Poison Papers: Schatztruhe voll toxischer Geheimnisse

  –  Bernd Schröder

Bild: Poison Papers

Die Ende Juli 2017 veröffentlichten "Poison Papers"[1] sind eine Sammlung von Korrespondenzen und wiederentdeckten Dokumenten, die bis in die 1920er Jahre zurückreichen. Sie zeigen, dass sich sowohl die chemische Industrie als auch die zuständigen Regulierungsbehörden der außerordentlichen Toxizität vieler chemischer Produkte trotz anderslautenden Beteuerungen durchaus bewusst waren - und wie beide Seiten zusammengearbeitet haben, um diese Informationen vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

Die "Poison Papers"-Aktivisten glauben, dass ihre Veröffentlichung die verbreitete Wahrnehmung der von Chemikalien ausgehenden Gefahren ändern kann, weil die Dokumente eine zusätzliche Dimension ans Licht holen: das Ausmaß des Betrugs, mit dem diese Stoffe marktfähig gemacht wurden, von Behörden, deren Aufgabe eigentlich im Schutz von Gesundheit und Umwelt besteht.

Die "Poison Papers" sind das Ergebnis einer Zusammenarbeit des Bioscience Resource Project[2] und des Center for Media and Democracy[3]. Eine Schlüsselfigur ist Carol Van Strum[4], die einen Großteil der nun veröffentlichten Dokumente über Jahrzehnte in einer Scheune aufbewahrte.

Van Strum war 1974 nach Oregon gezogen, in ein Haus im Siuslaw National Forest. Bald nach ihrer Ankunft erfuhr sie, dass der Forstdienst ihre Gegend mit dem Herbizid 2,4,5-Trichlorphenoxyessigsäure (2,4,5-T) besprühte. Die Chemikalie war einer der zwei Wirkstoffe des militärischen Entlaubungsmittels Agent Orange, das die US-Armee zunächst in Vietnam eingesetzt hatte. Nach einem Sturm der öffentlichen Entrüstung angesichts der schweren Schäden an Mensch, Tier und Umwelt sah sich das Militär gezwungen, die Sprühaktionen über dem südostasiatischen Dschungel einzustellen.

Doch in den USA setzte der Forstdienst weiterhin auf 2,4,5-T zur Unkrautvernichung. Als sich die Behörde weigerte, die Nutzung des Herbizids einzustellen, zogen Van Strum und ihre Nachbarn vor Gericht und erreichten 1977 einen zeitweisen Sprühstopp für ihre Gegend[5]. 1985 zog die EPA 2,4,5-T zur Verwendung in den USA komplett aus dem Verkehr. Die verwandte 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure (2,4-D), die andere wirksame Komponente von Agent Orange, wird noch genutzt. So war 2,4-D erst kürzlich von der EPA im Verbund mit Dows neuem GM-Soja-Saatgut zugelassen worden (Kapitulation vor der Agrarchemie-Industrie[6]).

Nach ihrem Erfolg vor Gericht gab Van Strum weiteren Betroffenen aus anderen Landesteilen Hilfestellung in ähnlich gelagerten Prozessen: "Wir haben uns nicht als Umweltschützer gesehen, dafür gab es damals noch gar kein Wort", sagt[7] Van Strum. "Wir wollten einfach nur nicht vergiftet werden."

"The Poison Papers" bestehen aus über 20.000 Dokumenten, die über den Freedom of Information Act und durch Anfragen im Rahmen von Rechtsstreitigkeiten von den Bundesbehörden und Chemikalienherstellern eingeholt wurden. Dazu gehören interne wissenschaftliche Studien und Zusammenfassungen von Untersuchungen, interne Notizen und Berichte, Sitzungsprotokolle, strategische Diskussionen und unter Eid geleistete Zeugenaussagen. Die meisten dieser Dokumente wurden von den Aktivisten gescannt und nun ins Netz gestellt. Der Umfang des Materials entspricht einer Menge von fast drei Tonnen Papier.

