty old Wüstling. Der Mann, der aus diesem Grund den Campus in Harvard verlassen musste, galt nun auch für den heiligen Boden der Wissenskathedrale in Oford nicht mehr tragbar. Seine Kandidatur war erledigt, das wusste Walcott und zog seine Bewerbung zurück:

I am disappointed that such low tactics have been used and I do not want to get into a race for a post where it causes embarrassment to those who have chosen to support me or to myself. While I was happy to be put forward for the post, if it has degenerated into a low and degrading attempt at character assassination, I do not want to be part of it.

Die Wahl gewann am 16.Mai die Mitbewerberin Ruth Padel, die sich gegenüber dem indischen Bewerber Arvind Mehrotra mit deutlicher Mehrheit durchsetzen konnte. Der Versuch einiger „ranghoher Oxfordianer“ die Wahl wegen mancher Ungeklärtheiten noch einmal aufzuschieben, scheiterte. Ruth Padel, die Dichterin mit der Darwin-Abstammung, sprach von einem „bitteren Sieg“ und betonte die kollegiale Solidarität mit Walcott. Auch von ihr erwartete man dringend nötige frische Impulse für den Posten, der zuletzt etwas Staub angesetzt hatte. Zumal ihr Werk Poesie mit Erkenntnissen aus der Naturwissenschaft verknüpft und, so das Versprechen, neue Zugänge für eine Gattung erwarten lässt, von der ein weitverbreitetes Vorurteil sagt, dass sich nur Dichter dafür interessieren (und die vor allem für Sachen aus der eigenen Fabrikation).

Doch offenbarte sich am vergangenen Wochenende ein allzu humanes Moment der gelernten Griechisch-Professorin: der menschliche Makel, so der Titel eines Romans von Philip Roth, der politische Korrektheit und öffentliche Ächtung auf Verdacht zum Gegenstand hat. Wie britische Medien gestern berichteten, stellt sich nämlich heraus, dass Ruth Padel selbst im April E-Mails versandte, welche auf die schmutzige Vorgeschichte Derek Walcotts hinwiesen (wie auch auf körperliche Unzulänglichkeiten aufgrund seines Alters). Tage später wurde das Sex-Thema öffentlich. Im Independent erschien ein Artikel von John Walsh, einem Freund der Dichterin, der auf die „beunruhigenden Schatten der sexuellen Belästigungen, die Walcott umgeben“ aufmerksam machte. Andere Zeitungen wie der Guardian und die Times nahmen die Geschichte auf.

Kurz danach gingen Auszüge aus dem Roman „The Lecherous Professor“ mittels anonymer Mails an Personen des Wahlgremiums, die den Kandidaten für den Posten bestimmen sollten.

Am Tag nach der Wahl, als Padel von dem „bitteren Sieg“ sprach, hatte sie der Öffentlichkeit erklärt, wie sehr sie Walcott bewundere und dass sie nichts mit der schmutzigen Hintertür-Aktion zu tun habe - “I deeply admire [Walcott’s] work and dissociate myself completely from any clandestine operations against his candidature. Neither [my campaign managers] nor I mentioned Walcott’s harassment record and had nothing to do with any behind-doors operation” - jetzt ist sie selbst in Bedrängnis geraten und versucht zurechtzurücken:

Ich wusste nichts von den anonymen Mails und hätte gewünscht, dass John Walsh's Artikel nie erschienen wäre. Ich wurde von einer Studentin in Oxford kontaktiert, die überzeugt war, dass die Beziehungen Herrn Walcotts mit Studentinnen relevant sei. [...] Weil ihre Besorgnis anscheinend zum großen Bild dazugehörte, hab ich das an zwei Journalisten weitergegeben. Ich hätte das niemals gemacht, wenn ich von den anonymen Mails gewußt hatte bzw. von Journalisten, die beabsichtigen dieses Thema so herauszustellen.

In der E-Mail, die sie im April an die Journalisten verschickte, vertrat sie laut Informationen der Times aber noch eine leicht abweichende Position:

Was er tatsächlich tut, können sie in einem Buch nachlesen, das The Lecherous Professor heißt; es berichtet von einem von zwei seiner gerichtsnotorische Fällen von sexueller Belästigung.

Nun flammt der Streit über den besten Professor für Poesie an der Universität Oxford neu auf, sogar prominente Anhänger von Ruth Padel rudern zurück und verlangen einen Verzicht der Dichterin, die das wilde Tier in ihren Gedichten feiert. Neue Bewerber für den Posten melden sich, aber es gibt auch Unterstützer für Padel, die Leitung in Oxford hält sich vornehm zurück: Solange keine offizielle Klage vorliege, gebe es auch keine Untersuchung der Vorfälle.

Update:

Ruth Padel erklärte gestern abend bei einer Pressekonferenz ihren Rücktritt von der Poetik-Professur. Sie wolle nicht, dass die Fakultät bzw. die Universität über ihre Berufung gespalten sei. In ihren weiteren Erklärungen entschuldigte sie sich bei Derek Walcott, „für alles, was ich getan habe, was irrtümlich dahin gehend ausgelegt werden könnte, dass ich gegen ihn sei“.

Padel erklärte weiterhin, dass sie selbst einem schwerwiegenden Irrtum in ihrem Urteil unterlegen sei, als sie „naiv und dumm“ diese E-Mails abgeschickt hätte. Sie wollte dadurch doch nur die Besorgnis von Studenten ausdrücken, die diesen Aspekt der Vorgeschichte Walcotts auch beachtet sehen wollten. Es sei ein Fehler von ihr gewesen, nicht darauf geachtet zu haben, dass dies im Zusammenhang mit der Kampagne gegen Walcott missverstanden werden könnte. Mit der größeren Kampagne habe sie nichts zu tun.

Indessen machten britische Zeitungen darauf aufmerksam, dass auch höchst angesehenen englisch-sprachigen Dichtern an heutigen Standards gemessen untragbare Verfehlungen anzulasten wären (via New York Times, Danke an Tom Appleton):

Michael Deacon in The Telegraph cited Lord Byron (“womanizer”), Samuel Taylor Coleridge (“drug fiend”), John Keats (“smackhead”), Rudyard Kipling (“imperialist”), T. S. Eliot (“lines that could be construed as racist”) and Dylan Thomas (“drank like a drain, begged and stole from friends”), among others, and concluded, “Not one of them, were they alive today, could hope to land the Oxford post — they just don’t meet the exacting moral standards set by people who conduct smear campaigns.

Ruth Padel war neun Tage lang die erste Frau Professor in der 300jährigen Geschichte des Lehrstuhls. (Thomas Pany)

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