Polen: Der "Gute Wandel" der PiS im Wandel

Wie der Vater so der Sohn?

Man sollte sich den neuen Regierungschef näher ansehen, denn Beobachtern der politischen Szene zufolge könnte er in der polnischen Politik künftig eine wichtige Rolle spielen. Dem 50-jährigen Breslauer wurde die Politik in die Wiege gelegt. Dem Sohn von Kornel Morawiecki, dem Gründer der "Kämpfenden Solidarität" (Solidarność Walcząca, SW), einer radikalen Abspaltung aus der Solidarność-Bewegung nach der Verhängung des Kriegsrechts 1981, war die Arbeit im politischen Untergrund seit seiner Kindheit vertraut.

Mit 12 Jahren druckte und verteilte er illegale Schriften, wurde mehrmals von der Geheimpolizei verhaftet und misshandelt, 1983 in einen Wald gebracht, wo man ihm die Pistole an die Schläfe hielt. Das hatte ihn geprägt, noch als Bankmanager sagte er, er träumte davon, als Partisan mit der Waffe in der Hand sein Land zu verteidigen.

Vater Kornel war und bleibt ein verbissener antikommunistischer Rebell, der von der Idee besessen ist, dass das Nachwende-Polen von einem Netzwerk ehemaliger Geheimdienstagenten und kommunistischer Funktionäre dominiert wird. Er selbst gibt sich als bedächtiger, nachdenklicher Intellektueller, doch seine Kämpfende Solidarität war in den achtziger Jahren auch zu Gewalttaten bereit, sie bastelte an Bomben und Maschinengewehren. Als er 1987, nach sechs Jahren Flucht und Versteck, vom Geheimdienst verhaftet wurde, weigerte sich Amnesty International ihn zu verteidigen, weil sie die SW-Mitglieder als Terroristen einstufte.

Nach der politischen Wende von 1989 kandidierte er zweimal erfolglos bei den Präsidentenwahlen, protestierte lautstark gegen die Privatisierungen, Massenentlassungen und Werkschließungen. Dem damaligen Staatspräsidenten Lech Wałęsa warf er 1993 vor, dieser wäre dafür verantwortlich, dass es in Polen keine Wahrheit, Gerechtigkeit, Demokratie und Freiheit gäbe. Noch heute ist er davon überzeugt, dass das Polen, für das er kämpfte nicht existiert, weil es keine Solidarität gäbe: der Reichen mit den Armen, der Alten mit den Jungen, der Unternehmer mit Arbeitern, der im Land Gebliebenen mit jenen, die ausgewandert waren. Was es gäbe, sei das Diktat des Geldes, eine fortschreitende Spaltung, ein Auseinanderdriften der Gesellschaft und ein Unrechtsystem.

Aber er ist auch ein scharfer Gegner der Verschwörungstheorien rund um den Absturz der Präsidentenmaschine in Smolensk und gegen das Spiel mit den Fragen der Moral. "Themen wie in-vitro-Befruchtung oder Abtreibung soll man nicht auf Messers Schneide stellen. Wichtiger ist es, ob Menschen in würdigen Verhältnissen leben", sagte er. Und bei der Eröffnungsrede des neuen Sejm, des polnischen Parlaments, in das er 2015 erstmals gewählt wurde, meinte er: "Schaffen wir es, die Armen der Armut zu entreissen, werden die Begabten und die Jungen eine Perspektive bekommen? Tagtäglich sehe ich Gesetzlosigkeit, Niederträchtigkeit und Verzweiflung. An der Macht sind die, die Geld und Kraft haben." Sein Sohn Mateusz, der neue Premierminister, studierte in Breslau Geschichte, seine Magisterarbeit betitelte er mit "Genese und die ersten Jahre der Kämpfenden Solidarität". Darin interviewte er 53 ehemalige Oppositionelle, wobei er mit jenen, die vom Geheimdienst gebrochen wurden, hart ins Gericht ging. Nach dem Systemwechsel versuchte er sich im Kleinhandel, doch er hatte andere Ambitionen: MBA, Europa-Recht in Hamburg, Wirtschaftsstudium in der Schweiz und den USA, ein Praktikum bei der Deutschen Bundesbank.

2007 wird der mehrsprachige Morawiecki zum Vorstandsvorsitzenden der Bank Zachodni WBK ernannt. In acht Jahren machte er das Finanzinstitut, das zu 70% in der Hand der spanischen Santander Gruppe ist, zum drittgrößten in Polen. Seine damaligen Kollegen, die von der Tageszeitung Gazeta Wyborcza kontaktiert wurden, haben ihn als einen aggressiven Player in Erinnerung: Er war misstrauisch, apodiktisch, kompromisslos, forderte größtmöglichen Einsatz und höchste Loyalität ein, doch politische Ansichten seiner Mitarbeiter waren ihm wichtiger als ihre Fähigkeiten.

Als Chuck Norris in einem Werbespot der Bank auftreten sollte, musste zuerst in Erfahrung gebracht werden, ob dieser richtig, also republikanisch gewählt hatte. Morawiecki konnte über das Werbebudget seiner Bank frei verfügen und er ließ damit Denkmäler für Kriegshelden, patriotisch angehauchte Spielfilme und einige rechtsgerichtete Events sponsern. Aber auch für Veranstaltungen liberaler Künstler und Medien floss Geld.

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