Die Regulierungsbehördenquellen dieser Dokumente sind die Umweltschutzbehörde EPA, die Forstverwaltung (USDA Forest Service), die Behörde für Lebens- und Arzneimittel (FDA), das Kriegsveteranenministerium (Veterans Administration) und das Verteidigungsministerium (Department of Defense). Zu den auftauchenden Chemie-Unternehmen gehören Dow, Monsanto, DuPont und Union Carbide, sowie viele kleinere Hersteller und die kommerziellen Testfirmen, die für sie gearbeitet haben.

Viele der Dokumente waren der Öffentlichkeit bisher unbekannt. Die "Poison Papers" bieten daher Forschern, Medien und Interessierten eine einmalige Gelegenheit, mehr darüber zu erfahren, was wem wann zur Giftigkeit verschiedenster Substanzen bekannt war.

Dass Unternehmen geneigt sind, weniger verkaufsfördernde Eigenschaften ihrer Produkte zu verschleiern, ist nicht neu. Die "Poison Papers" liefern nun reichhaltige Belege dafür, dass die EPA und andere Regulierungsbehörden oft Mitwisser oder sogar Anstifter dieser Vertuschungen waren. Die Behörden informierten die Öffentlichkeit weder über die Gefahren von Dioxinen und anderen Chemikalien, noch über die vorliegenden Beweise für den massenhaften Betrug bei den in Auftrag gegebenen unabhängigen Prüfungen.

Die Papiere zeigen in den oft belastenden Worten der Akteure selbst ein aufwändig konstruiertes Dickicht aus Täuschung und Betrug, in dem sich die Wahrheit über das Gefahrenpotential vieler Pestizide und anderer synthetischer Chemikalien der Sicht entzieht. Die am häufigsten in den Dokumenten diskutierten Chemikalien betreffen Herbizide und Pestizide (zum Beispiel Dicamba, Permethrin, Atrazine und Agent Orange), Dioxine und PCBs. Einige dieser Stoffe gehören zu den giftigsten und in der Umwelt langlebigsten, die jemals hergestellt wurden.

Eine ganze Reihe der Dokumente ist einer Gruppe von Schadstoffen gewidmet - den polychlorierten Dibenzodioxinen oder kurz Dioxinen -, besonders giftige Verunreinigungen, die unter anderem in 2,4,5-T angetroffen werden.

Die EPA-Sitzungsprotokolle einer geheimen hochrangigen Dioxin-Arbeitsgruppe offenbaren[8], dass deren außerordentliche Giftigkeit bekannt war. Die Aufzeichnungen konterkarieren damit die langjährigen Ablehnung der Behörde, Dioxine zu regeln oder gesetzlich bindende Grenzwerte einzuführen.

TCDD, 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin, "Sevesodioxin", die giftigste Einzelverbindung unter den Dioxinen. Bild: Bernd Schröder

Andere ans Licht geholte Dokumente geben Details zu Experimenten, mit denen Dow in den 1960er Jahren einen Dermatologen der Universität von Pennsylvania beauftragt hatte, um die Auswirkungen von TCDD an Gefangenen im Gefängnis von Holmesburg in Philadelphia[9] zu testen[10].

Ein weiteres Dokument[11] aus dem Jahre 1985 belegt, dass Monsanto eine Chemikalie an die Reinigungsmittelhersteller von Lysol verkauft[12] hatte, die mit TCDD verunreinigt war. Dort hatte man von der Giftigkeit keine Ahnung und verwendete die Zutat für weitere 23 Jahre in einem Desinfektionsmittel.

Monsantos Chefarzt George Roush wiederum hatte unter Eid ausgesagt[13], dass Monsanto-Wissenschaftler Studien zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Dioxinen auf Arbeiter zielgerichtet für die wissenschaftliche Literatur geschrieben hatten, um die Auswirkungen auf die Gesundheit zu verschleiern. Diese getürkten Studien wurden in der Folge auch von der EPA herangezogen, um die Regulierung von Dioxinen zu vermeiden. Sie dienten außerdem den Herstellern von Agent Orange zur Verteidigung gegen Klagen von US-Kriegsveteranen, die Schadensersatzansprüche wegen der Exposition mit dem Entlaubungsmittel gestellt hatten.

Andere Dokumente demonstrieren EPA-Absprachen mit der Zellstoff- und Papierindustrie[14], um die Ergebnisse einer vom Kongress in Auftrag gegebenen nationalen Dioxin-Studie "zu unterdrücken, zu modifizieren oder zu verzögern"[15]. Die Studie hatte hohe Dioxin-Konzentrationen in Waren des täglichen Bedarfs nachgewiesen, etwa in Babywindeln und Kaffeefiltern, außerdem in den Abwässern der Papierindustrie. Die "Poison Papers" zeigen auch, dass die EPA eigene Studien verbarg oder fälschlicherweise diskreditierte. Die Studien hatten in Umweltproben und menschlicher Muttermilch nach routinemäßigem Einsatz von 2,4-D und 2,4,5-T durch den Forstdienst und das Bureau of Land Management hohe Dioxinkonzentrationen nachgewiesen.

Die "Poison Papers" liefern neue Daten zum berüchtigten Industrial Bio-Test (IBT)- Skandal[16], der die Glaubwürdigkeit der Testlabor-Industrie schwer beschädigt hat.

In den späten 1970er Jahren war bekannt geworden, dass IBT mehr als 800 Sicherheitsstudien an 140 Chemikalien von 38 Chemieherstellern durchgeführt hatte, nur dass die dazugehörigen Daten gefälscht, gar nicht vorhanden oder anderweitig ungültig waren[17]. IBT hatte um diese Zeit schätzungsweise 35 bis 40 Prozent aller Toxikologie-Tests in den Vereinigten Staaten durchgeführt, einschließlich der durch die FDA geregelten Produkte sowie der im Zuständigkeitsbereich der EPA liegenden Pestizide und Chemikalien.

Die "Poison Papers" zeigen, dass die EPA und ihr kanadisches Pendant, der Health Protection Branch (HPB), Absprachen mit Pestizidherstellern trafen, um die mittels IBT-Daten registrierten Produkte auf dem Markt zu halten und die Probleme mit vielen der zugrunde liegenden Tests zu verschleiern. Die Dokumente belegen außerdem, dass EPA-Offizielle Kenntnis davon hatten, dass der ITB-Skandal in Wirklichkeit noch weitere Testfirmen und mehr Chemieprodukte betraf, als jemals zugegeben wurde.

FDA-Wissenschaftler bemerkten als erste das routinemäßige Fehlverhalten bei IBT und schlugen in Anhörungen des Senats in den späten 1970er Jahren Alarm. Bald darauf war die EPA gezwungen, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen. Hinter den Kulissen wurde geschätzt, dass etwa 80 Prozent der Daten, die durch IBT für die Chemikalienregistrierung zur Verfügung gestellt wurden, problematisch waren.

Der IBT-Skandal wurde für die 1970 gerade erst gegründete EPA zum Problem. Nach Lage der Dinge - keinen der IBT-Testdatensätze war nunmehr zu trauen - wäre die Rücknahme aller darauf beruhenden Zulassungen von Chemikalien sowie die Anordnung der Wiederholung sämtlicher Tests zu rechtfertigen gewesen. Doch das hätte drastische Konsequenzen für die chemische Industrie nach sich gezogen - und für das Vertrauen der EPA in der Öffentlichkeit.

Was die EPA stattdessen tat, ist in der Abschrift eines Treffens überliefert, das 1978 im Howard Johnson Motor Inn in Arlington, Virginia stattfand - die HoJo-Transkripts[18]. Das geheime Treffen zwischen Führungskräften der EPA, der kanadischen Gesundheitsschutzbehörde und der chemischen Industrie sollte das IBT-Problem "lösen".

Gleich zu Beginn des Treffens lockerte der geschäftsführende Bereichsleiter der EPA, Fred Arnold, die angespannte Stimmung. Arnold war unter anderem für das Labor-Qualitätsmanagement zuständig. Nun versicherte er den Vertretern der Chemieunternehmen, dass keine Chemikalien vom Markt genommen würden, nur weil die Studien, die ihre angebliche Sicherheit zeigten, Ergebnis von Betrug waren.

Die EPA-Vertreter stellten eine Liste von IBT-Fehlern vor, die sie zu tolerieren gedachten, um die Aufgabe einer nachträglichen Validierung der Studien handhabbarer zu machen. So wollten sie ignorieren, wann immer in Studien Versuchstiere fehlten oder hinzukamen, was häufig der Fall war und durch keine statistische Methode ausgeglichen werden konnte. Auf solche Feinheiten konnten die EPA-Wissenschaftler nun keine Rücksicht mehr nehmen.

Eine andere Frage betraf die Unterschriften unter die Testbefunde. Zu der Zeit, als FDA und EPA ein starkes Interesse am Testlabor zeigten, hatte IBT laut Transkript eine "Politik, ihre eigenen Berichte nicht zu unterzeichnen", was darauf hindeutet, dass die Mitarbeiter nicht gewillt waren, für die Ergebnisse ihren Kopf hinzuhalten. In späteren Gerichtsverfahren wurde aufgedeckt, dass am IBT zu anderen Anlässen Unterschriften unter Testberichte auch gefälscht wurden.

Drei IBT-Offizielle gingen ins Gefängnis und schlossen dieses Kapitel massiven wissenschaftlichen Betrugs mit weit reichenden Folgen für die Gesellschaft. Doch Kritiker heben hervor, dass dieses Buch nie wirklich geschlossen wurde. In den Augen von Jonathan Latham, Mitbegründer und Geschäftsführer des Bioscience Resource Projects und der Herausgeber der Independent Science News[19], belegen[20] die HoJo-Transkripts, dass es für eine Mehrheit der IBT-Studien überhaupt nie zur Debatte stand, wiederholt zu werden. Sie bilden auch heute noch eine Basis des US-amerikanischen Regulierungssystems, das die Sicherheit von Chemikalien gewährleisten soll.

Auch Monsantos ursprüngliche Roundup-Herbizid-Formulierung war von IBT getestet worden. Eine von der EPA angeordnete Bewertung der Tests kam zum Schluss, dass einige der toxikologischen Studien untauglich waren. Nach Angaben[21] von Monsanto hat das Unternehmen alle geforderten Tests mittlerweile selber gemäß der EPA-Richtlinien durchgeführt, so dass heute keine IBT-Daten mehr im Umlauf seien, auf die sich eine Glyphosat-Registrierung stützen könnte.


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[1] https://www.poisonpapers.org
[2] https://bioscienceresource.org/
[3] http://www.prwatch.org/cmd
[4] http://juststories.uoregon.edu/stories/carol-von-strum-susan-swift-parker/
[5] https://www.documentcloud.org/documents/3692743-PoisonPapersC0882.html
[6] https://www.heise.de/tp/features/Kapitulation-vor-der-Agrarchemie-Industrie-3457493.html
[7] https://theintercept.com/2017/07/26/chemical-industry-herbicide-poison-papers/
[8] https://www.documentcloud.org/documents/3892977-PP-D0504b-Dioxin-Working-Group-Meeting-Summary.html
[9] http://scholarship.law.berkeley.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1145&context=californialawreview
[10] https://www.documentcloud.org/documents/3705864-PP-D0256.html
[11] https://www.documentcloud.org/documents/3253654-Poison-Papers-B-1435.html
[12] https://www.documentcloud.org/documents/3702056-PP-B0180.html
[13] https://www.documentcloud.org/documents/3424108-Poison-Papers-B-2679.html
[14] https://www.documentcloud.org/documents/3720840-PP-D0608.html
[15] https://www.documentcloud.org/documents/3705611-PP-D0173.html
[16] http://planetwaves.net/contents/faking_it.html
[17] https://www.documentcloud.org/documents/3438121-PoisonPapersC0535.html
[18] https://www.documentcloud.org/documents/3417915-IBT-Howard-Johnson-Transcript.html
[19] https://www.independentsciencenews.org/
[20] http://www.independentsciencenews.org/health/poison-papers-snapshot-hojo-transcript-illustrates-epa-collusion-with-chemical-industry/
[21] https://monsanto.com/app/uploads/2017/06/ibt_craven_bkg.pdf